Predigten von Pastorin Schmid-Waßmuth

Gnade sei mit Euch und Frieden von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, 

wenn ich - wie neulich - durch das Fotoalbum meiner großen Tochter blättere, muss ich schmunzeln. Bilder zeigen, wie sie in ihrem Zimmer Adventsbasar spielt oder Schule. Wie sie konzentriert auf den ausgeschalteten Monitor von Papas Computer schaut und ihre Finger auf der Tastatur auf und ab hüpfen lässt. Herrlich auch, wie sie mit weißem Socken im Kragen ihren Stofftieren predigt. 

Kinder ahmen im Spiel die Erwachsenen nach, die sie um sich herum erleben. Sie schlüpfen in ihre Rollen und probieren ihr Verhalten aus. 

Warum ich das erzähle? Im für heute vorgeschriebenen biblischen Text geht es ebenfalls ums Nachahmen. 

Ich lese aus dem Brief an die Epheser aus Kapitel 5 die Verse 1 und 2, 8 und 9:

„So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“

„So ahmt nun Gott nach…“ Puh! Wer kann das schaffen? 

Die Nachahmung Gottes – die Imitatio Dei – das fordert schon das Alte Testament und ist auch jüdische Theologie: Es ist die ethische Aufforderung, genauso barmherzig, freundlich und geduldig zu sein wie Gott. Begründet wird sie damit, dass wir nach dem Bild Gottes geschaffen sind. Aber wir sollen uns nicht anmaßen Gott zu sein. Und wir sollen nicht Gott spielen. Wir sollen ihm in vielen seiner Eigenschaften gleich werden: nämlich barmherzig, freundlich und geduldig.

Aber wie kann das gehen, wie kann ein Geschöpf es dem Schöpfer gleichtun? Wie kann ich Mensch so gut sein wie Gott? Das ist doch unmöglich! 

Ahmt Gott nach, tut es Christus gleich – ja klar, das ist Nachfolge, Jüngerschaft. Nach den Werten zu leben, die Jesus uns vorgelebt hat, das macht Christsein nicht ausschließlich, aber eben wesentlich aus. Da ist der Zuspruch der Liebe Gottes und der Vergebung. Und da ist zugleich der Anspruch, Nächstenliebe zu üben und selbst zu vergeben. 

„Nachfolge“ – Das ist der Titel eines Buches von Dietrich Bonhoeffer. Und wir Theologinnen und Theologen sind schnell dabei, Bonhoeffer zu zitieren. Ich habe bei der Vorbereitung einmal mehr nach dieser Auslegung der Bergpredigt durch den berühmten Widerstandskämpfer gegriffen. Aber diesmal habe ich es mit der Frage durchgeblättert: Was sagt Bonhoeffer eigentlich über das Scheitern? 

Es ist ein Buch, das immer noch mit Gewinn zu lesen ist. Aber ich habe - auf die Schnelle - dazu nichts gefunden. Er stellt dar, was Nachfolge bedeutet. Es gibt nur ganz oder gar nicht. Wirklich Christ sein heißt, sich nur an Jesus Christus zu binden und alles und jeden anderen hinter sich zu lassen. So wie wir es in der Lesung gehört haben. Rück-Sicht auf die, die mir nahestehen – nein! Nachfolge geht vor. Ganz oder gar nicht! Und Bonhoeffer: ganz. Wenn von Bonhoeffer die Rede ist, dann komme ich mir immer sehr klein vor. Glauben wie er, so bedingungslos, bis in den Tod. Er ist ein Vorbild - das mich überfordert.

Liebe Gemeinde, ich bin froh, dann neben dem hohen Anspruch – „so ahmt nun Gott nach und wandelt in der Liebe wie Christus uns geliebt hat“ – dass daneben auch die liebevollen, ja, leichten Töne im Bibeltext stehen: Als Kinder werden wir angesprochen, als von Gott geliebte Kinder.

Ich erinnere mich: Im Kunstunterricht. Bildnerisches Gestalten. Meine Kunstlehrerin, Frau Borsch, zeigte uns, wie wir aus Ton eine Figur formen sollten. Mit raschen Handbewegungen knetete und drückte sie das weiche Material. So erstand in wenigen Minuten vor unseren Augen eine vollendete kleine Statue. Es sah eigentlich ganz leicht aus. 

Dann waren wir dran. Doch so oft ich es auch probierte, ich scheiterte immer wieder kläglich. Also, meine Figur ähnelte mit viel gutem Willen mehr einem Bär als einem Menschen. 

Sie können sich vorstellen, wie ich mit Bangen meiner Note entgegensah. Zu meiner Überraschung hieß es: „Du hast eine 2!“ 

Ich ging gleich nach der Stunde zu meiner Kunstlehrerin. „Sie haben mir aus Versehen eine Zwei gegeben“, erklärte ich ihr. Aber sie lächelte: „Die Zwei stimmt schon. Denn was Du gemacht hast, war gut.“ „Meine Versuche sahen alle schrecklich aus!“, warf ich ein. „Aber darauf kam es mir nicht an“, erklärte sie mir. „Mein Ziel ist nicht, dass Du als Zwölfjährige in kürzester Zeit das Gleiche schaffst, wie ich es kann. Ich will, dass Du verstehst, worauf es ankommt und es immer wieder probierst! Dass Du Dich mit ganzem Herzen und ganzer Kraft darauf konzentrierst. Dass Du Fortschritte machst. Nicht mehr und nicht weniger.“

Soweit wie meine Kunstlehrerin habe ich es tatsächlich nie geschafft. Und so barmherzig und freundlich, so gerecht und wahrhaftig wie mein Schöpfer werde ich natürlich auch nie sein. Aber das kann ich tun: Es wirklich wollen und mich mit ganzem Herzen und ganzer Kraft der Liebe meines Nächsten widmen.  

Und übrigens: In unserem Bibeltext ist noch vom Licht Sein die Rede. Nicht vom „Licht Werden“. „Nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.“ Wir sind es schon, beschienen von der Sonne, von Ihm. Ich muss nicht aus mir selbst heraus leuchten. 

So geht „als Kinder des Lichts“. Und es wird so sein, ganz wie von selbst, Ihr werdet es sehen: „Die Frucht des Lichts wird lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“ sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen. 

Predigt für Palmarum 2021, 28.3.2021, St. Martin

Liebe Gemeinde, waren Sie gestern draußen? Ziemlich wechselhaft war das Wetter. Oft bedeckt und dann auch wieder strahlend blauer Himmel. 

Wolken ziehen beständig über den Himmel. Weit entfernt, doch immer im Blick. Sie ziehen vorüber, mal viele, mal wenige. 

Von einer Wolke spricht der unbekannte Verfasser des Hebräerbriefes im Neuen Testament. Von einer „Wolke von Zeugen“. Und er zählt einige dieser Zeugen im 11. Kapitel auf. Hier sind nur ein paar zu nennen: 

11,7 Durch den Glauben hat Noah Gott geehrt und die Arche gebaut zur Rettung seines Hauses. Denn er empfing ein göttliches Wort über das, was man noch nicht sah. 

11,8 Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, an einen Ort zu ziehen. Und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. 

11,11 Durch den Glauben empfing auch Sara die Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters. Denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte. 

11,27 Durch den Glauben verließ Mose Ägypten. Er fürchtete nicht den Zorn des Königs. Er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn. 

Durch den Glauben sang Frau Bicknese laut die Choräle in den Andachten mit. Unglaublich, wie viele die ehemalige Gemeindeschwester auswendig konnte. Längst lebte sie im Altenheim und trug die Strophen bis hinten in ihre Ecke des Andachtsraumes, wo sie immer saß, hinein. Sie hoffte, dass die gesungenen Worte in den Seelen ihre Wirkung entfalteten.

Durch den Glauben tippte der junge Theologiestudent jeden Abend Namen in seinen Computer. Er stellte sie in seinen Blog. Es war stets eine lange Liste von Menschen, die ihm am Tag begegnet waren. Menschen, die er kannte und von denen er in der Zeitung las... So befahl er sie Gott an. Doch er wusste oft nicht, wie es ihnen erging. 

Durch den Glauben….

Welche Glaubenszeugen fallen Ihnen ein? Menschen, die Ihnen Glauben vorgelebt haben. Menschen, deren Glauben Sie beeindruckt hat. 

Von vielen Glaubenszeugen unserer Zeit könnte ich erzählen. Auch aus unserer Gemeinde. 

Solch eine große Wolke von Zeugen brauchen wir um uns herum! Biblische Glaubenszeugen und die Zeugen unserer Zeit. Die, die weit weg sind, und die ganz nah bei uns. Zeugen, die von ihrer Hoffnung erzählen und danach handeln. Zeugen, die uns begleiten, egal, wie erfolgreich ihr Leben und Handeln zu Lebzeiten letztlich war oder ist. Die uns Vorbild sein können. Die uns eine Idee geben, was aus Glauben entstehen und wo er hinführen kann. So eine Wolke will ich stets über meinem Kopf haben!

Eine Wolke leitete das Volk Israel durch die Wüste. In der Wolke ging Gott selbst ihren Weg voran am Tag. In einer Feuersäule führte er sie des nachts. So geleitete er sie durch die Wüstenzeit. 

Seit heute feiern Juden auf der ganzen Welt das Pessachfest. Sie gedenken der Befreiung Israels aus Ägypten. Gott führte sie trockenen Fußes durchs Schilfmeer. Hinter ihnen schlugen die Wellen über den Ägyptern zusammen. 

Sie feiern, dass Gott in jeder neuen Bedrohung bei ihnen ist, zu jeder Zeit. Sie vertrauen, dass Gott sie rettet. Auch heute. 

Betrachten wir die Großwetterlage, droht uns die dritte Welle dieser Pandemie. Sie baut sich bereits auf, schwillt an. Was wird passieren? Wie schlimm wird es werden? Wie steuern wir dagegen? Die Ungewissheit ist schwer auszuhalten, und die Einsamkeit so vieler, die nun weiter anhält. Die hohe Belastung nicht nur der Medizinerinnen und Pfleger, sondern auch so vieler anderer!

Das Unheil bahnt sich bereits an, am Palmsonntag, als Jesus in Jerusalem einzieht. Hinter der ersten Reihe der „Hosianna“ Rufenden stehen schon die Pharisäer und flüsterten miteinander. Eine Zeit größter Einsamkeit für Jesus folgt bald auf den fulminanten Einzug: Verrat, Gefangennahme und Verleugnung, Verhör und Verurteilung. Und seine Hinrichtung. Jesus ahnt seinen Tod - und reitet weiter, durch den Glauben. 

Aber was heißt das denn: durch den Glauben? Warum „durch“?

Man könnte wohl genauso sagen: Im Glauben stehend. Auf den Glauben bauend. Aufgrund, wegen des Glaubens. Mit Glauben, unter Glauben, aus dem Glauben heraus.

Und „Glauben“? Glauben heißt, mit einem Versprechen zu leben. Einem Versprechen, das Gott Dir gibt. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Glauben heißt, mit einem Versprechen zu leben.

Durch den Glauben erduldet Jesus alles. Er lebt mit dem Versprechen Gottes. So fängt Glauben an. Und so vollendet er sich. Mit dem Versprechen Gottes. 

Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben:
Noah und Sara, Frau Bicknese und den Theologiestudenten,
weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben,
lasst uns ablegen alles, was uns beschwert.
So lesen wir im Hebräerbrief.
Lasst uns ablegen die Sünde, die uns umstrickt.
Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist.
Und lasst uns aufsehen zu Jesus,
dem Anfänger und Vollender des Glaubens.
Damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.
Damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.  

 

Vor ein paar Tagen, da war es ganz schön stürmisch. Wissen Sie noch? Blumentöpfe sind über die Veranda gerollt. Auf den Gehwegen lagen später dicke Äste. Letztendlich alles halb so wild. 

Aber habt Ihr, haben Sie schon mal einen Sturm auf See erlebt? Auf einem Boot? 

Wir waren mal auf einem Segeltörn in Dänemark, Freunde und ich. Es hat total viel Spaß gemacht. Jedenfalls bis wir vom Sturm überrascht worden sind. 

Wir hatten die Nacht durchsegeln und zum Frühstück in Visby auf Gotland sein wollen. Ich weiß es nicht mehr: Hatten wir die Wettervorhersage vorher nicht gecheckt? Jedenfalls hat es uns kalt erwischt. Ein Sturm zog auf, als wir schon ganz weit draußen waren. Also Rettungswesten an, gut sichern, einer am Ruder, einer guckt mit. Stockdunkle Nacht. Die Yacht hatte ganz schön Fahrt. Mir war mulmig. Krampfhafter Blick nach vorn: Nichts als dunkles Wasser, schwarze Nacht. Ganz weit weg Kreuzfahrtschiffe. 

Ich saß steuerbord, und mit einem Mal sauste eine Boje nur eine halbe Armlänge an meinem Gesicht vorbei. Keine von den niedlich kleinen, runden aus Kunststoff. Eine große, aus Metall. Wir hatten sie nicht gesehen. 

Wir hätten sie genauso gut frontal treffen können. Ein paar Zentimeter weiter rechts, und dann? Dann hätten wir Schiffbruch erlitten. Im wahrsten und gefährlichsten Sinne des Wortes. 

Ob ich dann heute hier stände? 

Strophe 1

1. Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit. Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes Ewigkeit.
Das Schiff, es fährt vom Sturm bedroht durch Angst, Not und Gefahr, Verzweiflung, Hoffnung, Kampf und Sieg, so fährt es Jahr um Jahr. Und immer wieder fragt man sich: Wird denn das Schiff bestehn? Erreicht es wohl das große Ziel? Wird es nicht untergehn?

Kehrvers: Bleibe bei uns, Herr! Bleibe bei uns, Herr,
denn sonst sind wir allein auf der Fahrt durch das Meer. O bleibe bei uns, Herr!

Das Lied haben wir vorgestern im Konfer mit Euch gesungen. Wir singen es heute im ersten Gottesdienst, an dem wir wieder gemeinsam singen. 

Denn wir waren in den vergangenen genau 15 Monaten unterwegs durch Angst, Not und Gefahr. Als Familien und als Einzelne, als Jugendliche, als Kinder und als Erwachsene, als Gemeinden, Schulen und Betriebe.

Und ja, noch ist dieser Sturm, ist die Pandemie auch nicht vorbei…. 

Verzweiflung und Hoffnung haben sich von Welle zu Welle abgewechselt. Das war anstrengend. 

So mancher hat um sein Leben gerungen, und viele sind gestorben. 

Nicht wenige sind wirtschaftlich untergegangen, haben ihre Lebensgrundlage verloren, alles was sie sich aufgebaut haben. Ich kann nur ahnen, wie bitter das ist.

Wir haben als Gemeinde, als Kirche Jesu Christi oft gebetet – für uns und für unsere Gesellschaft: „Bleibe bei uns, Herr!“ Ein Satz, den die Jünger von Emmaus zum auferstandenen Jesus gesagt haben. Sie waren mit ihm auf dem Weg, aber erkannten ihn nicht. Sie erwarteten ihn nicht, war er doch am Kreuz gestorben. Und als sie erkennen, dass es Christus ist, bitten sie ihn: „Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden.“ 

Mancher kennt vielleicht das Gesangbuchlied oder die Bach-Kantate dazu.

Viele haben sich in den vergangenen 1 1/4 Jahren gefragt: „Wo bleibt denn unser Gott, warum lässt er all das zu?“ All das Sterben, die Einsamkeit. Und diese Frage ist berechtigt. 

Ich kann keinen Sinn in der Pandemie sehen, keinen Willen Gottes darin erkennen. Ich kann nur hie und da sehen, wie Er doch da war in diesen Zeiten, oft unerkannt wie Christus von den Emmausjüngern. 

Ging Ihnen das auch so? Wo haben Sie Gottes Mit-und-Sein in diesen Zeiten erlebt?

Ich habe seine Nähe erfahren, 

  • als Wissenschaftler*innen in Rekordzeit einen Impfstoff entwickelten, 
  • wenn Menschen Corona überlebt haben und gesund wurden, 
  • immer wenn Nachbarn füreinander eingekauft 
  • und Lehrende sich für Ihre Schüler*innen über die Maßen engagiert haben, 
  • wenn Seelsorger*innen zu jeder Zeit auf die Covid-19-Stationen gegangen sind 
  • und wenn Pflegende sich unermüdlich für Ihre Patientinnen eingesetzt haben, 
  • wenn Gemeindeglieder einander angerufen haben 
  • und Jugendliche Älteren geduldig die Technik ihres Smartphones oder IPads erklärt haben. 

Da zeigte sich für mich Gottes Geist in seinen Menschen, Gottes Gegenwart mitten unter uns. Und ich hatte Hoffnung, dass wir nicht untergehn.

Strophe 2

2. Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, liegt oft im Hafen fest, weil sich’s in Sicherheit und Ruh bequemer leben lässt.
Man sonnt sich gern im alten Glanz vergangner Herrlichkeit, und ist doch heute für den Ruf zur Ausfahrt nicht bereit.

Doch wer Gefahr und Leiden scheut, erlebt von Gott nicht viel. Nur wer das Wagnis auf sich nimmt, erreicht das große Ziel!

Kehrvers

Seid Ihr Konfis eigentlich mutig? Schwer so zu sagen, oder? Es kommt wohl auf die Herausforderung an.

Unser Schiff, dass sich Gemeinde nennt, und die ganze Flotte evangelische Kirche sonnt sich schon länger nicht mehr im Glanz vergangner Herrlichkeit. Und dennoch gleicht das Schiff nach außen gewiss oft Kirche mehr einem behäbigen Dampfer als einem schnellen Rennboot. In manchem zur Ausfahrt nicht bereit. Es ist ja auch für uns als Einzelpersonen schwer, die Komfortzone zu verlassen. 

Aber wir wollen auslaufen und auf große Fahrt gehen. Nur wer wagt, gewinnt. Die Pandemie hat uns da noch einmal mehr Beine gemacht. Sie hat die Digitalisierung in der Gemeinde vorangetrieben und sie hat Ehren- wie Hauptamtliche sehr kreativ werden lassen. Frau Luber und ich sind nun z.B. fit in Konfer als Videokonferenz. Auch Kindergottesdienst gab es im Videoformat und in Tüten. 

Aber ehrlich gesagt, wir sind froh, uns mit Euch Jugendlichen jetzt wieder analog treffen zu können. Bei unseren ersten drei Treffen konnten wir Euch schon ein wenig kennenlernen. Das wäre so über Zoom nicht gegangen. Ich gebe zu, ich kenne noch nicht alle Namen. Das ist bei Zoom einfacher… Aber das geht Euch bestimmt genauso. Aber - ich weiß, wer gerne Fisch isst oder nascht, wer Fußball spielt und wer segelt, dass viele Klavier spielen können und dem Laufen oder Joggen nicht abgeneigt sind, wer auf eine besondere Art malt, wer näht und wer backt und wer Trampolin springt uvm. 

Es ist spannend, all Eure Gaben zu entdecken. Und bald vielleicht sogar welche, die Ihr selbst noch nicht kennt. Und ich bin sicher, wir werden schnell merken, dass wir uns alle gut ergänzen, mit dem was wir können und gerne tun. Und dass es in unserer Konfigruppe schon so ist, wie in der gesamten Gemeinde: - Die Lesung handelte davon. - Wir sind ein Leib mit vielen verschiedenen Gliedern. Der eine kann dies, die andere das, und alles zusammen funktioniert nur mit allen gut. Wir brauchen einander. Die Hand nützt ohne Auge nichts. Der Fuß nichts ohne Kopf. 

Strophe 3

3. Im Schiff, das sich Gemeinde nennt, muss eine Mannschaft sein, sonst ist man auf der weiten Fahrt verloren und allein.
Ein jeder stehe, wo er steht, und tue seine Pflicht,
wenn er sein Teil nicht treu erfüllt, gelingt das Ganze nicht.

Und was die Mannschaft auf dem Schiff ganz fest zusammenschweißt in Glaube, Hoffnung, Zuversicht, ist Gottes guter Geist.

Kehrvers

Ihr habt Euch uns auch vorgestellt auf Euren Matrosenfiguren. Hier vorne kleben sie auf dem Schiff, das sich Gemeinde nennt. Heute begrüßen wir Euch offiziell an Bord. 

Zu einer Schiffsmannschaft werden wir im Laufe der Zeit noch. Zu einer Gemeinschaft, die sich gemeinsam im Glauben und in der Hoffnung übt und dasselbe Reiseziel hat. Und ich meine damit nicht die Konfirmation. Sie ist aber ein wichtiges, großes Etappenziel, keine Frage!

Von der Pflicht haben wir gerade gesungen, die eine jede zu tun hat auf dieser Reise. Stimmt, davon haben wir Euch gleich in der ersten Stunde viel erzählt. Was Ihr alles tun und was Ihr beachten müsst. 

Aber von den Privilegien, den Vorzügen, die ihr als Konfirmand*innen habt, davon war noch zu wenig die Rede.

Wir fahren vier Tage miteinander auf Freizeit – und von manchen Teamern höre ich, dass sie nur Teamer geworden sind, um diese legendären Konfifreizeiten weiter mitmachen zu können… 

Wir gehen mit Euch in den Turm von St. Martin, wo die Glocken hängen und die Falken wohnen. Und ins Gewölbe gehen wir, ein Dachboden der besonderen Art, wie Ihr ihn garantiert noch nie gesehen habt. Ich finde, das ist der geheimnisvollste Ort von ganz Nienburg. 

Während der Praktika schaut Ihr hinter die Kulissen und erfahrt Dinge, die nur wenige andere wissen. 

Ihr gestaltet Gottesdienste selbst und dürft in jede Rolle schlüpfen, die Ihr dabei ausprobieren wollt. 

Ihr lernt die Menschen und ihre Lebensgeschichten kennen, für die die Stolpersteine stehen. Das sind die goldenen Pflastersteine im Boden von der Langen Straße z.B. Und wir sprechen mit Mitarbeitenden von Fundus und der Herberge zur Heimat. Und vieles andere mehr. 

Wir machen viel zusammen. Und ich hoffe, dass Ihr Jugendlichen dabei etwas von dem erlebt, was uns auf dem Schiff Gemeinde antreibt und im Leben trägt: Unser Glaube, unsere Hoffnung, unsere Zuversicht, Gottes guter Geist. 

Strophe 5

5. Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit. Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes Ewigkeit.
Und wenn uns Einsamkeit bedroht, wenn Angst uns überfällt:
Viel Freunde sind mit unterwegs auf gleichen Kurs gestellt.

Das gibt uns wieder neuen Mut, wir sind nicht mehr allein. So läuft das Schiff nach langer Fahrt in Gottes Hafen ein!

Kehrvers

Und wenn ein Sturm kommt? 

Jesus war mit seinen Jüngern in einem Boot unterwegs. Da erhob sich ein großer Sturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon volllief. Und Jesus war hinten im Boot und hatte die Ruhe weg – er schlief. Seine Freunde weckten ihn und sagten: „Kümmert es dich nicht, dass wir hier umkommen?“ Und Jesus stand auf und sprach ein Machtwort und befahl dem tobenden Wasser: „Schweig! Sei still!“ Da legte sich der Wind und wurde ganz still. „Warum habt ihr solche Angst?“, fragte Jesus. „Habt Ihr denn immer noch kein Vertrauen?“

Je älter wir werden, um so mehr Stürme haben wir in unserem Leben erlebt. Umso dankbarer könnten wir eigentlich sein, um so mehr Vertrauen in Jesus Christus haben. Er macht nicht immer wieder alles gut, er verhindert manche Havarie – zum Beispiel die zu Beginn erzählte, aber nicht jede. Er heilt nicht alle Sturmschäden. Aber den Sturm stillt er, wieder und wieder. Und wie ein guter Kapitän bleibt er bei seiner Mannschaft. Immer. Amen.

 

Ein ganz normaler Morgen. In der Dusche. Man fischt nach dem Handtuch – aber es liegt auf dem nassen Boden. 

In der Küche. Der Toaster funktioniert nicht. Und der ungetoastete Toast geht unter der harten Butter kaputt. Zu allem Überfluss tropft auch noch Marmelade aufs frische Shirt. Und draußen fängt es natürlich an zu regnen. Auch danach geht alles schief. 

So beginnt das Video von Mark Forster zu seinem Lied „Es wird gut, sowieso“. 

Kennt Ihr, kennen Sie das? Diese Tage, an denen einfach alles schief geht?! 

An diesen Tagen hast Du genau zwei Möglichkeiten: Entweder Deine Laune sinkt sowas von in den Keller, und der Tag ist für Dich gelaufen. 

Oder Du pfeifst drauf und fängst an zu tanzen – so macht es der Mann in Forsters Video. Er tanzt und alle tanzen mit. 

Es ist ein gute-Laune-Lied. Und das sieht man auf Eurem genialen Video richtig gut. Und es steckt an. Euer Video macht beim Anschauen richtig gute Laune. 

 

„Es wird gut, sowieso.“ 

Naja, im ersten Moment fand ich: der Titel klingt banal. 

Wir wissen doch alle: es wird nicht immer alles gut, schon gar nicht sowieso und einfach so. 

Aber ja, man kann oft etwas dafür tun, dass es gut wird. Das Beste aus einer Situation machen. Nicht aufgeben. Dranbleiben. Hoffen. 

Von den Amerikaner habe ich gelernt, anders an schwierige Situationen heranzugehen. Stellt sich ein Hindernis in den Weg, heißt es: It‘s not a problem, it‘s a challenge. 

Sehe ich ein „Problem“, lähmt es mich. Ich sehe dann eine große Mauer und denke nur: „Mist, eine Mauer, der Weg ist versperrt, keine Tür, ich komme nicht weiter.“ Ich gebe auf.

Sehe ich aber „eine Herausforderung“, wird mein Ehrgeiz geweckt: „Ok, eine Mauer. Wollen mal schauen, ob hier irgendwo eine Leiter ist oder mir jemand Räuberleiter machen kann.“Dann geht es nicht um das „Ob“, sondern das „Wie komme ich über die Mauer“. 

„Der Bizeps wächst vom Steuer-Rumgereiße“, habt Ihr gesungen. 

Herausforderungen wecken den Sportsgeist und bringen einen voran. Sportsgeist, den braucht es, um nicht den leichtesten Weg zu gehen. Nicht gleich aufzugeben. Und mit elf Freunden geht es gleich noch viel besser. (Oder 12 - fand Jesus.)

 

Und noch etwas braucht es: Vertrauen: in sich selbst und in Gott! Denn wenn Gott mir eine Herausforderung gibt, dann gibt er mir auch die Kraft, sie zu bewältigen. Er will nicht, das ich scheitere. „Denn ich weiß, was für Gedanken ich über euch habe, spricht Gott, Gedanken des Friedens und nicht des Unheils, um euch eine Zukunft und eine Hoffnung zu geben.“ Schöner Vers aus dem Jeremiabuch by the way. 

 

Noch schöner finde ich den, der über der Tür unseres Gemeindehauses nebenan steht. Habt Ihr den mal gesehen? „Denn Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Aus dem 2. Timotheusbrief (1,7).

Das war uns in der Gemeinde gerade in dem zurückliegenden Ein-und-ein-Viertel Jahr sehr wichtig. „Denn Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Auch die Kraft, uns von dem Druck zu befreien, der uns einengt.

 

Naja, wird die eine oder der andere von Euch denken: Aber oft kann man eben nichts machen. Dann lässt sich die „Herausforderung“ nicht bewältigen. Da hilft einem keine „Kraft, Liebe und Besonnenheit“ mehr. Dann ist der Zug abgefahren! Man kann es nicht ändern. 

 

Apropos Zug: „Bin mehr so Zugverspätung“ – diese Redewendung werde ich ab sofort in mein aktives Sprachvokabular aufnehmen! Mein Leben lief bisher auch nicht ICE-mäßig, mit passgenauen Anschlüssen ab. 

Ich wusste nach dem Abi nicht genau, was ich machen will. Und ich habe die Richtung und das Studienfach zwischendrin geändert. Aber egal, es wurde gut sowieso. 

 

Dabei macht es mich eigentlich wahnsinnig, wenn der Zug mal wieder zu spät kommt und nichts vorwärts geht, wie es soll. Mark Forster wohl nicht, der ist geduldig: „Ich habe keinen Stress mit Warten, geh auch durch schlechte Phasen. Ich bin geduldig und nehm‘ zum Schluss die besten Karten“, singt er. 

Finde ich gut: Er nimmt die Zeiten, in denen es nicht gut läuft, als Teil des Lebens an. „Ich geh auch durch schlechte Phasen.“ 

Total verliebt und sie hat sich getrennt? Man kann sich gar nicht vorstellen, dass das Leben nochmal gut werden kann. 

Den erträumten Studienplatz in Oxford nicht bekommen, stattdessen steht nun die Uni Gießen an? 

Nicht zu ändern. Egal, es wird gut, sowieso. 

Anders gut als erhofft. Nicht sofort gut. Aber irgendwann gut. Gott sei dank. 

 

Ach, übrigens: Wusstet Ihr, dass Mark Forster seinen Liedtitel „Es wird gut sowieso“ aus der Bibel hat? Ja, wirklich! Also, ja, Luther drückt das in seiner Übersetzung ein bisschen anders aus. Im Original steht da: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.“ = Es wird gut sowieso.
Absolut ein Grund zum Tanzen, finde ich. Amen.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, gemessenen Schrittes seid Ihr in die Kirche eingezogen. Ein Kindertrippeln war das jedenfalls nicht, kein ungestümes Laufen. Teils seid Ihr auf hohen Absätzen, teils auf neuen Ledersohlen hierhergekommen. 

In manchen Familien ist es üblich, dass die Töchter zur Konfirmation das erste Mal Absätze tragen. Und Söhne bekommen mancherorts das erste Paar schicke Lederschuhe. Das macht deutlich, dass die Konfirmation ein bedeutender Schritt in Richtung Erwachsenwerden ist. Es ist ein Schritt in die Selbstständigkeit, in die Freiheit.

Und ich glaube, so manche Eurer Eltern und Großeltern, Tante, Onkel und Paten sitzen heute hier mit einer überwältigenden Mischung aus Wehmut, dass Ihr nicht mehr die kleinen Kinder seid – und Stolz darauf, was aus Euch geworden ist. 

Neulich noch erzählte mir ein älterer Herr, wie sein Großvater   in der Woche nach der Konfirmation in St. Martin  seine Lehre begonnen hat. Sehr viel mehr als heute   war die Einsegnung damals   eine Zäsur im Leben junger Menschen. 

Aber auch für Euch ändert sich einiges mit der Konfirmation: 

Heute sagt Ihr Euer „Ja“ zum Glauben. Ihr seid dann Nachfolger Christi und Kirchenmitglieder aus eigener Entscheidung. Ihr seid religionsmündig. Von heute 10.30 Uhr / 12 Uhr an, könnt Ihr Taufpatin, Taufpate und Teamer in der Konfiarbeit werden. Außerdem könnt Ihr bei der nächsten Wahl die Mitglieder des Kirchenvorstandes wählen. 

Nun bedeutet jeder Schritt in mehr Selbstständigkeit und Freiheit auch ein Stück mehr Verantwortung. Ihr werdet zunehmend Erfahrungen des Scheiterns – aber genauso Erfahrungen des Gehalten- und Bewahrt- Werdens machen. Erfahrungen mit Eurem Glauben, Erfahrungen mit Jesus Christus. In Eurer Taufe hat er Euch versprochen: Ich bin bei euch alle Tage. Sein Mit-Euch-Sein wird immer deutlicher erlebbar, je mehr Ihr Eure Wege alleine geht und mutige Schritte auf neuen Wegen wagt. 

Apropos „mutige Schritte“. Liebe Festgemeinde, es gibt in der Bibel eine merkwürdige Geschichte. Der Evangelist Matthäus erzählt sie. Meist trägt sie die Überschrift: „Jesus geht über das Wasser“. Aber in einer Übersetzung, in der Basisbibel, da gibt es noch eine zweite Überschrift: „Petrus findet Halt bei Jesus“. 

Ich lese die Geschichte aus Matthäus 14, wie sie in der Basisbibel steht: 

Nach der Speisung der 5000 drängte Jesus die Jünger sofort in das Boot zu steigen. Sie sollten an die andere Seite des Sees vorausfahren. Er selbst wollte inzwischen die Volksmenge verabschieden. 

Nachdem er die Volksmenge verabschiedet hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Als es dunkel wurde, war er immer noch alleine dort. 

Das Boot war schon viele Stadien weit vom Ufer entfernt. Die Wellen machten ihm schwer zu schaffen, denn der Wind blies direkt von vorn. 

Um die vierte Nachtwache kam Jesus zu den Jüngern. Er lief über den See. Als die Jünger ihn über den See laufen sahen, wurden sie von Furcht gepackt. Sie riefen: „Das ist ein Gespenst!“ Vor Angst schrien sie laut auf. Aber sofort sagte Jesus zu ihnen: „Erschreckt nicht! Ich bin es. Ihr braucht keine Angst zu haben.“

Petrus antwortete Jesus: „Herr, wenn du es bist, befiehl mir, über das Wasser zu dir zu kommen.“ Jesus sagte: „Komm!“ Da stieg Petrus aus dem Boot, ging über das Wasser und kam zu Jesus. 

Aber auf einmal merkte er, wie stark der Wind war und bekam Angst. Er begann zu sinken und schrie: „Herr, rette mich!“ Sofort streckte Jesus ihm die Hand entgegen und hielt ihn fest. Er sagte zu Petrus: „Du hast zu wenig Vertrauen. Warum hast Du gezweifelt?“

Dann stiegen sie ins Boot – und der Wind legte sich. Und die Jünger im Boot warfen sich vor Jesus nieder. Sie sagten: „Du bist wirklich der Sohn Gottes!“ 

Liebe Gemeinde, mir fällt auf: Das Unglaubliche ist ja eigentlich, dass Jesus auf dem Wasser laufen kann. Und Petrus auch für eine Weile. Aber das schildert Matthäus nur in dürren kurzen Worten, als sei es eine Nebensache: 

„Um die vierte Nachtwache – das ist so zwischen 3 und 6 Uhr morgens – kam Jesus zu den Jüngern. Er lief über den See.“ „Petrus stieg aus dem Boot, ging über das Wasser und kam zu Jesus.“ Fertig. Das war‘s zum Wunder. Inklusive Sinken und ins Boot steigen sind das im Griechischen gerade mal 44 Wörter. 

Das zeigt: Das Wunder selbst ist für Matthäus gar nicht das Entscheidende. Ihm geht es vielmehr um das, was sich zwischen den Jüngern, Petrus und Jesus abspielt. Das schildert er mit doppelt so vielen Wörtern.

Es geht dem Evangelisten um Angst und um Aufbruch und mutige Schritte raus aus der Komfortzone. Es geht um Zweifel und Scheitern, aber auch und vor allem um Vertrauen auf Jesus Christus und Halt im Glauben. 

Darum hat die Geschichte auch heute noch eine Aussage, die für uns von Bedeutung ist: Sie ruft uns zum einen dazu auf, Schritte ins Unbekannte zu wagen. Zum anderen versichert sie uns, dass Christus uns hält, wenn wir unterzugehen drohen.

Wenn um Dich herum alle doof sind, wenn Du unglücklich verliebt bist

oder wenn Du nicht weißt, wie Du das alles in der Schule schaffen sollst – dann vertrau Dich Christus an. Er reicht Dir die Hand, zieht Dich heraus. Dazu benutzt er oft andere Menschen. Oder Wunder. Von außen oder in Dir drinnen. Aber untergehen lässt er Dich nicht. 

Es gibt noch eine andere schöne Geschichte, die dieses Gehalten sein von Gott deutlich macht. Ich mag sie sehr. Sie steht nicht in der Bibel. Könnte sie aber. Sie ist von der Kanadierin Margret Fishback Powers und trägt im Deutschen den Titel: Spuren im Sand. Sie geht so: 

„Eines Nachts hatte ich einen Traum: Ich ging am Meer entlang mit meinem Gott. Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten, Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben. Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand, meine eigenen und die meines Gott. 

Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte, dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens. 

Besorgt fragte ich Gott: Lieber Gott, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein. Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist. Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte? 

Da antwortete Gott: Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen.“

Vielleicht seid Ihr ja in den Sommerferien am Strand. Und wenn Eure Füße dort Spuren hinterlassen, denkt Ihr vielleicht an diese Geschichte. 

Ich glaube, in den vergangenen 15 Monaten hat Gott uns vielfach getragen. Die Zeit war eine große Herausforderung für so viele, gerade auch für Euch Jugendliche. Auch im Blick auf den Konfi-Unterricht.

Es konnte zum Beispiel keine Konfifreizeit stattfinden, das hat uns allen sehr gefehlt. Über Monate konnten wir uns nicht real treffen. Wir haben Zoom-Unterricht gemacht und auch anderes mehr digital. 

Auf der anderen Seite waren wir viel draußen. Und wir haben Praktisches miteinander gemacht. So werdet ihr der Gemeinde immer als diejenigen in Erinnerung bleiben, die zwei schöne, beeindruckende Insektenhotels in Form von Kirchen gebaut haben. Eins der beiden könntet Ihr ja gerne nach dem Gottesdienst Euren Gästen zeigen. 

Ich denke auch gerne an unsere kleine Exkursion auf den Friedhof zurück. Oder die Weihnachtsposter für die Seniorenheime. Und ich fand es klasse, wie Ihr Euch auf die Gebetsexperimente eingelassen habt. Zum Abschluss der Tauferlebnisraum. 

Ich habe so manches Mal gedacht: Wenn wir schon diese blöde Pandemie erleben müssen, welch ein Glück, dass wir so einem tollen Konfi-Jahrgang haben! Unser Kompliment, mit wie viel Geduld und Flexibilität und Durchhaltevermögen Ihr alles mitgemacht habt. 

Frau Luber und ich haben Euch ein Stück Eures Weges begleiten können. Wir haben Euch wachsen gesehen. Ja, körperlich definitiv auch. Aber ich meine geistlich, im Glauben. 

Und jetzt wird es Zeit. Endlich rauszugehen ins Leben. Noch mit Vorsicht, balancierend, ins neue alte Leben? Auf jeden Fall hier gleich rauszugehen als Konfirmierte, auf Stöckelschuhen und Ledersohlen. Hinein in einen neuen erwachsenen Abschnitt Eures Glaubenslebens. 

Denn Du kannst nun

Schritte wagen im Vertrau‘n auf einen guten Weg,

Schritte wagen im Vertrau‘n, dass letztlich Gott dich trägt, 

Schritte wagen, weil im Aufbruch du nur sehen kannst: 

Für dein Leben gibt es einen Plan.

Amen.

Liebe Zoom-Gemeinde, ich sehne mich danach! Nach einer ruhigen Stunde in meiner Hängematte. Eigentlich wollte ich Ihnen diese Predigt aus derselben heraus halten. Das ginge digital ja wunderbar. Damit sie sehen, wie schön es darin ist, wie idyllisch! Sie hängt unter einem Birnbaum, rechts Büsche und Rosen, links Wiese und das Trampolin. Ab und an hüpft da mal ein Kind. Vögel zwitschern und Bienen summen um mich herum.

Mein absoluter Sehnsuchtsort!

Egal, ob ich vom Stress dort ausspannen möchte. Oder einfach einmal Ruhe für mich brauche. Auch in Ferienzeiten, wenn gar nicht viel los ist: Meine Hängematte ist mein Lieblingsort.

Es ist, als wäre in ihr eine Art unsichtbarer Anti-Sorgenfilter eingebaut. Wie so eine Lichtschranke. Kaum lege ich mich hinein und gebe mir selbst ein wenig Schwung – nur ganz wenig, das reicht schon – dann schwingen die Sorgen nur so weg. 

Das ist so eine besondere Fliehkraft. Die Anti-Sorgen-Fliehkraft. Könnte man als Hängemattenherstellerin mal mit in die Werbung aufnehmen….

Ich bin nicht sorglos, nach dem Motto: Ist mir doch egal! Nicht gleichgültig, nicht ignorant. Aber ich bin für eine Weile von den Sorgen befreit. Sie haben mich nicht mehr im Griff, ich schüttle sie ab. 

Beim Schwingen und Abhängen bin ich frei, kann ganz ich selbst und bei mir sein. 

Meist nehme ich mir ein Buch oder die Zeitung mit. Ist aber nur Alibi. Viel lieber schaue ich in die Wolken und hänge so meinen Gedanken nach. Ich muss nichts, ich habe keine Rolle zu spielen, nichts spielt mehr eine Rolle in dem Moment. 

Meist bin ich allein in der Matte. Aber manchmal zeigen mir meine Teenagertöchter, dass man durchaus auch zu zweit hineinpasst. Dann wird es kuschelig, auch schön. 

Es gibt da eine schöne Kurzgeschichte mit dem Titel „Mein idealer Ort“ von Helga Schubert. Helga Schubert hat letztes Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Die Geschichte entstammt ihrem neuen Buch: Vom Aufstehen - ein Leben in Geschichten. 

Ich möchte Ihnen den Anfang der Geschichte vorlesen. 

  • Text von Helga Schubert - 

Das mit dem Streuselkuchen, das muss ich mir merken…. Ich rieche ihn förmlich beim Lesen.

Eine Hängematte und Steuselkuchen, was braucht man mehr zu seinem Glück? Was braucht man mehr, um die Sorgen um das Morgen – das Morgen unserer Welt oder der Gemeinde, mein Morgen oder Deins, das der Kinder oder Enkel - für einen Moment zu vergessen? Oder nein, nicht ganz zu vergessen. Aber abzugeben. Denn alles hat seine Zeit!

Sie kennen bestimmt diesen Text aus dem Alten Testament beim Prediger Kohelet: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. Pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;“ - und ich möchte ergänzen: sich sorgen und kümmern hat seine Zeit, die Sorgen ablegen hat seine Zeit. 

Das müsste ich mir eigentlich immer mal wieder selbst laut vorlesen, damit ich es beherzige. Und die Hängematte mit ihrem Filter kann mir dabei gut helfen. 

Aber nicht nur dieses schwingende Stück gewebten Stoffes. Andere Menschen haben andere Sehnsuchtsorte. Wo wohl der Ihre ist? Mancher dieser Orte ist nicht so gartennah wie meiner. Sie fahren lieber ganz weit weg, um alles und jeden hinter sich zu lassen. Geht mir auch oft so. Richtig rauskommen aus dem Alltag, eintauchen in eine andere Welt. Auch wer andere Welten entdecken geht, kann richtig gut zu sich selbst kommen. Und zu Gott. Denn der lässt sich überall finden, egal ob am Strand auf Teneriffa, am Bodensee, in Paris oder in der Hängematte bei Oma. Er ist da. 

Jesus selbst war viel unterwegs, und eigentlich nie und nirgendwo zuhause. Aber er ist auch nicht gerade gereist und hatte auch keinen Urlaub. Doch zurückgezogen hat er sich öfters mal. Hat aufgetankt an einen einsamen Ort, im Alleinsein und im Gebet. 

Er brauchte Ruhe von den Jüngern und den Menschenmengen. Zum Beispiel nach der Speisung der 5000 Menschen. Da hat er die Jünger allein vorgehen lassen. Ich stelle mir vor, wie er sich ins Gras gelegt hat. Die Arme unterm Kopf verschränkt, einen Grashalm im Mund, den Blick in den Himmel. Ganz geschafft vom Tag und ruhebedürftig. Und erstmal die Stille genossen. Endlich keine Jünger mehr um sich, die drängelten, weil es dunkel wurde und Essenszeit war. 

Und dann hat er gebetet. Und hat abgelegt alle Sorgen um die Menschen, die ihn vorher umgeben haben. Denen er ansehen konnte und die ihm wahrscheinlich erzählt haben, was sie bedrückt. 

Ich stelle mir vor, dass auch er sich dann geborgen wusste in Gott, seine ganze Zeit in Gottes Händen. Dass er dann gut sein lassen konnte. Nicht weil es gut war, sondern weil er alles in seines Vaters Händen wusste. Und da ist alles gut aufgehoben. 

Das möchte ich auch. Egal wo mein Sehnsuchtsort ist. Ankommen und einfach „sein“. Mich willkommen und wohl fühlen. Gerne mit, geht auch ohne Streuselkuchen. Und den Sorgenfilter erleben und ablegen - in Gottes Hände, alles was mich beschwert an Sorgen um andere und um mich selbst. Denn ich weiß, Gott macht was damit. Bei ihm sind sie gut aufgehoben. Viel besser als bei mir. 

Und dann schwinge ich leicht hin und her und fühle mich wunderbar getragen. Das wünsche ich Ihnen und uns in diesem Sommer. Amen. 

Predigten von Pastorin Dorothea Luber

Liebe Gemeinde,

wir stehen mitten in der Passionszeit. Jesus weiß, was ihn erwartet. Er weiß, dass man ihn verhaften und zum Tode verurteilen wird. Jesus sagt zu seinen Jüngern:

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. 21 Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. 22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen's Jesus. 23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. (Johannes 21, 20-24)

Weizenkorn in der Erde

 „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; 
Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ 

Jeder, der schon mal Pflanzen-Samen ausgesät hat, weiß, dass es nur so funktioniert: Die Samenkörner müssen in die Erde, damit eine neue Pflanze wachsen kann. 

Aber versuchen wir einen Moment uns vorzustellen, wir hätten keine Ahnung. Wir hätten eine Handvoll Weizenkörner in der Hand und wüssten: Die können wir essen. Eine Handvoll reicht, um satt zu werden. Mehr aber ist nicht da. 

Da wäre es doch völlig verrückt, die essbaren Körner in den Boden zu werfen, wo sie dreckig werden und ungenießbar. Wenn die Körner im Boden verschwinden, passiert erstmal gar nichts. Verständlich, wenn man dann denkt: Hätte ich doch bloß die Weizenkörner behalten. Dann hätte ich jetzt wenigstens ein Handvoll zu essen. 

Aber dann, nach einiger Zeit, wächst etwas Neues. Grüne Spitzen, die sich durch die Erde bohren. Neue Pflanzen und am Ende: Eine reiche Ernte. 10fach, 100fach… neue Körner. 

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ 

Nur wer bereit ist, loszulassen, erlebt, dass etwas Neue wächst. Aber: Etwas loszulassen – dazu gehört Mut! 

Die Zügel loslassen

Auch ganz andere Weise habe ich das bei meinem Pferd gelernt Mittlerweile ist er mit fast 35 Jahren ein ruhiges Rentnerpony. Aber als wir ihn bekamen, sah das noch anders aus. Er kam von einem Reiterhof, kannte es also überhaupt nicht, alleine im Gelände geritten zu werden und war dementsprechend unglaublich schreckhaft. Eine Familie mit Kinderwagen, ein Spaziergänger mit aufgespanntem Regenschirm – oder ganz schrecklich: Jugendliche auf Inlinern. Unser Pferd ergriff die Flucht und raste in gestrecktem Galopp davon. 

Wenn ich dann oben im Sattel saß, habe ich verzweifel versucht, an den Zügeln zu ziehen und das Pferd wieder zum Stehen zu bringen. 

Keine Chance! Im Gegenteil: An den Zügeln zu ziehen machte es nur schlimmer. Ich konnte spüren, wie sich das Pferd unter mir gegen den Druck der Zügel sperrte und nur noch schneller galoppierte. Ein Pferd, das in blinder Panik losläuft, kann man nicht mit Zügeln stoppen. Druck von außen verstärkt die Panik nur und das Pferd wird versuchen, noch schneller davon zu laufen. Das ist normal. Ich als Reiterin musste das erst lernen. Die Zügel loszulassen – nachzugeben. Das hat am Anfang echt Überwindung gekostet! Aber jedes Mal, wenn ich es schaffte, die Zügel länger zu lassen… konnte ich merken, wie sich das Pferd langsam wieder beruhigte.

Menschen loslassen

Loslassen – dazu gehört Mut! Und doch müssen wir im Leben immer wieder loslassen. Eltern müssen ihre Kinder loslassen. Und das Verrückte ist: Je mehr Eltern klammern und glucken, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich die Kinder dann irgendwann völlig von ihnen abwenden. Weil sie sich nur so von den Eltern freikämpfen können. Nur wer dem anderen eigenen Freiraum lässt, kann erleben, dass der andere freiwillig bleibt.

Lebenspläne loslassen

Im Leben müssen wir auch eigene Pläne und Träume loslassen. Weil sich das Leben anders entwickelt. 

Ein junger Mann, Anfang 20, sagt: Wenn ich 30 bin, dann habe ich einen guten Job, eine Klassefrau, 2 tolle Kinder, ein schickes Haus mit Garten und Swimmingpool. So sieht sein Lebensplan aus. Aber was, wenn es anders kommt? Wenn er sich bewirbt und bewirbt, aber keinen guten Job findet? Wenn die Klassefrau auch mit Mitte, Ende 30 noch immer nicht gefunden ist? Oder wenn sie da ist und die beiden glücklich verheiratet sind, aber sich herausstellt, dass sie keine Kinder bekommen können?

Was, wenn sich das eigene Leben ganz anders entwickelt, als gedacht? Klammere ich mich weiter an meine Vorstellung, wie das Leben eigentlich sein müsste? Oder lasse ich mich ein auf das Neue – das ganz anders ist, als geplant und gewollt?

Fäuste

Loslassen. – Das Gegenteil davon ist: Festhalten – Festklammern. Um etwas richtig festzuhalten, muss man es mit den Händen umklammern und Fäuste machen. Wenn ich mit beiden Händen eine Faust mache, dann halte ich fest. Aber dann habe ich auch keine Hand mehr frei, um etwas Neues anzunehmen. Wenn dann etwas Neues auf mich zukommt, kann ich es nur mit den Fäusten wegstoßen. Weil ich mich so an das Alte festklammere. 

Willkommen in Holland

Die Autorin Emily Perl Kingsley schreibt über ihre Erfahrungen als Mutter eines behinderten Kindes: Wenn Sie ein Baby erwarten, dann ist das so ähnlich, als würden Sie einen fabelhaften Urlaub planen – nach Italien. Sie kaufen einen Haufen Reiseführer und machen wundervolle Pläne. Das Kolosseum; der David von Michelangelo. Die Gondeln in Venedig. Vielleicht lernen Sie ein paar nützliche Redewendungen auf Italienisch. Es ist alles sehr aufregend. Schließlich ist es soweit: Sie packen Ihre Koffer und los geht´s. 

Ein paar Stunden später landet das Flugzeug. Die Flugbegleiterin kommt herein und sagt: Willkommen in Holland! Holland?, sagen Sie. Was meinen Sie mit Holland?? Ich habe Italien gebucht! Aber es hat eine Änderung des Flugplans gegeben. Und Sie sind in Holland gelandet. 

Das Entscheidende ist, dass man Sie nicht an einen schrecklichen, widerwärtigen Ort verfrachtet hat. – Es ist einfach nur ein anderer Ort. Also müssen Sie losziehen und neue Reiseführer kaufen. Sie müssen eine völlig neue Sprache lernen. Und Sie werden ganz andere Menschen treffen, denen Sie sonst nie begegnet wären. 

Es ist nur ein anderer Ort. Hier geht alles langsamer als in Italien. Aber wenn Sie dort eine Weile gewesen und zu Atem gekommen sind, sehen Sie sich um… und Sie stellen fest, dass es in Holland Windmühlen gibt… und Tulpen. In Holland gibt es sogar Rembrandts. Ja, genau betrachtet ist Holland wunderschön. 

Aber wenn Sie Ihr Leben lang Italien nachtrauern, dann werden Sie niemals frei sein, die wunderschönen Dinge zu genießen… die es nur in Holland gibt. 

Es gibt Situationen im Leben, in denen man loslassen muss. In dem man sich trennen muss  - von eigenen Vorstellungen; von Lebensträumen; von andere Menschen

Loslassen – so schmerzhaft es ist– gehört zum Leben dazu, immer wieder. Und nur, wenn wir bereit sind, loszulassen, unsere klammernden Fäuste zu öffnen… Nur dann kann im Leben auch wieder etwas Neues wachsen. 

Gott lässt seine Göttlichkeit los

Gott selber lebt uns das Loslassen vor: Als Jesus Mensch wird – lässt Gott alles, was er hat, los: Seine göttliche Allmacht, seine Unsterblichkeit, seine Göttlichkeit. Gott wird ein Mensch – wird sterblich, ohnmächtig, menschlich. Und es endet tragisch – am Kreuz - mit dem Tod. 

Aber nur so, im Sterben, im Tod, zeigt ist dass Gott Liebe stärker ist als der Tod. Nur so zeigt sich, dass Gottes Liebe neues Leben wachsen lässt, auch nach dem Tod. 

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Amen.

 

Liebe Gemeinde, der heutige Predigttext steht im Alten Testament beim Propheten Jesaja. Ich lese aus dem Jesajabuch im 5. Kapitel 

Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. 3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? 5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. 7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.                                                                               Jesaja 5, 1-7

Jesaja berichtet von einem Weingärtner,  also einem Winzer, der einen neuen Weinberg anlegt. Und dieser Winzer tut alles, um einen perfekten Weinberg zu schaffen. Er entfernt die Steine aus dem Boden, gräbt die Erde um und lockert sie. Und dann sucht er die besten Rebsorten aus, um sie in seinem Weinberg anzupflanzen. Mit einem Spaten gräbt er Löcher, setzt er die einzelnen Pflanzen in die Erde. Und sogar einen Wachturm errichtet der Winzer. Tag und Nacht lässt er seinen Weinberg bewachen: Zum Schutz gegen wilder Tiere aber auch gegen Diebe und Randalierer. 

Dieser Weinberg ist ihm wirklich wichtig! Und der Winzer scheint alles richtig gemacht u haben. Er hat wirklich alles getan, damit sein Weinberg eine gute Ernte bringt. Doch dann:  „Er wartete darauf, dass der Weinberg gute Trauben brächte, doch er trug nur schlechte“ 

Was für eine Enttäuschung! Alles hatte der Winzer in diesen Weinberg investiert. An nichts hatte es gefehlt. Und jetzt? Statt süßer Trauben gibt es nur schlechte–die Ernte wird ein totaler Misserfolg. Enttäuscht ist der Weinbergbesitzer – Enttäuscht, wütend, verärgert. – Die ganze Arbeit für die Katz. Was soll er jetzt tun? Jesaja wendet sich mit dieser Frage an seine Zuhörer: 

„Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?“

Tja, was soll ein Weinbauer machen mit einem Weinberg, den er mit so viel Mühe und Liebe angelegt hat, den er gehegt und gepflegt hat und der am Ende überhaupt keine Ernte bringt? Jesaja gibt selbst die Antwort zu dieser Frage: 

„Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.“

Der Weinberg wird bestraft. Sein Schutzzaun wird niedergerissen. Der Weinberg wird schutzlos. Er kann jetzt ausgeraubt, geplündert, zertreten werden.  Und er wird vom Unkraut überwuchert werden. Der Weinberg wird von seinem Besitzer aufgegeben und sich selbst überlassen. Und irgendwie geschieht das diesem Weinberg doch auch recht, oder? Da hat sich jemand so viel Mühe gegeben und so viel Herzblut in die Sache gesteckt. Verständlich, wenn er jetzt bitter enttäuscht, ja sogar wütend ist. 

Steffi und Maike sind beste Freundinnen. Steffi geht es gerade richtig schlecht. Ihre Beziehung ist in die Brüche gegangen. So schnell wie möglich will sie raus aus der gemeinsamen Wohnung, muss eine eigene Wohnung finden, den Umzug organisieren. Und natürlich ist sie am Boden zerstört. Ihre Freundin Maike hilft, wo sie kann: Ist einfach da. Hört zu und trocknet die Tränen. Hilft bei der Wohnungssuche, packt an beim Umzug. Und hilft ihrer Freundin, die neue Wohnung einzurichten. 

Dann ist alles geschafft. Allmählich geht es Steffi wieder besser. Nach einiger Zeit hat sie einen neuen Freund und ist wieder richtig glücklich. Maike freut sich für sie. Aber dann, als sie selber ziemlich in der Patsche steckt und ihre Freundin um Hilfe bittet, hat Steffi auf einmal überhaupt keine Zeit. Immer wieder findet sie Ausreden und Ausflüchte. Ihre Freundin Maike ist bitter enttäuscht. So eine Freundin, die gar keine Freundin ist, die kann ihr gestohlen bleiben! Enttäuscht wendet sie sich ab. 

Jan liebt seinen Beruf und fühlt sich wohl an seinem Arbeitsplatz. Der Chef verlangt viel, aber die Arbeit macht Spaß. Jan hängt sich rein, macht unbezahlte Überstunden. Und als die Kollegin kurzfristig erkrankt, springt er ein. Der Chef lobt ihn, offensichtlich ist er wirklich zufrieden mit ihm. Jan ist stolz! Aber dann nach drei Jahren hat er noch immer keinen besseren Posten, obwohl zwischendurch mehrmals Stellen neu zu besetzen waren. Aber die hat immer jemand anderes bekommen. Und jedes Mal wenn er seinen Chef nach einer Gehaltserhöhung fragt, wiegelt der bloß ab. Irgendwann denkt Jan: Mir reicht´s! Der ganze Einsatz hier lohnt sich doch überhaupt nicht! Warum soll ich mich noch abrackern, wenn das doch keinen interessiert? 

Menschen, die ihr Bestes geben und dann bitter enttäuscht werden. Bei Jesaja ist es der Weinbergbesitzer, der von seinem Weinberg so enttäuscht ist, dass er nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Sollen doch Dornen und Disteln dort wachsen! Jesaja erzählt diese Geschichten natürlich nicht ohne Grund. Zum Schluss bringt er quasi die Moral der Geschichte: 

Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, er wartete auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“

Als Prophet kritisierte Jesaja immer wieder die Mächtigen in seinem Land, weil sie sich nicht um die Menschen kümmerten. Die Reichen wurden immer reicher, die Armen immer ärmer. Und die Mächtigen waren nur damit beschäftigt, sich selber das Geld in die Taschen zu stopfen. 

 „Gott wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch. Gott wartete auf Gerechtigkeit, siehe da war nur Schlechtigkeit“ 

Ärger und Wut über solche Missstände ist nur zu verständlich. Und doch hinterlässt dieses „Weinberglied“ ein großes Fragezeichen bei mir: Ist Gott etwa so wie der Weinbergbesitzer in dieser Geschichte? Der wütend und enttäuscht seinen Weinberg im Stich lässt und alles verkommen lässt? Wendet sich Gott radikal von den Menschen ab, weil sie sich von ihm abgewandt haben? Diese Vorstellung von einem wütenden Gott ist mir fremd. 

Ist Gott nicht ein liebender, ein verzeihender Gott? Ein zorniger, wütender Gott, ist das nicht ein Bild, das wir längst hinter uns gelassen haben, weil es viel zu oft missbraucht worden ist, um Menschen einzuschüchtern und zu verängstigen? 

Jetzt während der Corona-Pandemie tauchen auch Stimme auf, die sagen: Diese Pandemie ist eine Strafe Gottes. Weil wir Menschen nicht nach Gottes Willen leben. Offen gesagt: Mich schüttelt es, wenn ich das so höre! Nein! Das widerspricht völlig meinem Gottesbild! 

Aber wie bringe ich dann die Pandemie und Gott zusammen? Ehrlich gesagt: Ich habe darauf keine fertige Antwort! Ich kann mich nicht hinstellen und sagen: Gott ist aber so und so und nicht anders. Als Menschen können wir nie ein fertiges, absolutes Gottesbild haben. Aber ich glaube und vertraue darauf, dass Gott so ist, wie er sich in Jesus Christus gezeigt und offenbart hat! 

Jesus, der von einem Vater erzählt, der seinen Sohn auch dann noch mit offenen Armen aufnimmt, nachdem sich der Sohn völlig vom Vater abgewandt hatte. Jesus der auch dann noch Verständnis und Liebe für seine Jünger hat, als sie ihn im Stich lassen und verraten. Jesus, der auch am Kreuz noch für seine Feinde und Mörder betete: Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. 

Dieser Gott ist es, an den ich glaube und auf den ich vertraue! Gott der mich liebt, auch dann noch, wenn ich eigentlich alles falsch gemacht habe - und ihn, Gott, verraten habe. 

Das heißt für mich nicht, dass Gott alles gleichmütig hinnimmt. Gott ist nicht der „liebe Gott“ dem Sinne dass er immer nur lieb und nett ist und über alles, was wir Menschen falsch machen, großzügig hinweg sieht. Nein: Gott liebt uns, und gerade deshalb ist es ihm nicht egal, was wir Menschen tun und wie wir unser Leben leben. Gott sehnt sich danach, dass wir auf seine Liebe antworten und mit ihm leben. Und er leidet darunter, wenn wir uns von ihm abwenden.

In der Geschichte vom Weinberg bleibt das Ende offen.  Die Möglichkeit, dass der Besitzer seinen Weinberg aufgibt, dass er verwüstet wird, diese Möglichkeit wird deutlich, ja drastisch geschildert. Ob es tatsächlich so kommt, das wird in der Geschichte nicht gesagt. 

Ich bin zutiefst überzeugt davon: Gott ist ein liebender Gott! Und Gott sehnt sich danach, dass wir Menschen auf seine Liebe antworten. Aber Gott zwingt uns seine Liebe nicht auf. Sonst wäre es wohl auch keine echte Liebe. Wenn Gott uns damit „ersticken“ würde. 

Und vielleicht ist es so: Erst wenn denkbar ist, dass auch Gottes Liebe ein Ende haben kann, dass erst dann diese Liebe wirklich Liebe ist und kein unentrinnbares, automatisches Schicksal, und dass erst dann die Beziehung zwischen Gott und uns Menschen eine echte, freie und lebendige Beziehung ist. Amen 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Eltern, Familien und Paten, liebe Festgemeinde! 

Heute ist es soweit: Ihr, liebe Konfis werdet konfirmiert! Ganz schön lange habt Ihr auf diesen Tag warten müssen. Aber jetzt feiern wir Eure Konfirmation!  Und mit einem Mal seht Ihr ganz schön erwachsen aus!  

Und erwachsen seid Ihr ja auch – zumindest für die Kirche. Ihr seid jetzt religionsmündig – 

Mit der Konfirmation entscheidet Ihr Euch selbst für den christlichen Glauben. Ihr sagt Ja! zum christlichen Glauben - zu Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. 

„Ja, ich glaube!“ Aber: Was heißt das eigentlich genau: an Gott zu glauben?!

Ich lese dazu eine Erzählung aus der Bibel, aus dem Markusevangelium:  

Einer aus der Menge sagte zu Jesus: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn zu Boden; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht. Er antwortete aber und sprach: Bringt ihn her zu mir! Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn hin und her. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Jesus bedrohte den unreinen Geist und sprach: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und riss ihn heftig hin und her und fuhr aus. Und der Junge lag da wie tot, sodass alle sagten: Er ist tot. Jesus aber ergriff seine Hand und richtete ihn auf, und er stand auf. 

Ich gebe dazu: Das ist eine etwas merkwürdige Geschichte. Ein Junge, der „von einem Geist besessen“ ist.  Die heutige Medizin würde vielleicht von „Krampfanfällen“ – von Epilepsie sprechen. In jedem Fall ist es eine bedrohliche Krankheit, die den Jungen schon in Lebensgefahr gebracht hat. Und Jesus gelingt nun das, was sonst niemandem gelungen ist: Jesus macht den kranken Jungen gesund. 

Es ließe sich eine Menge zu dieser Erzählung sagen. Ich möchte heute den Blick lenken auf das Gespräch zwischen Jesus und dem Vater.

Der Vater bittet Jesus, seinem Sohn zu helfen:  „Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Und Jesus antwortet: „Du sagst: Wenn du kannst. – Alles Dinge sind möglich, dem, der da glaubt.“ Und der Vater ruft: „Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“ 

„Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“ In einer anderen Übersetzung sagt Jesus:  

„Wer Gott vertraut, dem ist alles möglich.“ Und der Vater antwortet: „Ich vertraue Gott – und kann es doch nicht! Hilf mir zu vertrauen.“

Was ist Glaube? In der Geschichte ist es ein Vater, der Hilfe sucht für sein schwerkrankes Kind. 

Vermutlich hat er manches über Jesus gehört. Davon, dass er einen besonderen Draht zu Gott hat und Wunder vollbringen kann.

Ob Jesus ihnen helfen kann? Sicher ist sich der Vater nicht. Aber er hofft – er glaubt: 

„Ich glaube, hilft meinem Unglauben.“ Glauben an Gott 

Wenn Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, Euch heute zum christlichen Glauben kennt und Ja sagt zu Gott – dann bedeutet das nicht, dass Ihr ab sofort keine Zweifel und keine Fragen mehr haben dürft. Das finde ich ganz wichtig! 

Ich erinnere mich noch gut daran, als wir mit Euch unser „Speed-Dating“ gemacht haben. Da saßen Frau Schmid-Waßmuth und ich drüben im Gemeindehaus und Ihr seid zu zweit, zu dritt zu uns gekommen und wir haben uns eine halbe Stunde unterhalten. Ihr durftet Fragen stellen: Zum Glauben, zu Gott. Oder was Ihr schon immer mal Eure Pastorin fragen wolltet. Und Ihr habt mich mit Euren Fragen wirklich überrascht und begeistert. Weil ich gespürt habe: Dass Euch das wirklich interessiert. Und eine Frage war dann auch: Haben Sie schon mal an Gott gezweifelt? 

Ja, habe ich!  Und es gibt immer wieder Situation, in denen ich Gott nicht verstehe und wo es mir schwerfällt darauf zu vertrauen, dass Gott da ist. 

Aber für mich gehört auch das zum Glauben mit dazu. Und das Gute ist: Das ist okay für Gott. 

Gott kann damit umgehen, dass wir manchmal auch große Zweifel haben. Und wir können mit diesen Zweifeln, mit unseren Fragen und Unglauben zu Gott kommen. 

Genau davon erzählt die biblische Geschichte. Wie der Vater dort können auch wir zu Gott sagen:

Gott, ich möchte an Dich glauben, aber oft schaffe ich das nicht. Ich möchte Dir vertrauen, aber oft habe ich Zweifel. Bitte, hilf mir, Gott! 

Das Schöne und zugleich Verrückte ist: Wenn wir das tun, stecken wir schon mittendrin im Glauben. Weil wir den Kontakt suchen zu Gott und mit Gott reden. 

Ich möchte dazu einen Ausschnitt aus einem Buch zitieren – der Autobiographie von Olaf Blumberg, einem jungen Mann, der an dem Tourette-Syndrom erkrankt. Tourette ist eine Nerven-Erkrankung, die sich in sogenannten „Ticks“ äußert: Plötzliche ungewollte Bewegungen und Zuckungen. Oft auch das ungewollte Ausrufen von Wörtern – meist sind es Schimpfwörter.

Der Autor beschreibt eindrücklich, dass sich die Tics nicht unterdrücken lassen. Wie bei einem Hustenreiz platzen sie irgendwann einfach heraus. Die Tics an sich sind zwar harmlos. Aber in der Öffentlichkeit sorgen sie natürlich für Irritation, für Unverständnis und oft auch Anfeindung. 

In seinem Buch schildert Olaf Blumberg, wie er im Krankenhaus völlig verzweifelt ist und den Versuch starte, zu Gott zu beten:

 „Im Raum der Stille denke ich zunächst an gar nichts. Ich hatte nie einen besonders guten Draht zur Kirche. Aber wenn Gott mir diese Krankheit eingebrockt hat, dann kann er es vielleicht auch wieder geradebiegen. Warum sollte ich ihm nicht wenigstens eine Chance geben?

„Hey, Gott“ versuche ich es flüsternd, Ich weiß´, dass ich bisher nicht viel auch dich gegeben habe, und ehrlich gesagt hast du mir auch ganz schön was eingebrockt. Keine Ahnung, ob ich unter den Umständen überhaupt versuchen sollte, dich zu finden. Aber ich hab mir gesagt, dass es vielleicht auch nicht schaden kann. Und deshalb bin ich jetzt hier.“ 

Irgendwie fühlt es sich peinlich an, so zu sich selbst zu sprechen. Wenn ich Gott wäre, würde ich mich wahrscheinlich auslachen. Aber irgendwie fühlt es sich auch gut an. Es ist erleichternd, mit jemandem zu reden, der mir ohne gespieltes Mitleid zuhört, ohne geheucheltes Interesse und ohne Überforderung. Ich muss nicht ständig Angst haben, ihn mit meiner Krankheit zu belasten.

Ich beginne, von meiner Krankheit zu erzählen, nicht so als spräche ich zu Gott, sondern als redete ich mit einem guten Freund. Und das Erstaunliche ist: Je länger ich rede, desto leichter fühle ich mich. Am Ende schließe ich nicht mit „Amen“ sondern mit einem kumpelhaften „Bis bald!“.

Zitiert aus: Olaf Blumberg „Ficken sag ich selten. Mein Leben mit Tourette“

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, 

in Eurer Konfi-Zeit waren wir gemeinsam mit Euch unterwegs. Ihr habt eine Menge gelernt, über Gott, über den christlichen Glauben. Wir haben ganz praktische Sachen gemacht: Die tollen Insektenhotels, die hier vor St. Martin und auch bei St. Michael stehen. Und die eine bleibende Erinnerung an Euch sind! 

Aber Eure Konfer-Zeit ist nicht immer einfach gewesen. Durch Corona gab es manche Stunden digital per Zoom. Ihr musstet oft Hausaufgaben zu Hause machen. Das war manchmal ganz schön blöd. Und das hätten auch wir Pastorinnen uns definitiv anders gewünscht! Aber, da möchte ich Euch ein ganz großes Lob aussprechen: Ihr habt das wirklich toll gemeistert! Und Ihr habt dafür gesorgt, dass es trotz aller Schwierigkeiten doch eine richtig gute Zeit war mit Euch! 

Ich wünsche mir von Herzen, dass Ihr auch weiter dran bleibt an Gott. Dass Ihr nicht aufhört, Fragen zu stellen. So wie Ihr das beim Speed-Dating mit uns Pastorinnen gemacht habt. 

Dass Ihr im Kontakt bleibt mit Gott – auch dann wenn Ihr nicht alles versteht und wenn Ihr Zweifel habt- Dass Ihr auf Gott vertraut und mit Gott im Gespräch bleibt. 

Dass wünsche ich Euch - und uns allen. Amen. 

Predigten von Superintendent Martin Lechler

Evangelium und Predigttext: Lukas 24, 13-21.28-35:

13Und siehe, zwei seiner Jünger gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. 14Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. 15Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.

17Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. 18Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; 20wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. 21Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist…

… 28Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. 29Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. 30Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. 31Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. 32Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? 33Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; 34die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. 35Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.

 

Liebe Gemeinde,

als ich ein kleiner Junge von 10 Jahren war, wurde mein Vater schwerkrank. Monatelang lag er im Krankenhaus und musste alle möglichen Therapien über sich ergehen lassen. Wir Kinder durften ihn nicht einmal besuchen, nur meine Mutter war täglich bei ihm. Jeden Tag kam sie ganz niedergeschlagen nach Hause. Wir Kinder spürten das, obwohl sie sich alle Mühe gab, dies vor uns zu verbergen. Hinzu kam, dass zur selben Zeit mein Großvater, ihr Vater, ebenso krank im Krankenhaus im weit entfernten Württemberg lag. Jedes zweite Wochenende stieg sie in den Zug, um auch dort präsent zu sein. Sie war die einzige, übrig gebliebene Tochter, der Sohn war im Krieg gefallen. 

Das war für uns eine ganz schlimme und traurige Zeit, was sich für mich und meine Schwester nicht zuletzt auch in unseren schulischen Noten niederschlug. „Wie würde das alles einmal enden?“ Mit  dieser Frage schlief ich nachts ein und wachte morgens wieder auf. Die Welt war nur noch grau. Denn wir hatten Angst: mein Vater war, wie damals weithin üblich, der einzige Ernährer in der Familie – und wir hatten gerade erst das neu gebaute Haus bezogen, was gewiss noch nicht abbezahlt war…

Doch da gab es eine Kollegenfrau. Meine Mutter und sie kannten sich, da sie sich zusammen mit anderen Kollegenfrauen einmal im Monat zum Kaffeetrinken in einem Celler Kaffee trafen. Eines Tages kam Frau Zobel bei uns vorbei, um sich nach meinem Vater zu erkundigen. Über ihren Besuch, sozusagen ‚aus heiterem Himmel‘ waren wir riesig froh. Endlich kam da mal jemand von außen, erzählte uns von sich und ihrer Familie und lenkte uns ein wenig von unseren großen Sorgen ab. Denn viele Menschen kamen nicht mehr und telefonierten auch nicht. Es hatte sich längst herumgesprochen, wie schwer mein Vater erkrankt war, und sie wussten wohl nicht, wie sie sich da verhalten sollten. 

Von diesem Tag an kam Frau Zobel jeden weiteren Tag zu uns: immer um halb sechs bis sechs, nur am Wochenende nicht. Da kamen dann auch Freunde von weiter her. Frau Zobel brachte manchmal auch spannende Bücher für mich mit. Denn sie hatte zwei Söhne, die etwas älter waren als ich, und was diese mit Spannung gelesen hatten, brachte sie dann mir mit. Dass Frau Zobel also jeden Werktag zu uns kam, war der einzige Lichtblick in unserem Leben. Auf ihren Besuch konnten wir uns freuen, wir waren darüber so glücklich, wenigstens für diese Zeit all‘ unsere Sorgen vergessen zu können! Sie war uns nahe, als wir Nähe brauchten, sie zeigte Interesse an uns, unser Schicksal berührte sie, sie wollte Licht in unser Dunkel bringen.  Ich werde Frau Zobel das nie vergessen, obwohl sie schon lange gestorben ist.

Diese unvergessliche Episode aus meinem Leben erzähle ich heute, weil sie so gut zu der Ostergeschichte von den Emmaus-Jüngern passt. Die beiden Jünger waren sicher ähnlich niedergeschlagen, wie ich damals: Schreckliches war geschehen, ihr Meister, der so viel Hoffnung und Zuversicht durch sein Reden von der Liebe Gottes  ausgestrahlt hatte, war tot, gekreuzigt, wie ein Schwerverbrecher. Und sie mussten befürchten, als seine unmittelbaren Freunde mit hineingezogen zu werden in diese vermeintliche Übeltat von Landesverrat und Gotteslästerung. Sie werden sich kaum auf den Weg getraut haben. Aber in dem kleinen Dörfchen Emmaus fühlten sie sich wohl sicherer als im großen Jerusalem. 

Und dann treffen sie unterwegs diesen fremden Mann, der mit so viel Freundlichkeit und Warmherzigkeit auf sie zugekommen sein muss, dass sie Vertrauen zu ihm fassten. Dieser Fremde spürte ihre Niedergeschlagenheit, wohl auch ihre Unsicherheit und Angst vor der Zukunft. Ganz unbefangen fragt er sie: „Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?“ Und da sprudelt es förmlich aus ihnen heraus: Ob er der einzige sei, der nicht wüsste, was in diesen Tagen in Jerusalem passiert war. Dass ihr Meister, der von sich sagte, dass er Gottes Sohn sei, zum Tode verurteilt und ans Kreuz genagelt worden war. Dass dadurch ihre ganze Hoffnung und Zuversicht zugrunde gerichtet war, was sie ausdrücken mit dem einen Satz. „Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde!“ 

Es entwickelt sich zwischen den beiden Jüngern und dem Fremden ein längeres Gespräch, in welchem es um die Auslegung der biblischen Schriften geht mit all‘ den tröstlichen und Hoffnung stiftenden Geschichten, die sich um den Heiland, den Erlöser, den Messias ranken. Der Fremde will ihnen neue Hoffnung und  neuen Mut machen, doch immer noch nicht erkennen sie, wer sich hinter dem Fremden verbirgt. Aber sie sind so froh, dass sich da einer ihrer Sorgen und Probleme annimmt, dass sie, als sie ihr Ziel in Emmaus erreicht haben, und der Fremde weitergehen will, diesen bitten bei ihnen zu bleiben: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt!“ – Und er bleibt.  

Schließlich beim Abendessen öffnet er den beiden die Augen durch das Brechen des Brotes und offenbart sich ihnen als der Jesus, den sie kannten, der vor drei Tagen gekreuzigt wurde, doch nun von den Toten wiederauferstanden ist. Kurz darauf verschwindet er vor ihnen. Später werden sie dann erfahren, dass eben dieser auferstandene Jesus zur selben Zeit an ganz verschiedenen Orten ganz verschiedenen Menschen auch erschienen ist. 

Von da an wussten sie: dieser an so vielen Orten zu denselben Zeiten Präsente muss der von Gott Gesandte, der Heiland, der Messias sein, durch dessen Tod und Auferstehung Gott seine Macht auch über den Tod und alle todbringenden Mächte und Kräfte dieser Welt erwiesen hat. Den Jüngern fällt es wie Schuppen von den Augen: „Brannte nicht unser Herzu in uns, da er mit uns redete auf dem Weg und uns die Schrift öffnete?“

Gottes Nähe, ein brennendes Herz – so, liebe Gemeinde,  kommt der Auferstandene bis heute in unendlich vielen Formen und Weisen zu uns Menschen, nimmt uns unsere Ängste, lässt uns neuen Mut schöpfen und selbst in ganz dunkler Zeit das Licht am Horizont erkennen oder doch wenigstens erahnen.  Diese tröstende, mutmachende, heilende Kraft dürfen Menschen immer wieder erfahren: an der Seite eines Sterbenden im Hospiz-Verein, im Krankenhaus durch die „Grünen Damen“, als Nachbarschaftshilfe in so vielen ganz alltäglichen Situationen, wie die Besuche der Kollegenfrau in unserer Familie vor so vielen Jahren in so dunkler Zeit. 

Christus ist auferstanden von den Toten – Leben geht weiter – Gott ist uns nah, auch und gerade in dunkler Zeit – Hoffnung ist da – dies dürfen wir auch in diesem Jahr im Osterfest feiern und weit über diese Feiertage hinaus festhalten an dem, was Kurt Rommel in einem seiner Lieder einmal so ausgedrückt hat:

Wir wissen nicht, was kommt,
wir wissen nur, dass jeder Tag
mit allem, was er bringen mag,
aus Gottes Händen kommt.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen und Euch: 

Frohe und gesegnete Ostern!  Amen.

Liebe Gemeinde,
wenn wir durch die Lüneburger Heide fahren, können wir ihn manchmal noch erleben: einen Schäfer, der mit seiner Schafherde durch die Heide zieht. Hütehunde kreisen um die Herde und halten die Tiere zusammen. Der Schäfer aber behält die gesamte Herde  wachen Auges im Blick, sorgt dafür, dass sie immer ein Stück grüner Weide oder Heide zum Fressen hat, und dass sie einen Lagerplatz für die Nacht findet. Neuerdings, seitdem es wieder Wölfe in unserer Gegend gibt, muss er sie ja auch wieder vor wilden Tieren schützen. 

Viele Bewohner unseres Landes, besonders in den städtischen Regionen, können mit dem Bild des guten Hirten nicht mehr viel anfangen. Den Menschen im Alten Orient aber, als der Beter des 23. Psalms, vielleicht König David, oder auch ein anderer in dieser Zeit vor 3.000 Jahren, dieses schöne Bild für Gottes Schutz und Barmherzigkeit zeichnete, war dies aber sehr gegenwärtig. Durch die biblischen Schriften ist es vielen von uns auch heute präsent. Christus greift es, Jahrhunderte später, auf und bezeichnet sich selbst, gemäß dem Johannesevangelium, als guten Hirten. 

So trifft es sich gut, dass wir gerade heute, am Sonntag des guten Hirten, derer gedenken, die durch die Pandemie gestorben sind, die als Angehörige und Freunde trauern, und all‘ derer, die sich in Pflege- und Hilfsdiensten in aufopferungsvoller Weise, und immer ja auch selber unter der Gefahr der Infektion, um die Kranken und Sterbenden kümmern. Viele Menschen haben Angst vor einer  Ansteckung, und viele leiden auch unter der Einsamkeit, die ihnen die Verordnungen des Bundeslandes und des Landkreises auferlegen. 

Gerade in solchen unsicheren Zeiten ist mir persönlich der 4. Vers des 23. Psalms so wichtig: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Daraus spricht ein tiefes Gottvertrauen, welches auf bereits gemachten, guten Erfahrungen mit Gott als diesem guten Hirten beruhen muss. Der Dichter dieser Worte muss in der Vergangenheit Hilfe aus großer Not, Rettung aus einer schier ausweglosen Situation oder vielleicht durch einen Engel an seiner Seite im finstern Tal gemacht haben, um so etwas schreiben und beten zu können. 

Viele fühlen sich in der derzeitigen Pandemie in so einem finsteren Tal. Ob sie es spüren können, wie sich Pflegende in so engagierter Weise um ihre Gesundung oder wenigstens um eine kompetente und liebevolle Begleitung kümmern? Wie gut tut da schon ein Streicheln der Wange oder ein Händedruck, vielleicht auch ein frei formuliertes oder auch ein gutes vorformuliertes Gebet oder ein aufmunterndes Wort. 

Wir als Gesellschaft sollten gerade aufgrund dieser Erfahrungen ernsthaft darüber nachdenken, ob diese Dienste nicht nur ein herzliches Dankeschön, sondern auch ein ganz neues und attraktiveres Gehaltsgefüge wert sein sollten. 

Was ich an vielen Stellen erlebe: es wird wieder viel mehr telefoniert. Es gibt Mitglieder unserer Gemeinde, die ganz regelmäßig Menschen anrufen, die sehr einsam sind und für die dieser Anruf oft die einzige Unterhaltung am Tage ist. Es wird auch wieder mehr geschrieben: handschriftliche Briefe und schön gestaltete Karten, um zum Ausdruck zu bringen: „Ich denke an dich“, „Ich biete dir meine Hilfe an“, „Ich bete für dich.“

Es sind so viele kleine Zeichen, die doch eine große Wirkung entfalten können, die spürbar machen, was es bedeuten kann Nähe im finsteren Tal zu erleben, und durch diese menschliche Nähe und Wärme auch Gottes Kraft und Macht erfahren zu können. 

Doch viel zu oft endet das finstere Tal dann doch mit dem Abschied aus dem Leben, oft unter großen Qualen und Einsamkeit. Die Bilder, die wir in den Medien sehen, sind erschütternd. Mich rütteln sie auf und ich kann nicht verstehen, dass es trotzdem immer wieder Menschen gibt, die die Gefährlichkeit dieser Situation bagatellisieren, leugnen, menschliche Intrige dahinter vermuten und sich nicht an die jetzt notwendigen Regeln halten. In meinen Augen verhöhnen und verspotten sie damit die Sterbenden und ihre trauernden Angehörigen.

Was mit guttut, ist die Gewissheit, die aus den Jesus-Worten des Johannesevangeliums spricht: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen.“ Gerade haben wir es im Osterfest gefeiert: Christus ist auferstanden von den Toten. Damit hat er ein für allemal gezeigt: unser  himmlischer Vater schützt und erhält alles Leben, das er einst geschaffen hat – und dies nicht nur in der irdischen Zeit, sondern bis in alle Ewigkeit. Dadurch dürfen wir wissen: all unsere Verstorbenen ruhen jetzt in Gottes Frieden, frei von aller Last des irdischen Lebens und in ganz unmittelbarer Gemeinschaft mit ihm. „Requiescat in pace“ oder zu Deutsch: „Ruhe in Frieden“ – so steht es auf vielen Grabsteinen auf unseren Friedhöfen geschrieben. Für Christinnen und  Christen ist dies nicht nur ein frommer Wunsch, sondern eine feste Gewissheit, in der wir von unseren verstorbenen Abschied nehmen und immer an sie und ihr Wirken in unserem Leben denken dürfen.

So, liebe Gemeinde, möge uns Gott, unser guter Hirte, auch durch die Zeit der Pandemie begleiten und hindurchführen. Trotz aller Einschränkungen, Einsamkeiten und manchmal auch schwere Leiden dürfen wir ihn an unserer Seite wissen. Er kennt uns, jede und jeden einzelnen von uns, und er hat in uns die Hoffnung gepflanzt, dass wir eines Tages auch diese Zeit der Krise überstanden haben werden.  Amen.

Predigt von Dr. Springer

Neujahr 2021

Liebe Neujahrsfestgemeinde, liebe Geschwister,

ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben ein gutes Neues Jahr, durch das sie wohlbehalten kommen mögen. Ich danke herzlich für die Einladung, bei ihrem Neujahresgottesdienst zur Jahreslosung sprechen zu dürfen. Vielleicht haben Sie zur Jahreslosung, die wir eben in der Lesung gehört haben „Seid barmherzig wie Euer Vater barmherzig ist“ schon Worte von unserem Landesbischof, dem EKD Ratsvorsitzenden oder unserem Ministerpräsidenten gelesen mit verschiedenen Facetten zur Barmherzigkeit in dieser herausfordernden Zeit. Ich kann meine spezifische Perspektive als Juristin und ehemalige Richterin eintragen. Meine Ansprache teilt sich in zwei Teile mit den beiden Aspekten der Barmherzigkeit, wie sie im Bibeltext vor und nach dem Losungswort beschrieben sind. Dazwischen hören wir von der Capella den traditionellen von Christian Scheel komponierten Kanon zur Jahreslosung.

 

Teil I Seligpreisung und Feindesliebe

1.

Barmherzigkeit kommt vermutlich vom althochdeutschen „armherzi“ und ist eine Lehnübersetzung des lateinischen misericordia: Miseris cor dare : sein Herz den Armen geben, sein Herz für andere öffnen. Dies ist eine der wichtigsten Tugenden in aller Weltreligionen. In den monotheistischen ist es zuvörderst die herausragende Eigenschaft Gottes (Psalm 103, 8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.) Im hebräischen Wort für Erbarmen steckt begrifflich der Mutterschoß. Unsere katholischen Geschwister feiern seit dem Jahr 2000 den Sonntag nach Ostern als Barmherzigkeitssonntag und Papst Franziskus hatte 2015 ein besonderes Heiliges Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen, weil in Jesus Christus, dem „Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters“, das Geheimnis des christlichen Glaubens auf den Punkt gebracht sei. Jesus ruft uns mit dem Losungswort auf, dem Vater nachzueifern; aus Dankbarkeit und weil wir auch Liebe nur dann weitergeben können, wenn wir sie selbst empfangen haben. Barmherzigkeit ist mehr als Mitfühlen und -leiden, sondern mild-tätig zu sein. Die christliche Tugend Caritas ist tätige Nächstenliebe - weltlich gesprochen Hilfsbereitschaft, Solidarität, Soziales Engagement. 

Die Kirchenväter haben aus Mt 25,34-46 sieben leibliche Werke der Barmherzigkeit abgeleitet: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote bestatten. Eine solche, ich möchte es „offensichtliche“ samaritanische, Barmherzigkeit nenne, die sich von dem zweiten subtileren Aspekt im zweiten Teil unterscheidet, wird in dem unserem Losungstext vorausgehenden Abschnitt beschrieben:

In der sog. lukanischen Feldrede (Lk 6, 12 ff., ein Paralleltext zur Bergpredigt im Mathäusevangelium 5-7) lehrt Jesus seine Kerngedanken und legt die Thora neu aus. Er hat die Nacht im Gebet auf dem Berg verbracht und steigt herab auf ein Feld, erwählt seine 12 Apostel, heilt und lehrt. Statt der neun Seligpreisungen der Bergpredigt (darunter selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen) sind hier vier Seligpreisungen, die sich an Jesu Anhänger in der Situation der Verfolgung wenden: selig seid Ihr, die ihr jetzt… arm seid, hungert, weint und verfolgt werdet…denn Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Es folgen das Gebot der Feindesliebe mit der Aufhebung des „Wie Du mir so ich Dir“, die in der Forderung gipfelt, auch die andere Wange hinzuhalten, weil, darauf weist Jesus mehrfach hin, es keine Kunst ist, zurück zu lieben oder zu geben, was vereinbart, verdient oder zurückgegeben wird. In Vers 31 steht eine Fassung der Goldenen Regel „Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun, tut ihnen gleicherweise.“ Der Überleitungssatz zu unserer Jahreslosung lautet: „So wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

2.

Es ist ein schöner Mut- und Hoffnungsgedanke, dass wir uns auch vom Guten anstecken lassen und andere damit anstecken können, nicht nur von Corona oder von Hass und Angst und Wut. Ob wir alle die Verschwörungstheoretiker, Wutbürger und Querdenker anstecken können, weiß ich nicht. Barmherzigkeit ihnen gegenüber fängt zumindest mit einer Haltung an, die deeskaliert und dankbar feststellt, was wir in Deutschland haben an Sozialstaat, Krankenfürsorge, Wissenschaft und finanzieller Solidarität, ohne zu verzichten, auf die Lücken und blinden Flecke unseres Staates hinzuweisen: auf Kinder und Jugendliche, Obdachlose, Geflüchtete, kleine Selbständige, Künstler*innen und andere, an denen die staatlichen Wirtschaftshilfen vorbei gehen, und wir für Solidarität in der Pandemie in Europa und in der ganzen Welt eintreten.

Barmherzigkeit bedeutet für Christ*innen, auch über Schwächen, Unverfügbares und den Tod zu reden. Die sieben Werke der Barmherzigkeit zeigen, dass Überleben und ökonomische Sicherheit systemrelevant sein mögen, dass es für ein menschenwürdiges Leben aber noch andere Werte braucht. Die Diskussion um die gelebten Werte in unserer Gesellschaft sollten wir auch nach der erhofften Besserung in einer Nachbetrachtung der Krise noch einmal führen.  

Aber so furchtbar das Jahr war, so ist zugleich so viel Gutes und Barmherziges durch viele Menschen in Gesellschaft und Kirche sichtbar geworden. Was haben wir in den letzten Jahren des relativen Überflusses und der Zufriedenheit große Wörter von Gemeinwesendiakonie, Sozialraumgestaltung geschwungen und sogar ein Jahr der Freiräume ausgerufen, in dem wir hinterfragen wollten, welche alten Gewohnheiten sich überlebt haben und welche neuen Ideen viel wirksamer sind. Aber in diesem Jahr der Beschränkung und der Not und Angst haben wir gesehen, wie viele Herz geöffnet waren und der manchmal vielleicht etwas zu sehr auf die aktive Kernkirchengemeinde fokussierte Blick geweitet wurde. Hinausgehen, Schauen, was Not tut und wie möglichst viele Menschen im Quartier erreicht werden können und dabei mit anderen aus Kommune, Vereine, Schulen etc. zusammenarbeiten. Persönliche Briefe, Besuche am Gartenzaun und vor dem Fenster des Pflegeheims, Gottesdienste im Internet, Autokino und vom Traktor, Bildungsräume in Gemeindesälen für Kinder, die nicht mit technischer Ausrüstung und Homeschoolingexperteneltern gesegnet sind. Das kann Hoffnung geben für die Veränderungen, die in den kommenden Jahren auf uns zukommen werden. Wenn wir neue Wege gehen müssen, um auf die schwindenden Kirchenmitgliederzahlen und Finanzmittel zu reagieren, wenn wir die vielfältigen spirituellen Bedürfnisse der Menschen betrachten und andere und zusätzliche Formen kirchlichen Lebens finden müssen, wenn wir angesichts der religiösen und weltanschaulichen Pluralität in der Gesellschaft andere Felder sozialen und diakonischen Handelns entwickeln müssen. Wir können aus dem letzten Jahr lernen, Mut in die Zukunft zu haben und vertrauen, dass etwas entstehen kann, womit wir nicht rechnen können, weil Jesus Christus bei uns ist.

 

Teil II Vom Umgang mit dem Nächsten – Nicht-Richten und Vergeben 

1.

Zu den sieben leiblichen Werken sind sieben geistliche hinzugekommen: Unwissende lehren, Zweifelnde beraten, Trauernde trösten, Sünder zurechtweisen, Beleidigern gern verzeihen, Lästige geduldig ertragen, für Lebende und Verstorbene beten. Spannend, dass nur das „Beleidigern gern verzeihen“ die nach dem Losungswort folgenden Konkretisierung Jesu aufnimmt und das „Sünder zurechtweisen“ eher kontra gibt. Denn Jesu Worte rufen vielmehr den verlorenen Sohn und die Ehebrecherin auf: 37 f. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Eine Anfechtung für meinen gelernten Berufsstand? Sollen etwa menschliches Miteinander nicht geregelt, Übertretungen weltlicher Gesetze nicht sanktionieren werden? - Widerstand meldet sich! Daher zuerst die Relativierung: 1. In der Auslegung werden zuweilen die Kategorien von Moral, Gnade Gottes und weltlichem Gesetz miteinander verwechselt. 2. Vorsicht vor Instrumentalisierung. 3. Manche Menschen glauben, unser Rechtssystem sei auf dem biblischen Stand stehen geblieben. So hat Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) dieser Tage zur Jahreslosung gesagt: "Barmherzigkeit ist die notwendige, emotionale Ergänzung zu Recht und Gerechtigkeit…Eine Herrschaft allein des Rechts führe zur höchsten Ungerechtigkeit, liest man bei Cicero.“ In ähnlicher (traumatischer) Weise hatte mich kurz nach meinem Amtsantritt im Landeskirchenamt ein Betroffener in einem Disziplinarverfahren aufgefordert: „Frau Springer, das dürfen Sie nicht rechtlich sehen, das müssen Sie menschlich sehen.“

Jesus wollte in unserer unerlösten Welt wohl keinen rechtsfreien Raum. Anders ausgedrückt: Das Gegenteil von Recht ist in einem demokratischen und freiheitlichen Rechtsstaat nicht Freiheit, sondern Willkür. Recht, das von demokratisch gewählten Volksvertreter*innen gesetzt wird, sichert ein Zusammenleben, in dem maximale Freiheitsräume für alle gewährleistet werden und niemand über dem Recht steht. Kirchliche Instrumentalisierung ist, wenn – wie uns Opfer von sexueller Gewalt im Raum der Kirche aus früheren Zeiten berichtet haben - unter Hinweis auf vermeintliche Christenpflicht Vergebung für den Täter und Verzicht auf Verfolgung gefordert wurde, noch dazu, ohne dass dem ein ehrliches Bereuen, Einstehen und Wiedergutmachungsbemühen gegenüberstanden. Und schließlich sind Gerechtigkeit bzw. Recht und Barmherzigkeit heute gerade kein Gegensatzpaar mehr. Die sprichwörtliche Gnade vor Recht spielt im deutschen Justizwesen quasi keine Rolle, weil christliches Menschenbild und Menschenwürde Elemente der Barmherzigkeit an vielen Stellen in die Rechtsetzung und Rechtsfindung integriert haben. So sehen gesetzliche Ermessensspielräume eine Bewertung der Einzelfallumstände, bei der Strafzumessung können alle denkbaren Gesichtspunkte der Biographie, Tatmotive und -begehung oder das Verhalten nach der Tat mildernd berücksichtigt werden; Freiheitsstrafe kann zur Bewährung ausgesetzt werden. 

Das Nicht-Richten, Nicht-Verurteilen und Vergeben ist vielmehr eine Haltungsfrage des „…der werfe den ersten Stein“, oder mit dem Bild in den Versen 40 ff. der Splitter im Auge des Bruders und dem Balken im eigenen Auge. Es geht um gekränkte Ehre, falschen Stolz, moralische Überheblichkeit, um Rechthaberei und dem Verharren in Vergangenem, das einen Neuanfang in Beziehungen hindert. „Ich will nur mein Recht“ habe ich im Gerichtssaal häufig gehört. Warum eigentlich? Meistens stecken ganz andere Verletzungen und Bedürfnisse dahinter, denen man nicht mit Recht, sondern mit wechselseitiger Herzensoffenheit begegnen kann.  

2.

Im vergangenen April hat Bundesgesundheitsminister Spahn den Barmherzigkeitssatz des Jahres ausgesprochen: „Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.“ Wir könnten das, wenn wir Sonntagsbegriffe wie „Fehlerkultur“ und „Lerngemeinschaft“ ernst nehmen, verständnisvoll mit echten Fehlleistungen und Auffassungen von richtig und falsch umgehen und von den Herrn Drosten, Streeb und Kekulé lernen, dass Nichtwissen eine Tugend sein kann. Wir könnten üben, Geduld mit uns und anderen dünnhäutig Gewordenen zu haben, denn es wird noch dauern mit der Normalisierung und in der unsicheren und verwirrenden Lage wird es noch manche Ungerechtigkeit geben.

Wir haben im letzten Jahr auch in der Kirche miteinander gerungen und unterschiedliche Auffassungen sind aufeinandergeprallt:

  • Weihnachtsgottesdienste feiern und wenn ja, wie, oder ganz absagen (Nulltoleranz oder Risikominimierung)?
  • Soll das Landeskirchenamt klare und einheitliche Regeln vorgeben oder soll vor Ort entschieden werden?
  • Sollen Seelsorgende in die Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Gefängnisse gehen oder nicht?
  • Haben in der ersten Zeit des lockdown die Hauptamtlichen dominiert und die Ehrenamtlichen nicht genügend einbezogen?

Gesellschaftlich nenne ich nur die Diskussion um die Rangfolgen für Triage und Impfungen oder aktuell die Diskussion, ob Geimpfte mehr dürfen sollen, bevor nicht Allen eine Impfung angeboten werden kann.

Ich habe vorhin von den bevorstehenden Umbrüchen in unserer Kirche gesprochen. Wir werden auch offene Herzen füreinander brauchen, damit nicht unversöhnliche Fronten entstehen zwischen traditionell und neu, Stadt und Land, gebunden und ungebunden. 

Dabei kann uns unsere abendländische Dualität im Weg stehen mit der aristotelischen Logik, wonach eine Aussage nur richtig oder falsch sein kann und eine Eigenschaft einem Gegenstand nicht zugleich innewohnen und nicht innewohnen kann.

Daher mache ich Ihnen als Neujahrstipp jetzt keine Yogaübungen für Herzöffnungen vor. Ich erzähle Ihnen von einer hilfreichen Entscheidungsmethode aus der indischen Logik, die in einem Dilemma eine gedankliche Öffnung für ungeahnte Möglichkeiten schafft. Das Tetralemma spielt mit vier (sogar fünf) Varianten, um Lösungen zu ertasten, auf die man bei Richtig/Falsch oder A/B nicht gekommen wäre. Versuchen Sie es bei Orts-, Berufs-, Partnerwahl…oder Corona-Gottesdiensten. Sie legen vier Zettel auf den Boden im Quadrat, stellen sich nacheinander auf jeden Zettel und fühlen, was das Herz dazu sagt. Auf dem ersten Zettel steht „das eine“, auf dem zweiten „das andere“, dem dritten „sowohl als auch“ und auf dem vierten „weder/noch“. Und dann können Sie fünftens alles noch ganz von außen betrachten: „all dies nicht und selbst das nicht.“ Versuchen Sie es einmal. 

Und die Barmherzigkeit Gottes, welche höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu!

Amen

Predigten von Prädikantin Dr. Johanna Gronau

Kantate 2021

Lukas 19, 37-40

Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: „Meister, weise doch deine Jünger zurecht!“ Er antwortete und sprach: Ich sage euch: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien“.

Kantate – Singt! Das war die Aufforderung unseres Musiklehrers an der Leintorschule, wenn es an die Noten für das Fach Musik ging. Singe – Johanna, jetzt du! Da musste man aufstehen, sich an die Bankseite stellen und „Wachet auf, wachet auf, es krähte der Hahn“ singen. Gar nicht so einfach vor der ganzen Klasse. Die Freude am Singen hat mir diese pädagogisch fragwürdige Praxis nicht genommen. Mein Gesangbuch aus der Volksschule ist das einzige Buch, was ich aus dieser Zeit gerettet habe: Unser Liederbuch. Ernst Klett-Verlag. Im Inhaltsverzeichnis habe ich meine Lieblingslieder angekreuzt. Unter anderem vier Seiten Frühlingslieder, dazu eine eigenes Kapitel mit dem Namen: Mai. Grüß Gott du schöner Maien,... Nun will der Lenz uns grüßen... Der Mai, der Mai, der lustige Mai, ... Das sind einfache Volkslieder, vordergründig ohne religiösen Gehalt. Das ist pure Lebensfreude! Singen, weil man wieder raus kann! Weil das Unkraut sprießt. Weil die Kirschen blühen. - Singen, weil ein Kind geboren ist! Kinder-Liederbücher von früher haben wir vorgekramt, als der Enkel zu Besuch war. Erst drei Monate ist er alt, unser Vorsingen fand er spitze. Von frühester Kindheit an löst das Singen etwas aus. Freude. Erhabenheit. Löst etwas in uns. Erlöst uns von Stress und Angst.

Die Jünger haben gesungen, laut gelobt haben sie Gott. Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Jesus war auf dem Weg nach Jerusalem, die letzte Wegstrecke war angebrochen. Zum König sollte er dort inthronisiert werden, endlich. Jubel! Und dann kam der Einspruch: Weise deine Jünger zurecht. Sie sollen verstummen. Statt Kantate: Singen verboten!

Niedersächsische Verordnung über Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus SARS-CoV- 2. § 9 Religionsausübung: Absatz 1, Satz 5: Jeglicher Gesang der Besucherinnen und Besucher von Gottesdiensten ist zu unterlassen.

Singen ist der Gemeinde verboten, zum Glück nicht diesem kleinen Chor, der sich für uns hier eingefunden hat. Singen verboten, da schreien nach Lukas die Steine! Eine Freundin, die in einer Krippe als Erzieherin mit den Allerkleinsten arbeitet, erzählte mir: Wir dürfen gar nicht mehr singen! Das geht doch nicht. - Und dann hinter vorgehaltener Hand: Da halten wir uns nicht immer dran. Wir haben jetzt Masken und da singen wir dann auch.

Corona verlangt uns viel ab. Man kann nicht immer alle Regeln durchhalten. Besonders betroffen, nicht immer finanziell, aber besonders mental scheinen auch Künstler zu sein. Von mir geachtete Künstler wie Ulrich Turkur oder Jan Josef Liefers, insgesamt mehr als 50 deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler, haben sich zu einer Videoaktion unter dem hashtag #allesdichtmachen zusammen gefunden. In Videos, die auf Youtube und Instagram veröffentlicht wurden, haben sie sich über die Maßnahmen der Bundesregierung lustig gemacht. Ironische Videos sollten es sein gegen den Untergang von Kunst und Kultur. Die Aktion hat starke Befürworter und große Gegner hervorgerufen. Ich persönlich gehöre zu denen, die sie im Ton verfehlt und im Inhalt falsch finden. Trotzdem haben ich Verständnis. Ich verstehe es so, dass Künstler vom Wesen her besonders angewiesen sind auf Ausdruck, auf Spiel und Gesang, und auf ihr Publikum. Man hat ihnen ihre Ausdrucksmöglichkeit sehr stark eingeschränkt. Ich sehe die mentale Not der Künstler. Wenn sie nicht mehr singen können, dann schreien die Steine.

Manche Menschen können kaum noch hauchen. In der Dokumentation Charité intensiv, Station 43 (zu sehen in der ARD Mediathek) werden Einzelschicksale von Corona-Patienten auf der Intensivstation erzählt. - Sagen Sie mal Ihren Vornamen. Marco, flüstert ein Mann ganz zart, man kann es nur an seinen Lippenbewegungen ablesen. Dieser jungen Mann, Mitte 30 , Familienvater, ihn hat es hart getroffen. Er ist komplett verkabelt, seit Wochen an die Sauerstoffmaschine angeschlossen. Aber dank kompetenter Hilfe und dank Gott: Er wird es schaffen. Nach über 30 Tagen wird er abgekabelt, Pfleger helfen beim Verlegen in die Reha. Jetzt berlinert er schon wieder! Laufen kann er noch nicht. Aber auf seinen eigenen Beinen will er zurückkehren und sich bei allen bedanken. Eine Erfolgsgeschichte, die Pflegern und Ärztinnen Mut macht. Einem anderen Mann kann nicht mehr geholfen werden. Seine Frau, seine Teenager-Töchter, sein Bruder aus Texas per Video zugeschaltet, nehmen Abschied. Er stirbt. Bewegend ist, was dann passiert. Die Frau beginnt zu singen. Sie lobt Gott, sie dankt ihrem Schöpfer. Sie singt mit lauter Stimme. Ein Gospel. Sie singt und dankt Gott für die Jahre mit ihrem Mann. Sie singt und dankt für ihre Kinder. Sie dankt den Ärzten, den Pflegern. Sie singt und dankt, im Namen ihres Mannes. Kantate. Keiner hält sie auf, keiner weist sie zurecht. In Vollschutz gekleidet umarmen sie die Frau. Beeindruckend, bewegend diese Szenen - Was kann ich davon, was kann ich von dieser Frau lernen - Wenn sie schweigen wird, dann werden die Steine schreien.

In der letzten Woche ist der Frühling in unserem Land durchgestartet. Die kalten Apriltage haben alles nur verzögert. Jetzt bricht sich die Natur ihre Bahn. Was gibt es für ein stärkeres Hoffnungszeichen als das zarte Grün der jungen Blätter? Die Zahl der Infizierten und der Coronatoten sinken, langsam zwar, aber doch. Viele unter uns sind schon geimpft. In den Früh- lingsliedern, gleich ob Volksliedern oder Kirchenliedern, spüren wir den Aufbruch der Natur, unseren Aufbruch in allem, was vor uns liegt. Lassen wir uns anstecken von Musik und Gesang. Lasst uns singen, in der Dusche, im Auto, vor dem Laptop und bald auch wieder da, wo es hingehört: in Gemeinschaft. Wir bekommen Kraft für neue Hoffnung. Gott leitet uns - singend - durch Täler und über Hügel. Er ist der Schöpfer und Bewahrer. An diesem Sonntag und an allen Tagen, in Zeit und Ewigkeit. Amen.

Predigten von Vikar Sören Skuza

Trinitatis 2021

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

„Über Gott und die Welt reden.“ Das habe ich vor kurzem einem Freund gesagt, als er mich fragte, was ich heute eigentlich mache. Über Gott und die Welt reden. Das ist erst einmal nur eine Phrase. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr füllt sich dieser Satz. Mit Inhalt, mit Emotionen, mit schönen Erinnerungen. Ich denke da zum Beispiel an folgendes: An einem lauen Sommerabend mit der ganzen Familie im Garten sitzen und sich gegenseitig Geschichten erzählen. Beim Gang zum Briefkasten die Nachbarin treffen und ein unverhofftes gutes Gespräch führen. Oder mit einem alten Freund telefonieren und bis in die Nacht im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt reden. In solchen Situationen entstehen nicht selten die außergewöhnlichsten Gespräche. Gespräche, die Antworten geben oder auch mal neue Fragen aufwerfen können.

Was aber, wenn da kein alter Freund gegenübersitzt, keine Nachbarin oder Verwandte, sondern einer, der durch das Land ziehend seine Botschaft verkündet, Wasser zu Wein macht und Menschen von Krankheiten heilt? Eine solche Begegnung hat Nikodemus, der mit Jesus spricht.

Im Johannesevangelium heißt es:

1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. 

2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.

3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?

Ich finde, Nikodemus stellt hier eine berechtigte Frage! Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Nikodemus, selbst ein Gelehrter spricht mit Jesus auch hier über Gott und die Welt, aber Jesus antwortet nicht wie die Nachbarin, nicht wie ein alter Freund oder wie ein Familienmitglied. Jesus spricht in Rätseln.

Johannes schreibt weiter:

5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen

6 Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.

Liebe Gemeinde, ich bin ganz ehrlich: Wäre ich Nikodemus, ich wäre mit dieser Antwort unzufrieden. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist? Schwere Kost für ein Gespräch in der Nacht. 

Ich erkenne hier zwei Teile: Unter dem ersten kann ich mir sofort etwas vorstellen. Wir alle werden fleischlich geboren als Menschen. Und als Menschen sind wir mit allen anderen Menschen auf der Welt verbunden, genauso wie wir sind. Denn so hat Gott uns geschaffen.

Auf der anderen Seite steht das etwas kryptische „was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.“ Eine Geburt aus dem Geist. Ich denke da an die Taufe: „Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich; der wird euch mit dem Heiligen Geisttaufen“ (Mt 3,11). So steht es im Matthäusevangelium. Der mit dem Heiligen Geist tauft ist zunächst Jesus selbst. Aber auch heute noch werden Christinnen und Christen auf der ganzen Welt getauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. 

Aber sind wir deswegen aus dem Geist geboren? Immerhin bestehen auch Getaufte nach wie vor aus Fleisch und Blut. Durch die Taufe werden wir ja nicht plötzlich übernatürliche Geisterwesen. Aber die Taufe ist auch ein Bekenntnis: Ein Bekenntnis zum Vater, der die Menschen geschaffen hat. Ein Bekenntnis zum Sohn, der die Last von uns genommen hat. Und schließlich ein Bekenntnis zum Heiligen Geist, der in der Welt und in den Menschen wirkt. Der Geist wirkt in Menschen. Wenn Christinnen und Christen bekennen zu glauben, dass der Heilige Geist in ihnen wirkt, kann das aber auch Druck erzeugen. Man könnte sich ja fragen: Warum spüre ich den Geist gerade nicht? Mache ich etwas falsch? Glaube ich vielleicht nicht genug, bete ich zu wenig?

Bei Johannes heißt es weiter:

7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden.

8 Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.

Menschen können den Wind nicht beeinflussen. Sie können ihn nicht einfordern, ihn schon gar nicht erzwingen. Und so weht auch der Geist, dort, wo er eben weht. Wir können den Geist nicht nötigen, in uns zu wirken. Wir können ihn niemandem überreichen oder wegnehmen. Wenn er nicht weht, dann weht er nicht. Das kann auch frustrierend sein, gerade in Zeiten, in denen viele ein bisschen mehr Planbarkeit gut gebrauchen könnten. Aber das kann auch den Druck von einem nehmen. Davon befreien, alles selbst unter Kontrolle haben zu wollen. Es gibt Dinge, die liegen nicht in unserer Hand. Mal weht der Wind, mal nicht. Mal spüren wir den Geist Gottes, mal nicht.

Wir können nur versuchen, uns auf ihn einzulassen. Wir können auf dem Weg zum Briefkasten die Nachbarin freundlich grüßen und fragen, wie es ihr geht. Wir können – sofern es die Umstände wieder zulassen – mit der Familie im Garten sitzen und Geschichten erzählen. Wir können einen alten Freund anrufen und mit ihm über Gott und die Welt reden. Wir können auch am Sonntagvormittag zusammenkommen, gemeinsam beten, der Musik lauschen – und wer weiß? Vielleicht spüren wir den Geist wehen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigten von Pastor Oliver Friedrich, Estorf

Liebe Gemeinde,
was macht eigentlich einen guten Pastor bzw. eine gute Pastorin aus? Was muss man können, um den Beruf gut ausüben zu können? Als ich noch in Loccum gearbeitet habe, hat mich das einmal einer unserer Vikare gefragt. Also einer, der sich noch im Vorbereitungsdienst befindet, noch keine eigene Pfarrstelle hat. Einer, der sich herantastet an das Pastor-Sein.
„Was macht Ihrer Meinung nach, einen guten Pastor aus?“, fragte er mich.
Und ich habe ihm geantwortet: Ein guter Pastor muss demütig sein. Er muss dem Evangelium, das er verkündigt und mit dem er wie keine andere Person sonst identifiziert wird, mit Demut begegnen. Und er muss seiner Gemeinde gegenüber demütig sein. Er darf weder die Gemeinde beherrschen wollen, noch als Herrscher über das biblische Zeugnis auftreten. Er muss sich demütigen vor beidem und sich so letztlich demütigen vor Gott: Denn Gott hat ihm, dem Pastor, sowohl die Menschen der Gemeinde anvertraut also auch das Recht, das Evangelium zu verkündigen.

Ich weiß nicht, was der Vikar als Antwort erwartet hatte - vermutlich eine längere Rede über die Kunst des Predigens oder über die Geduld in der Seelsorge. Mit Demut jedenfalls, diesem alten, aus der Mode gekommenen Wort, hatte er nicht gerechnet. Das merkte ich an seiner Reaktion.

2.
Demut ist das Gegenteil von Hochmut. Während Hochmut auf Größe, auf Herrschaft, auf Selbstverherrlichung zielt, zielt Demut auf das Kleine, auf das Bescheidene. Die Demut zielt darauf, sich selbst zurück zu nehmen, sich eher klein zu machen, sich nicht so wichtig zu nehmen.
Schon immer haftet der Demut wohl deshalb etwas „Kriecherisches“, etwas Heuchlerisches an. Jedenfalls dann, wenn Demut falsch verstanden wird. Der Heuchler spielt eine demütige Haltung nur. Er setzt sich herab, redet dem Anderen, dem vermeintlich höher Gestellten, nach dem Munde - und tut dies doch nur um seines eigenen Vorteils willen.

In der biblischen Tradition dagegen ist Demut die einzige Haltung, mit der der Mensch Gott begegnen kann. Der demütige Mensch beugt sich unter Gottes Macht und Willen. Er rechtet nicht mit Gott, er klagt ihn nicht an - stattdessen empfängt er, was Gott ihm zugedacht hat.

So verstanden ist Demut keine Heuchelei, sondern das Gegenteil zum Hochmut: der demütige Mensch erkennt, dass er im Gegenüber zu Gott, nur sehr gering ist und nimmt eine Haltung ein, die dieser Erkenntnis entspricht.

3. Dass Gott groß, der Mensch dagegen klein und gering ist - daran erinnert auch ein Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief, der heute Predigttext ist. Den Lesern des Briefes wird Gott gegenüber eine demütige Haltung empfohlen. Immer wieder allerdings steht diese demütige Haltung in Gefahr, verloren zu gehen. Immer wieder droht der teuflische Hochmut, die Beziehung zu Gott zu zerstören. Am Ende aber kommt es darauf an, dem Hochmut zu widerstehen.

Lesung. 1. Petrus 5b-11

Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.
Als der Schreiber des 1. Petrusbriefes diese Worte verfasst, kann man sich den darin enthaltenen Skandal gar nicht groß genug vorstellen: Vor 2000 Jahren nämlich galt die Demut gar nichts. Die Stoiker, eine philosophische Schule der Antike, hielten eine demütige, eine unterwürfige Gesinnung für völlig falsch. Demut galt als ein Irrtum. Eine demütige Haltung galt als von Furcht geprägt. Und Furcht konnte keine Lebenseinstellung sein. Als Ziel des Lebens galt es vielmehr, sich selbst groß zu machen, immer der Beste sein zu wollen, auf der Gewinnerseite zu stehen. Man warf den Christen damals deshalb vor, dass sie sich ohne jede Selbstachtung und ohne jede Würde selbst erniedrigten. Ihr Verhalten deutete man als Kriechertum.

Noch weniger entsprach dem antiken Ideal Jesus Christus: Ein gekreuzigter, leidender Mensch, in dem Gott den Menschen nahe gekommen sein sollte. Das war vor zwei Jahrtausenden eigentlich undenkbar. Gottheiten stellte man sich groß und mächtig und unverletzlich vor und nicht leidend und schon gar nicht am Kreuz. Dass die Christen einen leidenden Gott verehrten und daraus ableiteten, demütig zu sein: das passte also ganz und gar nicht in die Zeit.

Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.

Gott tritt den Stolzen entgegen, so könnte man auch sagen, er verabscheut Arroganz, das Großtun und die Selbstüberschätzung. Gott tritt der Prahlerei entgegen und dem Wichtig-Tun: Denn Menschen, die hochmütig und stolz sind, die arrogant auftreten und sich wichtig nehmen - diese Menschen gründen ihr Leben nicht auf Gott, sondern auf die eigenen Kräfte oder das, was sie für die eigenen Kräfte halten. Gnade dagegen kann der erwarten, der sich selbst zurück nimmt, der in Demut alles von Gott erwartet und sein Leben auf ihn gründet. Und wer das tut, der wirft alle Sorgen auf Gott und verlässt sich nicht auf sich selbst, sondern darauf, dass Gott sich kümmern wird; dass Gott Wege aufzeigen wird; dass Gott helfen wird in der Not.

Diese Haltung einzunehmen und durchzuhalten war und ist nicht leicht. Deshalb warnt der Verfasser des Petrusbriefes: Seid wachsam. Achtet darauf, dass ihr nicht in Selbstüberschätzung, Stolz und Hochmut zurückfallt. Sie nämlich zerstören die Gemeinschaft der Glaubenden und die Gemeinschaft mit Gott. Dem Widersteht in der Kraft des Glaubens.

4.
Vor einigen Jahren ging eine Nachricht um die Welt, die für mich ein gutes Beispiel für Demut und Hochmut ist.
Die Tageszeitung „Die Welt“ schrieb zu dem Ereignis:
„Ein Musterbeispiel für christliches Handeln zeigten muslimische Fahrgäste in einem Bus in Kenia (..) und verhinderten ein Massaker.“ (www.welt.de/politik/ausland/article150282969/Muslime-retten-Christen-im-Bus-das-Leben.html -Zugriff am 29.12.2015, 11.20 UHr)

Muslime ein Musterbeispiel für christliches Handeln? Das passt so gar nicht in die Nachrichtenlage der letzten Monate. Was war geschehen?

Im Nordosten Kenias stoppten Männer der radikal- islmaischen und deshalb terrotistischen al-Shabaab- Miliz einen Bus, beschossen ihn und stürmten anschließend in das mit 100 Personen besetzte Fahrzeug. Unter Androhung von Waffengewalt forderten sie die Fahrgäste auf, sich nach Christen und Muslimen aufzuteilen. Die Absicht war den Passagieren sofort klar: Die Christen sollten getötet werden.

Die Muslime aber weigerten sich, die Christen auszuliefern. Ein Zeuge berichtet, dass die Muslime den Christen geholfen haben sollen, auf das Dach zu klettern und sich im Bus zu verstecken. Christlichen Frauen seien von den muslimischen Fahrgästen Kopftücher gegeben worden, damit sie sich verschleiern konnten und die Terroristen sie für Musliminnen halten würden. Und dann taten die Passagiere des Busses, die mehrheitlich Frauen waren, noch etwas völlig Unglaubliches: Sie sollen die Terroristen aufgefordert haben, entweder alle Passagiere zu töten oder zu verschwinden. Daraufhin zogen sich die Terroristen zurück. „Diese Muslime haben eine sehr wichtige Botschaft der Einheit ausgesandt, indem sie sagten, wir sind alle Kenianer und wir können nicht geteilt werden vom Menschen“, kommentierte der kenianische Innenminister das Geschehen.

(Quelle: www.sueddeutsche.de/politik/kenia-muslime-retten-christen- vor-al-shabaab-miliz-1.2794536- Zugriff am 29.12.2015, 11.40 Uhr)

5.
Die Demütigen, liebe Gemeinde, stellen sich schützend vor ihre christlichen Mitfahrer und Mitfahrerinnen. Sie sondern nicht aus, sie halten sich nicht für etwas Besseres. Sie werfen ihre Sorge um das eigene Leben auf Gott und handeln auf diese Weise wohl so, wie es Gott und Allah gefällt. Denn Demut ist nicht nur eine Tugend der Christen, sondern ebenso eine Tugend der Muslime, wie man an vielen Stellen im Koran lesen kann (z. B. Sure 23,2)

Die Hochmütigen dagegen meinen, den Willen Gottes zu tun und sind doch nicht mehr als miese Mörder, die weder in Gottes noch in Allahs Augen Gnade finden werden.

Seid also nüchtern und wacht und widersteht fest im Glauben und erzählt von dieser Begebenheit all‘ jenen, in unserem Land, so ergänze ich, die mit Baseballschlägern und Brandsätzen vor den Unterkünften derer stehen, die bei uns Schutz und Hilfe suchen. Seid nüchtern, dass ihr euch selbst nicht zu groß macht und überheblich werdet und darüber vergesst, dass auch euer Leben bedroht und schutzlos werden kann. Seid nüchtern und wacht und bedenkt, dass ihr euch euer Leben nicht selbst gegeben habt. Seid eben demütig.

6.
Nein, mit Demut hatte der Vikar nicht gerechnet, als er fragte, was denn für mich einen guten Pastor ausmache. Demut ist eine Haltung, die auch in unserer Zeit kaum noch etwas zu taugen scheint. Demut widerspricht allen Wünschen zur Selbstverwirklichung, weil sie den Menschen in eine Haltung des Empfanges versetzt, der Unterordnung, ja auch der Liebe und der Dankbarkeit.
Als ich in das verwunderte Gesicht des Vikars schaute, fügte ich hinzu: „Ich könnte auch sagen, lieben Sie das Evangelium und die Menschen, die Gott Ihnen in Ihrer Gemeinde anvertraut hat. Beides steht einem Pastor, einem Hirten, gut zu Gesichte - und in beidem wird sichtbar, was ich mit Demut meine: ein liebender Dienst vor Gott und im Angesicht des Nächsten.“

Amen.