Predigten von Pastorin Schmid-Waßmuth

Ewigkeitssonntag 2021

Liebe Gemeinde, 

zweisam ist der Tod, nicht einsam. Gott ist da, bei dem Menschen, der stirbt. 

Viele von Ihnen haben in den vergangenen Wochen und Monaten einen lieben Menschen verloren. Manchmal konnten Sie dabei sein, als er / als sie verstarb. Manchmal geschah es ganz plötzlich. Und nicht selten können Sterbende erst in dem Moment loslassen und gehen, wenn die Angehörigen gerade nicht im Raum sind.

Sie alle haben diese Ohnmacht erfahren: Nichts mehr tun zu können, nicht weiter begleiten zu können. 

Doch einsam waren die Sterbenden nicht. 

Zweisam ist der Tod, nicht einsam. Gott ist da, bei dem Menschen, der stirbt. 

Gewiss, es gab und gibt Menschen, die ganz allein sind in den letzten Momenten ihres Lebens. Weil sie allein leben und die Familie weit weg ist. Oder weil sie keine Angehörigen mehr haben. Oder weil sie krankheitsbedingt isoliert werden mussten. Gerade Ende letzten Jahres und Anfang dieses Jahres war das wegen Covid-19 häufig der Fall. Im besten Falle waren wenigstens Pflegekräfte oder Seelsorgerinnen da, die die Sterbenden begleiten konnten. Allein, ohne Begleitung, sterben zu müssen ist furchtbar! Möge niemanden das geschehen. 

Der Tod selbst ist zweisam für den, der glaubt. Nicht einsam. Denn Gott ist da. Wo das Sterben endet, wo die Grenze erreicht ist, an der wir Lebende nicht mehr weiter mitgehen können - genau da ist Gott. 

Wir haben in der Lesung etwas über das Sterben und den Tod des Mose gehört. Auch dort ging es um diese Grenze. Sie wird mit einer Erzählung beschrieben. 

Mose ist allein mit Gott. Ein letztes Gespräch zwischen den beiden. Mose steigt auf einen Berg und schaut in die Zukunft seines Volkes. Gott zeigt ihm, was auf die anderen wartet, auf die, die weiterleben. Doch Mose kann nicht weitergehen. Er hat seine Lebensgrenze erreicht. Unerwartet. Zwar war er schon sehr alt, aber nicht altersbedingt schwach und auch nicht krank gewesen.

Und ich kann mir vorstellen, dass es Mose wehmütig gemacht hat, das verheißene Land zu sehen und nicht mehr miterleben zu können. Sie hatten doch alle zusammen davon geträumt und sich ausgemalt, wie es sein würde, in diesem neuen Land, und Pläne hatten sie geschmiedet. 

So wie auch Sie vielleicht noch manche gemeinsamen Pläne hatten. Ihr Mann / Ihre Frau, Ihre Mutter / Ihr Vater hatte noch etwas vor. 

Das weite Land der Zukunft liegt zwar immer noch da, zu unseren Füßen. Aber es wirkt längst nicht mehr so einladend und bunt und sonnendurchflutet schön, wie es einmal war. Eher grau, im Nebel, als hinge ein Novemberschleier über allem. 

Als Mose stirbt, begräbt ihn Gott selbst. So erzählt die Bibel. Und er hält den Ort geheim. Und die Israeliten beweinen ihn 30 Tage lang. Bis die Zeit des Weinens und Klagens über Mose vollendet ist. 

Dann erst können sie weiter gehen. Aber, so heißt es danach auch noch: Mose war einzigartig, es gab nie wieder so jemanden wie ihn. Ein Vermissen, Wehmut, eine Lücke – das bleibt. 

Die Zeit des Weinens und Klagens, die ist bei jeder und jedem  unterschiedlich lang. Und auch danach bleibt ein Vermissen, Wehmut und eine Lücke. Oft lebenslang. Nur lernt man, damit zu leben. 

Ich glaube, der christliche Glaube kann dabei helfen: die Hoffnung, dass der Tod zweisam ist, nicht einsam. Dass Gott den Sterbenden an seine Hand nimmt. So wie er es bei Mose tat. 

Bei vielen Trauerfeiern haben wir das Lied „So nimm denn meine Hände, und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich“ gesungen oder – als singen nicht möglich war – gehört. In der letzten Strophe heißt es: „Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht. So nimm denn meine Hände, und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich.“

Ich mag das Lied sehr. Drückt es doch genau diese Hoffnung aus: Gott führt uns durch unser Leben, ist stets an unserer Seite. Und ich stelle mir das so vor: Wenn ich sterbe, wird es dunkel um mich herum und  ich verlasse die Welt. Dann falle ich aber nicht ins Nichts. Vielmehr sehe ich ein Licht. Und dann ist da Jesus Christus selbst. Und er streckt seine Hand aus und ich ergreife sie. Er führt mich durch die Todesnacht hindurch auf die andere Seite, in ein anderes Land, in eine andere Welt. Dort ist es wunderschön und bunt und sonnendurchflutet, und Frieden herrscht, und es gibt keine Tränen mehr, kein Leid. Und ich sehe die wieder, die vor mir gegangen sind. Und wir sind wieder zusammen, auf ewig. 

Ja, zweisam ist der Tod, nicht einsam. Gott ist da, bei dem Menschen, der stirbt. Und die, die verstorben sind, sind bei ihm.

Amen. 

Christvesper 2021

Liebe Gemeinde, ich verrate Ihnen ein Geschenk. Ich habe es für meine Familie gekauft. Die muss sich jetzt entscheiden, ob sie sich die Ohren zuhält oder eben später eine Überraschung weniger haben wird.

Zu dem Geschenk muss ich aber erst etwas erklären: Also, wir bauen unsere Krippe immer erst am 24. auf. Und jedes Jahr, wenn wir María, Josef und das Kind, die drei Könige, Ochs und Esel und ca. ein halbes Dutzend Schafe aufstellen, fällt mir auf: Wir haben niemanden, der die Herde hütet! 

Zu Beginn unseres Familienlebens hatte ich mir vorgenommen: jedes Jahr soll genau eine Krippenfigur dazukommen. Dann bekamen wir allerdings gleich mehrere Schafe auf einmal geschenkt. Und ich verlor den Überblick, in welchem Jahr ich hätte wieder anfangen müssen weiter zu sammeln.

Dieses Jahr brauchte ich die Krippe schon einmal für die Kita. Und als ich die ganzen Schafe auspackte, wusste ich wieder - ah, da war noch was zu tun. Und nun habe ich - endlich - einen Hirten gekauft! Hier ist er. Nun muss unser Engel nicht mehr nur zu den herrenlosen Schafen sprechen…. 2022 kaufe ich noch einen. Wenn ich daran denke.

„Denn es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Herden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude.“

Und der Engel - schwieg erst einmal und machte eine Kunstpause. Er wollte die Spannung noch ein wenig steigern. 

Die Hirten machten derweil große Augen. Und es brauchte nur Sekunden, da platzte es ungeduldig aus einem Hirten heraus: „Was ist es denn, worüber wir uns freuen werden? Bessere Arbeitszeiten?“ 

Ein anderer fiel ein: „Eine warme Hütte für den Nachtdienst?“

„Gefahrenzulage, Nachttarif und Urlaub?“, ergänzte hoffnungsfroh ein Dritter.

Und mit leiser Stimme fragte einer bescheiden: „Oder wenigstens zwei Feiertage?“ 

Also, vielleicht dachten sie das zumindest. Könnte ja sein. 

Hätte der Engel etwas von diesen Wünschen der Hirten gemeint, er hätte sicher Jubel und große Freude ausgelöst.

Stattdessen setzte der Verkündigungsengel würdevoll fort: „Große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“

Liebe Gemeinde, das war schon ganz großes Kino - himmlische Heerscharen von Engeln, Gottes Klarheit, die um sie leuchtete, und dann diese große, universale Botschaft - ihnen, ein paar Hirten, exklusiv verkündigt…

Ich denke, den Hirten war durchaus klar, um wessen Geburt es da ging. Auch wenn der Engel es zur Sicherheit nochmal erklärt hatte. „Heiland, also, Christus, der Herr, in der Stadt Davids?!“ 

Der Heiland, das wusste jedes jüdische Kind: das ist der erwartete Retter, der Messias, der mit den römischen Besatzern kurzen Prozess machen, der endlich alles zum Guten wenden wird. 

Tja, und da haben wir das Problem: „wird“ ist Zukunft. Der rettende Heiland ist nun da - Halleluja! Bloß: das Heil steckt noch in den Kinderschuhen. Oder? 

Stellen Sie sich vor, wir hätten diesen Herbst eine neue Regierung gewählt, und dann hätte es geheißen: Wir haben einen neuen verheißungsvollen Kanzler gewählt. Der wird alle drängenden Probleme lösen. Nur, das mit dem Amtsantritt wird noch etwas dauern, denn er ist ein Säugling. 

Keiner wäre an seine Wiege geeilt. 

Also, mir hat noch nie eingeleuchtet, warum die Hirten sich so freuen und alles stehen und liegen lassen, um sofort nach „Bethlehem zu gehen und die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist“. Was bringt es ihnen, das Baby in der Krippe zu sehen? Bis dieses Kind einmal ein ausgewachsener Messias und Heiland ist, sind die meisten von ihnen angesichts der durchschnittlichen Lebenserwartung damals schon tot.

Nun, liebe Gemeinde, natürlich kann ich mich auch über etwas freuen, was zwar nicht mir selbst, aber später einmal meinen Kindern und Kindeskindern zugutekommen wird. 

Es ist beispielsweise unabdingbar, dass wir uns heute mit aller Kraft dafür einsetzen, dass unsere Erde für nachfolgende Generationen erhalten bleibt. Die Erderwärmung müssen wir jetzt geringhalten, damit ihre Folgen den Menschen nach uns nicht das Leben auf Erden zur Hölle machen. Und ich wäre sehr erleichtert zu hören, dass wir das geschafft hätten. 

Trotzdem verstehe ich nicht: Warum lassen die Hirten noch in derselben Nacht alles stehen und liegen? „Und sie kamen eilend“. Was ist so aufregend an einem Baby, das erst einmal nur eine Verheißung ist, und kein ausgewachsenes Heil?  

Was ist das dann für eine große Freude, die die Engel den Hirten verkündigen? Immerhin tun sie es mit gewissem Pomp und Gloria, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie. Und, sehen die Hirten klar? 

Und was müsste das für eine Botschaft sein, die bei mir echte Freude auslöst? 

Eine gute Botschaft, auf die warte ich tatsächlich. Die ersehne ich geradezu aus tiefstem Herzen. Das wäre die Nachricht, dass die Pandemie zu Ende ist, dass keiner mehr an dem Virus stirbt oder ins Krankenhaus muss. Dass die Auseinandersetzung um die Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Corona nicht weiter unsere Gesellschaft spaltet. Dass Menschen weder bei uns in Nienburg noch sonstwo nachts Kirchentüren beschmieren. 

Die gute Botschaft, auf die ich sehnlichst warte, ist das Ende der Pandemie. 

Auf gute Botschaften warten - sehnen und bangen - das tun so viele. 

Doch unsere Erwartungen und Gottes gute Nachrichten - die sind nicht immer deckungsgleich! 

Manchmal aber schon. Manchmal erfüllt sich auf wundersame Weise das Ersehnte. Vorgestern las ich eine Sammlung tatsächlich geschehener Wunder, alle in diesem Jahr passiert. Drei davon will ich Ihnen nennen.

  • Wolfgang Horna verliert in der Flutkatastrophe in Bad Neuenahr-Ahrweiler seinen Ehering. Schlammmassen zerstören das Erdgeschoss seines Hauses, Vorgarten, die Straße. Trotzdem findet er seinen Ring, der ihm viel bedeutet, Tage später beim Frischwasserzapfen auf der anderen Straßenseite im Schlamm steckend wieder. 
  • Jörn Krieger erhält eine lebensbedrohliche Diagnose und bereitet sich auf sein Sterben vor. Doch nach der OP stellt sich heraus, dass der angebliche, gefährliche Tumor nur ein gutartiger Gewebeklumpen war.
  • Die achtjährige Julia verschwindet bei einer Familienwanderung im Oberpfälzer Wald und wird nach zwei Tagen allein im Wald von einem auf eigener Faust suchenden Förster auf tschechischer Seite unbeschadet gefunden. 

Als ich all das las, kamen mir die Tränen aus Mit-Freude an diesen guten Botschaften Gottes. 

Gott zeigte sich Wolfgang Horna, Jörn Krieger und Julias, davon bin ich überzeugt! Das sind drei Einzelschicksale… im Vergleich zur großen weiten Welt babyklein! Doch für die Betroffenen - überwältigend groß! Und sehr real. 

In solchen Momenten sage ich: „Schaut, da war Gott am Werk.“ Und dort und dort ist er es auch. Ja, wir könnten es sehen: Gott ist in der Welt und lässt seine Gegenwart aufleuchten. Miniklein und doch ganz groß.

Wir könnten es sehen. Doch wir tun es nicht. Wir sagen: „Zufall“. Denn viel zu oft, da passen unsere Bitten und Hoffnungen und Gottes Antworten nicht zusammen. Da bleibt es dunkel, ohne gute Botschaft. Und das ist einfach nur furchtbar und zum Verzweifeln. Und wir sagen: „Schau, hier ist er nicht. Also ist er nicht.“ 

Aber anders als klein, liebe Gemeinde, anders als ein Baby in einer Krippe ist unser Gott nicht zu haben. Klein für die Welt. Und unverfügbar. Kaum zu finden im Dunkeln. Es sei denn… 

Es sei denn, man sehnt sich nach ihm, erwartet ihn, glaubt Engeln, lässt Gottes Klarheit um sich leuchten, wo alles unklar ist. 

Es sei denn, man wartet nicht ab, sondern sucht ihn. Auch, ja gerade mitten in der Nacht. Und findet ihn in den abgelegensten Orten, dort wo ihn keiner vermutet.

Dann, und nur dann finden wir Gott in Jesus Christus. Und entdecken: er ist real, hat ein Gesicht, ist ansprechbar, ist unser Gegenüber. In all den guten Botschaften, die uns Engel und Hirten und Wolfgang Horna, Jörn Krieger und Julias Familie erzählen. Und dann können wir sagen: Gott ist da. Wirklich da. Klein und doch ganz groß!!

Liebe Gemeinde, wie gut, dass wir jetzt diesen Hirten in unserer Krippe haben. Der mich antreibt, sofort loszugehen, Gott zu suchen, Gott im Kleinen zu finden und aus der Verheißung des Babys in der Krippe zu leben. 

Und der Friede Gottes, der so viel höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

 

Predigt für den 1. Weihnachtstag 2021 in St. Martin Nienburg

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. 

Liebe Gemeinde!

„Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind.“ Als ich ein Kind war, da feierte ich Weihnachten wie ein Kind.

Mit viel Basteln, Flöte üben und Plätzchen backen davor im Advent. Und mit einer gehörigen Portion Vorfreude. 

Am Heiligenabend mit Gottesdienst und Krippenspiel, mit Glöckchen und Staunen über den Weihnachtsbaum mit seinen roten Kugeln und Strohsternen und - anfangs noch - echten Kerzen. Ich sah ihn nie vor Heiligabend! 

Mit einer überwältigenden Menge an Geschenken unterm Baum. Und immer war ein Schlafanzug dabei! Aber auch mit echten Überraschungen.

Mit selbst gebackenen Plätzchen, Nüssen, die man noch selber knacken musste, und - Gänsebraten. Und Großtante Else saß mit am Tisch.  

„Als ich aber erwachsen wurde, tat ich ab, was kindlich war.“ 

Was ich als Berufstätige für Weihnachten nicht mehr schaffe, selbst herzustellen, besorge ich nun fertig. Was ich mir wünsche, kaufe ich mir gleich selbst. Die Geschenke werden weniger und liegen jetzt bequem auf dem Tisch. Wir essen vegetarisch, und die Nüsse gibt es jetzt ohne Schale. Eltern und Tanten wohnen weit weg.

„Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind“, schreibt Paulus im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth, Kap. 13. Vermutlich wusste der Apostel doch, wie sehr Jesus Kinder schätzte, ja, sie uns als Vorbild hinstellte. Denn Jesus zeigte einmal auf ein Kind inmitten seiner Jünger und sagte: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“

„Als ich erwachsen wurde, tat ich ab, was kindlich war.“ Ich meinte, ich sei nun klüger, verantwortungsbewusster, vorsichtiger und geschickter als damals als Kind. Größer und stärker sowieso. Ich dachte, ich könnte alles, was ein Kind noch nicht kann. Stattdessen ging mir so manches verloren!

Denn als ich ein Kind war, glaubte ich, liebte ich und vertraute ich bedingungslos. Ich wurde geliebt und ich fühlte mich in der Welt geborgen. 

Als ich aber erwachsen wurde, tat ich ab, was kindlich war. Und ich zweifelte an Gott, wurde misstrauisch, und mit der Liebe wurde es kompliziert. Als Erwachsene begann ich mich nach Geborgenheit zu sehnen und musste mich zugleich behaupten. Wir Großen nehmen oft nicht einmal mehr unsere Sehnsüchte wahr. Oder wir erlauben ihnen nicht sich in uns auszubreiten.

Nur an Weihnachten, da wird das Kind in uns wieder lebendig. Da erinnern wir uns an Weihnachtsfeste in Kindertagen, an alte Traditionen und wie schön das alles für uns als Kinder war. Es rührt unser Herz, denn es ist das Fest der Liebe. Der Liebe, die Gott uns geschenkt hat. 

Paulus schreibt diese Zeilen über das Kindsein und Erwachsenwerden im Zusammenhang des Hohenliedes der Liebe: „Die Liebe ist langmütig und freundlich“, steht dort zu Beginn. Und am Ende: „die Liebe höret nimmer auf, wo doch … die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk“.

Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind. Als ich ein Kind war, da feierte ich Weihnachten die Geburt eines Kindes. Und ich sah in Jesus den Bruder, den Freund. Ich wusste nicht viel, aber empfand das Entscheidende: Gottes Liebe zu mir. Und das genügte mir. 

Naiver Glaube ist das, ja, reines Sich-in-die-Elternarme-Werfen, ohne nachzudenken. Bloß Kind sein und vertrauen. 

Können, dürfen Erwachsene in einer Art zweiten Naivität kindlich glauben? Der französische Philosoph Paul Ricœur und andere sprechen von einer zweiten, einer durch die Kritik der Vernunft gegangenen und wieder gewonnenen Naivität. Naivität wird dabei positiv gesehen: unvoreingenommen, neugierig, positiv eingestellt, aufrichtig zu sein, steckt darin. Also kindliche Eigenschaften.

Als ich aber erwachsen wurde, tat ich doch ab, alles was kindlich war. Und ich las die Bibel in hebräisch und griechisch. Ich lernte, wer wann was über Jesus dachte und geschrieben hatte. Und ich weiß und rede viel, ich arbeite und mache viel. Jede und jeder von uns. 

Aber lieber wäre ich wieder Kind im Glauben: möchte lieben und mich geliebt fühlen. Ich will in Gott den liebenden und schützenden Vater sehen und in Jesus den Bruder und Freund an meiner Seite. Will Gotteskind sein. Und ach, ich bin es ja schon! 

Denn, so heißt es im 1. Johannesbrief, Kapitel 3 zu Beginn: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; auch wenn noch nicht offenbar geworden ist, was wir sein werden.“ 

Es ist Weihnachten. Wir feiern das Kind in der Krippe. Lasst uns selbst wieder Kind sein: reden wie ein Kind, denken wie ein Kind und klug sein wie ein Kind und Gott vertrauen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Liebe Gemeinde, 

ich beginne mit einem Rätsel. Was ist das?

Im Reigen von Glaube und Liebe steht sie oft unerkannt in der Mitte.
Sie wirkt in der Nacht, aber ihr Wesen ist Licht.
Sie sieht nicht, aber sie ist nicht blind.
Sie gibt die Kraft zu warten, auszuharren, durchzuhalten,
die Dinge nicht so hinzunehmen, wie sie sind.
Man sagt, sie stirbt zuletzt.
Doch sie erhält uns am Leben.
Bis ans Ende und auch darüber hinaus.

Sie haben es gewiss erraten: Es ist die „Hoffnung“, von der die Rede ist. Das Rätsel stammt nicht von mir, sondern von Dr. Thorsten Latzel. Nicht der Bremer Pastor, sondern sein Bruder. Seit 2021 neuer Präses meiner alten Kirche im Rheinland. 

In seiner Einführungspredigt fragte er: Was gibt uns Hoffnung? Er fragte es zu Beginn eines neuen Jahres und zu Beginn eines neuen Amtes, eines neuen Lebensabschnitts für ihn. Er fragte es angesichts der zweiten Coronawelle. 

Ich denke, liebe Gemeinde, es ist gut und es tut Not, sich dessen zu vergewissern, was uns Hoffnung gibt und Halt im Leben. 

Und dabei ist es gar nicht so entscheidend, was im einzelnen Sie konkret erhoffen, also worauf Sie sehnlichst warten: Das Ende der Pandemie beispielswiese, dass wir die Herausforderungen des Klimawandels meistern oder dass wir in diesem Jahr 2022 bewahrt bleiben vor schlimmen Krankheiten und Verletzungen. Jede und jeder von uns hegt andere Hoffnungen. Sie setzen andere Prioritäten als ich. Eine ist von ganz anderen Herausforderungen betroffen als ein anderer. 

Und dennoch können wir gemeinsam darüber nachdenken, was der eine Grund, die Basis ist, auf der unsere Hoffnung ruht.

Und Hoffnung ist dabei nicht zu verwechseln mit Optimismus. Der Optimismus sagt „Alles wird gut.“ Er schaut nur auf das Positive und blendet das Negative aus. Nina Ruge sagte das immer zum Schluss ihrer Sendung „Leute heute“. Ich fand das immer gruselig. Weil es einfach nicht stimmt. 

Hoffnung dagegen sieht dem Schrecklichen ins Gesicht und gibt trotzdem nicht auf. Christliche Hoffnung hat keine Grenzen. Nicht einmal der Tod kann unsere Hoffnung auf Jesus Christus aufhalten.

Wikipedia sagt: Hoffnung ist eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung, gepaart mit einer positiven Erwartungs­haltung, dass etwas Wünschenswertes eintreten wird, ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht.

Ich möchte es für die christliche Hoffnung ein wenig abändern. „Hoffnung ist eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung, gepaart mit einer positiven Erwartungs­haltung, dass - egal, was geschieht, Gott bei uns ist. Viel Wünschenswertes tritt ein, Gott sei gedankt. Und manches Furchtbare müssen wir ertragen, immer wieder. Und das können wir nur, weil Gott uns niemals fallen lässt. Selbst im Tod nicht. Weil wir eine Hoffnung haben, die über den Tod hinausgeht. 

Die Bibel, liebe Gemeinde, ist voll mit Hoffnungsgeschichten. Verrückte zum Teil, auch traurige, und gefährliche. Ich denke an Sarah und Abraham, die alles stehen und liegen lassen und zu einem neuen Leben aufbrechen. Einfach, weil Gott es ihnen verheißen hat. Ganz schön verrückt. 

Ich denke an Hiob, der alles verloren hat, und dennoch hat er von Gott nicht abgelassen. Furchtbar traurig ist sein Schicksal.

Ich denke an Mose und das Volk Israel, wie es vor den Ägyptern geflohen ist. Das war ziemlich gefährlich.

Sie alle und viele mehr haben an Gott als dem Grund ihrer Hoffnung festgehalten. Aber nicht von Anfang bis Ende. Immer wieder haben auch sie die Hoffnung verloren. Oder sie haben ihre Hoffnung auf andere und anderes gesetzt: auf Machthaber und auf Gewalt, auf die eigene Kraft. Und wenn sie ihre Hoffnung auf Gott gesetzt haben, hat diese sie nicht vor allem Schrecklichem bewahrt. 

Doch wann immer sie auf Gott und seine Verheißung gehofft haben, hat diese Hoffnung ihnen Kraft gegeben. Die auf Gott gegründete Hoffnung hilft auszuharren, zu überwinden, neue Wege zu gehen. Dinge zu tun, die wir uns sonst nie trauen würden. 

In den kommenden Wochen und Monaten schlagen Sie vielleicht auch neue Wege ein. Vielleicht trauen Sie sich endlich, was Sie schon so lange wollten? Vielleicht fordert das Leben Sie schlichtweg heraus. Vielleicht bringen uns Corona und andere Entwicklungen dazu, als Kirche nochmal neue Wege zu gehen. Was wird ihnen dabei Hoffnung geben? Ist es das Vertrauen auf Ihre eigene Kraft? Oder auf Glück? Oder hoffen Sie, dass Gott an Ihrer Seite ist, der gelingen lässt und der Sie im Scheitern trägt? Denn unser Gott ist ein Gott der Hoffnung, der grenzenlosen Hoffnung, die sogar über den Tod hinausgeht. 

Warum predige ich ausgerechnet heute über „Hoffnung“? An dem Sonntag, an dem wir Menschen verabschieden, begrüßen und in ein neues Amt einführen? In einer Zeit, in der die Pandemie wieder so viel Fahrt aufnimmt, dass es einem bange werden kann? Hier vor Ihnen, wo ich weiß, dass einige dabei sind, die trauern?

„Hoffen“ stammt von dem Wort „hopen“ und ist verwandt mit Hüpfen, hopsen. Hoffnung lässt uns hüpfen, einen Sprung nach vorne machen. Hoffnung setzt Energie frei und lässt uns frohgemut vorwärts gehen. Als Einzelne in ein neues Jahr, in einen neuen Lebensabschnitt, in einen neuen Dienst und ein neues Amt. Und als Gemeinde in Gottes Zukunft mit uns. In eine Zeit voller Herausforderungen, aber auch Chancen, die es zu entdecken gilt. 

Warum predige ich ausgerechnet heute über „Hoffnung“? Ich kann es auch mit einem Bibelvers aus dem Buch der Sprüche begründen: „Damit Deine Hoffnung sich gründe auf Gott, darum erinnere ich daran heute gerade Dich!“ (Spr 22,19)

Und lassen Sie mich enden mit einem Hoffnungsvers aus dem Römerbrief: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, so dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung, durch die Kraft des Heiligen Geistes.“ (Röm 15,13) Amen.

Liebe Gemeinde,

vor ein paar Wochen hörte ich, dass der Vater eines alten Freundes aus meiner Jugend verstorben ist. Ich kondolierte meinem alten Freund, und so kamen wir wieder in Kontakt. Viele Jahre hatten wir nichts voneinander gehört. Wir erzählten uns, was in den letzten 15 Jahren unseres Lebens los gewesen ist. Wir schrieben einander von den schönen Ereignissen und den schweren Zeiten. Und dann stand da plötzlich diese eine Frage von ihm: „Was hat Dir geholfen, als es Dir nicht gutging?“ 

Ja, wer oder was hat mir geholfen, als ein lieber Mensch gestorben ist, wir als Familie einen Neuanfang im Ausland wagten, als ich mich beruflich neu orientieren musste? 

Was hält mich in schwierigen Zeiten? 

Was oder wer hält Sie? Wie schön wäre es, wir könnten es jetzt hier alle zusammentragen und voneinander hören. 

Naja, und das könnten wir eigentlich auch tun. Wer mag, der findet einen Stift in seiner Bank und einen Zettel. Und wenn Sie mögen, dann schreiben Sie doch auf: Was trägt Sie in Krisen, wenn Sie merken, ich schaffe es nicht, ich gehe unter? Und befestigen Sie den Zettel beim Hinausgehen an der Pinnwand. Dann können wir lesen, was andere trägt. 

Oder durch wen oder was Gott Sie trägt. Wie Gott Sie hält. Denn das glaube ich, dass immer Gott selbst am Werk ist und sei es mit Hilfe anderer Menschen, durch Musik, mittels Natur oder auch ganz anders?! 

Was hält Dich und was mich? 

In gewisser Weise gibt auch unser Predigttext darauf eine Antwort. Der für den heutigen Sonntag vorgeschriebene Bibeltext ist die Geschichte vom Seewandel Jesu, wie sie der Evangelist Matthäus erzählt. Ich lese aus Matthäus 14, die Verse 22-33:

„22 Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. 23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. 

24 Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. 

25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. 26 Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: ‚Es ist ein Gespenst!‘, und schrien vor Furcht. 27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: ‚Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!‘ 

28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: ‚Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.‘ 29 Und Jesus sprach: ‚Komm her!‘ Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 

30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! 31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: ‚Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?‘ 

32 Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. 33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: ‚Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!‘“

Jesus läuft auf dem Wasser – davon erzählen auch die Evangelisten Markus und Johannes. Aber dass Petrus so verrückt ist und meint, er könne es Jesus gleichtun – das gibt es nur hier, bei Matthäus. 

Ob Jesus nun wirklich auf dem Wasser gehen konnte, warum er es tat oder warum die Evangelisten es erzählen – darüber könnte man zweifelsohne trefflich diskutieren. Gerade an dieser Geschichte über Jesus entzündet sich viel Spott. 

Kranke heilen? Na gut. Aber übers Wasser laufen? Das erscheint doch vielen als unglaubwürdig. 

Aber mich beschäftigt heute mehr der sinkende Petrus. 

Ich sehe Menschen heute wie Petrus aus dem Boot steigen: Menschen, die etwas wagen, was anderen völlig verrückt erscheint. Die so mutig sind, die Schule zu wechseln. Die sich beruflich selbstständig machen. Die aufgeben, was sie kennen und was ihnen bisher Sicherheit gegeben hat, und neu anfangen. Die Projekte beginnen, die ihnen sinnvoll und wichtig erscheinen. Auch wenn viele sagen: „Mensch, das wird doch nichts.“ 

Jesus ermutigt seinen Jünger. Jesus traut es ihm zu. Ja, er ruft ihn aus dem vertrauten Umfeld, dem schützenden Boot heraus. Und Petrus lässt sich rufen und wagt, was nach menschlichem Ermessen unmöglich ist. 

Wenn es solche Männer und Frauen heute nicht gäbe, die was wagen wie Petrus, dann gäbe es nicht so viele tolle Initiativen. Dann wäre manches anders. 

Und solange Petrus den Blick auf Jesus hält, geht auch alles gut. Aber als er gewahr wird, dass es ja doch ziemlich heftig stürmt und der Boden schwankt, sinkt er. Er sieht die Wellen und bekommt es mit der Angst.

Ich bin nicht so mutig wie Petrus, bewusst auszusteigen aus dem sicheren Boot und Wagnisse einzugehen. Aber Wellen, die über mir zusammenschlagen, das Gefühl, unterzugehen, das kenne ich leider trotzdem. Wer auch nicht? Gerade jetzt. Da sitzen wir sozusagen alle im selben Boot und werden hin und hergeworfen von Welle Nr. 4. 

Es gibt eben nicht nur Petrus. Da sitzen noch elf andere Jünger - IM Boot. Auch im Boot kann man Jüngerin sein. Wir müssen nicht alle Petrusse sein. Und wir begegnen eben dennoch der Gefahr und haben Angst und werden von den Wogen hin und her geworfen. 

Wer kennt es denn nicht, das Gefühl, dass einer der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Dass eine nicht mehr alles im Griff hat. 

Und dann? Was ist dann, wenn alles wankt? Was ist, wenn ich mich nicht mehr allein aufrecht halten kann und nicht mehr weiterweiß? 

Dann sehne ich mich nach jemanden, der mich sieht und versteht. Einer, der einfach da ist für mich. Und der meine Hand nimmt, der mich aus dem Schlamassel rauszieht und mich festhält. Der mir Mut macht und neue Hoffnung gibt. Mir stehen hilft auf unsicherem Gelände. 

Petrus sehnt sich und schreit: „Herr, rette mich!“ Er traut es Jesus zu. 

Und ich glaube, das reicht. Ich muss nicht so mutig und halsbrecherisch aus dem Boot steigen wie Petrus. Aber darin ist er mir Vorbild: Zu schreien und zu hoffen, dass Christus mich nicht im Stich lässt, sondern mir hilft. 

Glaube, das ist sich sehnen nach Hilfe. Glauben ist ahnen, dass die Sehnsucht nicht umsonst ist. Glauben ist, blind zu hoffen, dass da einer ist, der mich hält. 

Und wissen Sie was: Ich finde diese Geschichte viel schöner als die, in der Jesus den Sturm stillt. Das tut er hier nicht. 

Die ganzen furchtbaren Stürme verschwinden nämlich tatsächlich nicht. Und Petrus scheitert, er kann nicht auf dem Wasser laufen. Wir beherrschen die Stürme nicht und die Wassermassen nicht, die in unsere Häuser laufen, und auch andere Wellen nicht. 

Petrus bleibt bis zum Schluss ein ohnmächtiger Mensch wie Du und ich. Aber: Jesus Christus greift nach seiner Hand und hält ihn. 

Wäre die Geschichte ein Film, den ich mir anschaue, ich würde hier die Stoptaste drücken. Wäre es ein Theaterstück, das ich inszeniere, ich würde jetzt den Spot, den Scheinwerfer auf Jesus richten und seine Hand und die des Petrus. Schaut her, darum geht es in dieser Geschichte und immer wieder im Zweiten Testament.

Liebe Gemeinde, mich beschäftigt das gerade sehr: Die Frage, wer uns hält. Was unser Trost ist. Angesichts vieler Trauerfeiern in unserer Gemeinde. Angesichts von schwerer Krankheit in der weiteren Familie. Angesichts der Erschöpfung vieler in dieser vierten Wellte. 

Woran halten wir uns fest – wer hält uns fest? 

Christus hält mich. Und jedesmal ist es anders. Mal durch Menschen, die er mir zur Seite stellt. Durch Kraft, die er mir gibt, und ich wundere mich, woher ich sie plötzlich schöpfe. Durch einen tröstlichen Text, der mir vor die Füße fällt. Durch unverhoffte Ruhe, die mir hilft neue Kraft zu tanken. Durch Begegnungen. 

Ich freue mich darauf, Ihnen ein paar konkrete Antworten aus meinem Erleben auf einem Zettel nachher an die Pinnwand zu heften. Und ihre Antworten zu lesen: Was Ihnen schon Halt gegeben hat und gibt. 

Schließen möchte ich mit einem Bild und einem Text, die mir seit Jahrzehnten wichtig sind. Die mir in den Sinn kommen, wenn ich unterzugehen drohe. Die mich daran erinnern, dass Christus doch da ist und mich hält. 

Nun, Bild stimmt eigentlich nicht. Es ist eine Skulptur von Dorothea Steigerwald. Genau heute vor acht Jahren verstarb die Künstlerin, eine Diakonisse, im Alter von 96 Jahren. „Behütet“ heißt ihre Figur, die auf schlichte, künstlerisch naive Art so schön Geborgenheit ausdrückt, wie es für mich nichts anderes besser vermag. Ein Kind schmiegt sich in zwei übergroße Hände. Ein Kind Gottes wird von Gott gehalten. Ich habe die Plastik seit meiner Jugend in meinem Regal stehen. 

Und der Text ist von Dietrich Bonhoeffer. Dessen Geburtstag vorgestern gewesen wäre. 1906 ist er geboren, im April 1945 erschossen worden. In einem Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer schreibt er am 19. Dezember 1944 aus dem Gefängnis ein Gedicht. Die letzte Strophe lautet:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag. 

Amen.

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Was hört Ihr gerne? Was hören Sie gerne?
Das Rauschen der Bäume im Wind? Es muss ja nicht gleich so ein Sturm sein wie gestern…
Hören Sie gerne schöne Musik? Podcasts? Oder Hörbücher?
Welche Worte hören Sie gerne? Und welche mögt Ihr gerne?

Vielleicht Komplimente? Die gehen runter wie Öl.
Liebesworte und Kosenamen? Na klar! Ein „Ich hab dich lieb“ und ein „Ich vermisse dich“ – gut, das sind jetzt gleich ganze Sätze – das hört man doch gerne! Jedenfalls wenn sie von dem oder der Richtigen kommen! 

Es gibt auch Wörter, die haben nichts mit einem direkt zu tun – und sind trotzdem schön. Ich mag das Wort „Katjes“, da fällt mir nur viel Gutes zu ein. Ich mag auch „Sahnebonbon“ und „Wiese“. Diese Wörter lösen Wohlgefühl in mir aus. Und schön anhören tun sich auch: „Schlemmen“ und „schlummern“! Kennt Ihr eigentlich diese Wörter? Es gibt ein ganzes „Lexikon der schönen Wörter“.

Worte lösen etwas aus. Wohlgefühl oder Wut, Hass oder Heiterkeit. Wir können so viel mit Worten bewirken. Mit Lob können wir motivieren. Wenn wir z.B. feststellen: „Du kannst das richtig gut!“ Mit Vergebung können wir erleichtern, wenn wir sagen: „Es ist ok, wir machen alle mal Fehler.“ Wir können jemanden eine Freude machen, wenn wir sie oder ihn herzlich begrüßen: „Schön, dich zu sehen.“ 

Worte wirken.

Manchmal richtig tief. Da geht einem ein Wort durch Mark und Bein. Wenn ich heute das Wort Krieg höre, dann erschreckt es mich, und es wird mir kalt. Es legt meine Unruhe und Angst bloß, es löst viele Fragen in mir aus. Es ist ein kaltes, ein brutales Wort. In dem Wort steckt Gewalt, Leid und Tod.

Manche Worte verändern ihre Wirkung auf einen aber auch im Laufe der Zeit. Das Wort „Spaziergang“ klang für mich früher nur öde. Als ich erwachsen wurde, klang es schön und entspannend. In letzter Zeit hat es einen politischen Beigeschmack. 

Aber uns geht es heute um Gottes Wort. Gottes Wort wirkt. Durch sein Wort ist immerhin eine ganze Welt entstanden. Ohne Gottes Wort gäbe es weder mich noch dich noch diese Kirche. Gottes Wort ist wahrhaftig lebendig und wirksam. Nicht nur damals war das so, als er die Welt erschaffen hat. Nicht nur damals war das so, als sein Wort Fleisch wurde und in Jesus Christus zur Welt kam. Gottes Wort verändert sich nicht. Auch heute gilt:
„Gottes Wort ist lebendig und wirksam.“ Egal, wie genau es lautet, welche Wörter Gott verwendet. „Sein Wort“ – das ist die Summe aller Wörter, die Gott gesprochen hat und spricht. 

Sein Wort – also alles, was Gott sagt – ist lebendig und wirksam. So beginnt der für heute vorgeschlagene Predigttext, zwei Verse im Hebräerbrief (4,12.13):

„Gottes Wort ist lebendig und wirksam. Das schärfste, beidseitig geschliffene Schwert ist nicht so scharf wie sein Wort. Es durchdringt Seele und Geist, Mark und Bein. Es urteilt über unsere geheimsten Wünsche und Gedanken. Es gibt niemanden, dessen Inneres vor Gott verborgen ist. Alles liegt offen und ungeschützt vor den Augen dessen da, dem wir Rechenschaft geben müssen. 

„Gottes Wort ist lebendig und wirksam.“

Ein paar Worte waren es nur, die Lydias Leben verändert haben und das ihrer ganzen Familie. Wirkmächtige Worte. Nämlich: „Ich taufe dich auf den Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Diese Worte haben aus Lydia die erste Christin in ganz Europa gemacht. Diese Worte sprechen ihr Gottes JA zu ihr und zu ihrer Familie zu. Sie lösen große Freude in ihr aus und krempeln ihr Leben um. 

Mag sein, dass das Christsein ihrem Geschäft schadet. Es ist ihr egal. Sie besteht sogar darauf, dass Paulus und Timotheus bei ihr zu Gast sind. Sie zeigt es allen offen: „Ich bin jetzt Christin. Mich bewegt was Jesus Christus gesagt und getan hat. Es verändert mein Leben und wird meinen Lebensweg in Zukunft bestimmten.“

Es gibt diese Worte, die sind so lebensverändernd. Eine Zusage oder auch eine Absage. Das Ja vor dem Traualtar. Aber auch der Schuldspruch vor Gericht. 

Auch Gott spricht ein urteilendes Wort. Er verurteilt so manche unserer Taten. Wenn wir einander wehtun. Doch letztendlich spricht er uns frei, aus Liebe. Gottes Urteilsspruch ist ein Freispruch! Wir können ihm nichts verheimlichen. Aber wir brauchen uns vor seinem Wort auch nicht zu fürchten. Denn es sind stets Liebesworte, die er spricht. Schöne Worte. 

Es ist ein wenig so wie mit einer sehr guten Freundin. Ich kann ihr nichts vormachen, sie kennt mich genau. Sie blickt mir in die Seele und liest in mir wie in einem offenen Buch. Auch wenn ich Dinge tue, die nicht in Ordnung sind, kann ich sie ihr freimütig gestehen. Denn ich weiß, dass sie mich dennoch mag. Sie findet nicht gut, wenn ich unfair bin und anderen Unrecht tue. Aber sie verurteilt mich auch nicht und gibt mich nicht auf. Sie bleibt an meiner Seite. Sie weiß, dass ich das eigentlich nicht will. 

Liebe Gemeinde, Gottes Wort ist aber nicht nur ein Wort über mich. Sein Wort ist auch ein Wort an mich. Ein gutes, ein schönes Wort. Also eher "Sahnebonbon" und "schlemmen" als "Krieg". Gottes Wort ist ein Wort, das mich tröstet; ein Wort, das mich anspornt; ein Wort, das mir sagt, wie ich leben soll; und ein Wort, das mich festhält. Eben ein Wort, das mir Licht auf meinem Weg ist. 

„Dein Wort, o Herr, lass allweg sein die Leuchte unsern Füßen;
erhalt es bei uns klar und rein; hilf, dass wir draus genießen
Kraft, Rat und Trost in aller Not, dass wir im Leben und im Tod
beständig darauf trauen.“ 

Das ist die fünfte Strophe des Liedes „Herr, für dein Wort sei hoch gepreist“. Wir singen jetzt die Strophen 1 bis 4 dieses Liedes. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus. Amen. 

„Ich kann es nicht zu fassen.“ „Ich habe nicht geglaubt, dass es wirklich dazu kommt.“ „Wo führt das noch hin?“ – Das sind die Sätze, die ich in den letzten drei Tagen am meisten gehört – und auch selbst gedacht habe. 

Es ist nicht zu begreifen, was gerade in der Ukraine geschieht. Es scheint nicht real – und doch ist es bittere Wirklichkeit. 

Donnerstagmorgen habe ich mich auf verschiedensten Kanälen über die Entwicklungen in der Ukraine informiert: Zeitung, Radio, Livestreams… Und dabei haben mich Ratlosigkeit und das Gefühl der Ohnmacht ziemlich überrollt. Klar, Unruhe und Befürchtungen, die hatte ich schon davor. Aber nun ist wirklich Krieg! Und zwar in einer anderen Dimension, als es in den vergangenen acht Jahren zwischen Russland und der Ukraine bereits der Fall gewesen ist. 

Es ist Krieg, und er ist gerade mal 1.500km Fahrtstrecke von uns entfernt. Das ist nur wenig weiter als von hier nach Florenz. 

Überall sprechen Menschen über diesen Krieg und suchen nach Möglichkeiten ihre Fassungslosigkeit und Ängste zum Ausdruck zu bringen. Freitagabend haben vielerorts Andachten in den Kirchen stattgefunden. Unser Küster hat um 18 Uhr die Glocken geläutet. Und dank Frau Dantzer und Herrn Heuer konnte St. Martin für eine Stunde zum Gebet geöffnet sein. Wussten Sie, dass Kurt Dantzer die Friedensgebete in St. Martin angesichts des Ausbruch des russisch-ukrainischen Krieges 2014 begonnen hat? Und wir feiern sie immer noch. 

Für gestern Abend hatte der Jugenddienst unseres Kirchenkreises zu einer Lichterkette bei St. Martin eingeladen. Ich bin hingegangen. Aber auf dem Hinweg habe ich mich gefragt: Was mache ich da eigentlich? Was bringt das denn? Das hält doch keinen Panzer auf und hilft keiner Ukrainerin, die Angst um das Leben ihrer Kinder hat. Ich habe das Glas mit der noch nicht brennenden Kerze in meine Jacke gesteckt. 

Aber was kann ich denn schon auch tun? 

Also bin ich hin. Und dann haben wir da gestanden, ca. 350 Menschen. Wir haben unser Entsetzen zusammen ausgehalten und die kleinen flackernden Lichter der aufkommenden Dunkelheit entgegengehalten.

Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Nach einer halben Stunde habe ich mich von der Kollegin links von mir, und dem Brautpaar von Dienstag, das mit seiner kleinen Tochter rechts von mir stand, verabschiedet. Auf dem Rückweg kam ich noch an der älteren Dame vorbei, die trotz dem sie nicht gut zu Fuß ist, mit ihrer kleinen Laterne am Rolator gekommen war. 

Und ich habe gedacht: Wie traurig wäre es, es gäbe keine Lichterketten, wir würden keine Glocken läuten und niemand würde sagen: „Ich bin fassungslos vor Entsetzen!“ Dann wäre die Welt definitv ein ganzes Stück dunkler, kälter und einsamer: Für alle direkt Betroffenen, die den Eindruck haben müssten, ihr Schicksal interessiert niemanden. Und für uns, die wir mit unseren Ängsten und Sorgen alleine zuhause säßen und sie nicht äußern könnten. 

Gestern Abend auf dem Kirchplatz kam mir der Kanon „Herr, gib uns Frieden“ in den Sinn. Das Lied zog eine ganze Weile in Dauerschleife durch meinen Kopf und verbreitete sein Echo bis in den Bauch hinein. Ich habe mich an diesem Liedvers festgehalten. An diesem - Gebet.

Denn ich glaube, in der schlimmsten Situation können wir immer noch etwas tun: beten. Beten ist nicht nichts. Es ersetzt kein anderes Handeln. Beides sollte man nicht gegeneinander ausspielen. Aber wo ich nichts anderes tun kann, da kann ich immer noch beten. Also Gott in den Ohren liegen, dass er etwas tut. 

Und über die vertikale Richtung hinaus hat das Gebet ja auch eine horizontale Wirkung: Es verbindet uns Menschen, es zeigt, dass wir füreinander da sind, aneinander denken. Und es tut uns auch selbst gut, unsere Seele zu öffnen. Beten ist Tun. Beten können wir immer.

Und zum Beten, liebe Gemeinde, da braucht es nur eine Sache.  „Glaube“, denkt jetzt die eine oder andere vielleicht. Aber man kann auch beten, wenn man sich nicht so sicher ist, ob es Gott gibt und was er oder sie eigentlich ist und kann. Und „Worte“ sind es auch nicht, die man braucht. Im Gegenteil, zum Teil sind die innigsten Gebete die mit den wenigsten oder ohne Worte. 

Nein, es braucht: Trotz. Eine gehörige Portion Trotz! Denn in so manchen Bittgebeten beten wir gegen das an, was ist. Wir vertrauen darauf, dass Gott abwenden kann, was droht. Dass er das scheinbar Unmögliche Wirklichkeit werden lässt. 

Warum auch nicht? Wir haben schon Wunder erlebt. Ich traue meinen Gott das zu. 

Ja, ganz oft haben Gebete nicht die gewünschte Wirkung gezeigt. Sehr, sehr oft. Doch wer zählt, wie oft Beten „funktioniert“, wer meint, es lohne sich nur ab einer bestimmten „Erfolgsquote“ zu glauben – der wird in der Tat enttäuscht. Beten ist nicht immer ein „Beten weil…“, sondern ein „Beten trotz….“.

Wir können nicht einerseits froh sein, dass wir uns mit freiem Willen entscheiden können, zu tun und zu lassen was wir wollen, und uns zugleich über einen Gott beschweren, der Menschen sich für das Böse entscheiden lässt. Wir haben auch keinen Feuerwehrgott, der ständig kommt und repariert, was wir kaputt machen. 

Aber ich habe trotzdem einen Grund, warum ich weiterbete, warum mir gerade jetzt so sehr nach beten ist, warum ich Gott um nichts Geringeres bitte als Frieden in der Welt: Weil wir einen Gott des Friedens haben. Immer wieder nennt Paulus ihn so: den Gott des Friedens. 

Gewiss, besonders im Ersten Testament ist viel von Krieg die Rede!

Die Menschen lebten in kriegerischen Zeiten. Und manches Mal haben sie Gott und Krieg miteinander verwoben. Wurde ein Sieg gewonnen, sagte man: Gott hat die Gegner geschlagen. 

Und doch gibt es zahlreiche kriegskritische Texte in der Bibel. Wo Gott Waffen zerstört. Und wo es heißt: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht Gott: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, das ihr erwartet.“ So beim Prophet Jeremia. Frieden ist das Wesen Gottes. 

Die Propheten träumen von Frieden und malen ihn sich und uns aus: Wenn Wolf und Lamm beieinander wohnen und kleine Kinder ungefährdet ihre Hand ins Schlangennest stecken können. 

Zwei Seiten Bibelstellen nennt meine Konkordanz zum Wort Friede. Nicht einmal eine Viertel Seite zum Wort Krieg oder Kampf.

Denn „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht Gott: Gedanken des Friedens und nicht des Leides.“

„Friede“ ist in jedem biblischen Gruß zu finden: „Friede sei mit dir“ und „Friede diesem Haus“.

Einen Gott des Friedens haben wir und der Liebe. Ja, der die Liebe geradezu verkörpert. Wir haben vor der Predigt das Wochenlied gesungen: „Liebe, die du mich zum Bilde deiner Gottheit hast gemacht“. 

Zu wem, wenn nicht zu solch einem Gott könnten und sollten wir uns wenden? Zu einem Gott, der die Liebe ist und der sagt: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides.“

Liebe Gemeinde, „seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“ Und bleiben Sie trotzig.

Denn der Friede Gottes, der so viel höher ist als all unsere Vernunft, wird unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren. Amen. 

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

das deutsche Wort Minister / Ministerin kommt aus dem Lateinischen: ministrare bedeutet dienen. Von „Staatsdienern“ sprechen wir auch im Blick auf Ministerinnen, Staatssekretäre, Richter und weitere Beamtinnen. 

 „Minister“ und „dienen“ – gefühlt bilden die beiden Wörter eher einen Gegensatz. Ministerinnen haben Macht, treffen weitreichende Entscheidungen. Sie sind doch das Gegenteil von Dienerinnen. Wie passt das zusammen? 

Um herausgehobene Posten und ums Dienen geht es in unserem Predigttext. Ich lese die für heute vorgeschriebene Passage aus dem Markusevangelium, Kapitel 10, die Verse 35 bis 45: 

Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, 

und sprachen: 

Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? 

Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. 

Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. 

Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? 

Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. 

Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; 

zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, 

das steht mir nicht zu, euch zu geben, 

sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.
Und als das die Zehn hörten, 

wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. 

Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: 

Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; 

sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 

und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. 

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Liebe Gemeinde, also ich finde es nicht verwerflich, dass Johannes und Jakobus sich um Plätze im Richterkollegium des Himmelreichs bewerben. Die beiden Jünger werden Donnersöhne genannt, weil sie mit Feuereifer dabei waren. Und Jesus hielt große Stücke auf sie: Er hatte sie beide und Petrus mit auf den Berg genommen, auf dem er verklärt wurde.

Es ist doch löblich, dass sie Verantwortung übernehmen wollen. Zur Rechten und Linken Jesu sitzen: ihm also helfen, wenn das Jüngste Gericht stattfindet. So viel Selbstbewusstsein und Leidenschaft fürs Reich Gottes muss man auch erstmal haben. 

Uns fehlt diese Leidenschaft zu leiten anscheinend. An über 1.000 Schulen deutschlandweit fehlt eine Schulleiterin oder ein Schulleiter. Auch in der Wirtschaft herrscht ein Mangel an Führungskräften. Eine Studie von 2019 hat zutage gefördert: Gerade mal 7% der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in unserem Land können sich vorstellen, eine leitende Position zu übernehmen. Von denen die bereits eine Führungsrolle innehatten, würden nur 40% auch in Zukunft eine solche bekleiden.

Nun, wer heute in herausgehobener Stellung ist, kann sich zwar über Gestaltungsfreiheit und Entscheidungsmacht freuen. Aber es hat eben auch viele Nachteile: Mehr Arbeit, Stress, schwierige Entscheidungen, die zu treffen sind - das gehört auch zu Leitungspositionen. 

Und wenn ich an Ministerinnen und Staatsdiener denke, so muss man bei der Übernahme eines solchen Postens heute außerdem vermehrt mit Anfeindungen, Hassattacken und sogar körperlichen Angriffen rechnen. Will man sich das antun?

„Ihr wisst nicht, um was ihr mich da bittet“, entgegnet Jesus dem Ansinnen der Zebedaiden, wie die beiden Söhne des Zebedäus auch genannt werden. Das bedeutet den „Kelch trinken“ zu müssen, den Jesus trinkt, und „sich taufen lassen mit der Taufe“, mit der er getauft wurde. Sprich: einen gewaltsamen Tod zu erleiden. Ein ziemlich hoher Preis. Doch die beiden sind sogar dazu bereit. Und Jesus glaubt ihnen das, er traut es ihnen zu. Nur, manchmal reicht es nicht, einen hohen Preis zu bezahlen und es unbedingt zu wollen. Es steht nicht in Jesu Hand, die Plätze rechts und links von ihm zu vergeben. Schon gar nicht im Vorhinein, vor Anbruch des himmlischen Reiches. Hier wird nicht gekungelt und kein Vitamin-B ausgespielt. Die begehrten Sitze vergibt ein anderer.

Und da haben die anderen Jünger den Alleingang der Donnersöhne auch schon herausbekommen. Und sie ärgern sich. Da preschen welche vor, die wollen bevorzugt werden. Das kommt nicht gut an. Sie sind doch eine Gemeinschaft Gleichberechtigter, oder etwa nicht? 

Jesus ruft die Neider dazu. Was er den beiden zu sagen hat, gilt für sie alle. Gegen den Ehrgeiz an sich und gegen Leitung hat Jesus offensichtlich nichts. Er hebt ja auch den Petrus aus der Schar seiner Anhänger heraus: der Fels, auf dem er seine Kirche baut. Der stets zuerst Genannte. Der Dinge zu ihm sagen darf, die sich sonst keiner traut. Der oft für die anderen spricht.

Aber mehr zu sagen haben als andere – das bedeutet vor allem Verantwortung für und Sorge um andere zu tragen. Oder mit Jesu Worten: Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein

Es gibt in Firmen und Institutionen einen Führungsstil, den man Servant Leadership nennt, dienende Führung. Servant Leader sind Führungskräfte, die sich nicht durch Autorität, sondern Empathie und Wertschätzung für ihre Mitarbeitenden auszeichnen. Sie sichern Erfolge für das Unternehmen, indem sie den Angestellten Raum zur Selbstorganisation und persönlicher Entfaltung geben. Die Devise heißt: befähigen statt befehlen. 

Wen ich daran denke, wie Jesus seine Jünger aussendete, das Evangelium zu verkündigen und Kranke zu heilen, dann handelte er nach diesem Prinzip.

Aber wie kann das für uns von Bedeutung sein, die wir nicht alle eine Firma oder eine Abteilung leiten oder eine Lehrkraft sind? Auch dann ist man ja Leitender. 

Ich denke in zweierlei Hinsicht ist es bedeutsam: 

Zum einen haben manche von uns vielleicht nicht im Beruf, aber im Ehrenamt eine leitende Funktion: sie leiten eine Gruppe oder trainieren eine Mannschaft, haben einen Sitz in einem Vorstand eines Vereins oder organisieren Veranstaltungen. Auch dann übernimmt man Leitung, und das kann man so oder so tun. 

Zum anderen sind wir als Mitglieder einer Familie oder einer Freundinnen- oder Freundesgruppe durchaus mal Wortführer und  Bestimmerinnen. Wir möchten entscheiden oder wenigstens mitentscheiden, wo es lang geht und was gemacht wird. 

Und das können wir immer entweder auf die eine oder auf die andere Art: Entweder wollen wir vor allem Recht habe und unseren Willen durchsetzen, koste es, was es wolle. Das ist der Stil von dem Jesus sagt: „Aber so ist es unter euch nicht.“

Oder aber ich frage bei allen Entscheidungen, was den anderen, meinem Nächsten, und der Gemeinschaft dient. Als innere Haltung, als Prinzip. 

Ich denke, nicht nur Ministerinnen und Minister können von Jesus lernen, was dienendes Führen bedeutet. 

Jesus fordert das Dienen auch nicht nur von denen, die ihm nachfolgen. Er lebt es auch selbst vor: Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er dienebekräftigt er. 

Und der Evangelist Johannes erzählt, wie Jesus seinen Jüngern die Füße wusch und sagte: Ein Beispiel gebe ich euch, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.

Jesu Dienen geht sogar bis hin zur nicht Selbst-Aufgabe, aber Selbst-Hingabe: bis zum Tod am Kreuz. Denn der Menschensohn ist gekommen, dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Und der Friede Gottes, der so viel höher ist als all unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. 

„Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“

Das ist der Text für heute. Nicht meine Idee. Das ist ein Vers des heutigen Predigttextes, vorgeschrieben von der Ordnung gottesdienstlicher Texte. Diese Ordnung ist eine sechs Jahre umfassende Liste, die schon vor langer Zeit festgeschrieben wurde. 

„Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“

Unpassender geht es nicht, oder? Als ich das las, war mir sonnenklar: Diesen Sonntag halte ich mich nicht an die Vorschriften. Doch auf der Suche nach einem passenderen Bibeltext spukte dieser Vers immer wieder in meinem Kopf herum. Er klopfte sozusagen immer wieder bei mir an. 

„Doch, doch: Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“

Und ich möchte rufen: Nein, jetzt ist gerade die Zeit größten Unheils! Wir haben Krieg in Europa. Menschen kämpfen und sterben. Viele Menschen flüchten bei eisiger Kälte. Die Versorgung der Zurückbleibenden bricht zusammen. Familien werden auseinandergerissen. Und wir wissen nicht, ob der Krieg sich nicht ausweitet. Wo, bitte schön, ist da „Gnade“ und „Heil“?

Liebe Gemeinde, am Freitag hatten wir hier in St. Michael Konfi-Unterricht. Wir haben zu Beginn etwas im Markusevangelium gelesen. Das machen wir jedes Mal. Diesmal war der Beginn der Leidensgeschichte Jesu dran, passend zur Passionszeit. 

Und danach haben wir in Kleingruppen überlegt: Wo in unserer Welt, wo um uns herum sehen wir Gott am Wirken? Oder ist er vielleicht gar nicht mehr am Werk? Hat er einmal zu Beginn die Welt erschaffen, die Menschen hineingesetzt, ein paar Regeln klargestellt - wie die vom Baum der Erkennntnis nicht zu essen - und dann den Dingen ihren Lauf gelassen? 

Beispiele, wo sie Gott in Aktion sehen, haben die Jugendlichen auf Papier gebracht. Und sie haben daraus kleine Stelen gemacht. Schauen Sie sich die gerne im Anschluss einmal an.

Und am Ende der Konfi-Stunde haben wir eine Friedensandacht gefeiert hier vorne, mit Kerzen. Wir haben gebetet, dass Gott tätig werden möge. Dass er, der selbst so viel gelitten hat, den leidenden Ukrainern nahe ist und hilft. Dass er Frieden schenkt. Dass er die Herzen der Kriegstreiber lenkt. 

Denn jetzt ist doch ganz offensichtlich die Zeit der Ungnädigen und jetzt sind die Tage des Unheils! Als ich meine Predigt schrieb, kam gerade die Nachricht, dass die Waffenruhe gescheitert sei, und Russland die Angriffe auf die ukrainischen Städte Mariupol und Wolnowacha fortsetzt. Zivilisten konnten nicht evakuiert werden. Welch ein Hohn, von Gnade und Heil zu sprechen…

Ich weiß natürlich, auch vor letzter Woche Donnerstag, vor dem Beginn des Krieges in der Ukraine war es nicht überall auf der Welt friedlich, war nicht überall heile Welt. Auch vorher schon herrschte in verschiedenen Teilen der Welt unheilvoll Gewalt und wüteten gnadenlos Naturkatastrophen, bestimmten Hunger und Armut das Leben so vieler. Die Frage, wo da Gott ist, ist so alt wie die Menschheit. Das macht diese Frage nicht kleiner, nicht weniger drängend. 

Wo also ist die Gnade Gottes? Wo ist Heil?

Ich kann sie nicht sehen. Ich sehe Feuer und Rauch, Tränen und Trümmer, Panzer und Raketen – wann immer ich die Medien einschalte. Und ich habe das Privileg, ich kann das ausschalten, ich bin weit weg. Menschen in der Ukraine nicht.  

Seltsam nah dran ist, was Paulus sonst noch in dem Text für heute aus seinem 2. Brief an die Korinther schreibt, wie er sein Leben beschreibt:

„in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten“ lebt er. Und er sagt, er und seine Mitstreiter seien: „die Unbekannten und doch bekannt, die Sterbenden, und siehe, wir leben, die Gequälten, und doch nicht getötet“. 

Zu anderen Zeiten wäre mir das sehr fremd. Jetzt habe ich dabei sofort die Menschen in der Ukraine vor Augen und denke, wie sehr all das leider auch auf sie gerade zutrifft. Wenn auch aus ganzanderen Gründen als bei Paulus. 

Paulus ging es dreckig, er war in Gefahr. Anders als ich wusste er, was Verfolgung und Todesangst bedeutet. Ja, und trotzdem spricht er von Gnade, von Heil. „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Trotz allem sagt er das. Oder gerade deshalb. 

Licht fällt am Tag nicht auf. Wie oft bin ich schon morgens ins Wohnzimmer gekommen und habe nicht bemerkt, dass die Stehlampe in der Ecke noch angeschaltet war. Ihr Licht fiel in der Sonne nicht auf. Erst im Dunkeln ist es gut zu sehen. 

Erst im Finstern ersehnen wir das Licht. Und dann erst entfaltet das Licht seine Kraft. 

Genauso ist es mit der Gnade. Geht es uns gut, nehmen wir sie kaum wahr, die Gnade Gottes in unserem Leben, obwohl sie uns so überreich umgibt. Alles scheint uns so selbstverständlich. So handhabbar. Als hätten wir es in der Hand, dass es uns so gut geht, dass wir gesund sind, in Frieden leben, genug von allem haben. Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht, und Gottes Wirken vor lauter Gnade nicht. 

Wer ernsthaft erkrankt oder einen Verlust erleidet, dem wird schmerzhaft deutlich, wie flüchtig alles Glück, die Gesundheit, ja, das Leben an sich ist. Diejenige schätzt jeden Lichtstrahl neu und erlebt umso intensiver und dankbarer alle Momente geschenkter Gnade: die Menschen, die Anteil nehmen, treue Freunde, auch ganz praktische Hilfe. Lichtkegel im Dunkeln. 

Liebe Gemeinde, wenn ich in diesen Tagen durch Instagram oder Facebook scrolle, das Radio anschalte oder die Zeitung aufschlage: Überall lese und höre ich von Friedensdemonstrationen und Friedensgebeten, von Menschen, die Sachspenden sammeln oder Essen bereitstellen und an die ukrainische Grenze bringen, von Organisationen wie die Diakonie Katastrophenhilfe, die Geldspenden sammeln und damit vor Ort passgenau das Notwendige einkaufen oder es Geflüchteten zum Einkaufen geben, von Planungen, wer wo ukrainische Flüchtlinge hier aufnehmen kann. 

Und auch die Menschen in der Ukraine lesen und hören davon und es gibt ihnen Hoffnung. Es ist Gnade in ungnädigen Bedingungen. Heil in unheilvoller Zeit.

Wo immer Menschen den Hungrigen zu essen und den Durstigen zu trinken geben, wo sie die Fremden aufnehmen und die Unbekleideten kleiden, wo sie die Kranken und die im Gefängnis besuchen – da tun sie das, was Jesus Christus von uns verlangt. Da geben sie die Liebe Gottes in Wort und Tat weiter. Da wird die Gnade und das Heil Gottes durch Menschen sichtbar.

Liebe Gemeinde, wenn ich mir den Vers unseres Predigttextes nochmal durch den Kopf gehen lasse, dann lese ich zwei Aufforderungen darin. Zum einen:
Siehe, jetzt ist die Zeit, die Gnade Gottes weiterzugeben, siehe jetzt ist der Tag, Heil denen im Unheil zu bringen. 

Und zum anderen: Sieh genau hin, in all dem Leid geschieht auch Gnade. Sieh genau hin, in allem Unheil ist Hoffnung auf Heil. Siehst Du das Licht? 

Und der Friede Gottes, der so viel höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. (Offb 1,4)

Es ist genug,

sagt Sylvia. Zwei Jahre Pandemie und kein Ende in Sicht. Der Kleine hat sich infiziert. Nun laufen sie mit Maske in der Wohnung herum. 

Sylvia sucht das rechte Maß zwischen tröstender Nähe und ausreichend Distanz. Hoffentlich erwischt es nicht auch sie. 

Ihr fallen die Augen zu, so unendlich müde ist sie. Aber bei der Arbeit gibt es so viele Ausfälle. Sie muss immer eine Kollegin vertreten. Freimachen geht gar nicht. Sie weiß nicht, wie sie das noch weiter schaffen soll. Sie weiß es schon lange nicht mehr. 

 

Es ist genug, 

sagt Danyla. Die Bomben auf ihre Heimatstadt. Wenn sie die Augen schließt, sieht sie die Trümmer wieder. Sie musste Ihr Zuhause verlassen, von jetzt auf gleich, zusammen mit ihrer Mutter und ihren beiden Töchtern. Ihr Mann, ihr Bruder, die Schwägerin – sie sind geblieben, um zu kämpfen. Die Angst um sie ist unerträglich. Danyla weiß nicht wohin. Wo sollen sie bleiben? Und wie soll wieder Frieden werden?  
 

Es ist genug, 

sagt der Prophet Elia und legt sich in der Wüste zum Sterben hin. 

Seine Geschichte ist für heute Grundlage der Predigt. Und in dieser Zeit lese ich diese Erzählung aus dem Ersten Testament mit ganz anderen Augen als bisher. 

Dieser eine kleine Satz bleibt hängen: Es ist genug. Er ruft in mir ein vielfaches Echo hervor. Er verbindet sich mit den Schicksalen und Lebensumständen von Menschen heute. 

Elias Geschichte steht im ersten Buch der Könige, Kapitel 19. 

Ich lese die Verse 1 bis 8. (Bibellesung)

„Elia fürchtete sich, machte sich auf und lief um sein Leben.“ Darin treffen sich des Propheten und Danylas Wirklichkeit zwar. Doch: sie will leben. Er will sterben. Und sie hat auch nicht getan, was Elia getan hat. Er hat 450 Gegenpropheten, Propheten des Gottes Baal getötet. Und dennoch sieht er sich weiterhin nur als treuen Diener seines Gottes - und als Opfer. Als Helden.

Liebe Gemeinde, ein direkter Vergleich von Elia und Sylvia und Danyla verbietet sich. Sie eint jedoch die Wüstenzeit. Das verbindet sie auch mit unseren Leben, die wir auch Wüstenzeiten hatten, haben, haben werden: Zeiten der Einsamkeit. In denen wir nicht wissen, wie es weitergeht. Wochen der Überforderung und Kraftlosigkeit. Sorgen, die quälen. Nur noch wegwollen und ausweichen. 

Wüstenzeit verbindet die Drei und uns. Und in Wüstenzeiten braucht es Engel. Boten, die Gott uns schickt. Nicht gleich Wunder. Ach ja, nun, die nähmen wir auch gerne. Aber die sind selten. Ein Engel mit Brot und Wasser, eine Zuflucht, eine Pause, das Nötigste fürs Erste. Das wäre schon gut. Das würde mir und ihr und ihm zeigen: Gott sieht mich! Gerade in der Wüste.

Erst gestern spät leider fiel mir ein Lied ein: Das Mottolied zum Kirchentag 2017, dem Jahr des Reformationsjubiläums. So lautet der Text: 

Du bist ein Gott, der mich anschaut.
Du bist die Liebe, die Würde gibt.
Du bist ein Gott, der mich achtet.
Du bist die Mutter, die liebt. 

  • So lautet der Refrain. 

Dein Engel ruft mich da, wo ich bin:
Wo kommst du her und wo willst du hin?
Geflohen aus Not in die Einsamkeit
durchkreuzt sein Wort meine Wüstenzeit.

Zärtlicher Klang: „Du bist nicht allein!“
Hoffnung keimt auf und Leben wird sein.
„Gott hört“ – so beginnt meine Zuversicht.
Die Sorge bleibt, doch bedroht mich nicht. 

Schauender Gott, wo findest du mich?
Hörender Gott, wie höre ich dich?
Durch all meine Fragen gehst du mir nach
und hältst behutsam die Sehnsucht wach. 

Es ist Hagars Lied, Hagar, die auch in die Wüste flieht. Das ist eine andere Geschichte, aus dem 1. Buch Mose. Aber auch da heißt es: Und siehe, ein Engel. Er geht Hagar nach. Denn der schauende Gott lässt sie in der Wüste nicht allein. „Hoffnung keimt auf und Leben wird sein.“

Elias Engel bringt aber nicht nur Lebensmittel, Wasser und Brot, und damit ist der Job erledigt, er macht sich wieder aus dem Staub. Es heißt:

„Und siehe ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm.“ Der Engel berührt den schlafenden Elia und weckt ihn. Er spricht mit dem Propheten. Was er ihm bringt, ist nichts Besonderes: Geröstetes Brot und einen Krug Wasser. Doch seine Zuwendung und dass er es in die Wüste bringt, das macht sein Tun so unglaublich kostbar.

Und siehe, ein Engel. Was würde der Engel tun, fände er vor Sylvia oder Danyla mit ihren Familien? In ihrer Wüste, in der sie gerade, in der so viele sind. Auch ihnen würde er gewiss nicht nur Wasser und Brot hinstellen und wortlos wieder verschwinden.

„Sei ein Engel,“ schrieb eine Kollegin auf Facebook im Blick auf den Predigttext heute, „und schenke Worte wie frisches Wasser und geröstetes Brot“. Menschen wahrzunehmen, die in Krisen stecken, zu uns geflüchtete Menschen anzusprechen, das wären wahre Engelstaten. 

Das Gebet für sie, die Spenden, Wohnraum zur Verfügung stellen - eine sichere Zuflucht -, die Teilnahme an Solidaritätsaktionen – auch all das ist geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser im heißen Wüstensand.  

Es fällt auf, liebe Gemeinde, dass der Engel zweimal kommt. Es braucht wohl einen langen Atem. Eine Engelsgeduld eben. 

Überhaupt, wie lange dauert so eine Wüstenzeit? Wenn hier von 40 Tagen in der Wüste die Rede ist, oder von 40 Tagen, an denen Jesus in der Wüste lebt und vom Teufel versucht wird, 40 Tage Sinflut oder 40 Tage der Passionszeit – es gibt noch mehr Beispiele in der Bibel, dann ist dies ein symbolisches Maß: eine sehr lange Zeit, eine nicht einfach zu überblickende und zu sichernde Zeit. Für eine Woche kann ich einschätzen, ob meine Vorräte, meine Kräfte reichen. Für 40 Tage kann ich selbst mit Kühlschrank nicht genügend auf Vorrat haben, ich ahne nicht einmal, was dann sein wird. 

Interessanterweise spielt die 40 auch heute noch eine große Rolle: Ein Bundespräsident muss mindestens 40 Jahre alt sein und Quarantäne – ist eigentlich ein 40tägiger Zeitraum, weil man Schiffe, auf denen eine Seuche ausgebrochen war, 40 Tage im Hafen isolierte, ehe man jemanden an Land ließ. Erfahrungsgemäß war dann alles vorbei.

Liebe Gemeinde, als Elia schließlich kräftig genug war und aufstehen konnte, „ging er durch die Kraft der Speise vierzig Tage und Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb“. Es war dann nicht alles gut, aber er lebte, er ging weiter. 

Denn Gott hat ihn gesehen und ihm einen Engel geschickt.  

Gott sieht alle Sylvias und Danylas heute, er sieht auch dich und mich. Und er sendet seine Engel. Und jede von uns kann zu solch einem Engel werden. Wie? 

Jesus hat einmal gesagt: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben, ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben, ich war fremd, und ihr habt mich bei euch aufgenommen. Ich war nackt und ihr habt mir etwas anzuziehen gegeben, ich war krank und ihr habt mich versorgt, ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht. Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.“

Jesus hat es uns vorgemacht. Hinzuschauen. Wahrzunehmen. Zu helfen. Nicht um uns selbst gut dastehen zu lassen. Sondern damit sie in der Wüste sagen: Und siehe, ein Engel. Ein Bote Gottes. Und ihn preisen. 

Denn wahrlich: es ist genug!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

 

Ostersonntag 2022
Predigt zu Markus 16,1-8
In St. Martin, Nienburg

Liebe Gemeinde,

wir kommen von Karfreitag her und ersehnen Ostern. Wir kommen aus der Erfahrung des Todes. Des Todes Jesu, unseres Bruders und Freundes, unseres Meisters und Heilandes, eines Menschen und des Sohnes Gottes. Wir feiern Ostern in dem Bewusstsein, dass gerade jetzt Menschen durch Gewalt und im Krieg getötet werden. In der Ukraine, in Syrien, in Mali, an vielen Orten der Welt.

Auch ohne Krieg weiß manche von uns, wie es ist, wenn der Tod eines nahen Menschen im eigenen Leben eine Lücke hinterlässt, nein: einen Krater reißt.

Die drei Frauen wissen es: Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome. Ihr Freund und Meister wurde ihnen gewaltsam genommen, Jesus wurde am Kreuz getötet. Und nun ist da diese entsetzliche Leere in ihrem Leben.

Ich lese das Osterevangelium nach Markus im 16. Kapitel, die Verse 1 bis 8.

161Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. 2Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. 3Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? 4Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

5Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. 6Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. 7Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

8Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

Liebe Gemeinde, ich bewundere die drei Frauen. Sie verkriechen sich nicht in ihrer Trauer. Sie lassen sich davon nicht lähmen. Sie reagieren pragmatisch. Sie halten fest an dem, was sie haben: an Ritualen, den Leichnam Jesu. Sie wollen ihn noch einmal sehen, einbalsamieren, ihm diesen letzten Liebesdienst erweisen und ihm nahe sein. Seinen Tod zu begreifen versuchen. Doch: Er ist nicht hier! Und sie sind entsetzt und fliehen und schweigen.

So unsäglich - im wahrsten Sinne des Wortes - endet zunächst das Markusevangelium. Mit Angst und dem Schweigen. Und das nicht von ungefähr. Denn der Evangelist schreibt seine Version der Lebensgeschichte Jesu unter dem Eindruck eines Krieges, des ersten Jüdischen Krieges. Markus’ Osterbotschaft ist das leere Grab. Doch das weist noch zurück auf die Leere, die Jesu Tod im Leben seiner Freunde und Familie hinweist. Es deutet den Sieg Jesu über den Tod vorerst nur an. Trotz Engel. Die volle Bedeutung der Auferstehung Jesu dringt nicht zu Markus durch. Wie auch!?

Der römische Kaiser Vespasian schickt zu der Zeit seine Truppen durch das Land. Sie belagern und brennen nieder, morden und zerstören in Jerusalem: Kämpfer wie Zivilistinnen, Wohnhäuser und den Tempel. Nichts ist ihnen heilig, und keiner ist vor ihnen sicher.

Nein, Markus kann die Frauen in seinem Evangelium nicht jubeln lassen. Er schreibt keine triumphierenden Sätze wie Paulus: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“

Wo der Stachel des Todes ist, das sehen, das empfinden wir, das liegt auf der Hand. Die Frage, mit der ich ringe, ist vielmehr: Wo ist Gott in diesem Krieg - und in jenem?
Er ist nicht hier! Und die Frauen sind entsetzt und sagen niemandem etwas. Und wir sind entsetzt und schweigen ebenfalls. Womöglich waren wir dem Schrecken der ersten Zeuginnen der Auferstehung selten näher als heute, da sich die Hölle nur 1500km von uns entfernt auftut.

Als sprachlos, liebe Gemeinde, empfinde ich mich und viele andere, in und außerhalb der Kirche. Es ist, als hörten und wiederholten wir immer wieder nur die Worte des Engels: „Er ist nicht hier! Er ist nicht hier!“ Und blieben dabei stehen.

Doch der Engel sagt außerdem: „Entsetzt Euch nicht. Er ist auferstanden.“ Es ist eine einzelne Stimme. Etwas kläglich und ziemlich leise. Und die, die es hören, laufen davor weg. Zu unglaublich ist das Verkündigte.

Liebe Gemeinde, es ist gut und richtig, dass in diesem Jahr 2022 der erste Schluss des Markusevangeliums der vorgeschriebene Predigttext ist. Kein anderer Text wäre angemessener. Markus gibt der Sprachlosigkeit und dem Entsetzen Raum - und Würde. Ich lerne an diesem Osterfest mit großer Demut: Furcht und Entsetzen und Schweigen haben ihr Recht und dürfen sein! Die stumme Ohnmacht ist eine angemessene Haltung, weil Worte nicht hinreichen, wo solch abgrundtiefer Schmerz ist.

Aber dabei dürfen und können wir nicht stehenbleiben. Das sah schon die auf Markus folgende Generation und ergänzte einen zweiten Schluss in seinem Evangelium. Dort folgt nun auch nicht sofort Freude und Jubel:
Der Auferstandene erscheint darin zunächst der Maria Magdalena. Und nun schweigt sie nicht länger - bloß glaubt ihr jetzt keiner! Danach begegnet Christus zweien seiner Jünger, doch auch ihrem Bericht mag keiner Glauben schenken. Und dann erst, als er zu den Elf geht, glauben sie und sind bereit, aller Welt vom Ostergeschehen zu erzählen. Der Auferstandene sendet sie, und sie können Dämonen austreiben und heilen können sie auch. Also kein Leid und keinen Tod verhindern. Aber Linderung verschaffen, zu einem neuen, geheilten Leben verhelfen. Im Namen Christi. Immerhin das.

Dieser mehrfache, stotternde Markusschluss, wie ihn eine einmal nannte, zeigt: Es braucht Zeit, aus der Erstarrung aufzuwachen und das Entsetzen abzulegen. Es braucht Zeit, mit dem Tod zu leben und diese unfassbare Botschaft der Auferstehung und neuem Leben zu glauben und weiterzutragen.

Liebe Gemeinde, die meisten Ukrainerinnen und Ukrainer sind orthodoxen Glaubens. Ostern ist ihr wichtigstes Fest. An wie vielen nun kaputt gebombten Wohnzimmerwänden wird wohl eine Auferstehungs-Ikone gehangen haben? Also ein Bild der Auferstehung und Höllenfahrt Jesu. Aber nicht so wie in der westlichen Tradition, die darstellt, wie Jesus auferstanden ist. Die Anastasis-Ikone, wie sie auch heißt, konzentriert sich auf die Auswirkung der Auferstehung Jesu: dass Jesus Tod und Hölle besiegt. Zumeist reicht Jesus links Adam, rechts Eva die Hand und reißt sie aus der Hölle.

Liebe Gemeinde, es gibt Grund zu feiern. Ostern ist geschehen. Der Tod hat nicht das letzte Wort, und die, die morden, haben es erst recht nicht. Diesen Triumph, in Entsetzen zu erstarren, gewähren wir ihnen nicht. Wir wenden uns Christus zu, und drehen den Despoten der Welt den Rücken zu. Wir brechen aus in lautem Jubel und singen vom Sieg Gottes. Immer und immer wieder, bis es alle überall auf der Erde hören und auch die, die in der Erde ruhen. Wir singen und beten und hoffen und glauben. Jetzt erst recht. Und stellvertretend für alle, die in ihrem Entsetzen gefangen sind und stumm. Wir singen und beten und hoffen und glauben für unsere orthodoxen Glaubensgeschwister mit und an ihrer Seite und auch für die, die nicht glauben.

Und wir bekennen und verkündigen und tun, was wir tun können: wir heilen und vertreiben Dämonen. Wir verschaffen Linderung und verhelfen zu neuem, geheilten Leben. Denn wir kommen von Karfreitag her, aber wir leben in Ostern. Wir sind Ostermenschen. Wir sind „Protestleute gegen Tod“, wie Christoph Blumhardt sagt. Wir feiern Ostern jeden Tag! Vielleicht mit schwerem Herzen, aber nicht ohne Hoffnung. Und wir wissen: unser Zweifeln und unser Verzweifeln macht die Wirklichkeit des Himmels kein bisschen kleiner. Aber das Wirken des Himmels macht unsere Hoffnung immer größer. Unser Kleinglaube lässt Gott nicht schwächer werden. Aber Gottes Kraft stärkt unseren Glauben. Denn „seine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Es ist Ostern. Auch in diesem Jahr. Und nicht weniger als sonst. Gott sei dank!

Und der Friede Gottes, der höher ist als unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Familien unsere Konfis, liebe Gemeinde, 

„we shall overcome“ haben wir gerade gesungen. Und ich finde, es ist ein richtiger Ohrwurm. Ich weiß gar nicht, wie bekannt das Lied heute noch ist. Mich würde es aber interessieren. Also, wie ist das bei Euch, die Ihr unter 18 Jahre alt seid: Hand hoch, wer hat das Lied schon mal gehört? 
Und wie ist das bei denen zwischen 18 und 60, wer kennt es da?
Und bei denen, die über 60 Jahre alt sind, wer kennt es? 

„We shall overcome“: „Wir werden überwinden. Eines Tages. Tief in meinem Herzen glaube ich das. Wir werden überwinden.“ So könnte man die erste Strophe übersetzen. Das haben vor uns Menschen gesungen, die unterdrückt wurden und sich nach einem Leben in Freiheit sehnten.

1901 hat das Lied Charles Tindley geschrieben. Als Sohn eines Sklaven und in Armut aufgewachsen, brachte sich Tindley nachts selbst lesen und schreiben bei. Später wurde erPastor in einem Vorort von Philadelphia und protestierte gegen den alltäglichen Rassismus. Er wurde selbst angegriffen und bedroht. Und wisst Ihr, was er gemacht hat, wenn er sich einsam fühlte oder Angst hatte? Dann setzte sich Tindley nachts hin, und fing an Lieder zu schreiben. Denn Singen tröstete ihn und gab ihm neue Kraft. Er hatte die Melodien im Kopf, die er als Kind mit seinem Vater während der Feldarbeit gesungen hatte. Für eine dieser Melodien schrieb er das Lied «shall overcome».

Knapp 50 Jahre später hört man im Süden Missouris schwarze Gewerkschaftlerinnen sein Lied anstimmen. Aber sie sangen: «We shall overcome». Aus dem „Ich“ war im Lauf der Zeit ein „Wir“ geworden. 

Wieder zehn Jahre später, zur Zeit der US-Bürgerrechtsbewegung, kannte das Lied jeder. 

Ich erinnere mich an einen besonderen Tag, an dem ich das Lied gesungen habe. Es war der 28. August 2013. Zusammen mit Zehntausenden stand ich in Washington vor dem Lincoln Memorial und gedachte des Protestmarsches auf Washington. Auf den Tag genau 50 Jahre zuvor hatte Martin Luther King dort seine berühmte Rede „I have a dream“ gehalten. 

Am 28. August 1963 war es wie immer im August, ziemlich heiß. Man trug lange Hosen, und es gab kaum Schatten. Der junge Pastor Martin Luther King Jr. war der letzte in einer langen Reihe von Rednern. Man kann sich vorstellen: Es hörte ihm eigentlich kaum einer mehr so richtig zu. Er sprach langsam und auch ein bisschen langweilig. Bis ihm die damals berühmte Sängerin Mahalia Jackson zurief: „Martin, jetzt erzähle ihnen von Deinem Traum.“ Da legte King sein Manuskript zur Seite gelegt und begann: „I have a dream.“ Und er erzählte, wofür sein Herz brennt. Und was er überwinden will. Es ist ein Traum von Versöhnung und Freiheit. Und dass Gottes Herrlichkeit auf Erden sichtbar wird. Und eine andere Sängerin, die berühmte Joan Baez (Baiäß), hat „We shall overcome“ gesungen. 

In der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung wurde „We shall overcome“ zur Friedenshymne schlechthin. Was Tindley als Ausdruck seiner Hoffnung und seines Glaubens niedergeschrieben hatte, wurde in allen Straßen gesungen und von allen Dächern gerufen: „We shall overcome“.

Aber auch die Menschen in Südafrika haben es zu ihrem Protestlied gegen die Apartheid gemacht und sich damit ermutigt: „We shall overcome“. Der Kampf für Frieden und für Menschenrechte wird nicht vergeblich sein! 
Und er war es auch nicht: die Apartheit als stattlich festgelegte Rassentrennung ist Geschichte. Gleichwohl es Rassismus und soziale Ungerechtigkeit noch lange nicht sind. 

„We shall overcome“. Das klingt wie ein Traum. Das klingt wie eine ferne Zukunft, eine Verheißung, ein Versprechen. Und auch heute fällt mir jede Menge ein, was wir hoffentlich überwinden werden. Und ich weiß, dass es auch Dinge gibt, über die Ihr Jugendlichen Euch Sorgen macht. Beim Schreiben der Fürbitten für den Taufgottesdienst in St. Michael fielen Euch sofort ganz konkrete Dinge ein, für die Ihr die Gebete schreiben wolltet. Dinge, die wir zu überwinden haben: Krieg und Armut, Klima- und Umweltzerstörung. Benachteiligung und Hass. 

Liebe Gemeinde, Jesus hat etwas versprochen. Und zwar allen Menschen, die auf Frieden und Gerechtigkeit hoffen, die dafür beten und sich dafür tatkräftig einsetzen. Er hat gesagt:  
Euer Engagement und Eure Hoffnung wird einst belohnt. 
Glücklich, ja selig werdet ihr sein, 
- die ihr nach Frieden und Gerechtigkeit dürstet.
- Selig werden die sein, die in dieser Welt nichts gelten,
- die sich gewaltlos wehren,
- die Erbarmen haben mit Menschen in Not 
   und sich für ihre Rechte einsetzen.
- Glücklich, die schwach sind und wissen, dass sie Gott brauchen.
- Selig, die jetzt traurig sind und leiden und hoffen.
Denn sie werden von Gott getröstet werden. Sie werden Gerechtigkeit erfahren.

„We shall overcome“ 

Wir haben mit Euch Konfis wegen Corona nicht viel singen können, aber ein bisschen dann doch. Beim Tauftag, mit Bärbel Hug. Lieder, von denen wir morgen bei Eurer Konfirmation einige singen werden. 

Und wir haben in einer unserer ersten Stunden über die ganz alten Lieder der Bibel gesprochen, die Psalmen. Auch das sind zum Teil Protest- und Hoffnungslieder, die Menschen in Angst und Bedrängnis geschrieben haben. 

Man muss ja nicht die Inhalte dieser Psalmen oder der modernen Lieder alle behalten. Aber wenn wir Euch sozusagen einen „Ohrwurm der Hoffnung“ mitgegeben haben, dann bin ich froh. Wenn Ihr Folgendes mitnehmt mit aus dem Konfer, dann ist es gut:
Dass da mehr ist zwischen Himmel und Erde, als wir sehen und begreifen können. 
Da ist einer ist, der mein Lied hört, Tag und Nacht.
Ihm ist nicht egal, wovon ich träume. 
Es lohnt sich zu dem zu stehen, was mich bewegt.
Denn Gott stärkt mir den Rücken.
Ich glaube und zweifle nicht allein. 
Gott hält eine Zukunft für mich und uns bereit. 

„We shall overcome“
Warum singen wir das heute, bei Eurem ersten Abendmahl? Wir haben darüber gesprochen, dass das Abendmahl mehrere Bedeutungen für uns Christinnen und Christen hat. Es ist nicht nur Erinnerung an Jesu letztes Mahl mit seinen Freunden. Wir feiern: Christus ist hier Er stärkt uns. Und wir sind bei aller Verschiedenheit eine Gemeinschaft, die zusammen Hoffnungslieder singt, für Frieden eintritt und auf das Reich Gottes wartet. 

 

We shall overcome. Ein Ohrwurm, ein „sticky song“ wie man im Englischen sagt, ein Lied mit einer Vision, die kleben-, die hängenbleibt. 
Jesus und die Propheten vor ihm haben uns das Bild einer Welt in Frieden vor Augen gemalt. Und damit einen Grund gegeben, an unserer Hoffnung auf Versöhnung und Liebe unter den Menschen festzuhalten. Etwas, worin wir uns verankern können. 

Denn Jesus hat einmal gesagt: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ 

Jesus hat die Welt überwunden und den Tod besiegt. Deshalb können Menschen bis heuteMut schöpfen und singen: Auch wir, we shall overcome. We are not afraid. Black and white together. We shall live in peace some day. 

Amen. 

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Sie ist Sinnbild für internationales Entsendungsmanagement. Sie steht für Wandel und Neubeginn, für Entdeckung und Reise sowie Freiheit und Aufbruch.“ Die Pusteblume.  

Zum einen ist da das einzelne Samenkorn, das sich sicher und geschützt am Schirmchen auf die Reise begibt. Es landet oft weit entfernt von der Pflanze auf neuem Boden und dort bilden sich neue Pflanzen. 

Zum anderen bleibt aber die Ursprungspflanze zurück, wächst weiter, manchmal durch den härtesten Asphalt, und bildet im nächsten Sommer erneut prächtige gelbe Blüten und neue Pusteblumen, deren Samen sich dann wieder auf die Reise begeben. Eine äußerst clevere Strategie, die die Natur hier verfolgt.“ 

Und: „wir begleiten und unterstützen das Unternehmen ebenso wie die entsendeten Mitarbeiter – sprich Samenkörnern - auf ihrer spannenden Reise und bei ihrer Entwicklung.“ 

Diesen Text, liebe Gemeinde, habe ich von einer Homepage einer Umzugsfirma für Unternehmen. Ich finde auch: Das ist eine äußerst clevere Strategie, die die Natur mit der Pusteblume verfolgt. 

Habt Ihr Konfis das als Kind auch so gerne gemacht? Also früher? Pusteblumen pflücken und pusten, dass die Samen ganz weit fliegen und keine einzige mehr am Stil klebt? Also, ich mach das ehrlich gesagt immer noch gerne. Wenn keiner hinguckt. 

Heute morgen soll die Pusteblume ganz bestimmt nicht Sinnbild für ein internationales Entsendungsmanagement sein. Sondern für Euch als Konfis. Eine Gruppe aus 25 sehr verschiedenen, selbstständigen Wesen. Alle kurz vor dem Flüggewerden.

Ihr Konfis - nicht nur Ihr zwölf heute, sondern auch die fünf, die schon vorletzten Sonntag in St. Michael konfirmiert worden sind und die acht, die wir letzten Sonntag konfirmiert haben - Ihr wart eine besondere Gruppe! Ihr wart besonders freundlich und aufmerksam. Ihr wart sehr unterschiedlich, und doch habt ihr gut zusammengearbeitet. 

Ihr wart keine Gruppe, in der sich schon von Anfang an viele kannten. Viele kamen allein, ohne Klassenkameradinnen oder Freunde. Und da wir wegen Corona auch dieses Jahr keine Wochenendfreizeit machen konnten, war es auch kaum möglich, neue Freundinnen oder Freunde zu finden geschweige denn sich wirklich kennenzulernen. Wir saßen immer mit Maske auf Abstand. Wie soll man sich da beschnuppern oder miteinander flüstern? Das haben wir sehr bedauert! Und ich habe auf Euren Feedbackbögen gesehen: Euch ging es genauso. 

Als Gruppe kamt Ihr mir daher vor wie eine Pusteblume: Ein filigranes und empfindliches Gebilde. Ich fürchtete immer, wenn ein unerwarteter Windstoß käme, würde es Euch auseinandertreiben. 

Aber Ihr wart durchaus selbstbewusst! Ich erinnere mich: relativ am Anfang haben wir an einem Samstag zum Vaterunser Stühle gestaltet. Wir machen auch immer etwas mit den Händen. Da wurde deutlich: Ihr wart eine Gruppe, die viel selbst entscheiden wollte. Ihr habt bestimmt, welche Zuschnitte des Vaterunsers Ihr auf einem Stuhl gestaltet, welchen Halbsatz noch die einen zu ihrem Stuhl dazu nahmen oder die anderen. Ihr musstet und habt Euch in Euren Gruppen geeinigt, was Ihr malt und wer was macht. Das war Teambuilding mit zum Teil ganz Fremden. Und es hat richtig gut geklappt. 

Statt der Konfifahrt haben wir hier einen Tauf-Samstag gestaltet mit Stationen wie z.B. dem goldenen Raum um den Taufstein herum. Und wir haben eine Kerzenandacht in der dunklen Kirche gefeiert. 

Die Teamer haben Euch in Kleingruppen wild zusammengewürfelt. Ihr durftet nicht wählen, mit wem Ihr arbeitet. Ich war skeptisch. Aber dann hat es mich echt berührt, wie Ihr miteinander ins Gespräch gekommen seid. Wie Ihr einander Eure Konfirmationssprüche vorgelesen und erzählt habt, warum Ihr sie ausgesucht habt. Und Ihr habt Euch miteinander auf Fürbitten geeinigt. 

Nicht nur da hat jeder und jede von Euch hat seine, ihre Gaben eingebracht. Und wir haben so viele tolle Begabungen in Euch entdeckt. Vielleicht fragt Ihr Euch jetzt: „Was für Begabungen? Ich kann doch nichts besonders gut!“ Doch, das kannst Du. Jede Menge sogar! Und wir könnten zu jedem und jeder von Euch was erzählen, womit Ihr uns beeindruckt habt. Dann würden wir allerdings noch lange hier sitzen…

Zum Thema Gaben möchte ich stattdessen einen Text vorlesen, den der Apostel Paulus an die Gemeinde in der Stadt Korinth geschrieben hat. Die waren auch ziemlich wild zusammengewürfelt und sehr verschieden. Sie haben aber nicht so gut zusammengearbeitet wie ihr. 

Ich lese aus dem 1. Korintherbrief Kapitel 12:

„So verschieden die Gaben auch sind, die Gott uns gibt, sie stammen alle von ein und demselben Geist. 5 Und so unterschiedlich auch die Aufgaben in einer Gemeinde sind, so ist es doch derselbe Herr, der uns dazu befähigt. 6 Es gibt verschiedene Wirkungen des Geistes Gottes; aber in jedem Fall ist es Gott selbst, der alles bewirkt. 

7 Wie auch immer sich der Heilige Geist bei jedem Einzelnen von euch zeigt, seine Gaben sollen allen zugutekommen. 8 Dem einen schenkt er im rechten Augenblick das richtige Wort. Ein anderer kann durch denselben Geist die Gedanken Gottes erkennen und weitersagen. 9 Wieder anderen schenkt Gott durch seinen Geist unerschütterliche Glaubenskraft oder unterschiedliche Gaben, um Kranke zu heilen. 10 Manchen ist es gegeben, Wunder zu wirken. Einige sprechen in Gottes Auftrag prophetisch; andere sind fähig zu unterscheiden, was vom Geist Gottes kommt und was nicht. Einige reden in unbekannten Sprachen, und manche schließlich können das Gesagte für die Gemeinde übersetzen. 11 Dies alles bewirkt ein und derselbe Geist. Und so empfängt jeder die Gabe, die der Geist ihm zugedacht hat.

Liebe Konfis, ok, gut, vielleicht hat keine von uns die Gabe bekommen Wunder zu wirken. Obwohl. Manchmal braucht es da nicht viel. Im rechten Augenblick das rechte Wort – oder im richtigen Moment schweigen und zuhören. Das kann Wunder wirken. Und Ihr seid einfach schon ein Wunder, so wie Ihr seid. Fragt mal Eure Eltern!

Eine jede und ein jeder von euch hat von Gott großartige Gaben empfangen. Die Stilleren und Schüchternen ganz genauso wie die Lauteren und Mutigeren. Und die Begabungen der einen sind nicht bedeutsamer als die des anderen. Sie sind gleich wichtig!

Beim Malen stachen die einen heraus, beim Debattieren die anderen, wenn es um Wissensfragen ging wieder andere als beim Philosophieren über Tod und ewiges Leben. Die einen hatten eine Gabe Videoclips zu drehen. Andere konnten sich gut in die Gebetsexperimente vertiefen. Und wieder andere konnten gut erfassen, was in den biblischen Texten gemeint war, die wir gelesen haben. Ich denke an unser Markusevangelium, das wir einmal ganz durchgelesen haben – naja, zumindest fast.

Dreimal lobt der Apostel unsere Verschiedenheit. Das ist ihm wichtig: Es ist gut, dass wir so verschieden sind. Bitte, seid stolz und Gott dankbar für genau Eure Stärken. Schaut nicht ständig auf das, was ihr nicht könnt oder habt. Vergleicht euch niemals mit anderen! 

Dreimal sagt Paulus auch: Es ist Gott, der uns unsere Talente geschenkt hat. Es ist der Heilige Geist, der sie in uns bewirkt. 

Nun, wie gehst Du mit einem richtig guten Geschenk um? Wenn Ihr was Tolles zum Beispiel zur Konfirmation bekämt und würdet es in die Ecke stellen und nie benutzen – dann wäre die Person, die Euch beschenkt hat, ziemlich geknickt. Sie würde sich fragen: Wozu habe ich ihr oder ihm dieses tolle Geschenk denn gemacht? 

Jesus hat einmal gesagt: „Man zündet doch kein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, also einen Eimer, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.“ 

Es wird von einem Rabbi, Rabbi Sussja, erzählt, er habe gesagt: „In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?“

So werdet auch Ihr nicht gefragt werden, warum Ihr nicht Mutter Teresa oder Dietrich Bonhoeffer wart, sondern ob Ihr die Euch anvertrauten Gaben entfaltet, Euer eigenes Leben mit all seinen Möglichkeiten angenommen und gelebt haben. 

Liebe Konfis, Gott schuf jede und jeden von Euch mit wunderbaren und wichtigen Gaben. Und in Eurer Taufe wurdet Ihr aufgenommen in die weltweite Gemeinschaft der Christinnen und Christen. Heute sagt Ihr „Ja“ zu Gott und dieser Gemeinschaft, bekräftigt, dass Ihr weiter dazugehören wollt. Aber nicht mehr als Kinder. Heute hebt Ihr ab wie die Samen einer Pusteblume. Ihr werdet religionsmündig. 

Wir laden Euch ein und ermutigen Euch: Setzt Eure Gaben ein, zum Nutzen Eurer Gemeinde und Eurer Kirche, für unsere Gesellschaft. Versteckt sie nicht, achtet sie nicht gering. Stellt Euer Licht auf einen Leuchter, dass es alle in diesem Haus sehen. Bringt Euch ein! Wir warten genau auf Euch! 

Ihr habt nicht nur als einzelne gezeigt, dass Ihr so viele tolle und wichtige Gaben habt. Sondern Ihr habt auch als Gruppe gezeigt: Ihr könnt in einer sehr vielfältigen Gemeinschaft zusammenarbeiten und Euch einbringen. Das ist eine heute unschätzbare Eigenschaft. 

Also, liebe Gemeinde, um nochmal auf den Anfang zurückzukommen: Mir hat der Text von der Umzugsfirma so gut gefallen, ich glaube, ich übernehme den auch für unsere Homepage von St. Martin. Mit folgenden kleinen Veränderungen: 

„Die Pusteblume ist Sinnbild für unsere Konfigruppe. Sie steht für Wandel und Neubeginn, für Entdeckung und Reise sowie Freiheit und Aufbruch.

Zum einen ist da die einzelne Konfirmandin, der einzelne Konfirmand, die oder der sich sicher und geschützt unter Gottes Schirm auf die Reise begibt. Er oder sie landet oft weit entfernt von dem, was er oder sie früher mal dachte und glaubte, auf ganz neuem Boden. Und dort bilden sich neue Gedanken und Ideen, Werte und Interessen, finden sich neue Freunde und Freundinnen.

Zum anderen bleibt aber die Kirchengemeinde, entwickelt sich weiter, manchmal durch den härtesten Asphalt, und empfängt im Sommer erneut eine prächtige Konfi-Gruppe, deren Mitglieder sich dann ein Jahr später auch wieder auf die Lebens- und Glaubensreise begeben. Eine äußerst clevere Strategie, die wir mit Gottes Hilfe verfolgen.  

Wir begleiten und unterstützen unsere Konfis auf ihrer spannenden Reise und bei ihrer Entwicklung.“ 

Und der Friede Gottes, der so viel höher ist als all unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

 

Manchmal, liebe Gemeinde, wünschte ich, ich wäre eine Schnecke. Dann könnte ich mich in so Zeiten wie jetzt in mein Schneckenhaus verkriechen.
Da wäre ich geborgen und geschützt. Da würde ich nichts von Krieg lesen und nichts von Teuerung spüren und nichts von Kindesmissbrauch hören. Da wäre keine Einsamkeit und kein Verzweifeln, kein Leiden und kein Sterben. 

Ich bin sicher: Gott weiß um meine Sehnsucht und Angst. Und er weiß, Gott sei dank, vor allem um die Sehnsucht und Angst derer, die einsam oder verzweifelt sind, die wirklich leiden und viel mehr Angst haben. 

Manchmal, liebe Gemeinde, da will ich mich aber auch aus Scham verkriechen. Weil ich wieder Fehler gemacht habe, die mich ärgern. Weil ich anderen nicht gerecht geworden bin. Weil ich meinen Ansprüchen und denen anderer Menschen nicht genügen kann.

Am liebsten Augen zu und nicht dran denken. Vielleicht, wenn ich die Augen schließe, ist es einfach nicht wahr? So wie ein Kind sich die Augen zuhält und hofft, dass dann weg ist, wovor es Angst hat. So komme ich mir dann vor. 

Nun, das funktioniert leider nicht. Aber es tut gut und schützt, sich mal abzuwenden, Ruhe zu haben. Und zu horchen, auf die leisen Töne in einem selbst. Die Bedürfnisse und Ängste. Auch die eigenen Stärken und das, was einem Freude macht. Dem Raum zu geben. 

Und manchmal baue ich mir dann mein Schneckenhaus selbst: in unserem Wohnzimmer oder Garten, mit Mauern aus ganz viel Terminen oder wunderbaren Büchern.

Noch lieber würde ich mich aber in Christus bergen. Dort wäre ich sicher.
Wie im Schneckenhaus.
 Gott zum Verkriechen sozusagen. Denn Gott weiß, was ich brauche. Jesus nimmt mich sicher auf. 

 

„In Christus“, sagt Paulus in seinem Brief an die Römer. Und überhaupt sagt er das oft. Weil ihm das wichtig ist. Wer „in Christus ist, der wird nicht verdammt“ und nicht verurteilt. Römer 8, unser Predigttext für heute. 
„So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ Keine Verdammnis. Nun, die drängt es nicht aus dem Leben, die haut es nicht um. Die schüttelt das Leben zwar kräftig durch, oh ja! Aber sie bleiben geschützt. In diesem Schneckenpanzer. „
In Christus Jesus.“ In seinem Haus kann mich nichts angreifen und nichts verletzen. Nichts kann mich zerstören. Und sein Schutz ist sogar stärker als der Tod. 

In Christus leben wir durch den Geist Gottes. Er macht uns sogar frei vom Tod. Oder mit Paulus Worten gesprochen: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, 
hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“ Obwohl wir weiterhin sterblich sind. 

Manchmal, liebe Gemeinde, verkröche ich mich am liebsten in meinem Schneckenhaus und hörte nicht mehr hin. Nicht auf meine eigene Stimme, die mich anklagt, nicht auf die Stimmen derer, den es schlecht geht. Weil es anstrengend ist. Ja, und auch auf Gottes Stimme mag ich nicht immer hören. Auch wenn Paulus mir zusagt: „Es gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ Kurz gesagt: Keiner verurteilt Dich für nichts! Oder mit Paulus: „Der Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht vomGesetz der Sünde und des Todes.“ Ja, frei gemacht vom Tod. Oft ist mir das so fern und die Bedeutung dieser Worte dringen nicht zu mir durch. 

Aber, liebe Gemeinde, jede Schnecke verlässt auch ihr Haus. Auf der Suche nach Nahrung. Es drängt sie hinaus ins Leben. Ins eigene und das anderer Schnecken. Wenn sie genug ausgeruht, wenn sie neue Kraft gesammelt hat. Drinnen. Dann möchte sie wieder heraus.Nicht allein sein. Nicht nur das Eigene sehen. Sich nicht nur immer um sich selbst drehen. 

Und draußen ist es dann schön. Lauter wunderbare Sachen und andere Schnecken gibt es dort. Und sie trinken den Tau und essen Beeren und Salat. Und ärgern damit die Gärtnerinnen. Salat finde ich auch wunderbar. Und Grillen oder Spargel, Eiscreme oder Erdbeeren. Die ganz normalen Freuden des Alltags eben.


Manchmal, liebe Gemeinde, nein, eigentlich ganz oft, da möchte ich raus aus dem Schneckenhaus ins Leben. Und ich will immer daran denken: Ich kann mich trotzdem in Christus bergen. Immer. Aus seinem Haus muss ich nicht raus. In ihm kann ich geborgen sein wie in einem Schneckenhaus und bin doch zugleich mitten im Leben. Geschützt von seinem Panzer. 

Liebe Gemeinde, wir feiern Pfingsten, und ich rede von Schnecken und Schneckenhäusern – weil die Jünger sich damals nach Jesu Tod und Auferstehung, nach seiner Himmelfahrt auch verkrochen haben. „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“, hatte Jesus ihnen versprochen – und dann verschwand er. Aber er sandte seinen Geist tatsächlich, „den Geist der Wahrheit“ und „den Tröster“, wie Johannes sagt. 

Und Gottes Geist kam an Pfingsten über sie und blieb bei ihnen. Gott war fortan in seinem Heiligen Geist immer um sie und in ihnen und über ihnen und unter ihnen. Wie ein unsichtbares Schneckenhaus. Und der Geist trieb sie raus. 

Denn als Christinnen sind wir nicht der Welt abgewandt, sondern gesandt, in sie hinauszugehen. Und wir können das auch. Wie die Jünger. Sie gingen raus in alle Welt und erfüllten Jesu Auftrag und waren seine Zeugen. Denn sie waren gepanzert, sie waren stets „in Christus“ – geborgen. Sie fühlten seine Gegenwart. Sie hörten seine Stimme. Sie wurden getragen von seiner Kraft und beflügelt von seinem Geist. 

Wenn ich Menschen erlebe, die sich was trauen für andere, die dableiben, wenn es hart wird, dem Schrecken standhalten, die nicht zuerst an sich denken – dann berührt mich das. Dann sehe ich Gottes Geist am Werk. Dann begeistert es mich. Dann springt was über von dem Funken der Liebe Gottes, die da am Werk ist. Ich denke an Hospizhelferinnen und -helfer, an in der Gemeinde Engagierte und in der Kirche Mitarbeitende. Und an viele andere. 

Liebe Gemeinde, ich nehme das heute mit, das unsichtbare Schneckenhaus. Wer in Christus ist, der trägt einen Panzer und ist zugleich mitten im Leben. Der ist befreit, von aller Verurteilung, ja selbst vom Tod, obwohl wir sterben müssen. Denn der Geist Gottes ist in mir und um mich herum, über mir, um mich zu schützen und unter mir, um mich zu tragen. Und sie, die Geistkraft Gottes, sie ist in euch und um euch herum. 
Und über und unter dem Dasein-Hospiz und seiner Kirche. Halleluja. 

Liebe Jubelkonfirmandinnen und -Konfirmanden, liebe Gemeinde,

ich bin neulich Zug gefahren und habe an Sie gedacht, die Sie vor 50 Jahren und mehr in St. Martin konfirmiert wurden. Und ich habe an Musik gedacht - und welche Eisenbahnlieder ich eigentlich so kenne. Das 1982 getextete Lied vom „Sonderzug nach Pankow“ von Udo Lindenberg, das ist mir als erstes eingefallen. Aber das ist ja erst 40 Jahre alt. Ich kenne auch „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“ von Christian Anders. Das war 1972 ein Hit, im Jahr der Konfirmation unser Goldkonfirmandinnen und -konfirmanden. Erinnern Sie sich daran? 

Dank einer Suchmaschine weiß ich, dass witzigerweise auch 1962 ein Eisenbahnlied in den Charts zu finden war: „Und dein Zug fährt durch die Nacht“ von Peter Beil. Ich kenne es nicht; ist Ihnen das bekannt?

Ja, sogar 1942 gab es einen Bahn-Hit unter den Topschlagern: „Liebe kleine Schaffnerin“von Rudolf Carl.

Nun, zugegeben, in den anderen Jahren wurde ich nicht fündig; 1952 waren irgendwie mehr Lieder von Schiffen und Kapitänen in. 

Aber unsere Deutsche Bahn, die spielt nicht nur in der Hitparade eine große Rolle für uns. Sie wird ja rege genutzt, wie ich auf meiner Fahrt feststellen, und die ich in vollen Zügen genießen konnte. Und das ist nicht erst seit dem 9-Euro-Ticket so.

Als ich mit besagtem Zug unterwegs war, kam ich an etlichen Stellwerken vorbei: Türmen oder emporragenden Häusern in Bahnhofsnähe, mit Fensterfront zu den Schienen. 

Auch wenn dort keine Weichenwärter mehr auf die Gleise hinunterschauen, und auch wenn die Weichen nicht mehr durch riesige Hebel gestellt werden – es gibt sie weiterhin: die Weichenwärter oder Fahrdienstleiterinnen, die bestimmen, welcher Zug wo die Spur wechselt. Sie oder er hat dabei immer das Gesamtgefüge, alle Züge, die in einem bestimmten Bezirk unterwegs sind, im Blick. 

Wie so ein Weichenwärter, liebe Festgemeinde, kommt mir unser Gott vor. Wenn ich hier über Züge und Weichen, Stellwerke und Lieder über die Bahn spreche, geht es mir doch um Gott. Es geht um unseren Glauben und unser Leben - und um einen Bibeltext. Ich lese aus dem Buch der Sprüche, Verse Kapitel 16 (Verse 1-3 und 6-9):

1 Der Mensch denkt über vieles nach und macht seine Pläne, das letzte Wort aber hat Gott. 2 Der Mensch hält sein Handeln für richtig, aber Gott prüft seine Beweggründe. 3 So vertraue Gott deine Pläne an, er wird dir Gelingen schenken.... 6 Wer Gott treu ist und Liebe übt, dem wird die Schuld vergeben; und wer Ehrfurcht vor Gott hat, der meidet das Böse. 7 Wenn dein Handeln Gott gefällt, bewegt er sogar deine Feinde dazu, mit dir Frieden zu schließen. 8 Besser wenig Besitz, der ehrlich verdient ist, als großer Reichtum, durch Betrug erschlichen. 9 Der Mensch plant seinen Weg, aber Gott lenkt seine Schritte. 

 

„Der Mensch denkt über vieles nach und macht seine Pläne“, aber letzlich…. „Der Mensch denkt, Gott lenkt“, so sagt man.  

Und so werden Fahrstrecken geplant und Fahrpläne geschrieben. Der Lokführer oder die Lokführerin fährt den Zug. Aber ob die Reise wirklich dort lang geht, wo man es geplant hat, das entscheidet sich im Stellwerk. Wir merken es als Fahrgäste nicht. Aber dort werden die Weichen gestellt. Nur der Fahrdienstleiter im Stellwerk hat den Überblick aus seiner erhöhten Position. Er weiß von allen Zügen und verhindert Zusammenstöße. Letztlich bestimmt er, wo die Reise langgeht, und das ist auch besser so. Der Lokführer, die Lokführerin hat nicht denselben Überblick. 

Liebe Jubelkonfirmandinnen und -konfirmanden, Sie waren 14 Jahre alt, als Sie hier vorne vor dem Altar gekniet und den Segen empfangen haben. Für manche von Ihnen begann nach der Konfirmation eine Lehre. Viel mehr als heute war die Konfirmation eine Zäsur. Auch heute ist man mit 14 Jahren kein Kind mehr und beginnt mehr und mehr eigene Wege zu gehen. Man erhält Rechte, kann Patin werden. Man wird nicht nur voll religions- sondern auch bedingt strafmündig. 

Aber so ganz schalten und walten, wie man will – nein, das kann man mit 14 nicht. 14, das ist das Alter, in dem die Eltern komisch werden. Zuhause muss man einige Kämpfe ausfechten, um den Erwachsenen klarzumachen, dass man kein Kind mehr ist. Und wenn sie es nicht verstehen, dann macht man manches heimlich. Erinnern Sie sich an diese Zeit? 

 

„So vertraue Gott deine Pläne an, er wird dir Gelingen schenken.... Wer Gott treu ist und Liebe übt, dem wird die Schuld vergeben; und wer Ehrfurcht vor Gott hat, der meidet das Böse.“

Irgendwann ist es soweit. Der Weg ist klar. Alle Hebel sind in Bewegung gesetzt, es kann endlich richtig losgehen. Und das Leben nimmt Fahrt auf. Die Landschaft und alles gleitet im Höchsttempo an einem vorbei. Eine „Liebe kleine“ oder große „Schaffnerin“, ein lieber Schaffner mit an Bord. Leben auf der Überholspur. Immer weiter vorwärts. Am Tag und auch „Durch die Nacht fährt dein Zug“. Mit wenig Halten. 

Nun ja, immer wieder gibt es auch Richtungswechsel. Ungeplante Umleitungen sind notwendig, manchmal sogar Vollbremsungen. 

Nicht ohne den, der die Weichen stellt! Crashs wären die Folge. 

 

Liebe Jubilare, Sie wurden 21 Jahre alt und erwachsen. Die Adoleszenz. Sie erlernten einen Beruf. 

Von Plänen und ihrem Gelingen ist die Rede in unserem Bibeltext. Von Liebe und Treue. Vielleicht verliebten Sie sich, fanden eine Partnerin, einen Partner und gründeten eine Familie. Manche bauten sich ein Haus, Sie richteten sich ein. Eine aufregende Zeit. Eine Zeit der Blüte. 

Und Ihr Glaube? Wuchs der auch und wurde erwachsen? Oder geriet er ins Hintertreffen? Wie haben Sie Gott erlebt auf Ihrem Weg? War Ihnen Seine Nähe und sein Wirken sozusagen im Hintergrund bewusst?  

„Wer Ehrfurcht vor Gott hat, der meidet das Böse.“ Ist das gelungen? 

Es gehört wohl auch zu einem jeden Leben dazu, schuldig zu werden an anderen und vor Gott. Egal wie sehr man sich bemüht. 

 

„Wenn dein Handeln Gott gefällt, bewegt er sogar deine Feinde dazu, mit dir Frieden zu schließen. Besser wenig Besitz, der ehrlich verdient ist, als großer Reichtum, durch Betrug erschlichen. Der Mensch plant seinen Weg, aber Gott lenkt seine Schritte.“

Viele Stationen hat man bereist. Immer häufiger braucht es inzwischen eine Reparatur. Die Geschwindigkeit ist gedrosselt. Ja, andere überholen einen jetzt. Die angepeilten Ziele sind bescheidener geworden, die Strecken kürzer. 

Und häufiger kreisen die Gedanken über den Zielbahnhof, als das zu Beginn der Reise noch der Fall war. „Fährt (m)ein Zug nach nirgendwo“ oder liegt ein Ziel vor mir? Und wie sieht das aus?

Man blickt auf eine lange Fahrt zurück, hat viel gesehen, viel erlebt. Vor so vielen Unglücken wurde man bewahrt, so manches hat man überlebt. Einige bittere Abschiede musste man nehmen. 

Auf dieser Etappe kann man wissen: Wie lebenswichtig der da oben in seinem Stellwerk ist, der die Weichen in meinem Leben richtig stellt. Der weiß, warum es manche Umleitung brauchte. Der weiß, wohin die Reise geht. Der verheißt, dass am Ende ganz großer Bahnhof auf uns wartet. 

Liebe Festgemeinde, die Familienphase ist vorbei, der Ruhestand ist im Blick oder schon lange da, man kann es langsamer angehen lassen. So manches schaut man schon bilanzierend an: Wie sind wir mit unserer Schuld und der anderer uns gegenüber umgegangen? Gab es Versöhnung? Keine unwichtige Frage, wenn man sich fragt: Was ist in meinem Leben gut gelungen, wo bin ich gescheitert? 

Und Gott? Welche Rolle spielt Jesus Christus, zu dem ich mich einst in der Konfirmation bekannt habe? 

Ich glaube gewiss, der Verfasser unseres Predigttextes aus dem Buch der Sprüche ist kein Sprücheklopfer. Er ist weise und hat Recht: „Der Mensch denkt, aber Gott“ - stellt die Weichen.

Predigten von Pastorin Dorothea Luber

„Erlöse uns von dem Bösen“ Diese Bitte sprechen wir jedes Mal, wenn wir das Vaterunser beten.

„Und führe uns nicht in Versuchung sondern erlöse und von dem Bösen.“ 

Mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden haben wir vor einiger Zeit über die einzelnen Bitten des Vaterunseres gesprochen. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch, wie Ihr in Kleingruppen mit mir oben im Gemeindehaus gesessen habt und wir über diese Bitte gesprochen haben?! 

„Erlöse uns von dem Bösen“ Was ist mit dieser Bitte eigentlich gemeint? Was ist böse?

Ist Corona böse? Ist ein Vulkanausbruch böse?

Für Euch Konfis war ziemlich schnell klar: Krankheiten, wie die Corona-Pandemie, oder Naturkatastrophen, wie ein Vulkanausbruch. Die sind an sich nicht böse. 

Auch wenn natürlich Menschen oft schrecklich unter den Folgen leiden. 

Aber „böse“ ist etwas anderes. 

Menschen können böse Dinge tun, anderen etwas Böses antun. 

Darin ward Ihr Konfis Euch ziemlich einig. 

Und Gott? Kann Gott böse sein? Tut Gott Dinge, um uns Menschen zu bestrafen?
In der Corona-Pandemie ist das als Frage immer wieder aufgetaucht: Ist Corona eine Strafe Gottes?

Es gibt Menschen, die das so sehen. In mir dagegen sträubt sich alles, wenn ich das höre. 

Es widerspricht vollkommen meinem Gottesbild: Ein Gott, der uns Menschen erziehen will.

Mit Belohnung für gute Taten und Bestrafung für schlechte Taten. 

Das ist mir zu menschlich und zu eng gedacht. Und ich bin überzeugt: Gott lässt sich nicht in unserer engen, menschlichen Vorstellung pressen. 

Aber die Frage bleibt: Warum geschieht so viel Schreckliches und Schlimmes in der Welt?

Warum erleben manche Menschen fürchterliches Leid, das sich kaum in Worte fassen lässt. 

Sicher, manches Leid lässt sich erklären mit menschliche Ursachen. Weil Menschen Böses tun und anderen Menschen Leid antun. Und auch indirekt sind wir Menschen an manchem schuld:

Wenn wir mit unserem Verhalten etwa die Umwelt zerstören und es dadurch zu Wetterextremen und Naturkatastrophen kommt. 

Aber damit lässt sich eben nur ein Teil erklären. Es gibt auch Naturkatstrophen, die einfach passieren. Und die sich nicht nur menschliches Verhalten erklären lassen. 

Vulkane brechen einfach aus. Das haben sie auch schon vor Jahrhunderten und Jahrtausenden getan. Es gibt Krankheiten, die einfach auftauchen, ohne dass wir Menschen irgendeinen Einfluss oder irgendeine Schuld daran haben. Und ganz im Persönlichen, wenn ich als Mensch etwas Schlimmes erlebe und erleide, ist es dann nicht verständlich und menschlich zu fragen:

Warum passiert mir das? Wieso hat Gott mich davor nicht bewahrt? Warum hat Gott das zugelassen?

In der Bibel – gerade auch in den Psalmen –ist da die Rede von Gottes Zorn. Davon, dass Gott die Menschen mit seinem Zorn bestraft.  Auch in Psalm 85 ist davon die Rede. 

Wir haben zum Gottesdienstbeginn einen Teil dieses Psalms gesprochen. Ich lese Psalm 85 noch einmal als Ganzes vor: 

2 HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs; 3 der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk und all ihre Sünde bedeckt hast; – Sela – 4 der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen und dich abgewandt von der Glut deines Zorns: 5 Hilf uns, Gott, unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade über uns! 6 Willst du denn ewiglich über uns zürnen und deinen Zorn walten lassen für und für? 7 Willst du uns denn nicht wieder erquicken, dass dein Volk sich über dich freuen kann? 8 HERR, zeige uns deine Gnade und gib uns dein Heil! 9 Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, auf dass sie nicht in Torheit geraten. 10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne; 11 dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; 12 dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue; 13 dass uns auch der HERR Gutes tue und unser Land seine Frucht gebe; 14 dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge.

Im ersten Teil dieses Psalms da ist viel von Gottes Zorn die Rede. „Lass ab von deiner Ungnade über uns! Willst du denn ewiglich über uns zürnen und deinen Zorn walten lassen für und für?“ 

So von Gott zu reden ist mir fremd! Und ich möchte dazwischenrufen: Gott begegnet uns mit glühender Liebe und nicht mit glühendem Zorn! Gott ist liebevoll und barmherzig. Von einem Backofen der Liebe hat Martin Luther gesprochen. 

Aber gleichzeitig will ich die Worte der Psalmen auch nicht einfach beiseite fegen. Wer bin ich, dass ich sagen könnte: Gott ist nicht so! Gott ist ganz anders. Ganz sicher ist Gott auch noch einmal anders, als ich mir das so vorstelle. Weil Gott auch meine Vorstellungskraft sprengt. 

In den Psalmworten, die ich eben gelesen habe, da stecken Erfahrungen drin, die Menschen gemacht haben. Es sind Erfahrungen von Menschen, die an Gott geglaubt und die zu Gott gebetet haben. Und die manchmal am Glauben verzweifelt sind, weil sie das, was in ihrem Leben passierte nicht mit ihrem Glauben an Gott zusammenbringen konnten. Und da fühlte es sich für sie so an, dass Gott sie bestrafen würde. 

Von Gottes Zorn zu reden – das ist mir fremd! Aber das Gefühl, Gott nicht zu verstehen. Und die Frage: Warum lässt Gott das zu. Ja, das kenne ich auch.  Das Gefühl, dass Gott ganz weit weg zu sein scheint. 

Martin Luther, der Gott als einen Backofen voller Liebe beschreibt, er spricht auch von den zwei Seiten Gottes: Auf der einen Seite der offenbaren, der gnädigen Gott. Aber auf der anderen Seite auch der verborgene Gott.  Und unter dieser Verborgenheit Gottes hat Martin Luther selbst gelitten. 

Luther schreibt: „Hier erscheint Gott schrecklich zornig und mit ihm zugleich die gesamte Schöpfung.“ 

Und Luther sagt, dass wir Menschen dagegen gar nicht viel machen können. Es ist einfach so: Dass wir Gott manchmal nicht verstehen. Gott hat eben auch eine Seite, die für uns Menschen dunkel, verborgen und unverständlich ist. 

Aber dann sagt Martin Luther noch etwas ganz wichtiges: Nämlich, dass wir Menschen nicht zu sehr auf diese verborgene Seite Gottes starren sollen. Weil wir sonst im Glauben verrückt werden. 

Wir können Gott nicht in allem verstehen und begreifen. Und darum sollen wir uns stattdessen festhalten an dem offenbaren, gnädigen Gott.

Und genau das ist es, was letztlich die Beter in den Psalmen ganz oft tun. Dass sie von der Klage umschwingen auf das Lob. Und einen Weg hinausfinden von der Verzweiflung hin zur Hoffnung.

Ich finde das bei Psalm 85 besonders schön, mit welchen Worten und Bildern im zweiten Teil diese Hoffnung beschrieben wird:

Doch ist ja seine Hilfe nahe, denen, die ihn fürchten,

dass in unserm Land Ehre wohne;

dass Güte und Treue einander begegnen,

Gerechtigkeit und Friede sich küssen.

Dass Treue auf der Erde wachse

und Gerechtigkeit vom Himmel schaue.“

 

Und dann gibt es in Psalm 85 noch einen ganz zentralen Satz; der wie ein Scharnier ist zwischen dem ersten und zweiten Teil dieses Psalms: „Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet,

dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen.“ 

 

„Könnte ich doch hören, was Gott redet“ Das ist für mich ganz entscheidend: Hinhören und Hinsehen auf Gottes Botschaft des Friedens. Dass ich immer wieder bewusst darauf höre, dass Gott es gut mit uns meint. Dass Gott – wie Luther es sagt – ein glühender Backofen der Liebe ist. 

Nein, das kann ich nicht immer sehen in der Welt. Und oft kann ich das auch nicht spüren in meinem Leben. Aber wenn ich genau hinhöre und genau hinsehe, dann bekomme ich doch eine Ahnung davon, dass Gottes Liebe mich umgibt; und das sein Reich mitten unter uns ist: 

wenn wir auf seine Botschaft des Friedens hören; 
und selber Gottes Frieden weitertragen. Amen. 

Liebe Gemeinde,

Die Israeliten sind mit Mose in der Wüste unterwegs. Angekommen am Berg Sinai. Mose steigt auf den Berg und spricht mit Gott. Und Gott schließt seinen Bund mit den Menschen. 

Aber dann wenden sich die Menschen ab von Gott, bauen sich das goldene Kalb. Gott wird zornig, Mose wird zornig. Und die Geschichte beginnt noch einmal von vorn:

Noch einmal steigt Mose hinaus auf den Berg, um spricht mit Gott. Vierzig Tage lang. Und wieder steigt Mose hinunter zu den Israeliten. 

Ich lese aus dem 2. Buch Mose, Kapitel 34, 29-35 – in der Übersetzung der Guten Nachricht.

 

Als Mose mit den beiden Tafeln den Berg Sinai hinabstieg, wusste er nicht, dass sein Gesicht einen strahlenden Glanz bekommen hatte, während der Herr mit ihm sprach. Aaron und das ganze Volk sahen das Leuchten auf Moses Gesicht und fürchteten sich, ihm nahe zu kommen. Erst als Mose sie zu sich rief, kamen Aaron und die führenden Männer der Gemeinde herbei und er redete mit ihnen. Dann kamen auch die anderen Israeliten, und Mose gab ihnen alle Anordnungen weiter, die der Herr ihm auf dem Berg Sinai gegeben hatte. Als Mose ihnen alles gesagt hatte, verhüllte er sein Gesicht. Sooft er ins Zelt ging, um mit dem Herrn zu reden, nahm er die Verhüllung ab. Wenn er dann herauskam, um den Leuten von Israel zu sagen, was der Herr ihm aufgetragen hatte, musste er sein Gesicht wieder bedecken; denn die Leute konnten das Leuchten auf seinem Gesicht nicht ertragen. So hielt Mose sein Gesicht verhüllt, bis er wieder zum Herrn hineinging, um mit ihm zu reden.

In den Kapiteln 33 und 34, da wird auf verschiedene Weise erzählt, wie Gott mit Mose spricht. Unterschiedliches wird da erzählt: 

In Kapitel 33 heißt es:  „Gott redete mit Mose: Von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mensch mit seinem Freund redet.“ 

Dann nur wenige Verse später im gleichen Kapitel bittet Mose darum, Gottes Gesicht zu sehen. Aber da sagt Gott: „Mein Gesicht darfst Du nicht sehen; denn niemand, der mich sieht, bleibt am Leben.“

Und dann kommt die dritte Erzählung, die ich eben vorgelesen habe: Wo Gott mit Mose spricht und Mose diesen strahlenden Glanz abbekommt. 

Gott zu sehen: darum drehen sich die Kapitel 33 und 34. Doch die Botschaft ist unterschiedlich, ja gegensätzlich. Da redet Mose mit Gott – Gesicht zu Gesicht – so wie zwei Menschen sich unterhalten. Und im nächsten Atemzug darf Mose Gott überhaupt nicht sehen, weil er sonst tot umfallen würde. 

Natürlich hat das 2. Buch Mose seine Entstehungsgeschichte. Unterschiedliche Abschnitte sind zu unterschiedlichen Zeiten entstanden. Da wurde ergänzt, verändert, zusammengefügt. Und natürlich lassen sich die unterschiedlichen Aussagen historisch begründen. Ich möchte sie heute trotzdem so nebeneinander lesen, wie sie in der Bibel stehen. Weil ich es gut finde, dass diese Spannung zwischen den Texten nicht aufgelöst wird.

Denn diese Spannung erlebe ich auch in mir: Die Vorstellung, dass wir mit Gott reden können, von Angesicht zu Angesicht, wie mit einem Freund: Ich finde das ein wunderbares Bild! Und es ist ein Bild, das mich im Gebet begleitet. Das Vertrauen darauf, dass ich mit Gott auf Augenhöhe sprechen darf. 

Aber auf der anderen Seite ist da auch die Erfahrung, dass Gott eben nicht Mensch ist! Dass Gott größer ist. Dass ich nicht mit Gott auf Augenhöhe stehe. Und dass es ein absoluter Unterschied ist, ob ich mich mit einem anderen Menschen unterhalte - oder ob ich im Gebet bin mit Gott. 

Weil Gott anders ist. Ganz anders. 

In diesen beiden Polen erlebe ich mich in meinem Glauben. Und deshalb finde ich es so gut, dass auch in der Bibel diese Spannung bleibt. 

Der Theologe Karl Barth schreibt in einem Aufsatz Folgendes: Die Aufgabe der Theologie ist es: Von Gott zu reden. Aber weil wir Menschen sind, können wir eigentlich gar nicht von Gott reden. Weil Gott so viel größer ist als wir Menschen.

Für Karl Barth geht es in der Theologie genau um diese Spannung: Dass wir von Gott erzählen sollen. Auch wenn wir das eigentlich gar nicht können, weil Gott viel zu groß für uns ist. 

Das ist für mich ein zentraler Gedanke im Glauben: Da ist auf der einen Seite die Nähe Gottes. Besonders spürbar in Jesus Christus. Gott, der selber Mensch wird – Gott, der uns ganz nah kommt. 

In Jesus wird Gott greifbar. Die Menschen damals konnten Jesus ganz praktisch begreifen: Sie konnten Jesus mit ihren eigenen Händen anfassen, berühren. In Jesus wurde Gott: Greifbar, Berührbar, Sichtbar. 

Aber auf der anderen Seite ist da eben auch eine große Ferne. Die Heiligkeit Gottes. Das Nicht-Antastbare Gottes. Die Ehrfrucht vor Gott. Gott ist eben nicht der gute Kumpel, mit dem ich in der Kneipe ein Bier trinke. Und auch nicht die beste Freundin, mit der ich zusammen auf dem Sofa abhänge. 

Gott ist und bleibt auch geheimnisvoll für uns. 

Hier im 2. Buch Mose ist es Mose, der im Gespräch ist mit Gott. 40 Tage ist Mose oben auf dem Berg bei Gott. Und dann steigt er wieder hinunter, zurück zu den anderen Israeliten. Aber Mose hat sich verändert. Ihm selbst ist das gar nicht so bewusst. So heißt es in der Bibel: „Mose wusste nicht, dass sein Gesicht einen strahlenden Glanz bekommen hatte, während Gott mit ihm sprach.“

Erst durch die Begegnung mit den anderen Leuten merkt Mose, wie sehr er sich verändert hat durch diese Begegnung mit Gott. Da strahlt etwas von ihm aus. Und dieses Strahlen ist so hell, dass es für die anderen nicht zu ertragen ist. 

Das ist etwas, das sich durch die Bibel zieht: Engel, die als Boten von Gott kommen, werden in diesem strahlenden Licht beschrieben.  
In der Evangeliumslesung, die wir gehört haben, ist es Jesu, der auf einmal in leuchtendem Weiß erscheint. In fast allen Erzählungen erschrecken die Menschen erst einmal vor diesem hellen Licht. Es ist so hell, dass es für Menschen nur schwer auszuhalten ist. 

Darin steckt für mich etwas von der Unfassbarkeit Gottes. Dass Gott zu groß ist für uns. 

Mose ist in der Exodus-Erzählung natürlich total herausgehoben: Er ist derjenige, der am Dornenbusch Gottes Namen erfährt. Er ist es, der Gottes Volk aus der Gefangenschaft herausführt. Und er ist derjenige, der oben auf dem Berg ist und mit Gott redet. Mose ist herausgehoben: Der Prophet, der in ganz enger Verbindung mit Gott steht. Und der zwischen Gott und den anderen Menschen vermittelt. 

Hier nun wird Mose durch der Begegnung mit Gott so sehr verändert, dass die anderen ihn praktisch nicht mehr ertragen können. Sein Gesicht hat einen solchen Glanz, dass die anderen Angst bekommen. Mose muss sich damit behelfen, dass er sein Gesicht verhüllt. Er deckt das Strahlen ab. Weil es für die anderen zu viel ist. Nur wenn Mose wieder alleine mit Gott ist, kann er den Schutz abnehmen.

Ich finde das eine denkwürdige Szene: Dass Mose so sehr auf der Seite von Gott steht, dass er sich mit Gott unterhalten kann – Gesicht zu Gesicht. 

Aber diese Begegnung mit Gott verändert ihn so sehr, dass er mit den anderen Menschen nicht mehr Gesicht zu Gesicht sprechen kann – sondern sein Gesicht verhüllen muss. 

In der Logik der Erzählung verändert sich dieser strahlende Glanz auch wieder. Später kann Mose auch wieder normal mit den anderen reden. 

Ich stelle mir diesen göttlichen Glanz ein bisschen vor die diese phosphoreszierenden Sterne: Die man mit einer Lampe anleuchtet und dann strahlen sie ganz hell. 

Aber mit der Zeit verblassen die Sterne auch wieder. Weil sie nicht aus sich selbst herausleuchten. Vielleicht ist es ein bisschen ähnlich mit Mose und seinem Glanz. 

Bei der Vorbereitung auf die heutige Predigt habe ich mich gefragt: Kann es für uns Menschen auch ein Zuviel an Gott geben?

Ich musste dabei an eine Nonne denken, eine Ordensschwester, mit der ich mich mal unterhalten habe. Sie erzählte mir, dass bei ihnen im Kloster jede Schwester einmal im Monat einen freien Tag hat: Einen Tag, an dem sie nicht arbeiten muss, aber an dem sie auch von den Andachts- und Gebetszeiten befreit ist. Einen Kloster-freien Tag sozusagen. 

Ich fand das erstmal seltsam. Dass Nonnen Urlaub brauchen vom Klosterleben. Aber die Nonne erklärte mit einem Schmunzeln, dass es auch Tage geben müsse ohne Heiligkeit. 

Für die Gemeinschaft dort im Kloster war das eine bewusst Entscheidung, dass es für uns Menschen auch Zeiten geben darf, ja vielleicht auch muss, die frei sind von Heiligkeit. Ich finde das einen spannenden Gedanken! Tage die frei sind von Heiligkeit. Keine Gott-freien Tage! Das ist ein entscheidender Unterschied! Es gibt keine gottlose Zeit in unserem Leben. Davon bin ich überzeugt. 

Aber für uns Menschen finde ich es wichtig, dass wir uns nicht – ich sage mal – in unserem Glauben verkriechen. Dass es auch seine Berechtigung hat, ganz unheilig einfach nur Mensch zu sein. 

Und vielleicht kann Gottes Heiligkeit für uns auch nur gewahrt bleiben, wenn da ein Abstand bleibt. Zwischen uns und Gott. 

Ich bin überzeugt davon, dass wir am Ende unseres Leben, nach dem Tod, Gott begegnen werden: Von Angesicht zu Angesicht. 

Das ist meine feste Hoffnung und mein Glaube. 

Das ist meine Vorstellung des Himmels: Dass wir Gott von Gesicht zu Gesicht sehen und begegnen werden. 

Aber auch da: in der Ewigkeit wird es so sein, dass da ein Unterschied bleibt zwischen Gott und mir. Dass auch im Himmel Gott Gott bleibt. Und wir: Geschöpfe bleiben. Von Gott geschaffen. 

Das wird in Ewigkeit so bleiben. 

Wir werden nicht Gott sein. Gott sei Dank, werden wir das nicht sein! 

Der Unterschied zwischen uns und Gott wird sich nicht auflösen. Soll sich auch gar nicht auflösen! Weil wir nur so wir selbst bleiben und Gott unser Gegenüber. Und weil wir nur so:  Gott von Angesicht zu Angesicht sehen werden.

Amen. 

Predigten von Superintendent Martin Lechler

Liebe Gemeinde in der Christnacht,

in diesen Tagen bekam ich eine E-Mail von einem meiner ehemaligen Konfirmanden. Ich habe ihn vor 23 Jahrten konfirmiert. Er muss meine Adresse im Internet gefunden haben. Er wollte sich – nach 23 Jahren – bei mir bedanken, dass ich ihm die Inhalte des Glaubens auf so positive und nachwirkende Art vermittelt habe. Er habe bis heute gute Erinnerungen an den Konfirmandenunterricht.

Es habe auch Zeiten in seinem Leben gegeben, in denen sein Glaube keine große Rolle spielte, er auch manchmal zweifelte. In den letzten Jahren aber gewann der Glaube wieder große Bedeutung, auch, weil er voller Dankbarkeit auf sein bisheriges Leben blickt:

  • eine Ausbildung genossen, und jetzt im Beruf,
  • eine liebe Frau kennengelernt und geheiratet
  • und in diesem Jahr sein erstes Kind bekommen.

Er sei dankbar, dass er aus seinem Glauben so viel Kraft schöpfen kann. Und dann schreibt er: „Zweifeln tue ich trotzdem manchmal, aber ich denke, dies ist menschlich.“

Ich war und bin zutiefst gerührt. Solche Post bekommt man selten.

Dieser Glaube, daneben der menschliche Zweifel, diese Dankbarkeit gegenüber Gott, diese Kraft aus dem Glauben – dies ist für mich das Licht, das die Dunkelheit erhellt, das Leben erträglich macht, Hoffnung gibt. Dabei sind wir umgeben von so viel Dunkelheit:

  • die Pandemie und die Ungewissheit, wie es jetzt mit der Omikron-Variante weitergeht,
  • die Kontaktbeschränkungen, die viele einsam machen,
  • diese Spaltung der Gesellschaft durch fake news, Verschwörungstheorien und Impfverweigerung,
  • diese verzweifelten, geflüchteten Menschen an der Grenze von Belarus nach Polen,
  • das Aufflammen von Hass und Gewalt an so vielen Orten dieser Welt.

Ja, da kann man schon verzweifeln an der Gnade und Barmherzigkeit Gottes, und wir alle merken, wie dicht neben dem Glauben immer auch der Zweifel liegt. Der ist wirklich menschlich. Und doch haben wir heute wieder die frohmachende Boschaft vom Kommen Gottes in die Welt gehört. Paulus schreibt darüber in dem Brief an seinen Apostelkollegen Titus Folgendes: 

Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und erzieht uns, dass wir absagen dem gottlosen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben

„Heilsame Gnade“ ist erschienen – ein ungewöhnlicher Sprachgebrauch. Aber diese heilsame Gnade bedeutet  nichts anderes, als die liebevolle Hinwendung Gottes zu uns Menschen. Der Schöpfer des Himmels und der Erde ist uns ganz nahe gekommen – in einem schutz- und wehrlosen Kind, das aber in seiner Schutz- und Wehrlosigkeit zum Herrn der Welt werden wird. Daran mag man zweifeln, aber wir brauchen doch nicht zu ver-zweifeln, sondern dürfen ihn in jeder auch noch so dunklen Situation unseres Lebens an unserer Seite wissen, seine Kraft stärkt uns, sein Licht leuchtet uns. 

So erzieht uns diese heilsame Gnade, dass wir absagen dem gottlosen Wesen und den weltlichen Begierden. Paulus meint damit das Geschenk, das Gott uns heute wieder macht: nicht wir selbst müssen uns aus der Gottlosigkeit der Angst, des Pessimismus und der Sorge vor der Zukunft befreien, sondern Gott selbst stellt sich uns an die Seite, befreit uns von Wegen, die uns in die Irre führen, lässt uns sein Licht leuchten.

So können wir besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben: 

besonnen: weil wir schon selber unseren Verstand einsetzen sollen, wo es uns möglich ist. Er ist eine gute Gabe Gottes, denn es lässt sich längst nicht alles mit dem Gefühl steuern;

gerecht: weil viele Strukturen in unserer Welt, von Menschen gemacht, ungerecht sind, und nicht jedem Menschen die Rechte geben, die ihm oder ihr zustehen;

fromm: weil wir all‘ unser Denken, Reden und Handeln 

im Angesicht der Liebe Gottes, aber auch seines Willens für uns Menschen stellen sollen – und ja auch dürfen. Und dazu gehört dann auch, dass wir immer auch wieder eimal an all‘ das denken dürfen, was unser Leben reich und glücklich gemacht hat – und dafür Gott danken.

Doch die heilsame Gnade Gottes ist allen Menschen erschienen, wie Paulus sagt, weil wir ja auch alle seine Geschöpfe sind und alle in gleicher Weise von ihm geliebt werden. Sie gilt uns heute Abend genauso wie all denen, 

  • die heute traurig sind,
  • die heute einsam, verlassen und hoffnungslos sind,
  • die auf der Flucht vor Diktatur, Verfolgung und Hunger sind,
  • die der Klimawandel bedroht und ihnen die Lenbensgrundlage entzieht,
  • die neben einem festen Glauben immer wieder auch der Zweifel plagt.

Sie alle, wir alle dürfen heute wieder Hoffnung schöpfen, 

  • dass wir trotz aller Sorgen und Probleme einer lebens- und liebenswerten Zukunft entgegengehen,
  • dass Zerbrochenes auch wieder heil werden kann 
  • und dass Gott uns nicht fallen lässt, sondern immer mit uns geht, auch wenn wir dies oft nicht spüren können.

Denn: uns ist heute der Heiland geboren,

die heilsame Gnade Gottes ist erschienen,

ein Licht leuchtet in der Dunkelheit,

Hoffnung und Zuversicht dürfen wir im Glauben dankbar empfangen!

Ein gesegnetes, friedvolles und glaubensstärkendes  Weihnachtsfest, welches bis weit in unsere Zukunft strahlen möge! Amen.

Liebe Museums-Gemeinde,

der heute in der Ansprache auszulegende Gegenstand ist das wohl prominenteste aller bekannten Symbole der Christenheit: das Kreuz. Auf keinem Altar einer Kirche darf es fehlen, meistens gibt es auch noch weitere im Sakralgebäude in Form von Vortragekreuzen, auf den Malereien an Wänden und in Fenstern oder auf weiteren Altären. Es schmückt Kirchtürme und andere kirchliche Gebäude, Devotionalien und Zimmerwände, wie z.B. den Herrgottswinkel in manchen Häusern, und es wird als Schmuckstück getragen: von Geistlichen, die ganz oben in der kirchlichen Hierarchie angekommen sind, aber auch als Anhänger an der Halskette, am Amulett oder als Nadel am Revers des Jacketts. 

Das Kreuz – es steht für das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz, aber auch, wie wir noch sehen werden, als Zeichen für die Auferstehung Jesu von den Toten. Bedenkt man, dass das Kreuz von seinem Ursprung her ein fürchterliches Folterinstrument ist, so ist es fast ein Wunder, dass es diese allgemeine Aufmerksamkeit, Bekanntheit und Beliebtheit weltweit besitzt. 

Im frühen Christentum allerdings war es nicht das Kreuz, sondern der Fisch, durch welchen Christinnen und Christen auf eine geheime Art und Weise auf sich aufmerksam machen wollten. Das war in der Zeit der grausamen Christenverfolgungen vor dem sogen. Mailänder Edikt, in welchem 313 nach Chr. erstmals das Christentum als geduldete Religion anerkannt wurde. Davor aber zeichneten Familien, die sich zum Christentum bekannten, einen Fisch an die Hauswand. Denn das griechische Wort für „Fisch“ lautet „Ichthys“ – und hinter jedem dieser Buchstaben steht ein griechisches Wort: „Jesous Christos Theou Hyios Soter“ zu Deutsch: „Jesus ist der Christus, der Sohn Gottes, unser Retter“ – ein erstes christliches Glaubensbekenntnis. Und kein Uneingeweihter konnte erahnen, was sich hinter diesem Symbol des Fisches verbirgt.

Dies änderte sich nach der Regierungsübernahme Konstantins des Großen. Und unter seinem Nachfolger Theodosius dem Großen wurde das Christentum zur alleinberechtigten Religion und zur Staatskirche im Land erklärt (380). Doch das Marterwerkzeug als Symbol für den christlichen Glauben zu verwenden, dauerte noch einige Zeit. Erst sein Enkel, Theodosius II, ließ im 5. Jahrhundert reich geschmückte Kreuze in Konstantinopel und in Jerusalem errichten. Damit verlieh er dem ursprünglich schändlichen Folterwerkzeug den Charakter eines Siegeszeichens. Es stand somit für den, der nach Kreuzigung und Tod diesen durch seine Auferstehung überwand und am Ende aller Zeit in Herrlichkeit wiederkehren wird. Auch die ältesten Bilder des Gekreuzigten stammen aus dieser Zeit. Immer wird er dargestellt als der lebende Gekreuzigte, nicht als sterbender oder toter Mensch, sondern als der lebendige Gott – ein Sinnbild für den Sieg des Lebens über den Tod.

Im 7. Jahrhundert begann sich dann in Byzanz das Bild des Toten am Kreuz durchzusetzen. Hintergrund dieses Wandels war die Betonung der menschlichen Natur Christi und damit seiner Sterblichkeit. Darüber hinaus spielte die Entfaltung der Sakramententheologie, insbesondere die unter Papst Gregor dem Großen (gest. 604) erarbeitete Messopfertheologie eine Rolle. Die Deutung des Passionsgeschehens als Erlösung der Menschheit durch den Sühnetod Jesu trat gleichberechtigt neben die als Sieg über den Tod.

Diesem „toten Christus“ begegnet man zunächst nur in szenischen Zusammenhängen und in Werken der Kleinkunst. Die Entwicklung des Kruzifixus, also des ans Kreuz genagelten Christus zum autonomen und monumentalen Bild hat ihren Ort im Abendland. Seit der karolingischen Zeit waren die Kirchen reich ausgestattet mit Kreuzen und auch Kruzifixen. Viele Beispiele zeugen davon aus der Zeit um die Jahrtausendwende. Doch neben dem dargestellten Leiden Jesu sind oft gar keine Anzeichen von Qual und Leid zu erkennen. Neben Christus als dem Leidenden tritt die Auffassung von Christus als dem Lebendigen, der zwar tot war, aber lebendig ist in Ewigkeit. Der Abt eines Benediktinerklosters formulierte es im 9. Jahrhundert so: „Als Mensch hat er für uns in seiner Schwachheit gelitten, doch als Gott hat er in alldem triumphiert.“

So tritt im 11. und 12. Jahrhundert wieder ganz stark die Vorstellung von Christus als der himmlischen Majestät in den Vordergrund. Christus scheint gar nicht am Kreuz zu hängen, sondern auf einem Fußbrett oder einem Pflock  vor dem Kreuz zu stehen oder gar zu schweben. Das Haupt ist frontal aufgerichtet oder neigt sich leicht zur rechten Seite, die Augen sind meist offen. Die Kreuze sind häufig mit Edelsteinen geschmückt, und Christus erscheint mit fürstlicher Krone auf dem Kopf. Die Kreuze werden teilweise als monumentale Vortragekreuze bei Prozessionen verwendet oder auch als Altarkreuz, um damit die sakramentale Präsenz des am Kreuz gestorbenen Erlösers zu signalisieren. Auch über Chorschranken und Lettnern nahmen große Kreuze zentrale Positionen im Kirchenraum ein. Es ist die Zeit der Romanik.

An der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert weicht schließlich das Triumphieren am Kreuz wieder der menschlicheren Darstellung, der Schilderung des Leidens Jesu, des Sterbens und des Todes. Die Bilder des lebendigen Gottes mit weit geöffneten Augen oder des toten, still am Kreuz entschlafenen Dulders mit der Königskrone wandeln sich zum gequälten Jesus mit dem Dornenkranz, der in besonderer Weise Ausdruck des körperlichen Leidens ist und die Qual des sterbenden Leibes betont. Die Vorstellung vom Christuskönig am triumphalen Kreuzesholz tritt nun hinter das Bild vom geopferten Gottessohn zurück. Und damit sind wir in der gotischen Phase der Kunst angekommen, welcher auch unser Kruzifix aus Balge entstammt. 

Es wurde von einem unbekannten Künstler in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts aus Eichenholz geschaffen und war ursprünglich bemalt. Sicher befand es sich viele Jahrhunderte in der Balger Kirche. Man kann nur vermuten, dass sein Schaft in einen Fuß gestellt werden konnte und auf dem Altar neben zwei Kerzenleuchtern gestanden hat. Spuren am unteren Ende deuten darauf hin. Wie es aus der Kirche in den Besitz des Museums kam, ist nicht bekannt. Vielleicht ereignete sich das Verschwinden des Kruzifixes zusammen mit dem des alten Taufsteins. Von ihm erfuhr ich aus dem Internet, dass er im Jahr 1870 im Zuge einer Renovierung aus der Kirche entfernt und verkauft wurde. In einem alten Bericht heißt es: „Der alte Taufstein ist im Garten des Gastwirts aufgestellt und wahrscheinlich bei einer Reparatur der Kirche mit anderen herausgenommenen alten Sachen verkauft.“ Leider hatte man in früheren Zeiten vielerorts nicht so viel Respekt vor den Denkmalen der Vorväter und -mütter und verkaufte die nicht mehr in Mode stehenden „alten Sachen“ oder warf sie gar auf den Müll.

Glücklicherweise blieb das Kruzifix erhalten, landete, auf welche Weise auch immer, im Museum und wurde im Jahr 1985 aufwändig restauriert. Davor aber hat es schwer gelitten. Wahrscheinlich war es über eine lange Zeit hinweg der Witterung ausgeliefert. Dem Bericht der Restauratorin, Ursula Brücker, entnehmen wir Folgendes:

„Das Holz ist im Allgemeinen fest, es ist stark verwittert oder durch Überarbeitung ausgefasert. … Corpus und Kreuz zeigen noch Fassungsreste… Diese sind allenthalben locker (durch Austrocknung).“

Die Restauratorin hat folgende, ursprüngliche Farben nachgewiesen:
Inkarnat (Hautfarbe): steingrau, darunter:  vereinzelt alte Grundierungsreste = gelblich mit Spuren von Rosa am Bein, hier auch einige Partikel einer originalen Fleischfarbe mit Blutspur (Krapprot – traditionelle Färbepflanze)

Lendentuch: grau-blau,

Lendentuch Unterseite: hier finden sich einige möglicherweise originalen Azurit-Blau-Reste

Haare: braun, 

Dornenkrone: grün,

Kreuz: grau- weiß mit rotem Rand.

Am Bein und an den Schultern befinden sich mörtelartige Kittungen.

Farben haben in der christlichen Kunst immer eine symbolische Bedeutung. So steht das Steingrau der Hautfarbe für den toten, leblosen Körper und das Krapprot der Blutspur für die Peinigungen und den Lanzenstich in die Seite des Körpers Jesu, aus dem während der Peinigung das Blut und Wasser flossen – Zeichen für die Sakramente des Abendmahls und der Taufe. Gemäß dem Johannesevangelium hat ein römischer Soldat die Wunde durch einen Lanzenstich verursacht (Joh. 19, 34). Lediglich die Farbe Blau des Lendentuches deutet auf die Besonderheit und Einzigartigkeit des Leichnams hin. Denn Blau war eine nur schwer zu beschaffende und deshalb sehr wertvolle Farbe, eine himmlische Farbe, in der lediglich die Kleidungsstücke von für den Glauben ganz besonders wichtigen Personen gemalt wurden, so zum Beispiel der Mantel der Maria. 

Und noch etwas lässt Hoffnung durchschimmern: die grüne Dornenkrone symbolisiert, dass aus Totem auch wieder neues Leben erwachen kann.

Bild 1 (gesamtes Kruzifix): 

Ein Bild, das Katze, Boden, Schlüssel enthält.

Automatisch generierte BeschreibungDoch der geschundene und getötete Jesus hängt am Kreuz. Kein Fußbrett oder Pflock geben dem Körper Halt. Das gesamte Körpergewicht hängt an den Nägeln, die die Hände und Füße durchbohren, und an einem Dorn im Holz, der dem Gesäß ein wenig Halt geben konnte. Die  überlang  gestreckten, ja auseinandergezerrten Arme lassen eine weitere Folterart vermuten: das Vierteilen –  eine mittelalterliche Hinrichtungsprozedur, bei der das Opfer mithilfe von Pferden in alle vier Himmelsrichtungen gezerrt wurde. Zwischen diesen langgezerrten Armen hängt kraftlos der ausgemergelte Leib. Unter der Haut treten deutlich die Rippen des Brustkorbes hervor. Ein Bild des Jammers, welches an die Leiden des Gottesknechts bei Jesaja erinnert: „ Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet“ (Jes. 53, 3).

Bild 2 (Lendenschurz):

Der feine Faltenwurf des Lendenschurzes lässt die hohe künstlerische Qualität dieses Kruzifixes erkennen. Doch nicht nur dies. Dahinter steckt auch eine theologische Aussage, die bei Jesaja angelegt ist: sein Leiden geschieht nicht aus purem Zufall oder aus Nutzlosigkeit, sondern sie hat einen Sinn. So heißt es bei Jesaja: „… Wir hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsererMissetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes. 53, 4b-5). Ja, in unserem Denken, Reden und Handeln geschieht so vieles, was nicht dem Guten dient, sondern zerstört, verletzt und andere kränkt – manchmal sogar mit allerbester Absicht. Und nicht selten belastet uns das schwer. Doch gerade auch dann können und dürfen wir uns an Gott wenden und darauf hoffen, dass er uns verzeiht. Und dann fällt es vielleicht auch uns leichter, um Verzeihung zu bitten, Frieden zu stiften, Gutes zu tun. Denn all unsere Sünde hat er selbst am Kreuz auf sich genommen, für uns gelitten, damit wir leben können. 

Der Apostel Paulus beschreibt das in seinem 2. Brief an die Korinther so: „Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt“ (2. Kor. 5, 21). 

Weil dieser Gekreuzigte für unser Leben und unser Zusammenleben so wichtig ist, hat sich der Künstler mit seiner Schnitzarbeit allergrößte Mühe gegeben, denn immerhin hat er die Figur aus hartem Eichenholz geformt. Und er hat dem Lendenschurz die Königsfarbe Blau gegeben.

Bild 3 (INRI-Tafel):

Über Jesu zur Seite geneigten Kopf befindet sich die von vielen Kruzifixen her bekannte Tafel mit der Aufschrift: INRI – Jesus Nazarenus, Rex Judaiorum, zu Deutsch: Jesus aus Nazareth, König der Juden. Was für uns heute selbstverständlich ist, nämlich dass Jesus der König der Juden, ja, sogar noch viel mehr: der Retter der Welt ist, war damals eine Verballhornung, weshalb ja auch die Menschenmasse forderte, dass Pontius Pilatus dies nicht so schreiben solle, sondern, dass er gesagt habe, er sei der König der Juden. Doch Pilatus antwortete bekanntlich: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“ Ein klares ‚Basta!‘

Bild 4 (Kopf und Brust):

Mit diesem Bild kommen wir zum Herzstück des Kruzifixus: trotz aller Qual und Pein, die er erlitten hat, und die in dieser Figur an so vielen Stellen deutlich zu erkennen ist, kommt Jesus im Tod zur Ruhe. Seine Augen sind geschlossen, die Mundpartie strahlt Ruhe und Frieden aus. Mit dem johanneischen Jesuswort am Kreuz: „Und neigte das Haupt und verschied“ hat er sein Erlösungswerk in dieser Welt vollendet und kann zum Vater im Himmel zurückkehren. 

 

Doch dass damit sein irdisches Werk noch nicht vollendet ist, zeigt die Dornenkrone an: Was leider so gut wie nicht mehr zu erkennen ist, identifizierte die Restauratorin als grüne Farbe. Deutlich erkennbar sind in dem wohl ursprünglich grünen Kranz einzeln eingebrachte und noch erhaltene Stacheln: Dornen, die abgestorben sind und die sich sicher nach innen tief in den Kopf eingestochen haben. Doch der Kranz ist grün: Zeichen dafür, dass das Leben weitergeht: durch Todesnacht und Schmerz geht Christus der Auferstehung von den Toten entgegen. Erst damit, dass Gott nicht nur die Macht über das Leben, sondern auch über den Tod und alle todbringenden Mächte hat, wird Christi Erlösungswerk vollendet sein. 

Diese drei Merkmale: der blaue Lendenschurz, das Lächeln im Tod und die grüne Dornenkrone zeigen an, dass dieses Kreuz an der Schwelle von der romanischen zur gotischen Kunst steht und somit beideChristusbilder zeigt, die ja eigentlich auch zusammengehören: den leidenden Jesus, der das Leid der Welt zu unserer Rettung auf seine Schultern nimmt, so die Vorstellung der Gotik, und den am Kreuz erhöhten Christus, der der Auferstehung und dem Sieg des Lebens über den Tod entgegengeht, wie er in der Romanik dargestellt wurde.

Ein Bild, das aus Holz, Werkzeug, Holz enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

Bild 5 (Seite mit Stern):

Völlig überrascht war ich von den Enden des Kreuzes. Solche Kreuzes-Enden habe ich noch nie gesehen: wohl, dass an den vier Enden die vier Evangelisten abgebildet werden, auch, dass die Enden von einer Lilie geschmückt sind, aber noch nie von Sternen. In drei der vier Sterne sind die Nägel der vier Wundmale an Händen und Füßen geschlagen – der Wundschmerz verbindet sich mit dem Stern. Der Stern steht in der christlichen Symbolik für den Stern über Bethlehem, dem die Weisen aus dem Morgenland gefolgt sind und so den Weg zum Christuskind fanden. Auf vielen Abbildungen von der Geburt Jesu ist,  manchmal ganz deutlich, oft aber auch eher versteckt, ein Kreuz zu erkennen. Es soll vom Anfang an darauf hinweisen, dass der irdische Lebensweg Jesu zum Kreuz auf Golgatha führt. Kreuz und Krippe, bzw. Kreuz und Stern von Bethlehem gehören deshalb theologisch eng zueinander.  

Bild 1 (gesamtes Kruzifix):

Ein Bild, das Boden, drinnen, Schlüssel enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

Wenn der Künstler hieran erinnern wollte, dann spannt sich in diesem Kruzifix der Bogen vom Wunder der Christgeburt in Bethlehem über das Wunder des Sühnopfertodes Jesu am Kreuz bis zum Wunder der Auferstehung Jesu von den Toten – die gesamte Heilsgeschichte in einem Bild. Man kann auch sagen: das Kreuzesgeschehen steht unter einem guten Stern, dem Stern von Bethlehem, der auf die Geburt des Retters der Welt hinweist.

 

Wie sehr ersehnen wir uns diesen guten Stern in diesen Tagen über den schrecklichen Kriegsereignissen in der Ukraine, die uns, trotz vieler anderer Schrecken und Probleme dieser Welt, zurzeit so sehr in Atem halten. Wie bitter müssen wir erkennen, dass so viel Unheil und Sünde von Menschen ausgehen kann. Der Kriegstreiber in Moskau mag sich dafür eines Tages vor Gott selbst verantworten.

Das Balger Kruzifix aber mag uns dabei erinnern: Gott steht immer auf der Seite der Schwachen, der Bedrohten, der Leidenden, der Hilflosen. Ja,

  • in jedem durch den Krieg zu Tode gekommenen Menschen,
  • in jedem Verwundeten, der durch Bomben verletzt wurde,
  • in jedem Angst erfüllten Gesicht eines Kindes, das im Bombengedröhn weint,
  • und in jedem flehenden Gesicht einer ausgewanderten Ukrainerin, die um das Leben ihrer Familienangehörigen in der Ukraine bangt

spiegelt sich das Angesicht des leidenden Christus am Kreuz, wie es unser heutiger Kruzifixus aus Balge darstellt. Er hat gelitten und ist ermordet worden, um uns allen zum Trost zu zeigen: Er geht mit uns mit. Auch in der tiefsten  Tiefe des Leides bleibt Christus an unserer Seite. 

Doch alles Leiden wird eines Tages auch ein Ende haben. Das Kreuz der Romanik zeigt den segnenden Christus am Kreuz: mit Königskrone und dem Blick des Überwinders allen Todes in der Auferstehung der Toten. Von den Osterereignissen aus gedacht hat auch diese Sicht auf Christus seine Berechtigung und gibt Trost.

Und: Gott ermöglicht immer auch wieder einen neuen Anfang, wenn wir uns in Schuld, Fehlbarkeit und Ausweglosigkeit verstrickt haben. Ja, er vergibt uns unsere Schuld, wenn sie uns bedrückt und wir uns vor ihm zu ihr bekennen. 

All dieser Aussagen mag uns die Betrachtung dieses Kruzifixes vergewissern. Amen.

Predigten von Prädikantin Dr. Johanna Gronau

„Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.“

Der Predigttext für heute, er stammt aus dem Buch der Klagelieder, Kapitel 3.

„Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“ Das hört sich nicht nach einer Klage an oder einem Klagelied. Vielmehr nach einem Lied, das Hoffnung macht und viel ver- spricht: Gottes Barmherzigkeit, nie endende Treue: jeden Morgen neu! Wir haben eingangs ein Lied gesungen, das diesen Text als Grundlage hat.

All Morgen ist ganz frisch und neu
des Herren Gnad' und große Treu;
sie hat kein End' den langen Tag,
drauf jeder sich verlassen mag.

Ein Mut machender Text - eine fröhliche Melodie. Beide stammen aus dem 16. Jahrhundert, aus einer spätmittelalterlichen Welt, geprägt von Kriegen, von Epidemien wie der Pest und Glaubensstreitigkeiten. In diese Welt bricht in der Reformation ein neuer Glaube auf, der sich den Schrecken des Daseins stellt und gleichzeitig solch ein Lied entstehen lässt: Ein Mut ma- chender Text - eine fröhliche Melodie. - Auf mich wirkt das alte Lied frisch wie der Morgen. So hatte ich übrigens den Text ursprünglich verstanden: All Morgen – also: jeder Morgen ist ganz frisch und neu – klar, der Morgen ist frisch, frisch wie frisch gebrühter Kaffee, wie die frischen Brötchen, frisch, wie die frisch gedruckte Zeitung und die Luft, wenn man morgens das Haus verlässt. Wer bewusst auf die folgende Zeile achtet, merkt aber, dass etwas anderes gemeint ist: All Morgen ist ganz frisch und neu ... und weiter: des Herren Gnad' und große Treu; GottesGnade und große Treu, frisch ausgeteilt am Morgen: darum geht ́s. Es lohnt sich also, weiter

zu hören, über den ersten Eindruck hinaus, sonst kommt es leicht zu Missverständnissen. Ganz typisch bei Liedern übrigens, man versteht nur die Hälfte vom Text und reimt sich irgendwas zusammen.

Unser Predigttext wird auch als Lied bezeichnet. Auch hier sollte man nicht nur weiterhören, sondern auch einmal davor schauen. Auf die Frage, warum denn Klagelied, bekommt man so schnell eine Antwort. Direkt vor unserer fröhlichen Morgengnade finden sich Zeilen, die es in sich haben:

Ich bin der Mann, der Elend sehen muss
durch die Rute seines Grimmes.
Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis
und nicht ins Licht.
Er hat seine Hand gewendet gegen mich
und erhebt sie gegen mich Tag für Tag.
Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht
und mein Gebein zerschlagen.
Er hat mich ringsum eingeschlossen
und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben.
Er hat mich in Finsternis versetzt wie die,
die längst tot sind.
Er hat mich ummauert,
dass ich nicht herauskann,
und mich in harte Fesseln gelegt
.“

So geht es über insgesamt 21 Verse bis sich dann der Ton wendet und es schließlich heißt: Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“ Das Lied, was hier gesungen wird, klingt als Ganzes etwas anders. Tatsächlich haben wir es mit einer engen Verzahnung von ergreifender Klage und Trostworten zu tun. Im hebräischen Original bilden alle Abschnitte des Klageliedes eine Einheit. Es ist ein Alphabetgedicht, dessen Verse in einer kunstvollen po- etischen Form zusammenwirken. Das eine kann man nicht vom anderen lösen. Manches Mal und so auch hier merke ich auf, wenn ich das Häppchen betrachte, das aus den Bibeltexten als Predigttext herausgeschnitten wurde. Und frage mich, ob das so sinnvoll ist. Vielleicht wollte man es für uns verdaulicher machen. Schöne, tröstende Worte sind gefragt, - die kla- genden davor klammert man aus. Ist das eigentlich eine gute Idee? Wie ist das, wenn ein Mensch Trost braucht? Wie soll ein Mensch echten Trost finden, wenn er nicht klagen darf? Oder andersherum: Wie kann ein trauriger Mensch - von mir, von Ihnen - getröstet werden, wenn wir nicht auch seine Klage anhören?

Es gibt da einen kleinen Witz zum Thema: Treffen sich zwei Staatsanwälte, fragt der eine: Wie geht ́s? Der andere: Kann nicht klagen! - Der erste wiederum: Was, so schlimm?

„Kann nicht klagen!“ Das ist so eine norddeutsche Redewendung, ein Spruch eines bescheide- nen Menschen, dem es im Grunde genommen gut geht, der aber damit nicht prahlen möchte. Schön für ihn oder sie. Es ist aber auch okay, wenn man etwas zu klagen hat, dies auch zu tun. Aus mehreren Gründen. Zum Einen: Wer klagt, der rechnet damit, dass sich etwas ändern kann. Er rechnet mit einem guten Ausgang. Er hat den Anspruch an die Situation, dass sie sich zum Guten wende. Er rechnet mit Unterstützung! Er zieht - wenn es gut geht - aus der Klage die Kraft, die Ärmel hochzukrempeln, um seinen Beitrag zu leisten. Das ist der Unterschied zum Jammern. Der Jammerer hat Freude am Rumgejammer und möchte im Grunde gar keine Veränderung.

Es ist okay, wenn man etwas zu klagen hat, dies auch zu tun. Ein weiterer Grund spricht dafür: Es tut einfach gut, einer vertrauten Person mal richtig die Ohren voll zu heulen, alles abzula- den. Das mutet man nicht jedem zu. Wohl dem, der einen Vertrauten hat, bei dem das möglich ist. Bei dem man sich fallen lassen kann, nicht stark sein muss. Keine Fassade aufrechterhalten muss. Wohl dem, der eine Vertraute hat, die selbst stark genug ist, mein Leid mitzutragen, mich zu ertragen. Das ist so tröstlich. So ein Vertrauter ist für den Beter unseres Klageliedes: Gott. Ihm kann man alles zumuten. Ihm mutet er alles zu. Ihn selbst klagt er an. Und doch: Gottes Ohren, sein Herz, dabei immer offen, immer freundlich zugewandt. So hat es der Beter empfunden. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.

Sich einem guten Herz anzuvertrauen, ist eine Sache, intim, persönlich. Sie hat ihren Raum im Gespräch unter vier Augen, im stillen Gebet. Es gibt auch die gemeinsame öffentliche Klage. Das hat man in Leipzig Anfang des Jahres in einem ökumenischen Gottesdienstprojekt ver- sucht. Ich habe Bilder davon im Netz gefunden: In der katholischen Propsteikirche stapeln sich vor dem Altar rote Hohlziegel. In deren Öffnungen stecken kleine Zettelchen. Menschen ha- ben darauf ihre Nöte geschrieben und sie in die "Klagewand" gesteckt. Ebenso in der evange- lischen Peterskirche wenige hundert Meter entfernt. Das Ritual lässt an die Klagemauer in Jerusalem, an die jüdische Tradition denken. Im wöchentlichen Wechsel fand in beiden Kir- chen über 10 Wochen immer freitags eine "Klagezeit" statt. Per Livestream und Chatfunktion konnte jeder daran teilnehmen und seine Worte mit einbringen. Hier wurde der Wert der Klage erkannt. Und sie hat ein eigenes Format bekommen. Wie in unserem kunstvoll kompo- nierten biblischen Klagelied. Auch das ist eine Möglichkeit: Die Klage in eine Form zu gießen, ihr einen Ort und eine Zeit zu geben. Sie ernst zu nehmen, gleichzeitig nicht ausufern zu lassen und ertragbar zu machen.

Für viele findet das persönliche Klagelied seinen Platz, seinen Ort und seine Zeit im Abendge- bet. Da kommen auch manchmal Tränen, und man mag sich gar nicht dem Schlaf hingeben. Gut kann ich mich erinnern, wie ich als Kind schließlich doch weinend und vor Erschöpfung eingeschlafen bin. Irgendwann schläft man immer ein. Und dann passiert mitunter über Nacht eine wunderbare Verwandlung. Der Morgen kommt, man erwacht, und irgendwie, ist alles leichter. Die Probleme sind nicht weggewischt, nein, das könnte keiner behaupten. Aber sie fühlen sich kleiner an, leichter. Ich selbst bin leichter geworden. Das Morgenlicht hat mich geweckt. Der Kaffee duftet, der Frühstückstisch ist gedeckt. Ich öffne die Fenster und spüre die kühle Morgenluft. Ich spüre eine neue Kraft in mir wachsen. Gottes frische Morgengnade hat mich ergriffen. Gottes Treue hat mich neu gefunden. In dieser Nacht, an diesem Morgen: Ich habe nichts gemacht und nichts geleistet. Und doch spüre ich diese neue Kraft, in die Welt zu gehen und mich der Welt zu stellen. Gottes Gnade: Sie reicht vom Morgen bis zum Abend, im Leben und über unser Leben hinaus.

All Morgen ist ganz frisch und neu
des Herren Gnad' und große Treu;
sie hat kein End' den langen Tag,
drauf jeder sich verlassen mag.

Zu wandeln als am lichten Tag,
damit, was immer sich zutrag,
wir steh'n im Glauben bis ans End'
und bleiben von dir ungetrennt.

Amen.

Wann beginnt eigentlich der neue Tag? Als Grundschulkind war für mich die Sache relativ klar. Meine Mutter weckte uns, in dem sie die Tür zu den Kinderzimmern öffnete und rief: Aufstehen, Schule! Das war das Signal. Als ich dann selbst Mutter wurde, patschte mir manchmal eine Kinderhand fröhlich ins Gesicht. Halb sechs. Das Baby ist munter! Der Tag beginnt. In der Winterzeit, so wie heute, beginnt der Arbeitstag nicht selten im Dunkel. Da fällt einem das Aufstehen schwer. Ein neuer Tag, da sollte es hell sein, finde ich! Licht macht mich munter. Wann beginnt eigentlich der neue Tag genau? Im Judentum gibt es eine ganz eigene Sicht auf die Frage: Der neue Tag beginnt immer am Vorabend. Schabat, der heilige Feiertag der Woche dauert von Sonnenuntergang am Freitag bis zum Eintritt der Dunkelheit am folgenden Samstag. Das ist ja erstaunlich, habe ich gedacht, als ich davon zum ersten Mal hörte. Meine Sicht auf die Zeiteinteilung hielt ich für unverrückbar, für gegeben, ich hielt sie für wahr. Sollte ein Tag vielleicht auch wann ganz anders beginnen können? Eine vergleichbare Tradition zur jüdischen Vorstellung finden sich bei uns Christen in der Heiligen Nacht, die wir am Vorabend von Weihnachten feiern.

Bleiben wir erst einmal beim frühen Morgen. Am schönsten beginnt man sein Tagwerk natürlich ausgeschlafen, nach traumlosem, ruhigem Schlaf. Aber nicht wenige unter uns kennen auch die anderen Nächte. Solche, die sich unendlich ziehen. Man liegt wach und lauscht in die Stille. Wann wird es endlich dämmern? Sorgen halten einen wach. Knochen schmerzen. Grübelnde Gedanken kreisen. Wieviel Uhr mag es sein? Eine Autotür klappt, eine Turmuhr schlägt. Erst 4 Uhr, oder schon 5? Ein Lichtstreif unter dem Rollo. Die Dämmerung wird herbei gesehnt. Das aufgehende Licht ist wie ein Kipppunkt, der ein neues Leben einleitet.

Jochen Klepper hat in seinem Gedicht „Die Nacht ist vorgedrungen“ genau diese Zeit, solch eine Zwischenzeit beschrieben. In der eine Wende fällt, ein Kipppunkt zwischen Nacht und Tag. Ein „In-der-Nacht-sein“ und gleichzeitig schon den Tag spüren. Sein Gedicht wurde von Johannes Petzold vertont und ist für diesen Sonntag als Lied des Tages vorgeschlagen. Im Gesangbuch die Nummer 16. Lassen Sie uns gemeinsam die ersten beiden Strophen singen, Strophe 1+2.

1) Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern!
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

2) Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.

Wann beginnt eigentlich der neue Tag? Es ist wohl so, dass man es nicht genau wissen kann. Schon gar nicht, bevor es tatsächlich passiert. Klepper nimmt uns in seinem Gedicht erst einmal ganz tief in diese Nacht mit hinein. Die Nacht ist vorgedrungen, das hört sich für mich nach tiefster Finsternis an. Es ist ein Bild für eine Lebenssituation, in der sich ein Mensch hilflos und ohnmächtig empfindet. Der Moment, in dem man nur noch schwarzsieht und keinen Ausweg mehr weiß. Für Klepper war es das Dunkel des nationalsozialistischen Unrechtsregimes, das ihn selbst, seine jüdische Frau und seine Stieftochter verfolgt hat. Aber schon im zweiten Halbsatz „der Tag ist nicht mehr fern“ öffnet Klepper einen Horizont, in einen neuen Tag hinein! Wie ist das möglich? Das Weihnachtsgeschehen, der Stern von Gottes Geburt, der helle Morgenstern, leuchtet in dieser Dunkelheit hinein. Die Engel, das Kind im Stall: Gott wird Mensch, ist bei uns auf Erden: Die Erinnerung an das Weihnachtsgeschehen gibt ihm Trost und Hoffnung. Ganz tief ins Dunkel hineinsteigen, und im Glaubenslicht in den neuen Tag zu treten: Das ist das Motiv des Liedes.

Ich denke an die menschliche Erfahrung, dass es mitunter ganz tief unten nach unten geht, vielleicht gehen muss, bevor es auch wieder aufwärts gehen kann. In dieser Zwischenzeit, dieser Zeit zwischen Depression und neuem Lebensmut passiert etwas. Es geht einem sozusagen ein Licht auf. So kann es nicht weitergehen. Vielleicht waren Sie selbst einmal in einer solchen Lage. Vielleicht während einer Beziehung. Oder im Beruf. Da ist ein Mensch chronisch überfordert. Aber er hat das Gefühl, den Erwartungen des Partners und der Gesellschaft entsprechen zu müssen. Er oder sie hat das Gefühl, es irgendwem schuldig zu sein. Macht weiter, hält durch und hofft, dass es irgendwie von selbst besser wird. Bis es dann nicht mehr weitergeht. Manchmal ist es eine Krankheit, ein einschneidendes Ereignis, was einen zur Besinnung bringt. Man besinnt sich darauf, was einem wirklich wichtig ist und gut tut. In der vorher ausweglosen Situation zeigen sich im neuen Licht plötzlich ganz neue Möglichkeiten. Jochen Klepper sieht die Weihnachtsbotschaft als Versprechen Gottes, dass unser Leben in aller Tiefe immer eine Chance hat, heil zu werden. Wir singen die Strophen 3+4.

3) Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

4) Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

Schwierige Lebenssituationen lösen sich nicht selten zum Guten auf. Gott sei Dank! Doch das Happy End ist kein Dauerzustand. Noch manche Nacht wird fallen. Das Leben zeigt sich als ein Auf und Ab von Traurigkeiten und freudigen Erlebnissen und. Nicht selten liegen sie kurz hintereinander, oder sogar übereinander und ineinander verwoben. Bangen und hoffen, weinen und lachen. Wie es auch kommt, eines ist sicher: Der Stern der Gotteshuld begleitet unsere Lebensreise. Eine Wende zum Guten ist jederzeit möglich.

Zeit zwischen Nacht und Tag. Eine solche Wendezeit ist im Kirchenjahr der Advent. Wir richten uns neu aus, hin zum Licht von Betlehem, zum Kind in der Krippe. Eine Wende hin zum guten Auskommen mit sich selbst und mit seinen Mitmenschen. Dafür ist der Advent die richtige Zeit. Viele Menschen spüren das. Sie schmücken ihre Wohnungen, sie hängen Lichterketten auf und stellen Leuchtbögen in die Fenster. Man mag es belächeln, aber ich habe beschlossen, mich schlicht daran zu freuen. Denn hinter der Dekoration steht auch der Wille, die Welt etwas schöner und besser zu machen. Nicht nur für sich, auch für die anderen. Wenn ich bedenke, dass immer wieder Menschen mich im Advent mit Keksen und Karten und kleinen Geschenken bedenken, oftmals steht noch nicht einmal der Name an den Päckchen. - Nicht umsonst ist der Advent die Zeit der Spenden. Im Pandemiejahr 2020 stiegen die Spendeneinnahmen besonders stark. Die Deutschen haben unglaubliche 5,4 Milliarden Euro gespendet. (Das ist das zweitbeste Ergebnis seit Beginn der Erhebung.) Am meisten gespendet wurde in den Monaten des Lockdowns und - im Dezember. Eine Lebenswende hin zum Guten. Das wünsche ich mir für Sie, für mich. Für unser Land. Gerade auch in diesem „Corona-Advent“. Ich wünsche mir, dass die neue Bundesregierung Kraft findet, die Jahrhunderthemen Klimaschutz und Soziale Gerechtigkeit anzupacken. Ich wünsche mir, dass es gelingt, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Ich wünsche mir mehr Impfstoff und mehr Impfwillige und Achtung für Andersdenkende. Und ich wünsche uns allen die Erkenntnis, dass es letztlich nicht unser eigenes Licht ist, das die Welt bescheint, sondern Gottes Licht. Lassen Sie uns die Letzte, die 5. Strophe singen:

5) Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute,
der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht.

Auch in der letzten Strophe lässt Klepper nicht ab von seinem zentralen Motiv: Hineinbegeben in das Dunkle und gleichzeitig dort ein Licht entzünden. Gott will im Dunkeln wohnen. Ein starker Satz! Gott will gerade bei denen sein, denen es schlecht geht und die verzweifelt sind. Wenn Gott dort wohnen will, dann müssen wir - im Advent! - auch da rein gehen und unsere Augen nicht verschließen! Gott wohnt bei den Ausgebrannten, bei den Obdachlosen unter der Brücke und er wohnt in den Flüchtlingslagern auf Lesbos und an der Grenze von Belarus und Polen. Gott als Mitbewohner ist kein tatenloser. Alle Menschlichkeit, die in diese Situationen hineingetragen wird, ist ein Licht Gottes, das das Leben erhellt. Jedes Stück Brot, jedes gute Wort ist ein Stück Brot aus Gottes Hand, ist ein Wort aus göttlichem Mund, ist ein Engel, der in die Tiefe der Nacht tritt und spricht: Fürchte dich nicht!

Wann beginnt er denn nun, der neue Tag? Für mich? Vielleicht jetzt? Vielleicht gerade jetzt! Ja, dann möchte ich es nicht verpassen. Dann muss ich jetzt unbedingt, ja, Schluss machen. Und hinabsteigen von der Kanzel. Singen. Eine Kerze anzünden. Den alten Onkel nicht vergessen! Mich selbst nicht vergessen. Ich wünsche Ihnen einen frohen, einen leuchtenden Advent! Amen.

Als Wissende wurden sie bezeichnet. Viel hatten sie sich angeeignet. Sie hatten gelernt und geforscht, gelesen und nachgedacht. Ihr Wissensdurst war unerschöpflich. Doch dann ein Rätsel. Konnte es möglich sein? Sie schauten in den Himmel, es war ganz deutlich. Gestern war er noch nicht da und heute überstrahlte er alles. Ein neuer Stern! - Sie mögen Freunde/Kollegen gehabt haben, ebenso wissbegierig, ebenso gelehrt. Doch diese blieben in ihrem Hamsterrad der alltäglichen Gewissheiten. Sie nicht! Sie, die drei Weisen aus dem Morgenland. Packten ihre Sachen und machten sich auf den Weg. Folgten dem Stern. Wussten nicht, wohin der Weg sie führen würde, wann sie ankommen würden oder ob überhaupt.  Es drängte sie, dem Geheimnis hoch am Himmel auf die Spur zu kommen. Nichts konnte sie auf ihrem Weg aufhalten.

Liebe Brüder und Schwestern! Die drei Weisen, die nichts weiter hatten als den Stern am Himmel und eine alte Prophezeiung, erreichten ihr Ziel. Ohne Sicherheitsnetz, ohne einen Beweis, dass ihr Vorhaben auch Erfolg haben würde, gingen sie dem Geheimnis nach. Sie erreichten ihr Ziel, sie fanden das Kind, doch war damit alles klar? Was für ein geheimnisvolles, unerklärliches Geschehen! Gott wird Mensch. Gott kommt zu uns - als Kind - in einem Stall, bedürftig und gleichzeitig mit aller Macht versehen. Alles das ist auch für uns noch ein Geheimnis. Wer könnte das mit seinem Verstand erfassen? Und wie können wir davon erzählen?

Paulus schreibt dazu an die Gemeinde in Korinth (Kapitel 2, die Verse 1-10):

1Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. 2Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten. 3Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; 4und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, 5auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. 6Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. 7Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, 8die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 9Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« 10Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.

Wissen oder Glauben, liebe Schwestern und Brüder? Neben dem Geheimnis, was verborgen und doch offenbart ist, bringt Paulus ein weiteres Thema zur Sprache: die Weisheit, Menschenweisheit. Andere Worte für diesen Begriff wären: Bildung, Wissen, Gelehrtheit, aber auch Erfahrung und Erkenntnis. Ich denke, die meisten unter uns sind stolz und froh, eine Schulbildung erhalten zu haben. Dazu meist eine Ausbildung, vielleicht konnten Sie auch studieren. Für mich jedenfalls ist Bildung ein wichtiges Thema. Ursprünglich bin ich Naturwissenschaftlerin, geübt in Logik, Zahlen, Struktur, Beweisen und Nachweisen. Dieses Denken prägt bis heute meine Wahrnehmung der Welt. 

Für Paulus hat im Glauben alles Wissen der Welt keine Bedeutung. Auch nicht das Super-Spezialwissen, das die Herrscher der Welt vorgeben zu haben. All diese Herrscher werden früher oder später verschwinden. Ob wir sie mögen oder nicht, gewählt oder verflucht haben: Die Obamas, die Trumps, sogar Helmut Kohl, der ewige Kanzler meiner Kindheit und eine Angela Merkel: Sie vergehen, und mit ihnen ihre Erfahrung. Herrscher vergehen, das Wissen der Welt vergeht. Was ist mein Wissen über Schule oder über die Berufswelt noch wert angesichts der rauschenden Veränderungen, in der unsere Kinder bestehen müssen. Paulus findet, man sollte sich nicht zu viel auf sein Wissen einbilden. Allein Jesus Christus ist es, woran er sich festhält. Jesus Christus, der Gekreuzigte. Treu bis in den Tod hinein und darüber hinaus. 

Wer kann das verstehen? Ein Gelehrter oder vielleicht eher - ein Kind? Mir kommt da Mattes in den Sinn. Mattes, ein Freund meines Sohnes, saß als Fünfjähriger bei uns am Frühstückstisch. Ostern stand kurz bevor und Mattes hatte eine Erkenntnis, die er uns Cornflakes kauend und so ganz im Nebenbei mitteilte: O-Ton Mattes: Wisst ihr was: Sie haben ihn umgebracht. Und jedes Jahr steht er wieder auf!  - Hmh. Okay?! Meine Einwände angesichts dieser Kindertheologie habe ich runtergeschluckt. Jedes Jahr, na ja, das kann man so nicht sagen. Das musst du so verstehen:… Nein, lieber nichts sagen. Und staunen. In einem Satz zusammengefasst: Passion und Auferstehung. Sie haben ihn umgebracht. Keine hohen Worte. Und jedes Jahr steht er wieder auf! Keine große Rhetorik. Diese Vorstellung erschien Mattes gewaltig und gleichzeitig war es für ihn beruhigend.

Schwach und unwissend wie ein Kind stellt sich Paulus da. Ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern. Dabei war er ein hochgebildeter, vielsprachiger, weitgereister Mann. Ebenso wie die Weisen hatte er sich aufgemacht, das Geheimnis zu ergründen und davon in aller Welt zu berichten. Bildung hat er nicht grundsätzlich verachtet. Es war wohl die Erkenntnis, klein zu sein angesichts der Größe seiner Aufgabe. Demütig fühlte er sich angesichts der Bedeutung und des Inhaltes der Botschaft. Nie würde er alles verstehen können. Nie würde er alles so rüberbringen können, dass ihn die Welt verstünde. Gutes Aussehen, kluge Worte und geschliffene Rhetorik: Das war es nicht, was er mitzubringen hatte. Er kam mit einen gewichtigen, starken Inhalt. 

In einer Welt, in der eine gelungene Selbstdarstellung so viel bedeutet, ist das auch heute eine Besonderheit. Klar, die Stars und Sternlein werden überwiegend für ihre Optik bezahlt. Für das perfekte Outfit und den flotten Spruch. Aber auch in anderen Bezügen ist eine gefällige Oberfläche und Rhetorik gefragt. Nicht zuletzt in der Ausbildung von Pastoren und Prädikantinnen. Liturgische Präsenz nennt man das. Ja, auch ich mag das. Ein sympathisches Äußere ist mir angenehm, die gesetzte Rede gut zu hören. Aber was ist mit dem Inhalt, dem Gehalt der Aussagen? Früher oder später werden wir doch am Inhalt unserer Aussagen gemessen. Ich finde, es ist ein gutes Zeichen für unsere Gesellschaft, wenn sich bei uns immer wieder leitende Politikerinnen oder prominente Wissenschaftler dem Druck der perfekten Selbstdarstellung entziehen. Sie erscheinen mit den ewig gleichen Klamotten oder einer unmöglichen Frisur vor der Kamera, und erklären in eintönigem, unaufgeregtem Tonfall ihre Position. Meist sind das die gleichen Personen, die auch erkennen, wo ihre Grenzen sind und die gehen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. 

Wer Inhalte vertritt, wer wirklich etwas weiß und Gewichtiges zu sagen hat, der kennt auch die Grenzen seines Wissens. Des Wissens überhaupt. Der erkennt auch, dass man irgendwann mehr braucht als Menschenweisheit. Nämlich: Vertrauen, Hoffnung, Glaube, Liebe, auch Vergebung. Denn das passiert auch immer wieder. Man stößt mit all seiner Weisheit und Lebenserfahrung an seine Grenzen. Ich bin mit meinem Latein am Ende. Da gibt es keine Daten und Fakten mehr, die mir weiterhelfen und keine Prognose, die verlässlich ist. Meine Jahresplanung und vielleicht sogar meine Lebensplanung sind hinfällig. An so einem Punkt im Leben kommen die meisten irgendwann. Es ist dann wunderbar zu erfahren, dass hier nicht Schluss ist. Sondern, dass das, was Gott uns zugesprochen hat, weiterhin gilt. 

Ich bin bei dir alle Tage bis ans Ende der Welt. 

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.

Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.

Sei getrost, deine Sünden sind vergeben.

Ich muss gar nicht alles wissen und auch gar nicht so tun, als ob ich etwas wüsste. Fehler unterlaufen mir immer wieder. Das gehört zu mir und darf so sein. Und trotz allem und gerade deswegen erfahre ich Liebe und Zuwendung. Und bin selbst in der Lage, Zuwendung zu geben. Ich erkenne, dass Gottes Liebe ein wunderbares Geheimnis ist, das mir nicht völlig verborgen ist, sondern sich zeigt. Ganz vorsichtig lüftet sich der Vorhang, hin und wieder. Paulus erklärt uns am Ende seines Briefes noch einmal dieses Geschehen:

12Jetzt sehen wir alles nur wie in einem Spiegel und wie in rätselhaften Bildern. Wenn ich jetzt etwas erkenne, erkenne ich immer nur Bruchstücke, einen Teil des Ganzen. Aber eines Tages werden wir ´Gott` von Angesicht zu Angesicht sehen; dann aber werden wir alles so erkennen, wie Gott uns jetzt schon kennt.

Bruchstücke kannten auch nur die drei Weisen aus dem Morgenland. Weise Männer waren sie, denn sie waren sich ihrer Unwissenheit bewusst. Sie hatten nichts weiter als einen Stern und eine alte Verheißung. Sie vertrauten den alten Worten und gingen voran. Tatsächlich wissen wir schon mehr als die Weisen damals. Wir wissen wie die Geschichte weitergeht mit Jesus. Vieles bleibt uns weiterhin verborgen. In vielem bleiben wir unwissend und schwach. Das muss uns nicht sorgen. Denn die allumfassende Erkenntnis ist da, wo sie hingehört. Geborgen bei Gott, im Geheimnis des Glaubens. Amen.

Predigten vom Geistlichen Vizepräsidenten i.R. Arend de Vries

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. 

Wir hören den Predigttext für den Sonntag Invokavit, dem ersten Sonntag der Passionszeit, aus dem 2. Korintherbrief des Paulus: 

Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt.
Denn er spricht: »Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! 

Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit dieser Dienst nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber alle- zeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben. 

Liebe Gemeinde, 

Die Farbe der Passionszeit ist das Violett. Blau ist darin und rot.
Das Göttliche und das Menschliche.
Das Meer ist blau und vor allem der Himmel. Weit und groß. Ich kann ihn nicht erfassen, wenn ich nur eben einmal nach oben schaue. Ich muss mir Zeit nehmen, den Blick schweifen lassen von einem Ende des Horizontes bis zum anderen. Himmelblau. Gottesblau. 

Rot ist die Farbe des Menschen. Unser Blut ist rot und unser Mund. Die Lippen, die Zunge. Mit dem Mund essen wir und reden und küssen wir. Er ist warm und rot. Rot steht für das menschliche Leben, mit allem was dazugehört: Für das Glück, reden zu dürfen und küssen zu können. Aber auch für die Gefahr, sich zu verletzen oder verletzt zu werden, Blut zu schme- cken statt eines Kusses. 

Das Gottes-Blau und das Menschen-Rot kommen zusammen im Violett. In der Farbe der Pas- sion. Sie vermischen sich und werden etwas Neues. Eine neue Farbe. Ein neues Sein. Es be- trifft beide: Gott und Mensch. In der Passionszeit lernen wir, Gott neu zu sehen. Im Gekreu- zigten ihn zu sehen. Wir lernen, uns mit anderen Augen zu sehen. Bedürftiger als wir dach- ten. Geliebter als wir vermuteten. 

Paulus beschreibt im Brief an die Korinther, wie sich das neue Sein für ihn anfühlt. Als einer, der der dem Gekreuzigten nachfolgt. Er schreibt von Angst und von Hunger, von Gefängnis-aufenthalten und durchwachten Nächten. Das ist die eine Seite.
Von dem anderen schreibt er auch. Von Gnadengeschenken: Von Erkenntnis, innerer Stärke und der Fähigkeit zu selbstloser Liebe. 

Und dann bringt er beides zusammen. Eine sonderbare, fast befremdliche Mischung: Wir sind die Unbekannten und doch bekannt. Sterbende, die leben. Traurig, doch voller Freude. Habenichtse – die doch alles haben. 

Wie passt das zusammen? Das möchte ich gerne verstehen. Ich möchte verstehen, wie bei- des zusammengehört: Das Gottesblau und das Menschenrot. Die Traurigkeit und die Freude. Besitzlos zu sein und doch ungeheuer reich. Und deswegen werde ich heute Morgen mit Ihnen in einigen Geschichten umhergehen, die zur Passionszeit gehören. Vierzig Tage lang. In den Geschichten von Jesus und von Paulus. In den Passions-Geschichten von heute. 

Ich gehe in den Passionsgeschichten umher, suche die Freude in der Traurigkeit. Den Reich- tum im Mangel. Und ich finde Jesus in der Wüste. Er hat vierzig Tage gefastet. Er hat Hunger. Einige von uns wissen, wie sich das anfühlt, tagelang nichts oder fast nichts zu essen. Es zehrt an den Kräften. Aber es schenkt auch etwas: Leichtigkeit und Freiheit. Und du spürst eine Macht in dir. Das kann zur Versuchung werden. 

Jesus ist seinen Dämonen in der Wüste begegnet. Es ging um Macht. Jesus hat mit den Dä- monen gekämpft. Und ihnen widerstanden. Er war geschwächt nach dem langen Fasten. Das angebotene Brot wurde zur Versuchung. Und dennoch hat in ihm das Nein gewonnen. Er hat Nein gesagt zu dem dämonischen Angebot. Nein zur Versuchung, die eigene Macht zu miss- brauchen. Jesus hat den Dämonen widerstanden. 

Aber weg waren sie danach nicht. Sie tauchen immer einmal wieder auf in seiner, in unserer Geschichte. 

Eine dieser Dämonen, die die ganze Menschheitsgeschichte geprägt haben, ist der Dämon der Macht. Der Glaube daran, dass der Freiheitswille von Menschen und Völkern unterdrückt werden könne, beherrschbar sei. Und dass diese Beherrschung mit Gewalt, mit Waffen möglich sei. 

Sie tauchen immer wieder auf, diese Dämonen. Auch in den letzten Tagen in Jerusalem. Jo- hannes erzählt, dass es der Dämon aus der Wüste war, der von Judas Besitz ergriff, kurz vor dessen Verrat. Und es war wohl auch eine dämonische Macht, mit der Jesus im Garten Ge- thsemane gekämpft hat, als er noch die Chance hatte, dem Leiden auszuweichen. Und er widerstand. 

Es ist wohl auch eine dämonische Macht, die uns einreden will, dass wir als Christen- menschen gesund und erfolgreich sein werden, so wie es manche Wohlfühlprediger behaupten. Nein, weder das Wasser der Taufe noch die Wegzehrung des Mahles noch der zuversichtliche Glaube bewahren davor, dass ich angefochten, krank, beschädigt werde, gezeichnet von einer Welt und einer Zeit, die noch weit entfernt ist von der Vollkommenheit des Reiches Gottes. 

Und auch der Hunger wird Jesus weiter begleiten. Jesus und die, die mit ihm unterwegs sind, haben oft nicht genug, um satt zu werden. 

Dann versuchen sie, eine Einladung zu bekommen oder sie klauben sich ein paar Getreide- körner zusammen vom Rand eines Feldes. Den Hunger wird Jesus nicht los auf seinen Wan- derungen. Und doch: Nach allem, was uns die Bibel erzählt, konnte er auch Hunger stillen. Menschen satt machen. Mit Brot und Fisch. Mit Geschichten. Oder einfach dadurch, dass er sich zu ihnen setzt und sie so wieder hineinholt in den Kreis der geliebten Töchter und Söhne Gottes. Jesus hat so gut wie nichts in seinen Taschen. Kaum Geld, um sich Essen zu kaufen und weiß am Nachmittag noch nicht, wo er die Nacht verbringen wird. Nichts haben. Und doch so reich, dass er andere beschenken kann. 

Und Paulus? - Manche lachen über ihn in Korinth. Sie lachen, weil er nichts hermacht, schon rein äußerlich. Weil sie in Korinth inzwischen christliche Missionare kennengelernt haben, die viel beeindruckender sind als er: Charisma- tischer, eloquenter, bessere Performer. Solche, die gut durch das Leben kommen – ohne dauernd in Konflikte zu geraten mit den eigenen Leuten. Diese Angriffe werden Paulus ge- schmerzt haben. 

Auch das ein Dämon, den manche von uns wohl nur zu gut kennen.
Menschen, die sich mit der Frage quälen, ob sie gut genug sind für das, was sie tun. Menschen, die an ihren Fehlern und Schwächen leiden und sich selbst nichts verzeihen können. Menschen, die immer wieder anecken, auch in der Kirche. 

Paulus gibt eine Antwort an die, die ihn infrage stellen und vermutlich sagt er es auch sich selbst: Ja, genauso! So, wie ich bin: So unvollkommen und manchmal sogar lächerlich – ge- nauso nimmt mich Gott in seinen Dienst. Denn Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. In den Mangelhaften und Ungenügenden. In den Geschundenen. In den Traurigen. In den Ar- men. Sie war mächtig in Jesus, dem hungrigen unbequemen Wanderprediger. Sie ist sogar mächtig in einem wie mir. 

Passionsgeschichten. Mehrdeutig sind sie alle. Gemischt aus Freude und Schmerz, Ohnmacht und Kraft, Weite und Verletzbarkeit, aus Gottesblau und Menschenrot. Aber so, dass man eines nicht mehr vom anderen trennen kann. Ich gehe in diesen violett leuchtenden Geschichten umher. In den Geschichten von Paulus, von Jesus. Auch in meinen eigenen. 

Ich suche. Und ahne. Taste. Erwäge.
Passionen eben. Aber auch das ist kein eindeutiges Wort. Es meint nicht nur Schmerzen, sondern auch Hingabe, Leidenschaft und Begeisterung. 

Schaue ich auf die Passionsgeschichte der Ukraine, dann ist da beides: das Leiden, die Schmerzen der Opfer, der Ausgebombten. Und zugleich die Leidenschaft, die Hingabe, das eigene Leben, die Freiheit zu verteidigen. Und ein oft belächelter Präsident, der zu einem Helden wird. 

Passionen. Leid und Schmerz. Und Hingabe und Leidenschaft.
Ich gehe nicht schleppend durch diese Geschichten. Aber langsam. Tastend. Zweifelnd. Und doch gewiss. Und je länger ich umhergehe, desto klarer wird mir: Ich gehöre dazu. Ich bin Teil dieser Geschichte, in der das Göttliche und das Menschliche ineinander verlaufen: blau und rot. Zur Passion. Mit leeren Händen – und doch beschenkt. 

Amen.