Konzerttermine

artist in residence Michael Nestler im Interview mit Tonka Angheloff



Im Spannungsfeld von Tradition und Moderne: der Geiger Michael Nestler
Nienburg/Hamburg/Dresden. Im Alter von sieben Jahren hat er die Geige für sich
entdeckt, hat später in Dresden Solovioline und Kammermusik an der
Musikhochschule studiert, war Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung Bonn, hat
Meisterkurse für Solovioline bei Igor Ozim und Professor Yair Klees sowie
Kammermusikkurse bei Truls Moerk, Jürgen Kussmaul und Sir Colin Davis belegt.
Seit dem Jahr 2010 ist er in unregelmäßigen Abständen in Nienburgs kirchlicher
Konzertszene anzutreffen. In Zusammenarbeit mit Christian Scheel, Kantor an St.
Martin, und dem von ihm geleiteten Nienburger Kammerorchester sowie der
Nienburger Kantorei ist dieses künstlerische Schaffen in jüngerer Zeit intensiviert
worden. Im Frühjahr hat ihn Christian Scheel für die Konzertreihe 2019 an St.
Martin als Artist in Residence nach Nienburg geholt. Mit dem Geiger Michael Nestler
sprach Tonka Angheloff.

Tonka Angheloff: Michael Nestler, Sie sind im Erzgebirge aufgewachsen, heute leben Sie als freischaffender Künstler in Aumühle bei Hamburg. Was bedeuten diese beiden Pole für Sie?
Michael Nestler: Das Erzgebirge bedeutet für mich eine ganz tiefe Verwurzelung, ist
Bodenständigkeit sowohl in der Musik als auch in der Tradition der Menschen dort.
Hamburg ist für mich ein Feld der freien Entfaltung, das Tor zur Welt im Experimentieren.
Für mich als Künstler die Chance, aus den Kategorien, den Einordnungen heraus die
selbstauferlegten Grenzen zu überschreiten. Dieses Spannungsfeld spiegelt sich in meinem
Leben wider, immer wieder.

Sie wollen sakrale Musiktradition, klassische Konzerttradition und Experimentelles
zusammenführen. Wie muss man sich das vorstellen?
Ursprung des Musizierens ist für mich ein Dialog mit dem Göttlichen. Im Erzgebirge ist die
Musik ein Glaubensausdruck. Musik hat für mich eine tiefe Grundlage, sie prägt mich seit
frühester Kindheit. Mit zwei Jahren saß ich auf den Schultern meines Vaters in Dresdens
Kreuzkirche. Er hatte mich zu einem großen Sängerfest mitgenommen. 3000 Menschen,
sieben Dirigenten, die ganze Kirche war ein einziges Singen. Diese Bilder haben mich tief
beeindruckt, haben sich mir tief eingeprägt. Nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrung bin ich
mir als Musiker, egal, was ich spiele, sehr bewusst, dass es nicht nur um die Pflege von
Kulturgut geht. Musik ist Nahrung für die Seele, ein hohes Gut. Diese Haltung nehme ich
auch mit ins klassische Konzertgeschehen, auch mit ins Experimentelle. Experimentelles ist
für mich Fundamentales. Ursprüngliches Musizieren in der frühen Menschheitsgeschichte
ist ja das Experimentelle, die Improvisation.

Authentizität und Lebendigkeit sind für Sie im Solistischen wie in der Kammermusik unabdingbar. Sind Sie ein Suchender?
Ja, auf jeden Fall. Verschiedene Künste zusammenführen, das ganzheitliche Erlebnis
transportieren, nicht nur für mich, sondern auch für die Menschen, die mir zuhören. Und das
immer in Kooperation mit anderen Musikern. In Nienburg mit Christian Scheel, in Dresden
mit dem „ensemble ponticello“, dessen Mitgründer und seit 2011 gestaltender Leiter ich bin:
Ausloten, was in Konzerten möglich ist, immer zu reflektieren, dass die Musik für den
Menschen essentiell ist, mich nicht zu verbiegen, was immer ich tue, auch auf der Basis
spiritueller Erfahrung.

Dem kommt Ihr Instrument aus der Meisterwerkstatt des international renommierten deutschen Geigenbauers und geistlichen Schriftstellers Martin Schleske ja wunderbar entgegen: Wirksam, offen und schön, ein in Klang gegossenes Gebet soll Musik sein, so Schleskes Credo. Sehen Sie sich diesem Credo verpflichtet?
Ich sehe mich dem sehr verbunden. Meine Begegnung mit ihm bei einer konzertanten
Lesung vor einigen Jahren war für mich eine Offenbarung. Als ich dann diese seine Geige
erstmals in den Händen hielt, war es Liebe auf den ersten Blick. Ein Instrument mit
Charakter, ein großes spannendes Feld, das ich da seit zwei Jahren begehe. Diese Geige ist
sehr nuancenreich, voller Esprit und Wärme. Wenn sie unachtsam behandelt wird, spiegelt
sie dies sofort wider und kann auch hässlich im Klang werden. Banalität kennt sie nicht. Sie
will in Feinheit geformt werden.

Ihren künstlerischen Schwerpunkt setzen Sie im Kammermusikalischen, dabei spielt Improvisation eine nicht unbedeutende Rolle?
Experimentelles, Improvisation geschieht auch in Kombination mit Verfasstem, sowohl mit
Musikern als auch mit malenden Künstlern, wie in Dresden Karsten Mittag. Seine Skizzen,
Malstudien und Farben, vor Ort im Kleinformat produziert und auf große Leinwand
projiziert, vermischen sich mit den instrumentalen Skizzen und Farben, die der Pianist
Hartmut Sauer und ich dazufließen lassen. Auf Schloss Augustusburg im Erzgebirge, in
Dresden und auch in Kassel haben wir ein Publikum gefunden, das gespannt und wach
gefolgt ist.

Nachwuchsförderung wird bei Ihnen ebenfalls großgeschrieben…
Die „Landstreicher Sachsen“, rund 40 Kinder im Alter von zehn bis 14 Jahren, sind mir ein
Herzensprojekt. Als Dozent gestalte ich die Arbeit dieses Nachwuchsstreichorchesters nun
schon seit über zehn Jahren mit. Diese Art der Förderung macht mir großen Spaß. Es ist
dem Landesjugendorchester Dresden vorgeschaltet, bei dem ich ebenfalls Dozent bin. Und
auch die Arbeit als Juror im Musik-Landesförderprogramm für junge Leute macht viel
Freude. Zwei Tendenzen sind dabei stark bemerkbar: Einerseits ist das allgemeine Interesse
an musikalischer Ausbildung gestiegen. Andererseits fehlt weitestgehend die Haltung, sich
auf eine Sache zu fokussieren. Darauf muss verstärkt Aufmerksamkeit gelegt werden. Das
halte ich für unabdingbar.

Kantor Scheel hat Sie als Artist in Residence nach Nienburg geholt. Eine
Künstlerresidenz, wie in anderen Städten der Fall, musste Ihnen ja nicht zur
Verfügung gestellt werden. Vielmehr sollte und soll ein lebendiger musikalischer
Austausch mit der örtlichen Kulturszene noch mehr gepflegt, im engen Kontakt
intensiviert werden.
Die Idee dazu wurde im Herbst vergangenen Jahres geboren. Fäden wurden gesponnen, um
ein facettenreiches Programm für die Konzerte an St. Martin zu entwickeln und zu
gestalten. Eine schöne Aufgabe und Verpflichtung für dieses Jahr. „Mit und über Johann
Sebastian Bach“ ist das Thema am 31. März gewesen, „I believe“ das Thema mit
unterschiedlichsten Werken und Komponisten am 18. Mai. Das Kirchenkonzert am 30. Juni
wird wieder klassisch geprägt sein. Dann werde ich zusammen mit dem Nienburger
Kammerorchester Mozarts Violinkonzert Nr. 4 in D-Dur, KV 218, spielen.

Endet damit Ihr Jahr als Artist in Residence oder geht die Zusammenarbeit 2019 noch weiter?
In der zweiten Jahreshälfte sind noch zwei Kammerkonzerte im neuen Gemeindehaus St.
Martin geplant, die den ebenfalls neuen Flügel in den Mittelpunkt rücken sollen. Das eine
wird ein Duo-Abend mit dem Stolzenauer Kantor und Pianisten André Hummel sein, der
der Romantik gewidmet sein wird. Das andere Konzert bringt Werke für Klavierquartett,
unter anderem von Brahms, zusammen mit Christian Scheel am Flügel und weiteren
Streichern des „ensemble ponticello“. Darauf freue ich mich natürlich sehr.