Predigten von Pastorin Schmid-Waßmuth

2020

Liebe Gemeinde, der für den heutigen Sonntag vorgesehene Predigttext ist sehr bekannt. Es ist die Geschichte von Zachäus. Und doch lese, deute ich sie nach den Nachrichten der letzten Tage ganz anders als zuvor. Ich lese zunächst aus Lukas 19. 

Biblischer Text: Lk 19,1-10

1 Und Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. 5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. 7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Zachäus

Mit weicher Kleidung, festen Schuhen und klimpernden Münzen in der Tasche kommt er daher. Zachäus. Er gehört zu den Oberzöllnern, zu denen, die mehr verlangen, als sie dürfen. Also zur ganz miesen Sorte. 

Er ist kein kleiner Angestellter. So wie Levi, der alles an seinem Zolltisch liegen lässt und Jesus nachfolgt. Levis Kleidung ist grau und rauh, und Schuhe hat er keine. Wenn er des Weges kommt, hört man kein Klimpern. Levi hat nicht viel zu verlieren. 

Anders Zachäus. Warum interessiert sich so ein Reicher für einen mittellosen Wanderprediger, der Bonze für den Hippie? Jesu Sprüche lauten: „Selig seid ihr Armen. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert.“ Ein Zachäus kommt in Jesu Predigten nicht vor. 

Und doch: „Er sucht Jesus zu sehen, wer er sei“, so heißt es wörtlich übersetzt. Der Kapitalist ist auf der Suche. Nach Sinn? 

Vielleicht ist er doch kein so schlechter Kerl, wie man denkt. Reich heißt doch nicht gleich böse. Und die Preise so hoch wie möglich treiben – nun ja, das machen alle. Heute nennt man das Marktwirtschaft. Zachäus spielt das Spiel, das alle spielen. Er hält mit den anderen mit. 

Aber vielleicht gefällt ihm das Spiel nicht. Vielleicht plagt ihn das schlechte Gewissen. Vielleicht sieht er ganz genau, dass Levi und so viele andere keine weiche Kleidung haben, keine Schuhe und keine Münzen, die klimpern. Bestimmt ist ihm klar, dass er mit dafür verantwortlich ist. Kann es nicht sogar sein, dass er ausbrechen will aus dem Kreislauf des Unrechts, in dem er gefangen ist? Wieso sollte er sonst einen Systemkritiker wie Jesus näher kennenlernen wollen?

Die Menge lässt Zachäus nicht durch. Von geringem Wuchs hat er keine Chance, er kann nichts erkennen. Doch er gibt nicht so schnell klein bei. Die Sehnsucht treibt Zachäus voran. Er läuft voraus und klettert auf einen Baum. 

Eigentlich eine witzige Szene. Ich stelle mir vor, dass man damals gekichert hat, wenn diese Stelle in der Gemeinde vorgelesen wurde. 

Aber Zachäus stört kein Kichern. Was andere denken, als er in den Baum klettert, ist dem feinen Herrn ganz egal. Die kleine Gestalt, das unwürdige Sitzen im Baum – das zeigt, dass wer auf großem Fuß lebt, eben auch nur ein kleiner Wicht ist. 

Und dann kommt Jesus und sieht ihn. 

Gesehen werden

Liebe Gemeinde, ich glaube, mindestens die Hälfte der Konflikte auf dieser Welt entstehen, weil Menschen das Gefühl haben, nicht gesehen zu werden. Ihre Leistungen werden nicht anerkannt, ihre Bemühungen nicht gewürdigt. Sie denken, niemand will etwas von ihnen wissen. Sie seien in den Augen anderer nichts wert. Das ist in der Familie so, in der Schulklasse und am Arbeitsplatz. Und auch in der Weltpolitik ist es nicht anders. 

Wen interessiert schon das Schicksal der Geflüchteten auf Lesbos, solange es einem selbst gut geht?

Gabriel Abbas Kleider sind angesengt vom großen Brand des Camps. Seine Schuhe sind schon seit seiner Flucht aus seiner Heimat, dem Sudan, kaputt. Geld, das klimpern könnte, hat er keins mehr. Hoffnung auch nicht. 

Er liegt unter einer alten Olivenplane, die ihn und seine drei Freunde vor der Sonne schützen. Zwei Männer teilen sich eine Flasche Wasser. 

Ein neues Lager soll gebaut werden, für 3.000 Menschen. Es sind aber über 12.000 Flüchtlinge auf der griechischen Insel ohne Obdach. Die Einheimischen haben Angst und blockieren den Bau. „Die Griechen wollen uns hier nicht sehen“, sagt Abbas, „und die anderen Europäer schauen weg.“

Jesus sieht hin. Er sieht Zachäus auf dem Baum. Jesus sieht ihn nicht, wie die anderen ihn sehen. Er macht keinen Unterschied zwischen reich und arm. Er sieht mehr, er sieht den Menschen, er sieht in sein Herz. Er entdeckt die Sehnsucht des Reichen, die kein Geld stillen kann. Und die Ängste. Jesus fordert nichts von Zachäus. Aber er geht auf ihn zu, was sonst keiner tut. Er ist bei ihm zu Gast, hört ihm zu. 

Zachäus steigt aus

Zachäus verlässt seinen Zuschauerposten. Er tritt sozusagen aus der Bank heraus. Und er lässt Jesus hinein in sein Haus, in sein Leben. Und Jesu Botschaft in sein Herz. 

„Zachäus aber tritt vor den Herrn“, lese ich. Mit seinen weichen Kleidern und den festen Schuhen. Aber jetzt - klimpern keine Münzen mehr in seiner Tasche. Denn er legt alles Geld nun auf den Tisch. „Hier, das geht an die Armen. Und denen, den ich es unrechtmäßig abgenommen habe, gebe ich es vierfach zurück.“ 

Zachäus steigt aus, aus dem Kreislauf des Nur-An-Sich-Denkens, des immer weiter Anhäufens von Geld und Gut. Als Gott in seinem Haus einkehrt, da braucht er all den Kram nicht mehr. Als Jesus ihn sieht, beginnt er auch die anderen zu sehen, die Armen, die, die er betrogen hat. Er begreift seine Verantwortung. 

Geht das wirklich? Aussteigen? Kann man mit weniger leben zugunsten anderer? Ja, ich kann es, sagt Zachäus. Wie befreit wirkt er auf mich. 

Naja, vielleicht war damals zu Jesu Zeiten alles auch ein wenig einfacher als heute?!

Zachäus-Steuer

Liebe Gemeinde, Menschen wie Gabriel Abbas und seine Freunde fliehen vor Bürgerkrieg und Hunger. Natürlich reicht es nicht, Geflüchteten zu helfen. Vielmehr müssen Fluchtursachen bekämpft werden. Manche Ursache liegt im Land selbst begründet: Korrupte Politiker, sich bekämpfende Ethnien, lange Dürrezeiten uam. 

Manche Fluchtursachen haben durchaus etwas mit uns Europäerinnen und den Nordamerikanern zu tun. 

Haben Sie schon mal von der „Zachäussteuer“ gehört? 

Christinnen und Christen aus der weltweiten Ökumene, aus dem Norden und Süden der Erde, Wirtschaftsexpertinnen und Ethiker haben eine neue Finanz- und Wirtschaftsarchitektur entwickelt. Und im vergangenen Jahr haben sie sie den Vereinten Nationen vorgestellt. Die Idee einer „Zachäussteuer“ ist ein Baustein darin: Für die Folgen von Kolonialismus und Sklavenhandel soll Schadensersatz geleistet werden. Von jeder Million Euro Vermögen soll 1% Vermögenssteuer an die Bekämpfung der Armut gehen. Transnationale Unternehmen, die ihren Sitz in Europa oder Nordamerika haben und von den Ressourcen aus dem Süden profitieren, sollen daran gehindert werden, Steuern zu hinterziehen. Und anderes mehr. 

Und ich? 

Meine Kleidung ist weich. Ich trage feste Schuhe. Und in meinen Taschen klimpert das Geld, das anderen fehlt. Ich bin Teil eines ungerechten Wirtschaftssystems. Und ich komme nicht raus aus der Falle, aus der strukturellen Schuld. Ich möchte gerne die Perspektive wechseln und hänge doch an dem, was ich habe. Ich möchte die andere sehen, die nicht so gut leben können. Ich habe Sehnsucht nach Lösungen, wie viele besser leben können. Ich möchte mich befreien lassen vom Drang nach „immer mehr“.

Ja, vielleicht ist es heute komplizierter als damals. Aber das darf kein Totschlagargument sein. 

Auch heute gilt: Christus sieht mich. Das macht mich frei. Das lässt mich heraustreten aus der Bank und andere wahrnehmen. Die ohne weiche Kleidung und feste Schuhe. Die fast unhörbar laufen. Die Christus genauso sieht wie er mich sieht. 

Und der Friede Gottes, der so viel höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Festgemeinde!

Damals waren es 12. Jünger wurden sie genannt. Trugen Namen wie Petrus und Johannes, Thomas und Bartholomäus, Matthias und Jakobus... 

Für jeden von ihnen steht derzeit ein besonderer Stuhl in der Kirche. Aber wir haben die Ausstellung „Die 12“ etwas zur Seite geräumt. Heute soll man Euch gut sehen können. 

Über die 12 hinaus gab es viele Jüngerinnen. Sie hießen Phoebe und Junia, Susana und Maria Magdalena. 

Ihr wart 25. Konfirmandinnen und Konfirmanden wurdet Ihr genannt. Elf von Euch konfirmieren wir heute. Ihr habt Namen wie Roberta und Emily und Jolina, Julius und Jörn. Ihr habt Namen wie Nele und Julia und Clara, Marvin und Finn und Vincent. 

Mit den Jüngerinnen und Jüngern von damals verbindet Euch mehr als ihr denkt. Ihr musstet Euer Zuhause nicht verlassen, um mit uns umherzuziehen. Aber Ihr kamt treu jeden zweiten Freitag und dazu an manchen Samstagen zum Konfi-Unterricht. Ihr habt Fragen gestellt wie Johannes und Jakobus. Ihr habt Bekenntnisse gesprochen wie Petrus und Zweifel geäußert wie Thomas. 

Wie die Jünger haben wir oft zusammen gegessen, am Ende unserer Treffen. Wir mussten uns doch erst einmal kennenlernen und zusammenraufen. Das war bei Jesus und seinen Freunden auch nicht anders. 

So bunt gemischt wie die Truppe es damals war, wart auch ihr. Ihr kamt aus St. Michael oder St. Martin, wohnt von der Kattriede bis zum Nordertor an den verschiedenen Enden Nienburgs.

Und ganz unterschiedliche Charaktere seid Ihr: Da gibt es die Leisen und die Nachdenklichen, die Lustigen und die viel lachen, die viel fragten und die schon viel wussten, die lieber für sich waren und die, die mit allen gut klar kamen. Eine jede unverwechselbar. 

Auch wir waren zusammen unterwegs. Nicht so viel wie Jesus, zugegeben. Wir haben die Herberge zur Heimat und die Wohnwege kennengelernt. Und bei Fundus haben wir hinter die Kulissen geschaut. Wir haben Stolpersteine besucht und geputzt. Wir haben die deportierten jüdischen Einwohner kennengelernt, für die sie stehen. Und wir haben ihrer gedacht. 

An einem anderen Tag waren wir auf dem Friedhof und beim Bestatter und haben die Arbeit des Hospizvereins kennengelernt. 

Der Glitzerstaub, den wir für unsere Ewigkeitskisten verwendet haben, wird vermutlich noch ein paar Jahre lang in so manchen Ritzen im Gemeindehaus zu finden sein. Er wird uns an Euch erinnern. 

Jesus half seinen Jüngern die heilige Schrift zu verstehen. Ihr musstet zu Beginn aus einem Bibelescaperoom herausfinden. Dann haben wir so einige Bibeltexte gelesen und diskutiert. Ich denke an die Schöpfungsgeschichte und Texte zur Totenauferstehung und zum Abendmahl. 

Das Abendmahl war Thema auf der Konfi-Freizeit! Wir waren mit Scherben kreativ und haben Szenen einstudiert, wir haben gesungen und gebetet und einen Gottesdienst vorbereitet. Und wenn wir in Hanstedt mal nicht gearbeitet haben, saßen wir am Feuer, warfen Zettel hinein und rösteten Brot. Wir waren auf Nachtwanderung und wir waren Paddeln. Doch der Höhepunkt war der „Schlag den Teamer“-Abend. Wisst Ihr noch?

Der Abendmahlsgottesdienst, den wir sonst immer am Abend vor der Konfirmation feiern, fiel leider Corona zum Opfer. Deshalb fiel auch das Kochen für die Paten und Euer Vorstellungsgottesdienst aus. Das war sehr schade, denn den hattet Ihr so gut vorbereitet. Um „Himmel und Hölle“ sollte es dabei gehen. 

Was zum Glück noch stattfinden konnte, waren die Praktika. Ihr kennt nun Eure Gemeinden ganz gut. Denn Ihr habt mitgearbeitet beim Kirchenkaffee wie bei der Tafel. Ihr seid mit der Pastorin zu Seniorenbesuchen gegangen, wart im Gospelchor und im Kindergarten, im Kreisjugenddienst, bei der Jungschar und beim Kindergottesdienst. Und 25mal seid Ihr zum Gottesdienst oder zum Friedensgebet gekommen. 

Und jetzt, wo das alles vorbei ist - wie geht es weiter? Nach Eurer Konfirmation. Die eine und der andere überlegt, Teamer zu werden. Vielleicht kommt Ihr auch zu bestimmten Gottesdiensten und Veranstaltungen wieder. Oder Ihr nehmt Angebote des Jugenddienstes wahr.

Wie geht es weiter, jetzt wo alles vorbei ist? Das haben sich auch die Jüngerinnen und Jünger gefragt. Damals, als Jesus am Kreuz starb. Kehrt jeder in seinen Alltag zurück, als sei nichts gewesen? Bleiben sie alle beisammen oder gehen sie in kleinen Grüppchen weiter auf dem Weg Jesu?

Diese Entscheidung stand für die Jünger an. Und sie steht nun für Euch an. 

Nachher werdet Ihr auf die Frage, ob ihr im Glauben an Jesus bleiben wollt, „Ja, mit Gottes Hilfe“ sagen. Das ist dann das Ende Eurer Konfirmandenzeit und der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Es ist der Anfang Eures selbständigen Jüngerinseins.

Selbstständig heißt frei in der Gestaltung. Es heißt nicht einsam und allein. Die Jünger Jesu waren damals auch nicht allein unterwegs, sondern immer zu zweit oder zu zwölft oder zu noch mehr. Wir laden euch ein: Seit weiter mit uns unterwegs, in St. Martin und St. Michael. Wir freuen uns auf euch. Und wir sind einige mehr als 12, Frauen und Männer, Jung und alt und ganz viel dazwischen. 

Ihr bekommt heute ein Kreuz von uns. Als Zeichen der Erinnerung an Euer Ja. Als Zeichen der Erinnerung an den, dem Ihr nachfolgt: Jesus Christus, der am Kreuz für uns starb. Der auferstanden ist vom Tod, damit wir ewig leben. Wer dieses Kreuz trägt, zeigt: Ich bin eine Jüngerin, ein Jünger Jesu und Teil der weltweiten Gemeinschaft der Christen. 

Und was bedeutet das, ein Jünger zu sein? Die Geschichte von der Sturmstillung aus der LEsung vorhin zeigt es. Wer mit Jesus unterwegs ist, der bleibt zwar nicht von Unglück und Gefahr verschont. Der hat durchaus schon mal das Gefühl: Jesus schläft und bekommt nichts mit. Aber wenn Du ihn anrufst, dann ist er für Dich da. Dann hilft er Dir und stillt den Sturm. Du kannst ihm vertrauen! 

Denn Christus hat uns versprochen: „Wo zwei oder drei“ - oder auch 12 oder 25 – „in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Und im Taufbefehl hat Jesus gesagt: „Ich bin alle Tage bei euch, Roberta, Emily, Jolina, Julius, Jörn, Nele, Julia, Clara, Marvin, Finn, Vincent, bis ans Ende der Welt.“ Amen.

Liebe Gemeinde!

Lindolfo Weingärtner, ein deutsch-brasilianischer Pfarrer, erzählt in einem seiner Bücher folgende kleine Begebenheit: 
Ich stehe vor der Theke im Bäckerladen. Eine Dame vor mir wird bedient. „Soll es nur ein Stück Brot sein, Dona Sandra?“, fragt die Verkäuferin. „Ein Brot? Wo denken Sie hin! Sie kennen doch meine vier Rangen! Bin ich denn Jesus Christus, dass ich fähig sein soll, mit einem Brot hungernde Massen sattzukriegen? Drei müssen es schon sein!“
Während die Verkäuferin die Brote einwickelt, sagt sie nachdenklich: „Es ist unglaublich, doch wenn ich daran denke, wie viele Mütter hier täglich nur ein Brot kaufen – für vier Kinder oder auch für sechs – dann bin ich mir sicher, dass Jesus Christus doch seine Hand im Spiel haben muss, sonst würden sie nicht satt!“
Mir liegt schon der Einwurf auf der Zunge: „Ja, und er sieht es gerne, wenn wir unsere Hände auch mit ins Spiel bringen.“ Doch dann sage ich es nicht. Die Verkäuferin hat alles gesagt. Nur ich weiß es zufällig: Dass sie ihre Hand im Spiel hat, und mancher armen Frau heimlich ein Brot mehr in die Tasche steckt. Mein Kommentar hätte Jesu Brotwunder nur verdunkelt.

Liebe Gemeinde, ich lese das so genannte Speisungswunder, auf das die Dame in der Bäckerei anspielt, wie es der Evangelist Johannes aufgeschrieben hat. Predigttext für heute wäre eigentlich die parallele Geschichte in Markus 8 mit 4.000 Hungrigen. Aber Johannes hat ein entscheidendes Detail mehr in seiner Version. Also, nun Johannes 6: 
„Jesus fuhr über den See von Galiläa, der auch See Tiberias heißt. Und es folgten ihm eine große Menge Menschen, weil sie seine Wunder an den Kranken gesehen hatten. 
Jesus stieg auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern. Es war kurz vor dem jüdischen Passafest. Jesus sah auf und sah die Menschenmenge auf sich zukommen. Er wandte sich an Philippus: Wo können wir Brot kaufen, damit alle diese Leute zu essen bekommen? Das sagte er, um Philippus auf die Probe zu stellen; er selbst wusste schon, was er tun würde. 
Philippus antwortete: Zweihundert Silbergroschen wären nicht genug, um so viel zu kaufen, dass jeder auch nur einen Brocken abbekommt.
Andreas, ein anderer Jünger, der Bruder von Simon Petrus, sagte: „Hier ist ein Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Aber was ist das schon bei so einer Menschenmenge?“
„Sorgt dafür, dass die Leute sich setzen“, sagte Jesus. Es gab viel Gras an dem Ort. Sie setzten sich; ungefähr fünftausend Männer waren da. Jesus nahm die Brote, sprach darüber das Dankgebet und verteilte sie an die Menge. Mit den Fischen tat er dasselbe, - und alle hatten reichlich zu essen!
Als sie satt waren, sagte er zu seinen Jüngern: „Sammelt die Brotreste auf, damit nichts verdirbt.“ Sie taten es und füllten zwölf Körbe mit den Resten. So viel war von den fünf Gerstenbroten übriggeblieben. 
Als die Leute das Wunder sahen, das Jesus vollbracht hatte, sagten sie: „Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll!“
Jesus merkte, dass sie drauf und dran waren, ihn mit Gewalt zum König zu machen. Deshalb zog er sich wieder auf den Berg zurück, ganz für sich allein.“

Ich mag diese Geschichte sehr. Ich habe sie, als ich noch unterrichtet habe, auch immer gerne im Religionsunterricht durchgenommen. Die Grundschüler bezweifelten nie, dass sie wahr sei. Aber sie suchten stets nach einer vernünftigen Erklärung für das Wunder. Und irgendwann kamen sie dann immer darauf, dass vielleicht viele von den 5.000 Männern selbst etwas zu essen dabeihatten und es untereinander teilten. Die bis heute populärste Deutung des Speisungswunders. 

Aber ich habe meine Zweifel daran: Nehmen wir mal für einen Augenblick an, 2.500 von den 5.000 hätten tatsächlich etwas dabeigehabt, oder auch nur 2.000, oder meinetwegen nur 1.500. Warum kommt dann keiner früher auf die Idee, sein Picknick rauszuholen? Die anderen Evangelisten erzählen, wie Jesus predigt und heilt und es darüber Abend wird. Stunden sind vergangen, es wird dunkel, aber keiner holt sein Vesper raus? 

Zudem scheint Jesus davon auszugehen, dass keiner etwas mitgenommen hat. Es war also wohl nicht üblich. Wenn es üblich gewesen wäre, immer etwas dabei zu haben, dann wüsste Jesus das doch. Schließlich ist er von Berufs wegen, als Wanderprediger, ständig für Stunden unterwegs, weitab der Zivilisation.  

Und wenn es nicht üblich war, aber doch ein paar wenige Männer ausnahmsweise und zufällig etwas dabeigehabt hätten, dann erklärte das wiederum nicht, dass alle satt wurden und es zwölf Körbe voll Reste gab.

Vielleicht ist es gar nicht wichtig, zu verstehen, wie alle satt wurden. So oder so hat Jesus doch ein Wunder vollbracht. Ob er das Brot vermehrte oder Fremde motivierte, zu einer Gemeinschaft zu werden, die miteinander teilt – wer vermag zu sagen, was das größere Wunder wäre? 

Ich nehme übrigens an, dass es wirklich nur Männer waren. Erstens hatten die Frauen damals schon keine Zeit, sich den halben Tag ins Gras zu setzen und einem unangemeldet vorbeikommenden Wanderprediger zuzuhören. Zum anderen hätte sich das Problem mit dem Keinen-Proviant-dabei-Haben mit Frauen überhaupt nicht ergeben! Deshalb betonen die Evangelisten hier: Es waren 5.000 Männer!

Ich weiß natürlich: Gezählt und genannt wurden damals nur die Männer. Wie viele Frauen und Kinder außerdem dabei warn, weiß man nicht. 

Tatsächlich ist es dann ein Kind, das die Ausnahme ist. Ein Junge hat etwas dabei und gibt Jesus alles, was er hat: Fünf Brote und zwei Fische. Auf diese Idee, 5.000 hungrigen Männern lächerliche fünf Brote und zwei Fische vorzusetzen, kann auch nur ein Kind kommen! Wie naiv und unrealistisch! 

Das erinnert mich an folgende Szene, die ich einmal – ich weiß nicht mehr wo – gelesen habe: Ein Paar sitzt abends sorgenvoll in der Küche, rechnet hin und her. Doch das Geld reicht vorne und hinten nicht. Die beiden wissen einfach nicht mehr, wovon sie die Miete und genug zu essen für ihre Kinder bezahlen sollen. Eins ihrer Kinder hat das Gespräch unabsichtlich mitbekommen, läuft in sein Zimmer und schlachtet sein Sparschwein. Es bringt all seine mühsam gesparten Münzen und legt sie vor den Eltern auf den Küchentisch. Denn es will ihre Not lindern und helfen. 

Ja, das mag naiv sein. Vielleicht, liebe Gemeinde, hat der Junge in unserer biblischen Geschichte aber außer Essen auch noch etwas anderes, was sonst keiner hat: Nämlich Vertrauen in Jesus, dass dieser aus dem bescheidenen Beitrag etwas machen kann. Der Knabe hat eins verstanden: „Ich habe etwas, was hier gebraucht wird. Jesus braucht meinen Einsatz, meine Gaben! Ich bin aufgefordert, sie ihm zur Verfügung zu stellen.“ Und das tut er! In Jesu Hände legt er, was er hat. Und letztlich geht die große Hoffnung dieses kleinen Menschen auf…
Ja, ich glaube, das Kind ist fest davon überzeugt, dass es mit dem wenigen, was es zu bieten hat, einen Unterschied machen kann. To make a difference, wie die Amerikaner gerne sagen. 

Bestimmt hat es sich zunächst an den Jünger Andreas gewandt, denn an Jesus kam man nicht so einfach ran als kleiner Junge. Und Andreas lässt ihn zunächst abblitzen, schickt ihn weg. Vielleicht wortlos mit einer abwinkenden Handbewegung nur. Vielleicht mit einem freundlichen „Lass gut sein, das hilft uns nicht wirklich weiter“. Aber der Knabe bleibt hartnäckig. Obwohl er damit seinen eigenen Proviant für vermutlich zwei Tage weggibt. Keine Kleinigkeit für ihn, sondern ein echtes Opfer. 

Mich wundert ja, dass Andreas sich schließlich erweichen lässt, Jesus doch zu informieren. Vielleicht geschah es ja mehr im Scherz: „Stellt euch vor, da ist so ein Junge, der meint, er könnte etwas mit fünf Broten und zwei Fischen ausrichten. Fünf Brote und zwei Fische für 5.000 Mann, stellt Euch das mal vor! Wie lächerlich!“

Aber Jesus lacht nicht. Er nimmt die geringen Gaben ernst und dankbar an. Und aus Jesu Hand ist es dann auch genug für alle. Wie auch immer. Die Menschen werden satt! 

Liebe Gemeinde, ich lerne von jenem Kind: Es gilt zunächst die Not der Vielen, die hungern, wahrzunehmen und sich nicht egal sein zu lassen. 

Die Not derer, die im wörtlichen Sinne nicht genug zu essen haben. 

Die Not derer, die ihre Heimat verlassen mussten, um weiterleben zu können. 

Die Not derer, deren wirtschaftliche Existenz durch die Pandemie bedroht ist. 

Die Not derer, die in Krieg und Angst leben, nicht nur in Berg Karabach. 

Und die Not derer, die alles haben und sicher leben – und dennoch eine Leere in sich verspüren. 

Christus will sie alle satt machen! Aber er braucht unsere Gaben, unsere Hände, unseren Einsatz und unsere Zeit dafür.

Es geht uns doch oft so: Wir meinen, dass wir zu wenig Ressourcen haben, um ein Problem zu lösen: Die Zahl der Mitglieder und Ehrenamtlichen gehen allerorten zurück, nicht nur in den Kirchengemeinden. Und auch die Finanzen sind nicht mehr so üppig, wie sie mal waren. 

Die Frage ist: Wie damit umgehen? Wie Philippus ausrechnen, was es bräuchte und dann angesichts der Zahlen resignieren?

Nein! Wir können das Wenige an Kraft und Zeit, an Ideen und an Geld, was uns zur Verfügung steht, zuversichtlich investieren und getrost in Jesu Hände legen. Auch wenn es naiv erscheint. Wir können darauf vertrauen, dass Er gewiss Großes daraus entstehen lässt. Wie viele tolle Initiativen, ja, ganze Hilfswerke haben ganz klein angefangen, weil einzelne ihre wenigen Ressourcen eingesetzt haben! 
Kindliche Hoffnung gegen alle Realität. So handeln die Kinder Gottes! 

Neben Geld ist für viele Menschen Zeit die wichtigste Ressource, an der es ständig hapert. Für sie hat der vor anderthalb Jahren verstorbene Dichter 

Lothar Zenetti eine großartige Aktualisierung unserer Geschichte geschrieben, aus der ich nun zum Schluss einen Ausschnitt lese. Sie trägt den Titel „Die wundersame Zeitvermehrung“. 

Die Jünger fordern Jesus auf: „Herr, schicke diese Leute fort. Es ist schon spät, sie haben keine Zeit.

„Gebt ihnen doch davon“, so sagte er, „gebt ihnen doch von eurer Zeit!“

„Wir haben selber keine“, fanden sie, „und was wir haben, dieses wenige, wie soll das reichen für so viele?“

Doch war da einer unter ihnen, der hatte wohl noch fünf Termine frei, mehr nicht, zur Not dazu zwei Viertelstunden.

Und Jesus nahm, mit einem Lächeln, die fünf Termine, die sie hatten, die beiden Viertelstunden in die Hand. Er blickte auf zum Himmel, sprach das Dankgebet und Lob. Dann ließ er austeilen die kostbare Zeit, durch seine Jünger an die vielen Menschen. Und siehe da: Es reichte nun das wenige für alle. Am Ende füllten sie sogar zwölf Tage voll mit dem, was übrig war an Zeit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser Verstehen, bewahre unser Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen. 

Gottesdienst zur Begrüßung der neuen Konfis. 1.11.2020

Hanna ist in den meisten Fächern  eine mittelmäßige Schülerin. Sie kann eigentlich nichts besonders gut. Sie ist mäßig sportlich, durchschnittlich musikalisch, und Kunst ist nicht ihr Ding. Der Fluch der Mittelmäßigkeit. Hanna leidet darunter. 

Sie wäre gerne  wenigstens in einer Sache  herausragend. Wie Sarah, die so gut Geige spielt, dass sie einen Streicherwettbewerb auf Regionalebene gewonnen hat. Oder wie Tom, der super Basketball spielt. Seine Mannschaft spielt schon auf Landesebene. 

Sie wäre gerne wenigstens besonders hübsch oder hätte gerne reiche Eltern! Aber nein, an ihrem Leben ist alles durchschnittlich. Urlaube in exotische Länder oder Ausflüge zu Freizeitparks? Fehlanzeige. 

Hanna weiß, sie kann eigentlich zufrieden sein. Sie hat zwei liebe Freundinnen, Leonie und Annika, Eltern, die sie lieben, eine kleine Schwester, mit der sich versteht - naja, meistens -, und einen Großvater - den liebt sie sehr. 

Nur in der Schule, da ist sie nicht so beliebt. Nie hat man sie für die Wahl der Klassensprecherin vorgeschlagen. Und wenn im Sport die Mannschaften gewählt werden, dann bleibt sie immer bis fast zuletzt sitzen. 

Hanna wäre gern etwas Besonderes!

Hanna ist Konfirmandin. Sie geht manchmal sonntags zur Kirche. Sie geht eigentlich recht gerne, die Leute dort sind immer nett zu ihr. Der Kindergottesdienst,  in den sie viele Jahre gegangen ist, hat Spaß gemacht.
Manchmal findet sie,  im Gottesdienst wird zu viel geredet. Sachen, die sie nicht versteht. Und die Musik gefällt ihr auch nicht immer. Warum spielt keine Band? Hanna freut sich auf ihre Konfirmation. 

Ihre Klassenkameraden wissen, dass sie zur Kirche geht. Die Lehrerin hatte im Religionsunterricht gefragt. Da hat sie sich gemeldet. War wohl ein Fehler! Nun machen sich einige ständig über sie lustig: „Uh, da kommt unsere heilige Hanna.“ 

Dann wird sie rot, und weiß nicht, was sie sagen soll. Einmal hat sie gemurmelt:  „Quatsch, ich muss dahin, meine Pastorin verlangt das.“ Und so wirklich sicher ist sie sich ja auch nicht, ob das alles so stimmt, dass Jesus vom Tod auferstanden ist und ob Gott wirklich immer bei ihr ist. 

Oft liegt Hanna wach, schaut aus dem Fenster in den Sternenhimmel und fühlt sich so klein und unbedeutend. „Ich kann nichts, ich bin nichts“, denkt sie.

 

Was Hanna nicht weiß:
Ihre Eltern hatten sich lange sehnlichst ein Kind gewünscht, aber es klappte nicht. Als sie ihren Herzenswunsch schon aufgegeben hatten, kündigte sich Hanna an. Oft, wenn ihre Mutter Hanna anschaut, denkt sie: „Gott, ich bin Dir so dankbar für dieses wunderbare Geschenk!“

Was Hanna nicht weiß:
Ihre kleine Schwester sieht zu ihr auf und vertraut ihr wie niemandem anderen auf der Welt. Wenn sie nachts Angst hat, klettert sie zur großen Schwester ins Bett und schmiegt sich beruhigt an sie. Wenn sie traurig ist, erzählt sie es nur Hanna. Wie man sich anzieht oder eine Schleife macht – das alles hat ihr Hanna beigebracht. 

Was Hanna nicht weiß:
Ihr Großvater war am Boden zerstört, als seine Frau starb. Seine Tochter und andere versuchten ihr Bestes, ihn aufzumuntern. Aber Hanna war die einzige, die ihm wirklich helfen konnte, mit dem Verlust zu leben. Obwohl sie damals noch klein war. Sie hat ihn umarmt und ins Ohr geflüstert: „Ich hab` Dich lieb.“ Und dann hat sie gefragt: „Spielen wir was?“ Und hat Karten für drei ausgeteilt. Und der Opa wusste ohne zu fragen: der dritte Stapel war für die Oma. Noch immer besucht ihn Hanna oft und umarmt ihn. Und vertraut ihm ihren Kummer an. Dann freut er sich, dass er ihr Vertrauter ist.
Und stolz ist er auf sie, weil sie in seinen Augen die Hübscheste ist und so viele Gaben hat. Wenn sie einmal nicht da ist, dann erzählt er jedem, der es wissen will - oder auch nicht wissen will -, von seiner wunderbaren großen Enkelin. 

Was Hanna nicht weiß:
Ihre Freundin Leonie hat keine Geschwister. Mit der Mutter gibt es immer nur Streit. Was würde sie darum geben, eine Familie zu haben wie Hanna. Oft lädt Hanna sie zum Abendessen ein, wenn sie nachmittags zusammen waren. Das sind für Leonie die Höhepunkte der Woche.
Sie bewundert Hanna, weil sie so freundlich zu ihrer Familie ist und sie miteinander so viel lachen. Leonie selbst ist meistens schlecht gelaunt. Außer sie ist mit Hanna zusammen. Sie wäre am liebsten wie Hanna. 

Was Hanna nicht weiß:
Das Ehepaar Marowski freut sich jeden Sonntag sie zu sehen. Sie machen sich schon seit Jahren Sorgen  um ihre Gemeinde. Es gibt nicht viele Familien dort. Aber einmal hat sich Frau Marowski  zu Beginn des Gottesdienstes zu ihrem Mann gebeugt und gesagt: „Weißt Du, so lange Hanna und die anderen Jugendlichen kommen, habe ich Hoffnung für unsere Kirche.“ Und nun muss Herr Marowski das immer denken, wenn er Hanna in der Kirche sieht. 

Was Hanna nicht weiß:
Da ist einer, der hat sie genau so gewollt und so gemacht,  wie sie ist. Mit all ihren kleinen Gaben und den großen, die sie nicht sieht. Mit all den Fähigkeiten, die sie noch entwickeln wird. Und Er sah, dass es gut war. Da ist Einer, der hat Großes mit ihr vor. Er hat sie berufen, wichtige Aufgaben zu erfüllen!

Und das Beste ist: Sie ist schon dabei, sie zu erfüllen! Aber sie weiß es nicht. Und Gott, ihr Schöpfer, sieht ihr Herz an. Er weiß, dass sie sich schwach und klein fühlt. Doch Gott ist schon kräftig  durch sie  am Werk! 

Jeden Morgen, wenn sie aufwacht, dann schaut Er ihr begeistert mit Liebe ins Gesicht. Und sie meint, es seien die ersten Sonnenstrahlen, in die ihre Augen blinzeln. 

„Schaut doch euch selbst an, Brüder und Schwestern! Wen hat Gott denn da berufen? Es gibt ja nicht viele unter euch, die nach menschlichen Maßstäben klug oder einflussreich sind oder aus einer angesehenen Familie stammen. 

Gott hat sich vielmehr in der Welt die Einfältigen und Machtlosen ausgesucht, um die Klugen und Mächtigen zu demütigen. Er hat sich die Geringen und Verachteten ausgesucht, die nichts gelten, denn er wollte die zu nichts machen, die in der Welt etwas sind. 

Niemand soll sich vor Gott rühmen können. Euch aber hat Gott zur Gemeinschaft mit Jesus Christus berufen. Mit ihm hat er uns alles geschenkt: Er ist unsere Weisheit – die wahre Weisheit, die von Gott kommt. Durch ihn können wir vor Gott als gerecht bestehen. Durch ihn hat Gott uns zu seinem heiligen Volk gemacht und uns von unserer Schuld befreit. 

Es sollte so kommen, wie es in den Heiligen Schriften steht: Wer sich mit etwas rühmen will, soll sich mit dem rühmen, was Gott getan hat.“ 

1.Kor 1,26 bis 31 

Und der Friede Gottes, der so viel höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Gottesdienstt an Volkstrauertag. 15.11.2020

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

So war es oft: Ich saß in meinem Zimmer. Und nebenan in der Küche werkelte meine Mutter. Töpfe klapperten, Schranktüren gingen auf und zu. Und ich hörte sie singen, mit ihrer warmen hellen Stimme. Choräle, neuere geistliche Lieder und Volkslieder. Eine ganz und gar friedliche Stimmung herrschte in diesen Momenten in unserer Wohnung. Und ich fühlte mich einfach zuhause, sicher und geborgen. 

„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen.“ Ich mag diesen ersten Vers unseres Predigt- und Lesungstextes: Die Freude ist so groß, dass sogar die Füße der Boten als schön gepriesen, ja, besungen werden! Geradewegs aus dem Exil in Babylon kommen sie angerannt, die Kuriere. Und ihre Botschaft lautet: „Gott hat gesiegt. Das Exil ist vorbei, alle sind frei!“

Aber noch bevor man ihre gute Nachricht hören kann, haben es die Wächter aus der Ferne an den Füßen, an der Art des Laufens erkannt: Da naht eine Freudenbotschaft. 

Und die Späher auf den halbzerstörten Zinnen rufen es den gespannt Wartenden in der Stadt zu. Denen, die zwischen den Trümmern hausen, den Erschöpften und Ausgelaugten in Jerusalem.

Ja, vor ihrem inneren Auge sehen sie Gott schon geradezu selbst einziehen in die Stadt, in einer prachtvollen Prozession. 

Oh, wie da erst gesungen wird! Lauthals und aus purer Freude und Erleichterung! Lieder, die vom Frieden singen. 

Wie anders kann man unbändige Freude ausdrücken als mit Liedern? Endlich würden Alt und Jung sich wieder zuhause, sicher und geborgen fühlen können in Jerusalem. 

 

Liebe Gemeinde, im August diesen Jahres erschien folgende Pressemeldung: Unter dem Titel „100 Friedenslieder“ ist in diesem Monat ein umfangreiches Liederbuch erschienen, herausgegeben von der Ökumenischen Friedens-Dekade. Anlass für das Buch ist das 40-jährige Jubiläum der Friedens-Dekade. Im Jahr 1980 wurde von christlichen Gruppen in Ost und West die erste zehntägige Friedens-Dekade durchgeführt. Sie stand unter dem Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“.

Also wirklich, ein neues Liederbuch in einer Zeit herauszubringen, in der wir in den Kirchen nicht singen dürfen und Chorproben kaum stattfinden, das hat mich irritiert. Hätte man sich zum 40. Geburtstag nicht auch etwas anderes einfallen lassen können? 

Allerdings – wie kann man besser seine Freude über 75 Jahre Frieden in unserm Land ausdrücken als in fröhlichen Dankesliedern? Und wie kann man besser dazu ermutigen, sich weiter für Frieden überall auf der Welt zu engagieren – als mit Gerechtigkeit fordernden Friedensliedern? 

 

Ich denke zurück an die 80er Jahre. Ich war Jugendliche und bekam die Friedensbewegung durchaus mit. Da wurde überall gesungen: bei Blockaden vor dem Atomwaffenstützpunkt in Mutlangen wie bei Demos vorm Atommüllendlager Gorleben, und dann während der friedlichen Revolution in der DDR 1989! Die Protestierenden sangen evangelische Friedenslieder. Schließlich waren die Montagsdemonstrationen in Leipzig aus Friedensgebeten heraus entstanden. 

30 Jahre Wiedervereinigung haben wir im Oktober gefeiert. 40 Jahre Friedensdekade feiern wir heute. Und die Esten - 30 Jahre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. 

 

Man nannte sie die „singende Revolution“. Sie begann in Estland im Juni 1988. Nachts trafen sich ein paar Tausende an der Sängerbühne der Hauptstadt Tallinn, um Lieder für die Unabhängigkeit zu singen. Im September waren es dann 300.000 Esten, die gemeinsam die verbotene alte Nationalhymne anstimmten. Und zu der Zeit hatte Estland 1,5 Millionen Einwohnern. Zwei Jahre später war Estland schließlich unabhängig!

Ich erinnere mich: Im Jahr 2000 war ich mit meinem Vikariatskurs in Estland auf Studienfahrt. Wir besuchten in Narva an der russischen Grenzen die Alexanderkirche. Ein riesiger achteckiger Kuppelbau. Nach seiner Zerstörung im 2. WK hatte man 1990 zwar mit dem Wiederaufbau begonnen. Doch 10 Jahre später war der Kirchbau nachwievor dunkel, kaputt und trostlos. Als wir so bedrückt unter der Kuppel der Kirche standen, stimmte ein Kollege spontan einen Kanon an. Nach und nach stimmten alle von uns ein. 

Die Akustik war atemberaubend. Wir waren nur eine Hand voll, doch die Musik erfüllte den ganzen Raum. Es klang überirdisch. Selten haben mich Lieder so ergriffen wie diese. Die Erinnerung jagt mir heute noch einen Schauer über den Rücken! 

Welch ein Gegensatz: dieser traurige, von Krieg und Untergang gezeichnete Ort, und unsere Lieder. Wie ein Protest. 

Ja, wie ein Versprechen: Die Musik erfüllte den Raum mit Frieden und Hoffnung. Wir erinnerten den bröckelnden Putz und die glaslosen Fenster an Gottes bleibende Verheißung: „Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Narvas; denn Gott hat sein Volk getröstet und Narva erlöst. Gott hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.“ Unsere Lieder ließen an diesem Ort der Zerstörung neues Leben erklingen. 

In den Folgejahren ging die lutherische Kirchengemeinde an den Renovierungskosten bankrott. Die Kirche musste wegen Baufälligkeit gesperrt werden. Doch vor wenigen Jahren hat der Staat sie gekauft, restauriert sie und nutzt sie als Konzertsaal. Und eine neue, kleine Gemeinde hat sich gegründet und mietet die Alexanderkirche für Gottesdienste. 

Endlich, 75 Jahre nach ihrer Zerstörung erklingt die Freudenbotschaft wieder in der Kuppel von dem Gott, der Gedanken des Friedens für uns hat, und nicht des Leides.

 

Lange hat das gedauert. Und ich frage mich, wann „die Freudenboten, die da Frieden verkündigen“ in Belarus und Syrien ankommen können, wann sie nach Nigeria und Somalia laufen, wann die Wächter auf den Zinnen sie in Burkina Faso und im Südsudan erspähen. Wann wird endlich von Trost und Erlösung in Afghanistan und Venezuela die Rede sein? Wann hören Kinder und Jugendliche im Kongo und in Jemen, in Berg-Karabach und Myanmar ihre Mütter und Väter fröhlich singen und können sich geborgen und sicher fühlen? 

 

Liebe Gemeinde, wir können im Moment nicht miteinander singen und werden uns schmerzlich bewusst, was uns fehlt. Wir können es jetzt nur allein und in der Familie zuhause tun. Aber irgendwann nächstes Jahr, da lassen Sie uns wieder singen – Friedenslieder über Friedenslieder, aus Freude über dann 76 Jahre Frieden bei uns. Und als Bitte und Gebet, dass Frieden möge werden in aller Welt. 

Ich habe das Jubiläumsbuch der Friedensdekade in Vorfreude darauf schon mal bestellt. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

Gottesdienst am Ewigkeitssonntag. 22.11.2020
 

„Der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen. Auch das Meer gab es nicht mehr.“ Das Leben, wie es einmal war, ist vergangen. Der Alltag und der Festtag, das Zuhause-Sein und der Urlaub. Alles ist jetzt anders - ohne ihn und ohne sie. Ohne den Ehepartner, die Mutter, den Vater, den Bruder, die Schwester, ohne Opa, Oma.

„Der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen. Auch das Meer gab es nicht mehr.“ So wie noch letztes Jahr ist unser aller Leben längst nicht mehr. Corona krempelt es gründlich um. Uns fehlt es, unbeschwert einzukaufen, Freunde zu treffen und Geburtstage in der weiteren Familie zu feiern. Theater und Kino mussten schließen, der Adventszauber ist abgesagt. Und zur Nordsee kann man gerade auch nicht.

„Der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen. Auch das Meer gab es nicht mehr,“ schrieb Johannes. „Denn längst war das Leben seiner Freunde und Bekannten, das Leben der Gemeinden in Kleinasien ein anderes geworden: Voller Angst. Voller Trauer. Gefährdet. Viele Christen wurden um da Jahr 95 nach Christi Geburt vom römischen Kaiser verfolgt. 

Und er, Johannes, konnte ihnen nicht beistehen. Denn er saß im Exil, auf der Insel Patmos gefangen, weit weg. Das Einzige, was er tun konnte, war: Gott seine Verzweiflung und Gebete entgegen zu schleudern. Und zu hören, was Gott zu ihm sagt. 

Johannes hörte und sah einiges, was Gott ihm flüsterte. Verstörendes wie Ermutigendes. Auf jeden Fall behielt er die göttlichen Botschaften nicht für sich. Gott selbst hatte ihn auch aufgefordert: „Schreibe die Worte auf, die du eben gehört hast! Denn sie sind wahr und zuverlässig.“

Also schrieb Johannes Briefe. Trostbriefe an die Menschen, die ihm wichtig waren. „Die Offenbarung des Johannes“ nennen wir sie heute. Das letzte Buch der Bibel. 

Er schrieb: „Der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen. Auch das Meer gab es nicht mehr.“

Aber Johannes war ein Prophet. Er sah auch Neues. Und das macht ihm Mut. 

Mit folgenden Worten versucht Johannes zu erklären, was er neu entdeckt hat: „Seht, die Wohnung Gottes ist jetzt bei den Menschen! Gott wird in ihrer Mitte wohnen; und er selbst, ihr Gott, wird immer bei ihnen sein.“

Ich wundere mich ja, dass Johannes im Brief nicht schreibt: „Gott wird in eurer Mitte wohnen.“ Aber vermutlich will er deutlich machen: Nicht nur für seine Gemeinden ist Gott da, sondern auch für ihre Nachbarn und die, die weiter weg leben, und die sie nicht kennen. Und auch für diejenigen, die die Johannesoffenbarung erst fast 2000 Jahre später lesen, gilt:

„Seht, die Wohnung Gottes ist jetzt bei den Menschen!“ Bei allen Menschen. Selbst bei denen im Krieg und auf der Flucht. Bei denen in Angst und Trauer. Ja, bei denen ganz besonders. 

Gottes Wohnung, die hat keine Wände und kein Klingelschild. Sie hat auch keine Tür, die er zumachen könnte. Es ist - ein Zelt. Mal schlägt er es hier auf, mal in unseren Wohnzimmern oder auch draußen im Wald campt er gerne. Im Krankenhaus ist er zu finden und auf dem Friedhof. Immer dort, wo wir sind, dahin zieht er mit und da ist er zu finden, wenn du ihn suchst. Schlechtes Wetter gibt es für ihn nicht. Hauptsache, er ist bei seinen Menschen. Er lässt sie nicht im Stich. 

Johannes schreibt weiter: „Er wird alle ihre Tränen abwischen.“
Tränen, liebe Gemeinde, haben Sie viele geweint in den vergangenen Monaten. Und das waren vielleicht nicht die letzten. Das Weihnachtsfest naht. Ohne den lieben Menschen, der nicht mehr lebt – wie wird das nur werden? 

Und so vieles andere Schöne, Tröstliche ist dieses Jahr auch nicht möglich. Es ist zum Heulen! Wie sehr wünscht man sich da jemanden, der einen in den Arm nimmt und ein Taschentuch reicht.
Welch eine liebevolle Geste, wenn jemand mir gar die Tränen von den Wangen wischt. Welch eine Nähe. Derzeit unvorstellbar.

Gott ist uns nah. Campiert mit seinem Zelt überall in unserem Leben. So nah wie unser Ein- und Ausatmen ist er uns. Er gab uns unserem Lebensodem.

„Ich bin das A und das O, der Ursprung und das Ziel aller Dinge“, sagt Gott zu Johannes. „Schreib das auf. Denn diese Worte sind wahr und zuverlässig.“ Und dann sagt er noch: „Alles ist erfüllt.“

Gott ist das Ziel unseres Lebens, nicht das Ende wohlgemerkt. So wie unser Leben aus Gott kommt, so kehrt es zu ihm zurück. 

Und Gott vollendet, was unerfüllt, unvollendet geblieben ist, was mitten drin abgebrochen wurde.

Ich habe das Bild eines Webrahmens vor mir. Ich weiß nicht, wie oft ich als Kind begonnen hatte, etwas zu weben. Ich kam nie so weit mit einem Werkstück, wie ich es gerne wollte. Irgendwann löste meine Lehrerin oder meine Mutter das Gewebte dann aus dem Webrahmen. Sie nahm die losen Enden und verknotete sie. Und am Ende sah das Gewebte immer wunderschön und vollendet aus, als sollte es genau so sein. Das wünsche ich mir für mein Leben, wenn ich einst das Ziel erreiche.

Johannes sieht weit mehr als ich und wohl die meisten von uns es sehen können. Er tröstet seine Briefadressaten und schreibt: „Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen, und es werden keine Angstschreie mehr zu hören sein.“ Kein Weinen und kein Klagen. „Alles ist erfüllt.“ 

Johannes sieht tiefer, er sieht die Wirklichkeit hinter der Realität. Er sieht die göttliche Wirklichkeit. Die, die genauso wirklich ist wie das, was wir auf Erden an Schmerz, Angst und Tod sehen und erleben. 

Das alles kannte Johannes ja auch zu Genüge. Aber er entdeckt zugleich den Gott, der sein Zelt schon bei uns aufgeschlagen hat. Und der unsere Tränen trocknet, immer wieder neu. Der uns Menschen schickt mit so tröstlichen Gesten, die unglaublich guttun! 

In dieser Wirklichkeit Gottes hinter oder unter oder in unserer Realität, da gibt es keinen Tod mehr und kein Leid. Dafür hat Christus gesorgt, mit seinem Sterben und Auferstehen. 

„Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen, und es werden keine Angstschreie mehr zu hören sein. Denn was früher war, das ist vergangen. Seht, ich mache alles neu,“ spricht Gott. Und Johannes kann es schon sehen. Mitten unter uns und gar nicht weit weg. Und er schreibt in seinem Trostbrief: „Danach sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen, auch das Meer gab es nicht mehr.“

Und der Friede Gottes, so höher ist als all unser Verstehen, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

Bibeltext in Anführungsstrichen: nach der Neuen Genfer Übersetzung von 20162

Nikolaus-Gottesdienst am 6.12.2020 in St. Martin 

„8 Kerzen für den Nikolaus“

Sechs kleine Reden für den Bischof von Myra zu seinem Namenstag 

Der 6. Dezember ist der Namenstag des Nikolaus. Und der Namenstag, der wurde gefeiert wie wir heute unsere Geburtstage feiern: mit Glückwünschen, mit Kerzen und vielleicht ein paar kleinen Reden, gutes Essen.

Und weil heute der Namenstag vom Nikolaus ist, und weil der Nikolaus uns jedes Jahr schöne Sachen schenkt, habe ich mir gedacht: Wir machen ihm heute auch mal eine Freude! 

Also habe ich als Erstes Kerzen gekauft. Ganz spezielle Kerzen: Mit seinem Namen drauf. Also, pro Kerze ein Buchstabe, und zusammen ergeben sie seinen Namen. Bestimmt freut er sich, wenn wir seine eigenen Kerzen für ihn anzünden! Und dafür kann ich gleich Hilfe brauchen. Ihr Kinder dürft die Kerzen anzünden, immer ein Kind eine Kerze, nacheinander. Und zwischen dem Anzünden gibt es eine kleine Geburtstagsrede. Sechs kleine Reden, weil heute der 6. Dezember ist. Die sind wirklich ganz kurz.

Wer mag beginnen und die erste Kerze anzünden, die Kerze mit dem „N“? 

Der Stall des Esels, das war Afrems Haus, haben wir gehört. Das Stroh war sein Bett. Lieber Nikolaus, deine Geschichte erinnert mich daran, dass viele Menschen auf der Welt auch heute noch arm sind. Sie haben kein richtiges Haus und müssen auf dem Boden schlafen.

Corona hat viele Menschen noch ärmer gemacht, weil sie keine Arbeit mehr haben und kein Geld verdienen. 

Wie Jesus hast Du Nikolaus den Menschen in Not geholfen. Lass uns Dich zum Vorbild nehmen, dass auch wir anderen helfen. 

Wer zündet die zweite Kerze an? „I“

Der Winter war schlimm, haben wir in der Geschichte gehört. So ohne Schuhe war es Afrem furchtbar kalt. Stellt Euch das vor, bei Schnee barfuß nach draußen… Wenn es bei uns im Winter sehr kalt wird, dann können die meisten von uns sich - Gott sei dank - warm anziehen und in der warmen Wohnung bleiben. 

Mehr Sorgen macht mir im Moment die soziale Wetterlage. Neid und Rücksichtslosigkeit, Egoismus und Gleichgültigkeit lassen es bitterkalt werden zwischen uns. Das ist wohl jeder und jede einzelne gefragt, die Kältefront zu durchbrechen. Wir können es unserem Gegenüber warm ums Herz werden zu lassen. Vielleicht ist das - neben Abstand halten - in diesen Winter das Wichtigste. „Seid aber untereinander freundlich und herzlich“, fordert uns die Bibel auf. Auch zu Unbekannten. 

Dritte Kerze: „K“

Nikolaus, Du lebtest weit weg von dem Dorf, in dem Afrem lebte. Dennoch hofften die Menschen auf Dich und Du kamst sie besuchen. 

In diesem Jahr haben so viele Besuche nicht stattfinden können. Und an Weihnachten können die Familien auch nicht so zusammen feiern, wie sie es sonst tun. Aber ich bin froh, dass wir Telefon haben und Internet, dass es Skype und WhattsApp gibt und eine funktionierende Post. Und viele auch Ältere haben Smartphones und Computer. Auch über große Entfernungen hinweg können wir kommunizieren, uns sogar sehen, füreinander da sein. Dafür danke ich Gott! 

Vierte Kerze: „O“

„Hilf mir, ich kann nicht mehr“, hast Du, Nikolaus, gerufen, als Afrem an Dir vorüberkam. Ich frage mich: Wann habe ich das letzte Mal zugegeben, dass ich Hilfe brauche? Nehme ich wahr, was mir fehlt? Traue ich mich das, als Erwachsene, jemanden zu bitten, mir zu helfen? Da finde ich stark, Nikolaus, dass Du auch um Hilfe bitten konntest. Das will ich von Dir heute lernen und von den Kindern, die können das. Ich muss auch als Erwachsene nicht immer stark sein.

Fünfte Kerze: „L“

Auf der Türschwelle standen plötzlich ein Paar Stiefel aus festem Leder, warm gefüttert. Genau das, was Afrem am meisten brauchte.

In diesen Wochen vor Weihnachten sind wir wohl alle dabei, Geschenke zu besorgenOft reicht die Zeit nicht, etwas selber zu machen. Manchmal fällt uns partout nicht ein, worüber die andere sich freuen würde. Schnell kauft man dann schon mal irgendwas, nur damit man nicht ohne Geschenk dasteht. Und dann steht das Geschenk nur rum und keiner freut sich darüber. Vielleicht wäre es ja eine gute Idee, stattdessen eine Spende zu verschenken. So nach dem Motto: "Ich schenke Dir zu Weihnachten, dass ich an Brot-für-die-Welt gespendet habe." Dadurch wird einem Menschen, der es wirklich braucht, geholfen. Und das macht dann gleich drei Menschen froh: die schenkende, die beschenkte Person und die Person, der durch die Spende geholfen wird. Und nichts steht herum. 

Sechste Kerze: „A“

Was war denn so in Euren Schuhen? War etwas zu Essen darin? Mandarinen, Walnüsse und Schokolade – die hatte ich früher im Stiefel. 

Ich muss an meine Mutter denken, die in einer Zeit Kind war, als selbst ein Apfel etwas Kostbares war. Orangen oder Feigen wie in unserer Geschichte gab es hier damals nicht. So geannntes Berliner Brot buk meine Großmutter selbst, einmal in der Adventszeit, das musste reichen. Um so köstlicher war das Gebäck dann, wenn es an einem Adventssonntag oder am Nikolaus auf den Tisch kam. Oh, und an Nikolaus gab es noch ein ganz besonderes Plätzchen: den Spekulatius.
Als meine Mutter klein war, konnte man nicht alles jeder Zeit kaufen. Und außerdem war vieles zu teuer. Vielleicht konnte man das Adventsgebäck deshalb noch mehr genießen und wertschätzen. Denn es war eine Kostbarkeit. Danke Nikolaus, für die Kostbarkeiten in unseren Stiefeln und auf unseren Tellern! 

Amen. 

Siebte Kerze: „U“, und achte Kerze: „S“

N I K O L A U S 

Gutschein-Predigt zu Weihnachten 2020

Gott liebt Gutscheine! Und ich mag sie auch. 

Fast alle Geschenke hatte ich schon, eins fehlte noch. Da kam der Lockdown. Ein Gutschein war die Lösung. 

Man bekommt ihn auch noch kurzfristig, online. Wie praktisch! Man kann damit trotz Lockdown die heimischen Geschäfte und Unternehmen unterstützen. Und mit einem selbst gemachten Gutschein lassen sich Zeit und Erlebnisse verschenken. 

Ich freue mich zum Beispiel, wenn mir meine Tochter schenkt, dass sie mit mir mein Lieblingsspiel spielt. Dass sie das Spiel selbst nicht besonders mag, macht das Geschenk umso wertvoller.
Das ist echte Liebe, wenn sich mein Geschenk am andern orientiert. Wenn ich ein Opfer bringe. Wenn ich mich quasi selbst verschenke, mich und meine Zeit. 

Wie gesagt, ich mag Gutscheine!

Ist nicht ohnehin Zeit das Wertvollste, was wir uns gegenseitig schenken können? Zeit ist das eigentliche Gold in unseren Tagen. Zeit ist ein knappes Gut – nicht bei allen, aber bei vielen. Immer fehlt es an ihr. Nie reichen die Stunden aus: für die ganze Arbeit und für sich selbst, um sie mit denen zu verbringen, die man liebt. 

Zeit ist etwas, was die meisten von uns an den Weihnachtsfeiertagen genug haben. Es ist, als drücke Gott an Weihnachten die Pause-Taste. Und der Lockdown wird diese Pause noch verlängern. Wer im Frühjahr seinen Keller noch nicht aufgeräumt hat, macht es vielleicht diesmal. Und da ist ja auch noch das angefangene Buch…

Zeit zu verschenken – das ist doch das Beste, was wir derzeit tun können! Stellen Sie sich vor: jede von uns nähme sich heute Abend Zeit und riefe in Ruhe jemanden an. Ja, auch morgen und übermorgen, aber besonders heute, am Heiligen Abend! 

Wie großartig wäre das?! Jeder riefe jemanden an, der allein ist oder zu zweit einsam. Es muss kein Verwandter sein. Es kann auch die Mutter der Freundin oder ein ehemaliger Nachbar sein. 

Wir würden uns gegenseitig unser Leid klagen, wie anders und beunruhigend alles in diesem Jahr ist. Vielleicht kämen wir auch auf das zu sprechen, wofür wir dankbar sind. Und wir stellten vermutlich fest: Uns geht es noch vergleichsweise gut. 

Wir würden einander von unserer Sehnsucht erzählen. Wir würden miteinander lachen. Und vielleicht würden wir auch miteinander weinen über die Abschiede, die wir nehmen mussten, und all die geplatzten Vorhaben. 

Wir könnten sogar einander die Weihnachtsgeschichte vorlesen und singen und musizieren, alles verbunden über Telefon oder Videotelefonie.

Wir würden uns gegenseitig Mut machen, „in dieser Nacht, in der wir Heimweh haben nach Tagen längst verklungener Zeit“. Und Pläne für ein Wiedersehen würden wir schmieden. Wir versprächen uns, bald wieder einmal anzurufen. 

Und dann, wenn wir auflegten, wüssten wir: Wir sind nicht allein. Wir stehen zueinander. Deshalb können wir gemeinsam zuversichtlich in das neue Jahr gehen. 

Und weil die Möglichkeit, sich bald impfen zu lassen, Hoffnung gibt. Die Zulassung des Impfstoffes kurz vor Weihnachten, das war wie ein Versprechen: Ein Ende der Pandemie ist in Aussicht! Aber noch müssen wir Geduld haben und sehr, sehr vorsichtig sein.

Ein Gutschein ist auch ein Versprechen. Er sagt: Da kommt noch was. Und er weckt Vor-Freude. 

Ich weiß, ein Gutschein wird auch kritisch beäugt. Mancher meint, ein Gutschein sei gar kein reales Geschenk, sondern nur ein Stück Papier. 

Er steht unter dem Generalverdacht, dass man am Ende doch nichts bekommt. Er kann verlorengehen, liegen bleiben, ungültig werden. Das Versprechen kann sich als leeres erweisen.

Die angeblichen Gutscheine, die auf meinem Tisch liegen, sind Mogelpackungen. Es sind bloß Coupons: Sie sind nur kurze Zeit gültig und geben bloß ein wenig Rabatt. 

Aber ein echter Gutschein ist sehr wohl ein richtiges Geschenk. Der Schenkende hat ihn bezahlt. Oder er hat sich entschieden, seine Zeit einzusetzen. Es wird etwas übergeben. Als Beschenkte halte ich etwas in der Hand. Und das bürgt dafür: Da kommt noch was! Auf das kann ich mich freuen! 

Weihnachten ist ein großer Gutschein. Und so viel mehr als ein Stück Papier!

Der Heiland ist geboren. Maria hält das Jesusbaby in ihren Händen. Es schreit, es macht in die Windeln. Gottes Liebe ist in Fleisch und Blut zur Welt gekommen. Realer geht es gar nicht. 

Aber auch wenn der Heilsbringer schon da ist, leben wir noch in einer un-heilen Welt. Gott gibt in der Heiligen Nacht der Welt ein neues Versprechen. Die himmlischen Heerscharen posaunen es aus: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen.“ 

Das ist keine Ist-Beschreibung. Der besungene Frieden auf Erden, der steht noch aus. Der steht auf Gottes Gutschein. 

Gott verheißt, dass Friede einzieht, wo Streit und Krieg herrscht.
Dass heil wird, was in die Brüche ging.
Dass wieder lebendig wird, was gestorben ist. 

Das Kind, das all das verbürgt, ist geboren. Der Gutschein ist schon ausgefüllt und übergeben, in unseren Händen halten wir ihn. Unser Geschenk liegt schon unter dem Weihnachtsbaum, in der Krippe. 

Doch warten wir noch darauf, dass der Gutschein eingelöst wird. Vertraut auf Gott. Er hält sein Versprechen. Amen.

 

Predigten von Pastorin Dorothea Luber

Predigt zur Konfirmation, 13. 09. 2020 – St. Martin, Nienburg

Galater 5, 1

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, Familien und Paten, liebe Festgemeinde!

Jetzt ist es endlich soweit: Heute werde Ihr, liebe Konfis, konfirmiert!
Lange musstet Ihr darauf warten! Da hat Corona wirklich alles durcheinander gebracht... Aber wie schön, dass Ihr jetzt hier seid! In Euren schicken Klamotten! Und wir mit Euch Eure Konfirmation feiern können!

Wenn Ihr gleich nach vorne zum Altar kommt und von uns eingesegnet werdet – dann seid Ihr auf dem Weg zurück zu Euren Plätzen schon keine Konfis mit, sondern Konfirmierte!
Und damit seid Ihr, zumindest für die Kirche, quasi volljährig.
Mit Eurer Konfirmation entscheidet Ihr Euch für den christlichen Glauben. Ihr sagt damit „Ja!“ zu Eurer Taufe, „Ja!“ zu einem Leben mit Gott und mit Jesus.

Und ich finde das ganz wichtig: Dass das Eure Entscheidung ist! Nicht die Entscheidung Eurer Eltern, oder Großeltern, oder Paten... und auch nicht die Entscheidung von uns – den Pastorinnen! Ihr selber, jeder und jede von Euch trifft diese Entscheidung alleine für sich.
Ich finde, das ist ein ganz wichtiger Schritt hinein ins Erwachsenwerden: Dass Ihr selber bestimmt, was Euch wichtig ist, und wie Ihr Euer Leben leben wollt.

Und wer wünscht sich das als Jugendlicher nicht: Endlich selber bestimmen zu können! Endlich alleine entscheiden, ohne das einem ständig jemand reinquatscht:
Endlich erwachsen sein und machen können, was man will!

Das Blöde ist nur, oft ist das gar nicht so einfach, mit dem selber entscheiden.
Und leider bestimmen auch Erwachsene vieles im Leben gar nicht selbst.
Da gibt es so viele geschriebene und ungeschriebene Gesetze, was man so tut oder eben nicht tut. Und ständig ist man dann dabei, sich zu fragen:
Was ist jetzt richtig, was ist falsch?
Oder auch: Was finden die anderen gut, was finden die anderen falsch?
Was ist in – oder- Was ist out? Was ist cool? Und was ist „uncool“.

Das Schwierige ist, das was cool oder uncool ist, das ändert sich ständig!
Wenn Ihr Konfis mal zurückdenkt, was ihr so vor drei, vier Jahren, so mit 9 oder 10 Jahren gut fandet.... ... ich glaube da werdet Ihr bei so manchen Sachen heute denken:
Wie peinlich!
Klamotten zum Beispiel.
Wenn ich Euch jetzt erzählen würde, was wir damals als Konfis so für Klamotten getragen haben.... Oder fragt mal Eure Großeltern, was bei denen damals als Jugendliche angesagt war... Da werdet Ihr vermutlich nur den Kopf drüber schütteln. Also: Gar nicht so einfach!

Deshalb habe ich mir gedacht: Wir können heute ja mal eine kleine Umfrage in der Kirche machen, wenn schon so viele Leute hier zusammen sind!
Alle haben hoffentlich jeweils eine rote und grüne Karte bekommen?!
Grün steht für alles, was Ihr und Sie cool finden – rot für das, was uncool ist.

Oder auch Grün für: Gefällt mir! - Und Rot für: Gefällt mir nicht! Oder: Schön!!! und Langweilig!!!

Also, ich nennen gleich verschiedenen Begriffe und jeder kann dann entscheiden: Cool oder uncool. Gefällt mir – gefällt mir nicht. Schön oder langweilig.
Und dementsprechend wird die rote oder grüne Karte hochgehalten.
Wer sich zwischendurch mal nicht entscheiden kann, der lässt einfach beide Karten unten.

Okay ich mache mal ein paar Vorschläge und jeder der Lust hat, macht mit bei der Abstimmung:

  • Fußball

  • Fahrradfahren

  • Urlaub mit der Familie

  • Treue

  • Singen

  • Blumenkohl

  • Ausschlafen

  • Pünktlichkeit

  • Mc Donalds

  • Rauchen

  • Spazierengehen

  • Ferien
    Wer sich während der Abstimmung mal ein bisschen umgeschaut hat, wird gemerkt haben: Es ist gar nicht so einfach zu wissen, was gerade „in“ oder „cool“ ist –oder eben völlig „out“ und „uncool“.
    Und wenn wir diese Abstimmung jetzt noch unterteilen würden und nur unter den Konfis, und dann nur unter den Eltern und dann unter den Großeltern gemacht würden... dann würden mit Sicherheit noch viel mehr Unterschiede deutlich werden.

    Das mit dem Coolsein ist gar nicht so einfach. Denn wer bestimmt das eigentlich?
    Wenn ich Glück habe, dann bin ich „in“ mit meinen Klamotten, mit meinen Hobbies, mit dem, was ich gut finde. Aber wenn ich Pech habe, dann bin ich out. Und das ist ein ziemlich doofes Gefühl. Also versucht man lieber sich zu verändern, um bei den anderen dazu zu gehören.
    Denn, wer will uncool sein? Von den anderen ausgegrenzt oder im besten Fall bemitleidet zu werden.
    Also immer schön mitlaufen? Sich anpassen? Mitmachen, was alle machen?
    Viele Menschen machen das, ihr ganzes Leben lang.
    Denn das Ganze, das hört ja mit dem Erwachsen-werden und dem Erwachsen-sein nicht auf!

    Und ich glaube, jeder kennt das von uns. Niemandem ist es doch egal, was anderen von ihm oder ihr halten.

Wie oft passen wir uns an, um von anderen gemocht oder gut gefunden zu werden.

Natürlich gibt es Situationen, da geht es einfach nicht anders: Da muss man sich anpassen und einfach das machen, was von einem verlangt wird.
Aber das ist zum Glück nicht das ganze Leben!

In der Bibel steht dazu ein sehr guter Tipp im Galaterbrief. Er lautet (Galater 5,1):

„Zur Freiheit hat euch Christus befreit,
lasst euch nicht wieder unter das Gesetz zwingen.“

Ich finde das einen tollen Satz, den ich Euch, liebe Konfis, mitgeben möchte auf Eurem Weg: Habt Mut, Euren eigenen Weg zu gehen!
Klar, kann es nichts schaden, sich Rat zu holen bei den Eltern, bei Freuden, bei anderen Leuten. Aber letzten Endes könnt nur Ihr selber entscheiden, welchen Weg Ihr im Leben gehen wollt, und welches wirklich Euer Weg ist.

Hört dabei nicht zu sehr auf die anderen und was die meinen, was cool und uncool ist.
Menschen, die immer nur anderen gefallen wollen, die nur darauf achten, dass andere sie gut finden – die sind irgendwann gar nicht mehr sie selbst.
Darum: 
„Sei Du selbst, alle anderen sind schon vergeben...!“

„Zur Freiheit hat euch Christus befreit,
lasst euch nicht wieder unter das Gesetz zwingen.“

Jesus Christus hat uns zur Freiheit befreit. Mit seinem ganzen Leben hat er uns gezeigt,
dass es bei Gott nicht darum geht, in irgendwelche Rollen zu schlüpfen oder festgelegte Erwartungen zu erfüllen. Gott will uns so einzigartig und einmalig, wie wir sind.
In der Taufe wird es jedem einzelnen von uns zu gesprochen:
„Du bist mein geliebter Sohn / Du bist meine geliebte Tochter. An Dir habe ich Wohlgefallen.“ Und diese Zusage Gottes gilt ein ganzes Leben lang!

Heute in der Konfirmation soll das noch einmal ganz deutlich werden, wenn jedem von Euch persönlich Gottes Segen zugesprochen wird.

Wenn ich so auf Euch als Konfi-Jahrgang schaue, dann kann ich sagen: Ihr seid eine ziemlich bunte Truppe, mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten!
Jede und jeder von Euch ist eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, aber auch mit ganz wunderbaren, einmaligen Seiten!

Langweilig ist es uns mit Euch auf alle Fälle nicht geworden!
Oft war es ganz schön bunt, laut und lebendig mit Euch. Und das ist ja auch gut so!
Und an der einen und anderen Stelle habt Ihr mich auch richtig überrascht.
Ich denke da zum Beispiel an die Stunde, in der Ihr eigene Seligpreisungen geschrieben habt oder eigene Glaubensbekenntnisse formuliert habt.
Da fand ich manche Texte wirklich richtig, richtig schön!
Und einige davon haben wir ja auch im Martinsboten abgedruckt.

Ich denke an das Thema für Euren Vorstellungsgottesdienst, das Ihr Euch selber ausgesucht habt. „Himmel und Hölle“. Ein spannendes Thema!
Und eigentlich war für den Vorstellungsgottesdienst auch alles fertig vorbereitet.
Aber gerade dann hat im März die Corona-Pandemie alles auf den Kopf gestellt.

Trotzdem: Ich finde Ihr habt diesen Gottesdienst toll vorbereitet und könnt auch darauf wirklich stolz sein!

„Zur Freiheit hat euch Christus befreit“

Dass wünsche ich Euch, liebe Konfis:
Dass Gott Euch begleitet und Euch immer wieder den Rücken stärkt: So dass Ihr Euren eigenen Weg findet und mutig gehen könnt.
Möge Gott Euch begleiten bei jedem Schritt!

Ganz zum Schluss möchte ich doch noch eine Abstimmung machen: Cool oder uncool: Wie war der Konfi-Jahrgang 2019/ 2020...?

Eine große grüne Karte hält Gott für Euch alle hoch! Amen.

Es gilt das gesprochene Wort

 

Liebe Gemeinde,

vor einiger Zeit beim meinem Yogakurs erlebte ich folgenden Dialog:
Sag mal, Du als Pastorin, was sagt denn Du: Ist das schlimm, wenn ich sonntags die Wäsche raushänge? Noch bevor ich antworten konnte, mischte sich eine andere Teilnehmerin des Yogakurses ein: „Ach, das war früher mal auf``m Dorf so, dass sonntags keine Wäsche auf der Leine hängen durfte. Aber heute ist das doch egal!“ Doch da meinte eine dritte:  „Also, ich finde das macht man auch heute nicht: Sonntags die Wäsche raushängen, das muss doch nicht sein.“ 

Tja, sonntags die Wäsche auf die Leine oder nicht? Und was hat das überhaupt mit dem christlichen Glauben zu tun?
Tatsächlich hat das wirklich eine christlichen Hintergrund. Es geht nämlich um die10 Gebote. Oder genauer: Es geht um das 3. Gebot. Das Feiertags- bzw.  Sonntagsgebot: „Du sollst den Feiertag heiligen.“ 

Den Sonntag heiligen. Aber was bedeutet das eigentlich konkret? 

Eine Freundin von mir hat während ihres Studiums ein Jahr lang in Israel studiert. Dort hat sie ultraorthodoxe Juden kennengelernt. Menschen jüdischen Glaubens, die sich ganz, ganz strikt an die Regeln und Gesetze halten, die in der jüdischen Bibel, der Thora, stehen. Die 10 Gebote zum Beispiel und das 3. Gebot. Für Juden das Gebot, den Sabbat zu heiligen.  

An einem solchen Sabbat war meine Freundin bei einer ultraorthodoxen Familie zum Essen eingeladen. Das ist nämlich für ultraorthodoxe Juden ganz selbstverständlich: Dass am Sabbat jeder, auch Fremde, nicht alleine sein sollen, sondern in die Familien eingeladen werden. Und so wurde meine Freundin herzlich eingeladen, obwohl die Familie sie gar nicht besonders gut kannte. Das ist schon etwas ganz Besonderes, diese große, selbstverständliche Gastfreundschaft!
Und zugleich hat meine Freundin dann hautnah erlebt, wie man das Gebot „Du sollst den Feiertag heiligen“ auf die Spitze treiben kann. Denn an diesem Tag durfte nichts, wirklich gar nichts gearbeitet werden. In der Küche stehen und kochen: Undenkbar!
Also wurde am Tag davor vorgekocht und alles vorbereitet. Eigentlich sehr sympathisch, denn so können alle den Feiertag genießen und niemand muss in der Küche stehen und arbeiten!
Aber daneben gibt es noch viele andere Regeln. Zum Beispiel die Regel, dass niemand am Sabbat einen Lichtschalter betätigen darf. Das klingt eher verrückt, oder? 

Eigentlich kommt dieses Gesetz aus einer Zeit, wo das Anzünden von einer Lampe, mit Öl und Feuer und so, wirklich Arbeit war. Heutzutage einen Lichtschalter zu betätigen ist ja nun wirklich keine Arbeit. Und die meisten Menschen mit jüdischem Glauben nutzen natürlich ganz selbstverständlich am Sabbat ihre Lichtschalter.
Aber bei den ultraorthodoxen Juden ist dieses Gesetz geblieben. Den Feiertag zu heiligen ist ihnen so wichtig, dass sie auf keinen Fall etwas tun wollen, was vielleicht Arbeit sein könnte. Und so wird am Sabbat kein Lichtschalter betätigt.
Aber weil dann am Abend alle im Dunkel hocken würden, gibt es einen einfachen Trick: Man schaltet das Licht schon am Vortag ein und lässt es einfach brennen. Niemand kommt in die Gefahr den Sabbat zu brechen, weil er einen Lichtschalter betätigt- und trotzdem sitzen alle im Hellen. 

Dumm war es dann nur, als die besagte Freundin zu Gast war, auf die Toilette ging und als ordentliche Deutsche beim Verlassen des WCs brav das Licht ausmachte. Für den Rest des Abends musste die Familie im Dunkeln auf Toilette gehen. – Weil niemand am Sabbat den Lichtschalter anschalten durfte. 

Bei dieser Geschichte muss ich schmunzeln und zugleich auch den Kopf schütteln.
„Du sollst den Sonntag heiligen“ – Solche absurden Regeln können damit doch nicht gemeint sein!? 

Ich erinnere mich an meine eigene Konfirmandenzeit: Wie mein damaliger Pastor mit uns Konfirmand*innen über den Sonntag gesprochen hat. Am Sonntag, so erfuhren wir, da sollten wir nicht arbeiten: Also keine Schulaufgaben erledigen, genauso wenig Rasenmähen, Putzen oder Wäsche waschen.
Ein Junge aus meiner Konfirmandengruppe fragte nach:  Sein Onkel hatte einen Bauernhof und wenn er am Wochenende dort hinfuhr, machte es ihm Spaß, auf dem Hof mitzuhelfen.
Aber nun im Konfirmandenunterricht erklärte ihm der Pastor, dass er natürlich seinem Onkel auf dem Hof helfen könne. Aber bitte am Freitag oder am Samstag und eben nicht am Sonntag. Denn, so der Pastor, am Sonntag solle man nicht arbeiten.
„Aber das macht mir doch Spaß“, erwiderte der Junge verwirrt und etwas entrüstet. Doch der Pastor schüttelte den Kopf. Ganz egal, ob man das so empfände oder nicht: Kühe füttern und Treckerfahren sei Arbeit – und Arbeiten am Sonntag sei gegen das dritte Gebot. 

Also kein Treckerfahren am Sonntag? Ganz abgesehen davon, dass für alle Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, ein derartiges Gebot schlicht absurd wäre… Schon damals als Konfirmandin leuchteten mir die Sätze unseres Pastors zum Sonntag und zum Treckerfahren nicht wirklich ein. 

„Du sollst den Feiertag heiligen“ – Die Bibel berichtet davon, wie Jesus mit diesem Gebot umgegangen ist:
Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. 24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? 25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: 26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? 27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

Markus 2, 23-28

Jesus gerät mit den Pharisäern in Konflikt, weil sich seine Jünger nicht an das Sabbatgebot halten. Die Pharisäer achteten damals sorgfältig darauf, dass die religiösen Gesetze eingehalten wurden. Getreideähren zu pflücken galt als Erntearbeit und war damit am Sabbat eindeutig verboten.
Und Jesus? Er versucht erst gar nicht, das Verhalten seiner Jünger zu erklären oder zu rechtfertigen. Er antwortet viel grundsätzlicher: „Gott hat den Sabbat für den Menschen geschaffen, nicht den Menschen für den Sabbat.“ - Der Sonntag ist für den Menschen da – nicht der Mensch für den Sonntag. 

Das Alte Testament begründet den Sabbat auf zwei Weisen: Zum einen wird der Sabbat mit Gottes Schöpfung am Anfang der Welt erklärt: Nachdem Gott die Welt geschaffen hat, ruht er am siebten Tag aus und begründet so auch für alle seine Geschöpfe den Sabbat als Tag der Ruhe und des Ausruhens.
Zum anderen erinnert der Sabbat an die Befreiung aus Ägypten. Gott hat die Israeliten herausgeführt aus der Sklaverei. Und so ist der Sabbat ein Tag der Freiheit. Ein Tag, an dem niemand arbeiten muss. Ein Tag der daran erinnert, dass Gott den Menschen die Freiheit geschenkt hat. „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ 

„Du sollst den Sonntag heiligen“ – bei diesem Gebot geht es für mich nicht darum, was man im Einzelnen darf oder nicht darf. Gott ist kein Bademeister, der am Beckenrand steht und darüber wacht, dass alle brav die Regeln einhalten. „Nicht vom Beckenrand springen!“ und so.
Gott braucht das nicht, dass wir den Sonntag heiligen. Und es kränkt ihn auch nicht in seiner Ehre, wenn wir es nicht tun. Gott verbietet uns nämlich nichts am Sonntag. Sondern er schenkt uns etwas! 

Ursprünglich ist der Sonntag nicht der letzte, sondern der erste Tag der Woche. Heutzutage wird das meist vergessen und die Kalender beginnen die Woche in aller Regel mit dem Montag. Aber in der christlichen Zählung beginnt die Woche eigentlich mit dem Sonntag. Der Sonntag steht also nicht am Ende, sondern am Anfang jeder Woche. Es ist nicht die wohlverdiente Pause nach getaner Arbeit, sondern das unverdiente Geschenk. Gott schenkt es uns, einfach so – weil er uns liebt. Und so steht am Anfang jeder Woche das Ja, das Gott zu uns spricht. Der Sonntag erinnert an unsere unverdiente aber auch unantastbare Würde als Menschen. 

In unserer Gesellschaft ist das oft anders. Da werden Menschen nach dem bewertet, was sie leisten. Und bei vielen entsteht das Gefühl: Ich bin erst etwas wert, wenn ich etwas geleistet habe.
Das bekommen Menschen schmerzhaft zu spüren, die nicht in dieses Leistungsschema passen. Menschen, die nicht mehr arbeiten können, weil sie alt sind oder krank. Menschen, die arbeiten wollen, aber keine Arbeit finden.
Der Sonntag erinnert uns daran: Du bist mehr, als das, was Du leistest. Du bist mehr als Deine Erfolge im Beruf, mehr als das gescheiterte Bewerbungsgespräch, mehr als die Fünf in Mathe oder die Eins in Englisch. Du bist mehr. 

Am Anfang jeder Woche steht Gottes Ja zu uns. Gott liebt uns ohne Vorleistung. So wie wir sind. 

Der Theologe Johann Baptist Metz hat einmal gesagt, die kürzeste Formel für Religion sei „Unterbrechung“. Der Sonntag unterbricht unseren Alltag. Er unterbricht den Alltagstrott und die Alltagshektik. Es ist ein Tag, an dem wir einmal nicht müssen. Ein Tag frei von jedem Muss.
Und darum ist es auch nicht verboten, am Sonntag Wäsche zu wachsen oder das Haus zu putzen, für die Schule zu lernen oder die liegengebliebene Arbeit aus dem Büro zu erledigen.
Der Sonntag ist keine Leistung, die erbracht werden muss. Und Gott verteilt keine Noten;  auch nicht und vor allem nicht beim Einhalten des Sonntags!
Gott schenkt uns den Sonntag – und fordert ihn nicht von uns ein! Das Dritte Gebot ist kein Verbot, sondern die Freiheit, einmal nichts zu müssen. Am Sonntag – am Anfang jeder Woche – steht Gottes bedingungsloses Ja zu uns.
Die Gewissheit immer schon geliebt zu sein – ohne Vorleistung und ohne Forderung.

Das ist Gottes Zusage, mit der wir in die neue Woche gehen. Amen. 

Liebe Gemeinde,

der Dritte Advent. 10 Tage vor Weihnachten.

Advent ist Warten auf Weihnachten! Adventszeit ist Wartezeit. 

Nicht umsonst gibt es für Kinder – und auch für Erwachsene – vieles, das das Warten auf Weihnachten versüßt: Die Türchen im Adventskalender, die die Tage bis Weihnachten herunterzählen. Die Kerzen am Adventskranz, bei denen jeden Sonntag eine Kerze mehr brennt. Weihnachtsvorbereitung: Wunschzettel schreiben; Geschenke besorgen. 

Warten auf Weihnachten. 

In diesem Jahr fühlte sich für mich mitunter das ganze Jahr wie eine Warteschleife an. Seit dem Frühjahr ist unser Leben geprägt von der Corona-Pandemie. Und wie oft habe ich in diesem Jahr gewartet:
Warten auf die nächste Corona-Verordnung 
Warten auf Toilettenpapier im Supermarktregal
Warten darauf, dass die Kirchen wieder öffnen dürfen
Warten auf das eigene Testergebnis
Warten darauf, dass die Infektionszahlen sinken
Warten auf einen Impfstoff

Und heute ganz aktuell: Warten auf das, was die Politiker heute an neuen Verordnungen beschließen. 

Und mitten drin: Warten auf Weihnachten. 

Johannes der Täufer wartet auch. Er wartet darauf, dass bald das Ende der Welt kommt. Johannes wartet auf den Messias – den Erlöser der Welt. 

Ich lese aus dem Matthäusevangelium im 11. Kapitel die Verse 2-6

Da Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

Johannes wird ungefähr zur selben Zeit wie Jesus geboren und tritt als Prediger auf. Er rechnet fest damit, dass bald das Ende der Welt kommt. Und darum ruft er die Menschen zur Umkehrt auf. Er ruft den Menschen zu: Ändert Euch, bevor es zu spät ist! Kehrt um, werdet zu besseren Menschen! 

Alle die auf seine Botschaft hören und ihr Leben ändern wollen, werden von Johannes im Jordan getauft. 

Johannes selbst wartet! Denn er weiß: Alles was er tut, ist nur Vorbereitung. Das Eigentliche – der Eigentliche kommt erst noch. 

Im Musikgeschäft würde man sagen: Johannes ist die Vor-Band des Konzertabends. Der eigentliche Star, der kommt erst später auf die Bühne. 

Johannes weiß das. Er wartet darauf, dass der eigentliche Start die Bühne betritt. Johannes wartet auf den, der von Gott kommen wird:
Ein Richter über Große und Kleine, über Mächtige und Unterdrückte. –
Ein Richter und zugleich ein Retter. Der alle Verhältnisse auf der Erde umstürzen wird.  

Johannes ist sich ganz sicher, dass dieser Retter kommen und die Welt verändern wird. 

Viele Menschen hören auf Johannes und lassen sich taufen. Doch Johannes macht sich damit nicht nur Freunde. Denn mit seiner Kritik macht er auch vor den Mächtigen nicht halt. Laut und deutlich kritisiert er den König und sein Verhalten. Und es kommt, wie es kommen muss: Johannes landet im Gefängnis. 

Nun sitzt Johannes fest  - aber er wartet weiter. Und er denkt an einen, den er selbst im Jordan getauft hat: Jesus von Nazareth. 

Die Menschen berichten viel über Jesus. Über das, was er von Gott erzählt. Und darüber, wie er Menschen heilt. Manche Geschichten klingen wirklich wie Wunder. 

Es gibt Menschen, die sagen: Jesus ist der Retter der Welt.
Kann das sein? Dass Jesus der ist, auf den Johannes sein Leben lang gewartet hat? 

Johannes sitzt im Gefängnis fest. Aber er schickt seine Jünger zu Jesus, um ihn direkt zu fragen:  „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“
Jesus antwortet darauf nicht mit einem klaren:  „Ja, stimmt! Ich bin es! Du kannst aufhören zu warten!“ Aber er sagt umgekehrt auch nicht: „Nein, tut mir leid. Ich bin das nicht. Du muss wohl weiter warten.“ Jesus gibt kein klares Ja oder Nein. Stattdessen sagt er: Hört genau hin, schaut genau hin: Auf das, was jetzt - hier und heute  - passiert: „Blinde sehen und Lahme gehen Aussätzige werden rein und Taube hören. Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.“ 

Vielleicht war Johannes überrascht. Vielleicht hatte er sich den Retter der Welt ganz anders vorgestellt. Als einen , der mit der Faust auf den Tisch haut. Und alles umkrempelt. Der mit einem Schlag alles verändert. Jesus sagt: „Selig, ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ Selig, wer nicht an seinen Erwartungen festhält. Selig, wer aufhört zu warten; wer hinhört und hinsieht.                       

Wie wäre das wohl: Kein Warten mehr, weil die Welt gerettet ist. Eine gerechte, eine menschliche Welt.  Eine Welt, in der das Leben heil ist. Dem, der im Dunkeln tappt, dem werden die Augen geöffnet. Die, die im  Leben erstarrt ist, wird in Bewegung gebracht. Und denen die entmutigt sind, wird neuer Mut zugesprochen. 

„Blinde sehen und Lahme gehen Aussätzige werden rein und Taube hören. Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.“ 

Wie wär das, wenn alles Warten ein Ende hätte? 

Ich kann mich gut daran erinnern, wie aufregend die Adventszeit als Kind war. Manchmal zogen sich die Tage und Wochen bis Weihnachten unendlich hin. 

Manchmal ist das Leben wie so ein Warte-Advent: Ein Leben in der Warteschleife: Jahrelang zur Schule gehen, Stunden absitzen, Langeweile und Druck aushalten – und darauf warten, dass es nach dem Abschluss endlich losgeht, mit dem richtigen Leben.
Und dann im Beruf: Warten darauf, dass sich die Überstunden irgendwann mal auszahlen. Warten darauf, dass es endlich mal weniger wird mit dem Stress und dem Druck. Warten auf den Urlaub, endlich Zeit, das zu tun, wovon man im Alltag nur träumt. Warten auf den Ruhestand. Darauf, dass Leben endlich in Ruhe zu genießen. Auf der Terrasse zu sitzen und die Sonne zu genießen.
Und dann im Ruhestand: Warten auf den Besuch der Kinder; Warten auf besseres Wetter, um die Terrasse zu genießen.
Warten! – Ein Leben in der Warteschleife. Ein Warten darauf, dass das richtige, das eigentliche Leben doch erst noch losgeht. 

Doch „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe jetzt ist der Tag des Heils.“
So schreibt es Paulus in seinem 2. Brief an die Korinther. 

Und Jesus sagt: Hört und seht genau hin: Das, worauf ihr wartet, das geschieht schon jetzt. Der Retter der Welt ist da. 

Aber, so möchte ich Jesus zurufen, ich spüre davon so wenig in der Welt. Ich höre so viel Leid und ich sehe so viel, was kaputt und krank und zerstört ist. In unserer Welt ist nicht alles gut. Ganz und gar nicht! Ich warte noch immer! Ich warte darauf, dass Gott diese Welt rettet und heil macht. 

Und doch sagt mir Jesus: Gottes Heil ist schon da.  Mitten in dieser Welt – mitten in deinem Leben. Nein, die Welt ist nicht perfekt und heil. Aber wir sind nicht mehr allein – Gott geht mit uns – Immanuel – Gott ist mit uns – Das ist Jesus Name und Gottes Weihnachtsbotschaft. 

Egal, was die neuen Corona-Verordnungen heute bringen werden und wie das diesjährige Weihnachtsfest dann aussehen wird.
Egal, was in diesem und im nächsten Jahr und in unserem Leben noch geschehen wird: 

Gott ist mit uns. Immanuel. Amen. 

Ein besonderes Jahr geht zu Ende. 2020 ist sicher ein Jahr, das noch lange in
Erinnerung bleiben wird. Die Corona-Pandemie hat manches auf den Kopf gestellt; hat unser Alltag geprägt und verändert. Vieles ist passiert, was ich mir noch vor einem Jahr nie hätte vorstellen können! 

Heute in dieser Nacht starten wir in ein neues Jahr. Was wird es uns wohl bringen das Jahr 2021? An diesem Silvesterabend denke ich mich noch einmal an die Jahreslosung für 2020: 

 „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“

Es sind Worte aus dem Markusevangelium. Gesprochen von einem Vater, der seinen schwerkranken Sohn zu Jesus bringt. Alle Arztbesuche und Therapien haben nichts gebracht. Jetzt kommt er zu Jesus und bittet ihn: 

Wenn Du etwas kannst, dann erbarme dich und hilf uns! Darauf antwortet Jesus: „Alle Dinge sind möglich, dem, der da glaubt.“ Und der Vater des kranken Kindes ruft: „Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“

Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Es gab in diesem Jahr Momente,, in denen mir der Glaube schwer geworden ist. Wo es für mich eine echte Herausforderung war, auf Gott zu vertrauen. Und doch gab– Gott sein Dank –auch Momente, die mich gestärkt haben. In denen ich gespürt habe: Gott ist da! Trotz allem – in allem. 

Wenn ich hier in der Martinskirche bin, schaue ich gerne auf die alten Kirchenmauern. Und ich stelle mir vor: Wie viele Menschen hier schon gesessen haben im Schutz dieser Steine. Wie viele Menschen haben hier schon gebetet, gelacht, geweint, geglaubt und gezweifelt. Für mich sind diese Steine ein Hoffnungszeichen:
Dass ich Raum habe bei Gott:
Mit meiner Freude und meiner Trauer;
Mit meinem Glauben und meinen Zweifeln.
Dass ich nicht alleine bin: Lange vor mir waren schon Menschen hier, und auch nach mir werden Menschen kommen.

Diese Steine erzählen davon, dass Gott unterwegs ist mit uns Menschen. Immer wieder neu. 

Musik 

Heute sind die Bänke hier in der Kirche leer. Und sind Sie da. Und gemeinsam feiern wir Gottesdienst – auch über räumliche Grenzen hinweg. 

Ich persönlich brauche das für meinen Glauben. Zu wissen: Ich bin nicht allein. -Da sind andere Menschen, die mit mir glauben. Die mit mir hoffen, die mit mir beten. 

Manchmal, wenn mein eigener Glaube ganz klein ist, lasse ich mich tragen vom Glauben der anderen. Wenn mir die Worte fehlen oder meine Stimme versagt, lasse ich mich tragen von den Worten, vom Gesang der anderen. Und es ist für mich eine große Stärkung zu wissen: Andere sind da und die beten für mich. 

In diesem Corona-Jahr gab es manche Situation, in der keine gemeinsamen Gottesdienste in der Kirche möglich waren. Mir dadurch neu bewusst geworden, wie wichtig mir das ist: Meinen Glauben in Gemeinschaft zu leben und zu erleben. 

Auch heute können wir nicht gemeinsam hier in der Martinskirche Gottesdienst feiern. Aber ich wünsche uns, dass wir spüren können: Wir sind dennoch verbunden im Glauben – auch über räumliche Grenzen hinweg. Wir sind miteinander verbunden durch den Glauben und durch Gottes Geist. 

Musik 

Ich war in diesem Sommer im Urlaub an der Ostsee, in der Nähe von Eckerförde. Und dort habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Schweinswale gesehen. Es braucht durchaus etwas Geduld und auch ein bisschen Glück, um diese Mini-Wale zu beobachten.  Als ich das erste Mal dann die großen Schwanzflossen aus dem Wasser auftauchen sah, da war das für mich ein ganz besonderer Moment. Ein echter Glücksmoment. 

Schweinswale kann man am besten beobachten, wenn die See möglichst glatt ist. Zu hohe Wellen versperren die Sicht. Und manches Mal habe ich im Urlaub auch vergeblich das Wasser abgesucht und nichts gesehen. Aber nachdem ich einmal die Schweinswale gesehen hatte, wusste ich: Irgendwo da drinnen im Meer sind sie da. - Auch wenn ich sie im Moment nicht sehen kann: Weil das Meer zu unruhig ist. Oder ich nicht genug Geduld habe, länger zu schauen. Oder weil ich gerade mit etwas anderem beschäftigt bin und in ganz andere Richtung schaue. - Trotzdem sind sie da, die Schweinswale. 

Im Glauben brauche ich Momente, in denen ich Gott wirklich erleben und spüren kann. Ohne solche Momente in meinem Leben, die meinen Glauben stärken, könnte ich umgekehrt Zeiten des Zweifels nicht überstehen. 

Das Bild von den Schweinswalen in der Ostsee ist ein Bild, das mich in diesem Jahr begleitet hat. Es ist ein Bild, das mich daran erinnert: Dass Gott da ist – auch dann wenn ich ihn nicht sehen kann. 

Ich glaube – hilf meinem Unglauben. Dieser Vater des kranken Kindes spricht seine Zweifel offen aus. Und ich bin von Herzen froh, dass diese Erzählung in der Bibel steht. Weil sie mir zeigt: Zweifel darf sein! Ich kann sie vor Gott bringen und Gott bitten: Hilf mir! Stärke meinen Glauben! 

Die biblische Erzählung endet damit, dass Jesus dem zweifelnden Vater hilft und das schwerkranke Kind gesund macht. Was am Ende zählt ist nicht unser eigener, kleiner Glaube, sondern Gottes große Liebe zu uns. Gott ist größer als all unsere Zweifel und all unser Glaube. 

Und dieser Gott geht mit uns in das neue Jahr. Auch wenn wir Gott nicht sehen und oft nicht glauben: Gott ist da. 

Predigten von Superintendent Martin Lechler

Liebe Gemeinde,

in der vergangenen Woche sah ich zu leider sehr später Stunde eine Reportage im Fernsehen, in welcher drei Familien vorgestellt wurden, bei denen in der vergangenen Zeit ein lieber Mensch auf tragische Weise verstorben war. 

Besonders berührt hat mich die Lebens- und Leidensgeschichte eines jungen Ehemannes und seiner kleinen Tochter, deren Ehefrau und Mutter ganz plötzlich  verstorben war. Der Mann ist unter anderem Religionslehrer, und ich kann gut verstehen, dass es ihm jetzt, in seiner Trauer schwerfällt, im Unterricht über die Liebe und Güte Gottes zu sprechen. Doch er erzieht nun allein mit ganz viel Liebe, Wärme und Einfühlungsvermögen seine kleine Tochter. Auch die beiden Großmütter helfen mit, wenn der Vater Termine hat. Es ist ein allwöchentliches Ritual, dass Vater und Tochter das Grab der Mutter besuchen. Wenn dann der Vater schon gegangen ist, bleibt die Kleine noch eine Weile am Grab stehen und redet mit ihrer Mutter. Das hat sie selber so erzählt. Der Vater fragte daraufhin, warum er eigentlich nicht dabei sein soll. Die Antwort der Tochter: „Weil das ein Gespräch nur zwischen Mama und mir ist. Und dann gehört mir Mama ganz allein!“

Die Warmherzigkeit des Vaters und die innige, lebendige Beziehung der Tochter zu ihrer Mutter war und ist für mich wie ein Silberstreif am Horizont: Trotz der Dunkelheit und Sprachlosigkeit in dieser schweren Zeit leuchtet durch das Geschilderte das Licht eines Weiterlebens in Zukunft in Liebe, Geborgenheit und Lebensfreude auf!

Als der Prophet Sacharja vor über 2.500 Jahren dem Volk Israel, der „Tochter Zion“ seine Freudenbotschaft verkündete, befanden sich Land und Volk auch in einem Zustand der Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit: seit Jahrzehnten lag das Land zerstört, auch der Tempel, das Allerwichtigste und Allerheiligste des Volkes, weil sie dort die Wohnung Gottes bei den Menschen sahen, war zerstört und konnte nicht wiederaufgebaut werden. Denn die Leute, die das aufgrund ihrer Ausbildungen und Fähigkeiten hätten in die Hand nehmen könnten, waren ´nach Babylon deportiert, außerdem fehlte es an Material und Mitteln, da die Siegermacht die Wirtschaft klein hielt. Doch nun kamen die ersten Deportierten zurück. So ganz freiwillig hatte sie der babylonische Herrscher nicht ziehen lassen. Aber er wurde in der Zwischenzeit von erstarkten Nachbarvölkern, besonders den Persern, selber bedrängt. So schickte er die Deportierten lieber wieder nach Hause, bevor sie ihm von innen heraus gefährlich werden konnten.

So kommt Sacharja die schöne Aufgabe zu, dem noch in der Dunkelheit lebenden Volk zu verkünden: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ Sacharja ermuntert sein Volk durchzuhalten, nicht zu verzweifeln, es leuchtet ein Silberstreif am Horizont auf: trotz der Dunkelheit und Sprachlosigkeit in dieser schweren Zeit leuchtet das Licht eines Weiterlebens in Zukunft in Liebe, Geborgenheit und Lebensfreude auf! Denn der „König“ kommt in Gestalt der zurückkehrenden Landsleute, des Wiederaufbaus und der Hoffnung einer besseren Zukunft. Bernhard Schott sagt es in seinem Kyrie-Gebet so: „Doch will ich euch ein Licht in eure Herzen schreiben, ein Licht, das euch verspricht, es wird nicht dunkel bleiben!“

Dieses Licht kommt nicht mit Macht und Militärgewalt  daher, sondern so ganz anders: auf einem Esel reitend, oder sogar auf dem Fohlen einer Eselin, sozusagen dem Micra oder Polo der kleinen Leute. Der König Israels wird die Kriegswagen und -rosse der Feinde und alle Ungerechtigkeit und Unterdrückung, unter der das Volk Gottes so lange zu leiden hatte, nicht mit militärischer Gewalt beseitigen, sondern mit Frieden und Gerechtigkeit – eben als ein Gerechter und ein Helfer! Ein Friedensreich wird er errichten, eine Welt, in der es keinen Hass und keine Feindschaft, keine Ausgrenzung und keine Gewalt mehr geben wird.

Mit visionärem Blick schaut Sacharja in die Zukunft. Er verhieß sie damals dem ersten Volk, an welches Gott sich gebunden hat, dem Volk der Juden. Sie warten auf sein Erscheinen und leben aus dieser Vision, deren Verwirklichung ja immer wieder als ein Silberstreif am Horizont auftaucht.

Durch Jesus sind wir zu diesem Volk Gottes hinzu- gekommen. In ihm sehen wir den Gerechten und den Helfer, dessen Reich der Gerechtigkeit und des Friedens bereits im Anbruch ist. Doch, wie wir an den vielen Dunkelheiten des Lebens erkennen müssen, ist dieses Reich nur erst im Anbruch, noch nicht vollendet. Auch wir Christen warten auf seine Wiederkunft und die  Vollendung seines Reiches – in diesem Warten verbindet sich die Hoffnung von Gottes zuerst erwähltem Volk mit uns, dem dazugekommenen Volk. 

Im Licht dieser Verheißung können wir heute schon mitarbeiten am Anbruch seines Reiches: durch unser eigenes Denken und Handeln aus Gerechtigkeit, Frieden und Liebe heraus. So heißt es in der Arie der Adventskantate von Johann Sebastian Bach: 

„Öffne dich, mein ganzes Herze,

Jesus kömmt und ziehet ein.

Bin ich gleich nur Staub und Erde,

will er mich doch nicht verschmähn,

seine Lust an mir zu sehn,

dass ich seine Wohnung werde.

O wie selig wird ich sein!“

Lasst uns, liebe Gemeinde, diesen Silberstreif am Horizont in unserer Welt und in unserem Leben erkennen und erspüren – und frohen Mutes dem entgegengehen, der uns die Gerechtigkeit, den Frieden und alles Heil dieser Welt bringt! Amen. 

Hanna Lechler (HL):
Sag mal, Vater, ist Weihnachten eigentlich noch zu retten?

  • Familien und Freunde dürfen nicht zusammenkommen,
  • Bewohner in den Altenheimen bekommen keinen Besuch,
  • und täglich sterben am Corona-Virus mehr Menschen als bei einem Flugzeugabsturz!

Martin Lechler (ML):
Ja, das ist alles wirklich tragisch. Und was bedeutet schon „Friede auf Erden“?!

  • Menschen werden verfolgt und müssen ihre Heimat verlassen,
  • und an so vielen Ecken der Erde brennen Kriege und Bürgerkriege! Da kommt wirklich keine Weihnachtsfreude auf.

HL:
Und bei all dem kommt Gott als ein armes, schwaches, und wehrloses Kind zur Welt.

ML:
Ich denke, Gott hat sich dabei etwas gedacht.

HL:
Als Erstes ist es doch schon ein ganz wichtiges Zeichen, dass Gott überhaupt zu uns Menschen in die Welt gekommen ist.

ML:
So nah ist Gott den Menschen, seinen Geschöpfen, noch nie gekommen. Das ist es ja, wonach wir uns gerade in diesem Jahr so sehnen: Nähe. Wo wir uns doch nur mit ganz wenigen Menschen treffen dürfen – und viele einsam sind.

HL:
Und dass Gott als kleines Kind zur Welt kommt, ist ja auch ein Zeichen: die Geburt eines Kindes bereitet den meisten Eltern eine unbeschreiblich große Freude. Ein Baby  bedeutet: neues Leben ist entstanden, das eröffnet Zukunft!

ML:
Eltern überlegen: „Wie können wir unser Kind auf einen möglichst guten Lebensweg bringen?“ Und sie fangen an die Zukunft zu planen.

HL:
Dann will uns Gott damit wohl auch sagen: „Es gibt für Euch immer eine Zukunft, egal, ob ihr sie vor Augen habt oder nicht – eine Zukunft unter meinem Schutz und Geleit!“ 

ML:
Die Hirten waren die ersten, die das gespürt haben: „Unser Leben ist oft karg und traurig, aber auch für uns wird es hell – wenn wir Gottes Nähe spüren und erfahren, dass er an unserer Seite steht!“

HL:
So, wie auch wir heute erfahren dürfen: wenn Gott in der Welt ist, dann können wir Hoffnung haben:

  • Hoffnung, dass unser Leben gelingt,
  • Hoffnung, „dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will,
  • Hoffnung, dass wir auch die momentane Pandemie überstehen werden.

ML:
Und noch etwas gefällt mir an dem Bild vom Kind in der Krippe: es liegt so schutzlos und friedlich da, es hat noch niemandem etwas zuleide getan und ist ganz auf den Schutz und die Pflege seiner Eltern angewiesen. 

HL:
Das perfekte Bild für den Frieden! Nicht umsonst haben es  die Engel den Hirten auf dem Feld verkündet: „Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!“ Gott will den Frieden, sowohl zwischen sich und den Menschen, als auch den Frieden der Menschen untereinander. Nur so hat er seinen „Wohlgefallen“ an ihnen . 

ML:
Ja Frieden, nach dem wir uns so sehr sehnen! 

HL:
Mit der Geburt Jesu wird er uns verheißen. Kein Streit und kein Krieg dauert ewig: mit dem Willen friedliebender Menschen – und natürlich mit Gottes Hilfe – wird jeder Streit eines Tages ein Ende finden!

ML:
Vor einiger Zeit habe ich ein Buch gelesen. Es handelt von der Freundschaft zwischen einem palästinensischen und einem israelischen Jungen. Ihrer Freundschaft werden so viele Steine in den Weg gelegt, doch unerschütterlich halten sie an ihrer Freundschaft fest und wollen nichts anderes als gemeinsam im Frieden leben. Diese Freundschaft ist wie ein ganz zartes Pflänzchen in einer dürren Landschaft. 

HL:
So ein zartes Pflänzchen ist auch das Kind in der Krippe, in dem Gott selbst zur Welt gekommen ist. Ob er uns damit sagen will, dass aus diesem zarten Pflänzchen durchaus ein großer, starker, fruchtbarer Baum werden kann?!

ML:
Auf jeden Fall! Aus diesem zarten Pflänzchen Hoffnung sind schon viele große Bäume der Zuversicht, des Mutes und des Trostes entstanden.

HL:
Martin Luther hat im Angesicht des Todes eines seiner Kinder zum Trost für seine Frau eines der, wie ich finde, schönsten und bekanntesten Weihnachtslieder gedichtet: „Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär.“

ML:
Auch die Soldaten damals in Stalingrad haben Weihnachten gefeiert. Und einer von ihnen hat eine so eindrucksvolle Madonna gezeichnet: Maria, die das Jesuskind bergend unter ihrem Mantel trägt.

HL:
Und auch im zerstörten Syrien feiern heute Abend Christinnen und Christen Weihnachten – die Geburt des Heilands, auf dessen Hilfe sie hoffen und vertrauen.

ML:
Hoffnung und Zuversicht – weil Gott zu uns Menschen gekommen ist und immer wieder kommt – das gibt mir Weihnachtsfreude!

HL:
Siehst Du? Und deshalb gilt, was ich neulich las: „Nicht wir retten Weihnachten, sondern Weihnachten rettet uns!“
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen und Euch allen:

Beide:
Ein frohes, Mut machendes und gesegnetes Weihnachtsfest! Amen.

Liebe Gemeinde,

heute feiern wir die Geburt Christi, das Kommen Gottes in dem Kind im Stall zu Bethlehem – ein ganz zentrales Ereignis unseres Glaubens. Der Predigttext aus dem Jesajabuch der hebräischen Bibel kannte davon noch nichts. Der Prophet lebte ungefähr 600 Jahre vorChristi Geburt. Was also kann uns dann dieser vor-christliche Text heute sagen?

Er kündet von großer Freude: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt!“ Das klingt ganz ähnlich wie der Engel auf dem Hirtenfeld zu Bethlehem: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ 

Die Freude damals hatte auch mit Gottes Wirken und Eingreifen in die Geschichte seines Volkes zu tun: ein wichtiger Teil des Volkes Gottes war nach dem Untergang Israels und Judas nach Babylon deportiert worden. Dort saßen sie nun in der Fremde, hatten sich wohl mit der Lage arrangiert, konnten aber Jerusalem mit seinem Tempel, der Wohnung Gottes, wie sie es sahen, nicht vergessen. Sie lebten in einem Land mit fremder Sprache, fremden Sitten und fremder Religion. Ganz Entscheidendes für die eigene Identität war ihnen abhanden- gekommen. Da tritt der Prophet Jesaja auf und verkündet ihnen die baldige Rückkehr in ihre Heimat, die immer noch, nach über 40 Jahren, in Trümmern lag. Er verheißt ihnen die Möglichkeit des Wiederaufbaus und eine lange Zeit des Friedens unter der heilsamen Führung Gottes. Ein wieder aufgebauter Tempel galt ihnen als Wohnung, in die Gott wieder eingezogen war.

Ich stelle mir vor, dass die Skepsis groß war – ähnlich, wie bei den Hirten nach der Verkündigung des Engels: wie kann das denn angehen? Können wir solch einem Wunder Glauben schenken?! Doch dann war der Jubel groß über die Möglichkeit, die sich ihnen da eröffnete. Noch in dunkler Nacht, leuchtete ihnen doch schon ein Licht auf: ein Licht der Hoffnung, der Zuversicht und des Aufbruchs in eine neue Zeit. In eine Zeit, in der Gott ganz präsent und in seinem Wirken erkennbar und erfahrbar sein würde. 

Dass sich dies dann kurze Zeit später tatsächlich erfüllte, trug gewiss dazu bei, dass diese Prophetie Jesajas Aufnahme in die Heiligen Schriften Israels und auch in unsere Heilige Schrift fand. Die Israeliten durften zurück in ihre Heimat, bauten den Tempel und all‘ ihre zerstörten Häuser wieder auf und brachten die Wirtschaft wieder in Schwung. Es folgte eine Blütezeit Israels, in welcher das Volk Gottes neben eigenen Handeln immer auch das Handeln Gottes erkannte, und ihm dankbar war für seine Führung durch gute, wie auch schlechte Zeiten. 

Gott ist in unserer Welt und begleitet unserer Menschen Wege mit seinem Segen – auch und gerade in den dunklen Phasen des Lebens! Genau dies ist ja auch der Kern der Weihnachtsbotschaft, die wir heute wieder feiern: die Freude und der Jubel, dass Gottes Reich durch Jesu Geburt angebrochen ist. Seit wir uns seiner Nähe gewiss sein dürfen, wird auch Unmögliches möglich: die Welt kann heil werden, Frieden und Gerechtigkeit könnenwahr werden, denn Christus, zu Deutsch: der Heilbringer, der Heiland ist mitten unter uns.

Diese Botschaft trennt uns einerseits von dem von Gott zuerst erwählten Volk, den Juden, aber es verbindet uns auch. Sie trennt uns, weil nur wir in Jesus von Nazareth den Christus sehen und nur durch ihn den Zugang zu Gott und seine Erwählung haben. Die Juden warten und hoffen noch auf sein Kommen und damit auf den Anbruch seines Reiches. 

Doch das Reich ist nur erst angebrochen, und noch nicht vollendet. Diese Unvollkommenheit und Verlorenheit erleben wir täglich durch all‘ das, was uns belastet und bedrückt. Auch wir warten auf die Wiederkunft Christi und die Vollendung seines Reiches. Dieses Warten verbindet uns:

  • dass der Herr nach Zion zurückkehrt,
  • dass er sein Volk tröstet und Jerusalem, die geschundene Stadt, erlöst,
  • dass aller Welt Enden das Heil unseres Gottes sehen.

Ein  deutliches, sichtbares und erfahrbares Zeichen sehen wir in der Christgeburt, dieses noch zarte, schwache Licht, das aber niemals wieder verlöschen wird.

  • Es tröstet mich in manch schwieriger Situation, 
  • es stärkt mich in mancher Schwachheit, 
  • es macht mir immer wieder Mut, den Weg des Friedens und der Gerechtigkeit weiter zu ziehen und
  • es gibt mir Hoffnung, dass eines Tages vollendet sein wird, was durch die Prophetie des Jesaja und die Geburt Christi begonnen hat!

Ich wünsche Ihnen und Euch, liebe Gemeinde, dass dieser Lichtstrahl des Trostes, der Stärkung, des Mutes und der Hoffnung auch in Ihre und Eure Herzen und Sinne dringen möge, und wir gemeinsam jubeln können:

„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!“

Ein hoffnungsfrohes und gesegnetes Weihnachtsfest! Amen.

Ihr Martin Lechler

 

 

 

Predigt von Dr. Springer

Neujahr 2021

Liebe Neujahrsfestgemeinde, liebe Geschwister,

ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben ein gutes Neues Jahr, durch das sie wohlbehalten kommen mögen. Ich danke herzlich für die Einladung, bei ihrem Neujahresgottesdienst zur Jahreslosung sprechen zu dürfen. Vielleicht haben Sie zur Jahreslosung, die wir eben in der Lesung gehört haben „Seid barmherzig wie Euer Vater barmherzig ist“ schon Worte von unserem Landesbischof, dem EKD Ratsvorsitzenden oder unserem Ministerpräsidenten gelesen mit verschiedenen Facetten zur Barmherzigkeit in dieser herausfordernden Zeit. Ich kann meine spezifische Perspektive als Juristin und ehemalige Richterin eintragen. Meine Ansprache teilt sich in zwei Teile mit den beiden Aspekten der Barmherzigkeit, wie sie im Bibeltext vor und nach dem Losungswort beschrieben sind. Dazwischen hören wir von der Capella den traditionellen von Christian Scheel komponierten Kanon zur Jahreslosung.

 

Teil I Seligpreisung und Feindesliebe

1.

Barmherzigkeit kommt vermutlich vom althochdeutschen „armherzi“ und ist eine Lehnübersetzung des lateinischen misericordia: Miseris cor dare : sein Herz den Armen geben, sein Herz für andere öffnen. Dies ist eine der wichtigsten Tugenden in aller Weltreligionen. In den monotheistischen ist es zuvörderst die herausragende Eigenschaft Gottes (Psalm 103, 8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.) Im hebräischen Wort für Erbarmen steckt begrifflich der Mutterschoß. Unsere katholischen Geschwister feiern seit dem Jahr 2000 den Sonntag nach Ostern als Barmherzigkeitssonntag und Papst Franziskus hatte 2015 ein besonderes Heiliges Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen, weil in Jesus Christus, dem „Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters“, das Geheimnis des christlichen Glaubens auf den Punkt gebracht sei. Jesus ruft uns mit dem Losungswort auf, dem Vater nachzueifern; aus Dankbarkeit und weil wir auch Liebe nur dann weitergeben können, wenn wir sie selbst empfangen haben. Barmherzigkeit ist mehr als Mitfühlen und -leiden, sondern mild-tätig zu sein. Die christliche Tugend Caritas ist tätige Nächstenliebe - weltlich gesprochen Hilfsbereitschaft, Solidarität, Soziales Engagement. 

Die Kirchenväter haben aus Mt 25,34-46 sieben leibliche Werke der Barmherzigkeit abgeleitet: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote bestatten. Eine solche, ich möchte es „offensichtliche“ samaritanische, Barmherzigkeit nenne, die sich von dem zweiten subtileren Aspekt im zweiten Teil unterscheidet, wird in dem unserem Losungstext vorausgehenden Abschnitt beschrieben:

In der sog. lukanischen Feldrede (Lk 6, 12 ff., ein Paralleltext zur Bergpredigt im Mathäusevangelium 5-7) lehrt Jesus seine Kerngedanken und legt die Thora neu aus. Er hat die Nacht im Gebet auf dem Berg verbracht und steigt herab auf ein Feld, erwählt seine 12 Apostel, heilt und lehrt. Statt der neun Seligpreisungen der Bergpredigt (darunter selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen) sind hier vier Seligpreisungen, die sich an Jesu Anhänger in der Situation der Verfolgung wenden: selig seid Ihr, die ihr jetzt… arm seid, hungert, weint und verfolgt werdet…denn Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Es folgen das Gebot der Feindesliebe mit der Aufhebung des „Wie Du mir so ich Dir“, die in der Forderung gipfelt, auch die andere Wange hinzuhalten, weil, darauf weist Jesus mehrfach hin, es keine Kunst ist, zurück zu lieben oder zu geben, was vereinbart, verdient oder zurückgegeben wird. In Vers 31 steht eine Fassung der Goldenen Regel „Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun, tut ihnen gleicherweise.“ Der Überleitungssatz zu unserer Jahreslosung lautet: „So wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

2.

Es ist ein schöner Mut- und Hoffnungsgedanke, dass wir uns auch vom Guten anstecken lassen und andere damit anstecken können, nicht nur von Corona oder von Hass und Angst und Wut. Ob wir alle die Verschwörungstheoretiker, Wutbürger und Querdenker anstecken können, weiß ich nicht. Barmherzigkeit ihnen gegenüber fängt zumindest mit einer Haltung an, die deeskaliert und dankbar feststellt, was wir in Deutschland haben an Sozialstaat, Krankenfürsorge, Wissenschaft und finanzieller Solidarität, ohne zu verzichten, auf die Lücken und blinden Flecke unseres Staates hinzuweisen: auf Kinder und Jugendliche, Obdachlose, Geflüchtete, kleine Selbständige, Künstler*innen und andere, an denen die staatlichen Wirtschaftshilfen vorbei gehen, und wir für Solidarität in der Pandemie in Europa und in der ganzen Welt eintreten.

Barmherzigkeit bedeutet für Christ*innen, auch über Schwächen, Unverfügbares und den Tod zu reden. Die sieben Werke der Barmherzigkeit zeigen, dass Überleben und ökonomische Sicherheit systemrelevant sein mögen, dass es für ein menschenwürdiges Leben aber noch andere Werte braucht. Die Diskussion um die gelebten Werte in unserer Gesellschaft sollten wir auch nach der erhofften Besserung in einer Nachbetrachtung der Krise noch einmal führen.  

Aber so furchtbar das Jahr war, so ist zugleich so viel Gutes und Barmherziges durch viele Menschen in Gesellschaft und Kirche sichtbar geworden. Was haben wir in den letzten Jahren des relativen Überflusses und der Zufriedenheit große Wörter von Gemeinwesendiakonie, Sozialraumgestaltung geschwungen und sogar ein Jahr der Freiräume ausgerufen, in dem wir hinterfragen wollten, welche alten Gewohnheiten sich überlebt haben und welche neuen Ideen viel wirksamer sind. Aber in diesem Jahr der Beschränkung und der Not und Angst haben wir gesehen, wie viele Herz geöffnet waren und der manchmal vielleicht etwas zu sehr auf die aktive Kernkirchengemeinde fokussierte Blick geweitet wurde. Hinausgehen, Schauen, was Not tut und wie möglichst viele Menschen im Quartier erreicht werden können und dabei mit anderen aus Kommune, Vereine, Schulen etc. zusammenarbeiten. Persönliche Briefe, Besuche am Gartenzaun und vor dem Fenster des Pflegeheims, Gottesdienste im Internet, Autokino und vom Traktor, Bildungsräume in Gemeindesälen für Kinder, die nicht mit technischer Ausrüstung und Homeschoolingexperteneltern gesegnet sind. Das kann Hoffnung geben für die Veränderungen, die in den kommenden Jahren auf uns zukommen werden. Wenn wir neue Wege gehen müssen, um auf die schwindenden Kirchenmitgliederzahlen und Finanzmittel zu reagieren, wenn wir die vielfältigen spirituellen Bedürfnisse der Menschen betrachten und andere und zusätzliche Formen kirchlichen Lebens finden müssen, wenn wir angesichts der religiösen und weltanschaulichen Pluralität in der Gesellschaft andere Felder sozialen und diakonischen Handelns entwickeln müssen. Wir können aus dem letzten Jahr lernen, Mut in die Zukunft zu haben und vertrauen, dass etwas entstehen kann, womit wir nicht rechnen können, weil Jesus Christus bei uns ist.

 

Teil II Vom Umgang mit dem Nächsten – Nicht-Richten und Vergeben 

1.

Zu den sieben leiblichen Werken sind sieben geistliche hinzugekommen: Unwissende lehren, Zweifelnde beraten, Trauernde trösten, Sünder zurechtweisen, Beleidigern gern verzeihen, Lästige geduldig ertragen, für Lebende und Verstorbene beten. Spannend, dass nur das „Beleidigern gern verzeihen“ die nach dem Losungswort folgenden Konkretisierung Jesu aufnimmt und das „Sünder zurechtweisen“ eher kontra gibt. Denn Jesu Worte rufen vielmehr den verlorenen Sohn und die Ehebrecherin auf: 37 f. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Eine Anfechtung für meinen gelernten Berufsstand? Sollen etwa menschliches Miteinander nicht geregelt, Übertretungen weltlicher Gesetze nicht sanktionieren werden? - Widerstand meldet sich! Daher zuerst die Relativierung: 1. In der Auslegung werden zuweilen die Kategorien von Moral, Gnade Gottes und weltlichem Gesetz miteinander verwechselt. 2. Vorsicht vor Instrumentalisierung. 3. Manche Menschen glauben, unser Rechtssystem sei auf dem biblischen Stand stehen geblieben. So hat Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) dieser Tage zur Jahreslosung gesagt: "Barmherzigkeit ist die notwendige, emotionale Ergänzung zu Recht und Gerechtigkeit…Eine Herrschaft allein des Rechts führe zur höchsten Ungerechtigkeit, liest man bei Cicero.“ In ähnlicher (traumatischer) Weise hatte mich kurz nach meinem Amtsantritt im Landeskirchenamt ein Betroffener in einem Disziplinarverfahren aufgefordert: „Frau Springer, das dürfen Sie nicht rechtlich sehen, das müssen Sie menschlich sehen.“

Jesus wollte in unserer unerlösten Welt wohl keinen rechtsfreien Raum. Anders ausgedrückt: Das Gegenteil von Recht ist in einem demokratischen und freiheitlichen Rechtsstaat nicht Freiheit, sondern Willkür. Recht, das von demokratisch gewählten Volksvertreter*innen gesetzt wird, sichert ein Zusammenleben, in dem maximale Freiheitsräume für alle gewährleistet werden und niemand über dem Recht steht. Kirchliche Instrumentalisierung ist, wenn – wie uns Opfer von sexueller Gewalt im Raum der Kirche aus früheren Zeiten berichtet haben - unter Hinweis auf vermeintliche Christenpflicht Vergebung für den Täter und Verzicht auf Verfolgung gefordert wurde, noch dazu, ohne dass dem ein ehrliches Bereuen, Einstehen und Wiedergutmachungsbemühen gegenüberstanden. Und schließlich sind Gerechtigkeit bzw. Recht und Barmherzigkeit heute gerade kein Gegensatzpaar mehr. Die sprichwörtliche Gnade vor Recht spielt im deutschen Justizwesen quasi keine Rolle, weil christliches Menschenbild und Menschenwürde Elemente der Barmherzigkeit an vielen Stellen in die Rechtsetzung und Rechtsfindung integriert haben. So sehen gesetzliche Ermessensspielräume eine Bewertung der Einzelfallumstände, bei der Strafzumessung können alle denkbaren Gesichtspunkte der Biographie, Tatmotive und -begehung oder das Verhalten nach der Tat mildernd berücksichtigt werden; Freiheitsstrafe kann zur Bewährung ausgesetzt werden. 

Das Nicht-Richten, Nicht-Verurteilen und Vergeben ist vielmehr eine Haltungsfrage des „…der werfe den ersten Stein“, oder mit dem Bild in den Versen 40 ff. der Splitter im Auge des Bruders und dem Balken im eigenen Auge. Es geht um gekränkte Ehre, falschen Stolz, moralische Überheblichkeit, um Rechthaberei und dem Verharren in Vergangenem, das einen Neuanfang in Beziehungen hindert. „Ich will nur mein Recht“ habe ich im Gerichtssaal häufig gehört. Warum eigentlich? Meistens stecken ganz andere Verletzungen und Bedürfnisse dahinter, denen man nicht mit Recht, sondern mit wechselseitiger Herzensoffenheit begegnen kann.  

2.

Im vergangenen April hat Bundesgesundheitsminister Spahn den Barmherzigkeitssatz des Jahres ausgesprochen: „Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.“ Wir könnten das, wenn wir Sonntagsbegriffe wie „Fehlerkultur“ und „Lerngemeinschaft“ ernst nehmen, verständnisvoll mit echten Fehlleistungen und Auffassungen von richtig und falsch umgehen und von den Herrn Drosten, Streeb und Kekulé lernen, dass Nichtwissen eine Tugend sein kann. Wir könnten üben, Geduld mit uns und anderen dünnhäutig Gewordenen zu haben, denn es wird noch dauern mit der Normalisierung und in der unsicheren und verwirrenden Lage wird es noch manche Ungerechtigkeit geben.

Wir haben im letzten Jahr auch in der Kirche miteinander gerungen und unterschiedliche Auffassungen sind aufeinandergeprallt:

  • Weihnachtsgottesdienste feiern und wenn ja, wie, oder ganz absagen (Nulltoleranz oder Risikominimierung)?
  • Soll das Landeskirchenamt klare und einheitliche Regeln vorgeben oder soll vor Ort entschieden werden?
  • Sollen Seelsorgende in die Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Gefängnisse gehen oder nicht?
  • Haben in der ersten Zeit des lockdown die Hauptamtlichen dominiert und die Ehrenamtlichen nicht genügend einbezogen?

Gesellschaftlich nenne ich nur die Diskussion um die Rangfolgen für Triage und Impfungen oder aktuell die Diskussion, ob Geimpfte mehr dürfen sollen, bevor nicht Allen eine Impfung angeboten werden kann.

Ich habe vorhin von den bevorstehenden Umbrüchen in unserer Kirche gesprochen. Wir werden auch offene Herzen füreinander brauchen, damit nicht unversöhnliche Fronten entstehen zwischen traditionell und neu, Stadt und Land, gebunden und ungebunden. 

Dabei kann uns unsere abendländische Dualität im Weg stehen mit der aristotelischen Logik, wonach eine Aussage nur richtig oder falsch sein kann und eine Eigenschaft einem Gegenstand nicht zugleich innewohnen und nicht innewohnen kann.

Daher mache ich Ihnen als Neujahrstipp jetzt keine Yogaübungen für Herzöffnungen vor. Ich erzähle Ihnen von einer hilfreichen Entscheidungsmethode aus der indischen Logik, die in einem Dilemma eine gedankliche Öffnung für ungeahnte Möglichkeiten schafft. Das Tetralemma spielt mit vier (sogar fünf) Varianten, um Lösungen zu ertasten, auf die man bei Richtig/Falsch oder A/B nicht gekommen wäre. Versuchen Sie es bei Orts-, Berufs-, Partnerwahl…oder Corona-Gottesdiensten. Sie legen vier Zettel auf den Boden im Quadrat, stellen sich nacheinander auf jeden Zettel und fühlen, was das Herz dazu sagt. Auf dem ersten Zettel steht „das eine“, auf dem zweiten „das andere“, dem dritten „sowohl als auch“ und auf dem vierten „weder/noch“. Und dann können Sie fünftens alles noch ganz von außen betrachten: „all dies nicht und selbst das nicht.“ Versuchen Sie es einmal. 

Und die Barmherzigkeit Gottes, welche höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu!

Amen