Predigten von Pastorin Schmid-Waßmuth

Ewigkeitssonntag 2021

Liebe Gemeinde, 

zweisam ist der Tod, nicht einsam. Gott ist da, bei dem Menschen, der stirbt. 

Viele von Ihnen haben in den vergangenen Wochen und Monaten einen lieben Menschen verloren. Manchmal konnten Sie dabei sein, als er / als sie verstarb. Manchmal geschah es ganz plötzlich. Und nicht selten können Sterbende erst in dem Moment loslassen und gehen, wenn die Angehörigen gerade nicht im Raum sind.

Sie alle haben diese Ohnmacht erfahren: Nichts mehr tun zu können, nicht weiter begleiten zu können. 

Doch einsam waren die Sterbenden nicht. 

Zweisam ist der Tod, nicht einsam. Gott ist da, bei dem Menschen, der stirbt. 

Gewiss, es gab und gibt Menschen, die ganz allein sind in den letzten Momenten ihres Lebens. Weil sie allein leben und die Familie weit weg ist. Oder weil sie keine Angehörigen mehr haben. Oder weil sie krankheitsbedingt isoliert werden mussten. Gerade Ende letzten Jahres und Anfang dieses Jahres war das wegen Covid-19 häufig der Fall. Im besten Falle waren wenigstens Pflegekräfte oder Seelsorgerinnen da, die die Sterbenden begleiten konnten. Allein, ohne Begleitung, sterben zu müssen ist furchtbar! Möge niemanden das geschehen. 

Der Tod selbst ist zweisam für den, der glaubt. Nicht einsam. Denn Gott ist da. Wo das Sterben endet, wo die Grenze erreicht ist, an der wir Lebende nicht mehr weiter mitgehen können - genau da ist Gott. 

Wir haben in der Lesung etwas über das Sterben und den Tod des Mose gehört. Auch dort ging es um diese Grenze. Sie wird mit einer Erzählung beschrieben. 

Mose ist allein mit Gott. Ein letztes Gespräch zwischen den beiden. Mose steigt auf einen Berg und schaut in die Zukunft seines Volkes. Gott zeigt ihm, was auf die anderen wartet, auf die, die weiterleben. Doch Mose kann nicht weitergehen. Er hat seine Lebensgrenze erreicht. Unerwartet. Zwar war er schon sehr alt, aber nicht altersbedingt schwach und auch nicht krank gewesen.

Und ich kann mir vorstellen, dass es Mose wehmütig gemacht hat, das verheißene Land zu sehen und nicht mehr miterleben zu können. Sie hatten doch alle zusammen davon geträumt und sich ausgemalt, wie es sein würde, in diesem neuen Land, und Pläne hatten sie geschmiedet. 

So wie auch Sie vielleicht noch manche gemeinsamen Pläne hatten. Ihr Mann / Ihre Frau, Ihre Mutter / Ihr Vater hatte noch etwas vor. 

Das weite Land der Zukunft liegt zwar immer noch da, zu unseren Füßen. Aber es wirkt längst nicht mehr so einladend und bunt und sonnendurchflutet schön, wie es einmal war. Eher grau, im Nebel, als hinge ein Novemberschleier über allem. 

Als Mose stirbt, begräbt ihn Gott selbst. So erzählt die Bibel. Und er hält den Ort geheim. Und die Israeliten beweinen ihn 30 Tage lang. Bis die Zeit des Weinens und Klagens über Mose vollendet ist. 

Dann erst können sie weiter gehen. Aber, so heißt es danach auch noch: Mose war einzigartig, es gab nie wieder so jemanden wie ihn. Ein Vermissen, Wehmut, eine Lücke – das bleibt. 

Die Zeit des Weinens und Klagens, die ist bei jeder und jedem  unterschiedlich lang. Und auch danach bleibt ein Vermissen, Wehmut und eine Lücke. Oft lebenslang. Nur lernt man, damit zu leben. 

Ich glaube, der christliche Glaube kann dabei helfen: die Hoffnung, dass der Tod zweisam ist, nicht einsam. Dass Gott den Sterbenden an seine Hand nimmt. So wie er es bei Mose tat. 

Bei vielen Trauerfeiern haben wir das Lied „So nimm denn meine Hände, und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich“ gesungen oder – als singen nicht möglich war – gehört. In der letzten Strophe heißt es: „Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht. So nimm denn meine Hände, und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich.“

Ich mag das Lied sehr. Drückt es doch genau diese Hoffnung aus: Gott führt uns durch unser Leben, ist stets an unserer Seite. Und ich stelle mir das so vor: Wenn ich sterbe, wird es dunkel um mich herum und  ich verlasse die Welt. Dann falle ich aber nicht ins Nichts. Vielmehr sehe ich ein Licht. Und dann ist da Jesus Christus selbst. Und er streckt seine Hand aus und ich ergreife sie. Er führt mich durch die Todesnacht hindurch auf die andere Seite, in ein anderes Land, in eine andere Welt. Dort ist es wunderschön und bunt und sonnendurchflutet, und Frieden herrscht, und es gibt keine Tränen mehr, kein Leid. Und ich sehe die wieder, die vor mir gegangen sind. Und wir sind wieder zusammen, auf ewig. 

Ja, zweisam ist der Tod, nicht einsam. Gott ist da, bei dem Menschen, der stirbt. Und die, die verstorben sind, sind bei ihm.

Amen. 

Christvesper 2021

Liebe Gemeinde, ich verrate Ihnen ein Geschenk. Ich habe es für meine Familie gekauft. Die muss sich jetzt entscheiden, ob sie sich die Ohren zuhält oder eben später eine Überraschung weniger haben wird.

Zu dem Geschenk muss ich aber erst etwas erklären: Also, wir bauen unsere Krippe immer erst am 24. auf. Und jedes Jahr, wenn wir María, Josef und das Kind, die drei Könige, Ochs und Esel und ca. ein halbes Dutzend Schafe aufstellen, fällt mir auf: Wir haben niemanden, der die Herde hütet! 

Zu Beginn unseres Familienlebens hatte ich mir vorgenommen: jedes Jahr soll genau eine Krippenfigur dazukommen. Dann bekamen wir allerdings gleich mehrere Schafe auf einmal geschenkt. Und ich verlor den Überblick, in welchem Jahr ich hätte wieder anfangen müssen weiter zu sammeln.

Dieses Jahr brauchte ich die Krippe schon einmal für die Kita. Und als ich die ganzen Schafe auspackte, wusste ich wieder - ah, da war noch was zu tun. Und nun habe ich - endlich - einen Hirten gekauft! Hier ist er. Nun muss unser Engel nicht mehr nur zu den herrenlosen Schafen sprechen…. 2022 kaufe ich noch einen. Wenn ich daran denke.

„Denn es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Herden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude.“

Und der Engel - schwieg erst einmal und machte eine Kunstpause. Er wollte die Spannung noch ein wenig steigern. 

Die Hirten machten derweil große Augen. Und es brauchte nur Sekunden, da platzte es ungeduldig aus einem Hirten heraus: „Was ist es denn, worüber wir uns freuen werden? Bessere Arbeitszeiten?“ 

Ein anderer fiel ein: „Eine warme Hütte für den Nachtdienst?“

„Gefahrenzulage, Nachttarif und Urlaub?“, ergänzte hoffnungsfroh ein Dritter.

Und mit leiser Stimme fragte einer bescheiden: „Oder wenigstens zwei Feiertage?“ 

Also, vielleicht dachten sie das zumindest. Könnte ja sein. 

Hätte der Engel etwas von diesen Wünschen der Hirten gemeint, er hätte sicher Jubel und große Freude ausgelöst.

Stattdessen setzte der Verkündigungsengel würdevoll fort: „Große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“

Liebe Gemeinde, das war schon ganz großes Kino - himmlische Heerscharen von Engeln, Gottes Klarheit, die um sie leuchtete, und dann diese große, universale Botschaft - ihnen, ein paar Hirten, exklusiv verkündigt…

Ich denke, den Hirten war durchaus klar, um wessen Geburt es da ging. Auch wenn der Engel es zur Sicherheit nochmal erklärt hatte. „Heiland, also, Christus, der Herr, in der Stadt Davids?!“ 

Der Heiland, das wusste jedes jüdische Kind: das ist der erwartete Retter, der Messias, der mit den römischen Besatzern kurzen Prozess machen, der endlich alles zum Guten wenden wird. 

Tja, und da haben wir das Problem: „wird“ ist Zukunft. Der rettende Heiland ist nun da - Halleluja! Bloß: das Heil steckt noch in den Kinderschuhen. Oder? 

Stellen Sie sich vor, wir hätten diesen Herbst eine neue Regierung gewählt, und dann hätte es geheißen: Wir haben einen neuen verheißungsvollen Kanzler gewählt. Der wird alle drängenden Probleme lösen. Nur, das mit dem Amtsantritt wird noch etwas dauern, denn er ist ein Säugling. 

Keiner wäre an seine Wiege geeilt. 

Also, mir hat noch nie eingeleuchtet, warum die Hirten sich so freuen und alles stehen und liegen lassen, um sofort nach „Bethlehem zu gehen und die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist“. Was bringt es ihnen, das Baby in der Krippe zu sehen? Bis dieses Kind einmal ein ausgewachsener Messias und Heiland ist, sind die meisten von ihnen angesichts der durchschnittlichen Lebenserwartung damals schon tot.

Nun, liebe Gemeinde, natürlich kann ich mich auch über etwas freuen, was zwar nicht mir selbst, aber später einmal meinen Kindern und Kindeskindern zugutekommen wird. 

Es ist beispielsweise unabdingbar, dass wir uns heute mit aller Kraft dafür einsetzen, dass unsere Erde für nachfolgende Generationen erhalten bleibt. Die Erderwärmung müssen wir jetzt geringhalten, damit ihre Folgen den Menschen nach uns nicht das Leben auf Erden zur Hölle machen. Und ich wäre sehr erleichtert zu hören, dass wir das geschafft hätten. 

Trotzdem verstehe ich nicht: Warum lassen die Hirten noch in derselben Nacht alles stehen und liegen? „Und sie kamen eilend“. Was ist so aufregend an einem Baby, das erst einmal nur eine Verheißung ist, und kein ausgewachsenes Heil?  

Was ist das dann für eine große Freude, die die Engel den Hirten verkündigen? Immerhin tun sie es mit gewissem Pomp und Gloria, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie. Und, sehen die Hirten klar? 

Und was müsste das für eine Botschaft sein, die bei mir echte Freude auslöst? 

Eine gute Botschaft, auf die warte ich tatsächlich. Die ersehne ich geradezu aus tiefstem Herzen. Das wäre die Nachricht, dass die Pandemie zu Ende ist, dass keiner mehr an dem Virus stirbt oder ins Krankenhaus muss. Dass die Auseinandersetzung um die Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Corona nicht weiter unsere Gesellschaft spaltet. Dass Menschen weder bei uns in Nienburg noch sonstwo nachts Kirchentüren beschmieren. 

Die gute Botschaft, auf die ich sehnlichst warte, ist das Ende der Pandemie. 

Auf gute Botschaften warten - sehnen und bangen - das tun so viele. 

Doch unsere Erwartungen und Gottes gute Nachrichten - die sind nicht immer deckungsgleich! 

Manchmal aber schon. Manchmal erfüllt sich auf wundersame Weise das Ersehnte. Vorgestern las ich eine Sammlung tatsächlich geschehener Wunder, alle in diesem Jahr passiert. Drei davon will ich Ihnen nennen.

  • Wolfgang Horna verliert in der Flutkatastrophe in Bad Neuenahr-Ahrweiler seinen Ehering. Schlammmassen zerstören das Erdgeschoss seines Hauses, Vorgarten, die Straße. Trotzdem findet er seinen Ring, der ihm viel bedeutet, Tage später beim Frischwasserzapfen auf der anderen Straßenseite im Schlamm steckend wieder. 
  • Jörn Krieger erhält eine lebensbedrohliche Diagnose und bereitet sich auf sein Sterben vor. Doch nach der OP stellt sich heraus, dass der angebliche, gefährliche Tumor nur ein gutartiger Gewebeklumpen war.
  • Die achtjährige Julia verschwindet bei einer Familienwanderung im Oberpfälzer Wald und wird nach zwei Tagen allein im Wald von einem auf eigener Faust suchenden Förster auf tschechischer Seite unbeschadet gefunden. 

Als ich all das las, kamen mir die Tränen aus Mit-Freude an diesen guten Botschaften Gottes. 

Gott zeigte sich Wolfgang Horna, Jörn Krieger und Julias, davon bin ich überzeugt! Das sind drei Einzelschicksale… im Vergleich zur großen weiten Welt babyklein! Doch für die Betroffenen - überwältigend groß! Und sehr real. 

In solchen Momenten sage ich: „Schaut, da war Gott am Werk.“ Und dort und dort ist er es auch. Ja, wir könnten es sehen: Gott ist in der Welt und lässt seine Gegenwart aufleuchten. Miniklein und doch ganz groß.

Wir könnten es sehen. Doch wir tun es nicht. Wir sagen: „Zufall“. Denn viel zu oft, da passen unsere Bitten und Hoffnungen und Gottes Antworten nicht zusammen. Da bleibt es dunkel, ohne gute Botschaft. Und das ist einfach nur furchtbar und zum Verzweifeln. Und wir sagen: „Schau, hier ist er nicht. Also ist er nicht.“ 

Aber anders als klein, liebe Gemeinde, anders als ein Baby in einer Krippe ist unser Gott nicht zu haben. Klein für die Welt. Und unverfügbar. Kaum zu finden im Dunkeln. Es sei denn… 

Es sei denn, man sehnt sich nach ihm, erwartet ihn, glaubt Engeln, lässt Gottes Klarheit um sich leuchten, wo alles unklar ist. 

Es sei denn, man wartet nicht ab, sondern sucht ihn. Auch, ja gerade mitten in der Nacht. Und findet ihn in den abgelegensten Orten, dort wo ihn keiner vermutet.

Dann, und nur dann finden wir Gott in Jesus Christus. Und entdecken: er ist real, hat ein Gesicht, ist ansprechbar, ist unser Gegenüber. In all den guten Botschaften, die uns Engel und Hirten und Wolfgang Horna, Jörn Krieger und Julias Familie erzählen. Und dann können wir sagen: Gott ist da. Wirklich da. Klein und doch ganz groß!!

Liebe Gemeinde, wie gut, dass wir jetzt diesen Hirten in unserer Krippe haben. Der mich antreibt, sofort loszugehen, Gott zu suchen, Gott im Kleinen zu finden und aus der Verheißung des Babys in der Krippe zu leben. 

Und der Friede Gottes, der so viel höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

 

Predigt für den 1. Weihnachtstag 2021 in St. Martin Nienburg

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. 

Liebe Gemeinde!

„Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind.“ Als ich ein Kind war, da feierte ich Weihnachten wie ein Kind.

Mit viel Basteln, Flöte üben und Plätzchen backen davor im Advent. Und mit einer gehörigen Portion Vorfreude. 

Am Heiligenabend mit Gottesdienst und Krippenspiel, mit Glöckchen und Staunen über den Weihnachtsbaum mit seinen roten Kugeln und Strohsternen und - anfangs noch - echten Kerzen. Ich sah ihn nie vor Heiligabend! 

Mit einer überwältigenden Menge an Geschenken unterm Baum. Und immer war ein Schlafanzug dabei! Aber auch mit echten Überraschungen.

Mit selbst gebackenen Plätzchen, Nüssen, die man noch selber knacken musste, und - Gänsebraten. Und Großtante Else saß mit am Tisch.  

„Als ich aber erwachsen wurde, tat ich ab, was kindlich war.“ 

Was ich als Berufstätige für Weihnachten nicht mehr schaffe, selbst herzustellen, besorge ich nun fertig. Was ich mir wünsche, kaufe ich mir gleich selbst. Die Geschenke werden weniger und liegen jetzt bequem auf dem Tisch. Wir essen vegetarisch, und die Nüsse gibt es jetzt ohne Schale. Eltern und Tanten wohnen weit weg.

„Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind“, schreibt Paulus im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth, Kap. 13. Vermutlich wusste der Apostel doch, wie sehr Jesus Kinder schätzte, ja, sie uns als Vorbild hinstellte. Denn Jesus zeigte einmal auf ein Kind inmitten seiner Jünger und sagte: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“

„Als ich erwachsen wurde, tat ich ab, was kindlich war.“ Ich meinte, ich sei nun klüger, verantwortungsbewusster, vorsichtiger und geschickter als damals als Kind. Größer und stärker sowieso. Ich dachte, ich könnte alles, was ein Kind noch nicht kann. Stattdessen ging mir so manches verloren!

Denn als ich ein Kind war, glaubte ich, liebte ich und vertraute ich bedingungslos. Ich wurde geliebt und ich fühlte mich in der Welt geborgen. 

Als ich aber erwachsen wurde, tat ich ab, was kindlich war. Und ich zweifelte an Gott, wurde misstrauisch, und mit der Liebe wurde es kompliziert. Als Erwachsene begann ich mich nach Geborgenheit zu sehnen und musste mich zugleich behaupten. Wir Großen nehmen oft nicht einmal mehr unsere Sehnsüchte wahr. Oder wir erlauben ihnen nicht sich in uns auszubreiten.

Nur an Weihnachten, da wird das Kind in uns wieder lebendig. Da erinnern wir uns an Weihnachtsfeste in Kindertagen, an alte Traditionen und wie schön das alles für uns als Kinder war. Es rührt unser Herz, denn es ist das Fest der Liebe. Der Liebe, die Gott uns geschenkt hat. 

Paulus schreibt diese Zeilen über das Kindsein und Erwachsenwerden im Zusammenhang des Hohenliedes der Liebe: „Die Liebe ist langmütig und freundlich“, steht dort zu Beginn. Und am Ende: „die Liebe höret nimmer auf, wo doch … die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk“.

Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind. Als ich ein Kind war, da feierte ich Weihnachten die Geburt eines Kindes. Und ich sah in Jesus den Bruder, den Freund. Ich wusste nicht viel, aber empfand das Entscheidende: Gottes Liebe zu mir. Und das genügte mir. 

Naiver Glaube ist das, ja, reines Sich-in-die-Elternarme-Werfen, ohne nachzudenken. Bloß Kind sein und vertrauen. 

Können, dürfen Erwachsene in einer Art zweiten Naivität kindlich glauben? Der französische Philosoph Paul Ricœur und andere sprechen von einer zweiten, einer durch die Kritik der Vernunft gegangenen und wieder gewonnenen Naivität. Naivität wird dabei positiv gesehen: unvoreingenommen, neugierig, positiv eingestellt, aufrichtig zu sein, steckt darin. Also kindliche Eigenschaften.

Als ich aber erwachsen wurde, tat ich doch ab, alles was kindlich war. Und ich las die Bibel in hebräisch und griechisch. Ich lernte, wer wann was über Jesus dachte und geschrieben hatte. Und ich weiß und rede viel, ich arbeite und mache viel. Jede und jeder von uns. 

Aber lieber wäre ich wieder Kind im Glauben: möchte lieben und mich geliebt fühlen. Ich will in Gott den liebenden und schützenden Vater sehen und in Jesus den Bruder und Freund an meiner Seite. Will Gotteskind sein. Und ach, ich bin es ja schon! 

Denn, so heißt es im 1. Johannesbrief, Kapitel 3 zu Beginn: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; auch wenn noch nicht offenbar geworden ist, was wir sein werden.“ 

Es ist Weihnachten. Wir feiern das Kind in der Krippe. Lasst uns selbst wieder Kind sein: reden wie ein Kind, denken wie ein Kind und klug sein wie ein Kind und Gott vertrauen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigten von Pastorin Dorothea Luber

„Erlöse uns von dem Bösen“ Diese Bitte sprechen wir jedes Mal, wenn wir das Vaterunser beten.

„Und führe uns nicht in Versuchung sondern erlöse und von dem Bösen.“ 

Mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden haben wir vor einiger Zeit über die einzelnen Bitten des Vaterunseres gesprochen. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch, wie Ihr in Kleingruppen mit mir oben im Gemeindehaus gesessen habt und wir über diese Bitte gesprochen haben?! 

„Erlöse uns von dem Bösen“ Was ist mit dieser Bitte eigentlich gemeint? Was ist böse?

Ist Corona böse? Ist ein Vulkanausbruch böse?

Für Euch Konfis war ziemlich schnell klar: Krankheiten, wie die Corona-Pandemie, oder Naturkatastrophen, wie ein Vulkanausbruch. Die sind an sich nicht böse. 

Auch wenn natürlich Menschen oft schrecklich unter den Folgen leiden. 

Aber „böse“ ist etwas anderes. 

Menschen können böse Dinge tun, anderen etwas Böses antun. 

Darin ward Ihr Konfis Euch ziemlich einig. 

Und Gott? Kann Gott böse sein? Tut Gott Dinge, um uns Menschen zu bestrafen?
In der Corona-Pandemie ist das als Frage immer wieder aufgetaucht: Ist Corona eine Strafe Gottes?

Es gibt Menschen, die das so sehen. In mir dagegen sträubt sich alles, wenn ich das höre. 

Es widerspricht vollkommen meinem Gottesbild: Ein Gott, der uns Menschen erziehen will.

Mit Belohnung für gute Taten und Bestrafung für schlechte Taten. 

Das ist mir zu menschlich und zu eng gedacht. Und ich bin überzeugt: Gott lässt sich nicht in unserer engen, menschlichen Vorstellung pressen. 

Aber die Frage bleibt: Warum geschieht so viel Schreckliches und Schlimmes in der Welt?

Warum erleben manche Menschen fürchterliches Leid, das sich kaum in Worte fassen lässt. 

Sicher, manches Leid lässt sich erklären mit menschliche Ursachen. Weil Menschen Böses tun und anderen Menschen Leid antun. Und auch indirekt sind wir Menschen an manchem schuld:

Wenn wir mit unserem Verhalten etwa die Umwelt zerstören und es dadurch zu Wetterextremen und Naturkatastrophen kommt. 

Aber damit lässt sich eben nur ein Teil erklären. Es gibt auch Naturkatstrophen, die einfach passieren. Und die sich nicht nur menschliches Verhalten erklären lassen. 

Vulkane brechen einfach aus. Das haben sie auch schon vor Jahrhunderten und Jahrtausenden getan. Es gibt Krankheiten, die einfach auftauchen, ohne dass wir Menschen irgendeinen Einfluss oder irgendeine Schuld daran haben. Und ganz im Persönlichen, wenn ich als Mensch etwas Schlimmes erlebe und erleide, ist es dann nicht verständlich und menschlich zu fragen:

Warum passiert mir das? Wieso hat Gott mich davor nicht bewahrt? Warum hat Gott das zugelassen?

In der Bibel – gerade auch in den Psalmen –ist da die Rede von Gottes Zorn. Davon, dass Gott die Menschen mit seinem Zorn bestraft.  Auch in Psalm 85 ist davon die Rede. 

Wir haben zum Gottesdienstbeginn einen Teil dieses Psalms gesprochen. Ich lese Psalm 85 noch einmal als Ganzes vor: 

2 HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs; 3 der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk und all ihre Sünde bedeckt hast; – Sela – 4 der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen und dich abgewandt von der Glut deines Zorns: 5 Hilf uns, Gott, unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade über uns! 6 Willst du denn ewiglich über uns zürnen und deinen Zorn walten lassen für und für? 7 Willst du uns denn nicht wieder erquicken, dass dein Volk sich über dich freuen kann? 8 HERR, zeige uns deine Gnade und gib uns dein Heil! 9 Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, auf dass sie nicht in Torheit geraten. 10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne; 11 dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; 12 dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue; 13 dass uns auch der HERR Gutes tue und unser Land seine Frucht gebe; 14 dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge.

Im ersten Teil dieses Psalms da ist viel von Gottes Zorn die Rede. „Lass ab von deiner Ungnade über uns! Willst du denn ewiglich über uns zürnen und deinen Zorn walten lassen für und für?“ 

So von Gott zu reden ist mir fremd! Und ich möchte dazwischenrufen: Gott begegnet uns mit glühender Liebe und nicht mit glühendem Zorn! Gott ist liebevoll und barmherzig. Von einem Backofen der Liebe hat Martin Luther gesprochen. 

Aber gleichzeitig will ich die Worte der Psalmen auch nicht einfach beiseite fegen. Wer bin ich, dass ich sagen könnte: Gott ist nicht so! Gott ist ganz anders. Ganz sicher ist Gott auch noch einmal anders, als ich mir das so vorstelle. Weil Gott auch meine Vorstellungskraft sprengt. 

In den Psalmworten, die ich eben gelesen habe, da stecken Erfahrungen drin, die Menschen gemacht haben. Es sind Erfahrungen von Menschen, die an Gott geglaubt und die zu Gott gebetet haben. Und die manchmal am Glauben verzweifelt sind, weil sie das, was in ihrem Leben passierte nicht mit ihrem Glauben an Gott zusammenbringen konnten. Und da fühlte es sich für sie so an, dass Gott sie bestrafen würde. 

Von Gottes Zorn zu reden – das ist mir fremd! Aber das Gefühl, Gott nicht zu verstehen. Und die Frage: Warum lässt Gott das zu. Ja, das kenne ich auch.  Das Gefühl, dass Gott ganz weit weg zu sein scheint. 

Martin Luther, der Gott als einen Backofen voller Liebe beschreibt, er spricht auch von den zwei Seiten Gottes: Auf der einen Seite der offenbaren, der gnädigen Gott. Aber auf der anderen Seite auch der verborgene Gott.  Und unter dieser Verborgenheit Gottes hat Martin Luther selbst gelitten. 

Luther schreibt: „Hier erscheint Gott schrecklich zornig und mit ihm zugleich die gesamte Schöpfung.“ 

Und Luther sagt, dass wir Menschen dagegen gar nicht viel machen können. Es ist einfach so: Dass wir Gott manchmal nicht verstehen. Gott hat eben auch eine Seite, die für uns Menschen dunkel, verborgen und unverständlich ist. 

Aber dann sagt Martin Luther noch etwas ganz wichtiges: Nämlich, dass wir Menschen nicht zu sehr auf diese verborgene Seite Gottes starren sollen. Weil wir sonst im Glauben verrückt werden. 

Wir können Gott nicht in allem verstehen und begreifen. Und darum sollen wir uns stattdessen festhalten an dem offenbaren, gnädigen Gott.

Und genau das ist es, was letztlich die Beter in den Psalmen ganz oft tun. Dass sie von der Klage umschwingen auf das Lob. Und einen Weg hinausfinden von der Verzweiflung hin zur Hoffnung.

Ich finde das bei Psalm 85 besonders schön, mit welchen Worten und Bildern im zweiten Teil diese Hoffnung beschrieben wird:

Doch ist ja seine Hilfe nahe, denen, die ihn fürchten,

dass in unserm Land Ehre wohne;

dass Güte und Treue einander begegnen,

Gerechtigkeit und Friede sich küssen.

Dass Treue auf der Erde wachse

und Gerechtigkeit vom Himmel schaue.“

 

Und dann gibt es in Psalm 85 noch einen ganz zentralen Satz; der wie ein Scharnier ist zwischen dem ersten und zweiten Teil dieses Psalms: „Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet,

dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen.“ 

 

„Könnte ich doch hören, was Gott redet“ Das ist für mich ganz entscheidend: Hinhören und Hinsehen auf Gottes Botschaft des Friedens. Dass ich immer wieder bewusst darauf höre, dass Gott es gut mit uns meint. Dass Gott – wie Luther es sagt – ein glühender Backofen der Liebe ist. 

Nein, das kann ich nicht immer sehen in der Welt. Und oft kann ich das auch nicht spüren in meinem Leben. Aber wenn ich genau hinhöre und genau hinsehe, dann bekomme ich doch eine Ahnung davon, dass Gottes Liebe mich umgibt; und das sein Reich mitten unter uns ist: 

wenn wir auf seine Botschaft des Friedens hören; 
und selber Gottes Frieden weitertragen. Amen. 

Predigten von Superintendent Martin Lechler

Liebe Gemeinde in der Christnacht,

in diesen Tagen bekam ich eine E-Mail von einem meiner ehemaligen Konfirmanden. Ich habe ihn vor 23 Jahrten konfirmiert. Er muss meine Adresse im Internet gefunden haben. Er wollte sich – nach 23 Jahren – bei mir bedanken, dass ich ihm die Inhalte des Glaubens auf so positive und nachwirkende Art vermittelt habe. Er habe bis heute gute Erinnerungen an den Konfirmandenunterricht.

Es habe auch Zeiten in seinem Leben gegeben, in denen sein Glaube keine große Rolle spielte, er auch manchmal zweifelte. In den letzten Jahren aber gewann der Glaube wieder große Bedeutung, auch, weil er voller Dankbarkeit auf sein bisheriges Leben blickt:

  • eine Ausbildung genossen, und jetzt im Beruf,
  • eine liebe Frau kennengelernt und geheiratet
  • und in diesem Jahr sein erstes Kind bekommen.

Er sei dankbar, dass er aus seinem Glauben so viel Kraft schöpfen kann. Und dann schreibt er: „Zweifeln tue ich trotzdem manchmal, aber ich denke, dies ist menschlich.“

Ich war und bin zutiefst gerührt. Solche Post bekommt man selten.

Dieser Glaube, daneben der menschliche Zweifel, diese Dankbarkeit gegenüber Gott, diese Kraft aus dem Glauben – dies ist für mich das Licht, das die Dunkelheit erhellt, das Leben erträglich macht, Hoffnung gibt. Dabei sind wir umgeben von so viel Dunkelheit:

  • die Pandemie und die Ungewissheit, wie es jetzt mit der Omikron-Variante weitergeht,
  • die Kontaktbeschränkungen, die viele einsam machen,
  • diese Spaltung der Gesellschaft durch fake news, Verschwörungstheorien und Impfverweigerung,
  • diese verzweifelten, geflüchteten Menschen an der Grenze von Belarus nach Polen,
  • das Aufflammen von Hass und Gewalt an so vielen Orten dieser Welt.

Ja, da kann man schon verzweifeln an der Gnade und Barmherzigkeit Gottes, und wir alle merken, wie dicht neben dem Glauben immer auch der Zweifel liegt. Der ist wirklich menschlich. Und doch haben wir heute wieder die frohmachende Boschaft vom Kommen Gottes in die Welt gehört. Paulus schreibt darüber in dem Brief an seinen Apostelkollegen Titus Folgendes: 

Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und erzieht uns, dass wir absagen dem gottlosen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben

„Heilsame Gnade“ ist erschienen – ein ungewöhnlicher Sprachgebrauch. Aber diese heilsame Gnade bedeutet  nichts anderes, als die liebevolle Hinwendung Gottes zu uns Menschen. Der Schöpfer des Himmels und der Erde ist uns ganz nahe gekommen – in einem schutz- und wehrlosen Kind, das aber in seiner Schutz- und Wehrlosigkeit zum Herrn der Welt werden wird. Daran mag man zweifeln, aber wir brauchen doch nicht zu ver-zweifeln, sondern dürfen ihn in jeder auch noch so dunklen Situation unseres Lebens an unserer Seite wissen, seine Kraft stärkt uns, sein Licht leuchtet uns. 

So erzieht uns diese heilsame Gnade, dass wir absagen dem gottlosen Wesen und den weltlichen Begierden. Paulus meint damit das Geschenk, das Gott uns heute wieder macht: nicht wir selbst müssen uns aus der Gottlosigkeit der Angst, des Pessimismus und der Sorge vor der Zukunft befreien, sondern Gott selbst stellt sich uns an die Seite, befreit uns von Wegen, die uns in die Irre führen, lässt uns sein Licht leuchten.

So können wir besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben: 

besonnen: weil wir schon selber unseren Verstand einsetzen sollen, wo es uns möglich ist. Er ist eine gute Gabe Gottes, denn es lässt sich längst nicht alles mit dem Gefühl steuern;

gerecht: weil viele Strukturen in unserer Welt, von Menschen gemacht, ungerecht sind, und nicht jedem Menschen die Rechte geben, die ihm oder ihr zustehen;

fromm: weil wir all‘ unser Denken, Reden und Handeln 

im Angesicht der Liebe Gottes, aber auch seines Willens für uns Menschen stellen sollen – und ja auch dürfen. Und dazu gehört dann auch, dass wir immer auch wieder eimal an all‘ das denken dürfen, was unser Leben reich und glücklich gemacht hat – und dafür Gott danken.

Doch die heilsame Gnade Gottes ist allen Menschen erschienen, wie Paulus sagt, weil wir ja auch alle seine Geschöpfe sind und alle in gleicher Weise von ihm geliebt werden. Sie gilt uns heute Abend genauso wie all denen, 

  • die heute traurig sind,
  • die heute einsam, verlassen und hoffnungslos sind,
  • die auf der Flucht vor Diktatur, Verfolgung und Hunger sind,
  • die der Klimawandel bedroht und ihnen die Lenbensgrundlage entzieht,
  • die neben einem festen Glauben immer wieder auch der Zweifel plagt.

Sie alle, wir alle dürfen heute wieder Hoffnung schöpfen, 

  • dass wir trotz aller Sorgen und Probleme einer lebens- und liebenswerten Zukunft entgegengehen,
  • dass Zerbrochenes auch wieder heil werden kann 
  • und dass Gott uns nicht fallen lässt, sondern immer mit uns geht, auch wenn wir dies oft nicht spüren können.

Denn: uns ist heute der Heiland geboren,

die heilsame Gnade Gottes ist erschienen,

ein Licht leuchtet in der Dunkelheit,

Hoffnung und Zuversicht dürfen wir im Glauben dankbar empfangen!

Ein gesegnetes, friedvolles und glaubensstärkendes  Weihnachtsfest, welches bis weit in unsere Zukunft strahlen möge! Amen.

Predigten von Prädikantin Dr. Johanna Gronau

„Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.“

Der Predigttext für heute, er stammt aus dem Buch der Klagelieder, Kapitel 3.

„Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“ Das hört sich nicht nach einer Klage an oder einem Klagelied. Vielmehr nach einem Lied, das Hoffnung macht und viel ver- spricht: Gottes Barmherzigkeit, nie endende Treue: jeden Morgen neu! Wir haben eingangs ein Lied gesungen, das diesen Text als Grundlage hat.

All Morgen ist ganz frisch und neu
des Herren Gnad' und große Treu;
sie hat kein End' den langen Tag,
drauf jeder sich verlassen mag.

Ein Mut machender Text - eine fröhliche Melodie. Beide stammen aus dem 16. Jahrhundert, aus einer spätmittelalterlichen Welt, geprägt von Kriegen, von Epidemien wie der Pest und Glaubensstreitigkeiten. In diese Welt bricht in der Reformation ein neuer Glaube auf, der sich den Schrecken des Daseins stellt und gleichzeitig solch ein Lied entstehen lässt: Ein Mut ma- chender Text - eine fröhliche Melodie. - Auf mich wirkt das alte Lied frisch wie der Morgen. So hatte ich übrigens den Text ursprünglich verstanden: All Morgen – also: jeder Morgen ist ganz frisch und neu – klar, der Morgen ist frisch, frisch wie frisch gebrühter Kaffee, wie die frischen Brötchen, frisch, wie die frisch gedruckte Zeitung und die Luft, wenn man morgens das Haus verlässt. Wer bewusst auf die folgende Zeile achtet, merkt aber, dass etwas anderes gemeint ist: All Morgen ist ganz frisch und neu ... und weiter: des Herren Gnad' und große Treu; GottesGnade und große Treu, frisch ausgeteilt am Morgen: darum geht ́s. Es lohnt sich also, weiter

zu hören, über den ersten Eindruck hinaus, sonst kommt es leicht zu Missverständnissen. Ganz typisch bei Liedern übrigens, man versteht nur die Hälfte vom Text und reimt sich irgendwas zusammen.

Unser Predigttext wird auch als Lied bezeichnet. Auch hier sollte man nicht nur weiterhören, sondern auch einmal davor schauen. Auf die Frage, warum denn Klagelied, bekommt man so schnell eine Antwort. Direkt vor unserer fröhlichen Morgengnade finden sich Zeilen, die es in sich haben:

Ich bin der Mann, der Elend sehen muss
durch die Rute seines Grimmes.
Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis
und nicht ins Licht.
Er hat seine Hand gewendet gegen mich
und erhebt sie gegen mich Tag für Tag.
Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht
und mein Gebein zerschlagen.
Er hat mich ringsum eingeschlossen
und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben.
Er hat mich in Finsternis versetzt wie die,
die längst tot sind.
Er hat mich ummauert,
dass ich nicht herauskann,
und mich in harte Fesseln gelegt
.“

So geht es über insgesamt 21 Verse bis sich dann der Ton wendet und es schließlich heißt: Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“ Das Lied, was hier gesungen wird, klingt als Ganzes etwas anders. Tatsächlich haben wir es mit einer engen Verzahnung von ergreifender Klage und Trostworten zu tun. Im hebräischen Original bilden alle Abschnitte des Klageliedes eine Einheit. Es ist ein Alphabetgedicht, dessen Verse in einer kunstvollen po- etischen Form zusammenwirken. Das eine kann man nicht vom anderen lösen. Manches Mal und so auch hier merke ich auf, wenn ich das Häppchen betrachte, das aus den Bibeltexten als Predigttext herausgeschnitten wurde. Und frage mich, ob das so sinnvoll ist. Vielleicht wollte man es für uns verdaulicher machen. Schöne, tröstende Worte sind gefragt, - die kla- genden davor klammert man aus. Ist das eigentlich eine gute Idee? Wie ist das, wenn ein Mensch Trost braucht? Wie soll ein Mensch echten Trost finden, wenn er nicht klagen darf? Oder andersherum: Wie kann ein trauriger Mensch - von mir, von Ihnen - getröstet werden, wenn wir nicht auch seine Klage anhören?

Es gibt da einen kleinen Witz zum Thema: Treffen sich zwei Staatsanwälte, fragt der eine: Wie geht ́s? Der andere: Kann nicht klagen! - Der erste wiederum: Was, so schlimm?

„Kann nicht klagen!“ Das ist so eine norddeutsche Redewendung, ein Spruch eines bescheide- nen Menschen, dem es im Grunde genommen gut geht, der aber damit nicht prahlen möchte. Schön für ihn oder sie. Es ist aber auch okay, wenn man etwas zu klagen hat, dies auch zu tun. Aus mehreren Gründen. Zum Einen: Wer klagt, der rechnet damit, dass sich etwas ändern kann. Er rechnet mit einem guten Ausgang. Er hat den Anspruch an die Situation, dass sie sich zum Guten wende. Er rechnet mit Unterstützung! Er zieht - wenn es gut geht - aus der Klage die Kraft, die Ärmel hochzukrempeln, um seinen Beitrag zu leisten. Das ist der Unterschied zum Jammern. Der Jammerer hat Freude am Rumgejammer und möchte im Grunde gar keine Veränderung.

Es ist okay, wenn man etwas zu klagen hat, dies auch zu tun. Ein weiterer Grund spricht dafür: Es tut einfach gut, einer vertrauten Person mal richtig die Ohren voll zu heulen, alles abzula- den. Das mutet man nicht jedem zu. Wohl dem, der einen Vertrauten hat, bei dem das möglich ist. Bei dem man sich fallen lassen kann, nicht stark sein muss. Keine Fassade aufrechterhalten muss. Wohl dem, der eine Vertraute hat, die selbst stark genug ist, mein Leid mitzutragen, mich zu ertragen. Das ist so tröstlich. So ein Vertrauter ist für den Beter unseres Klageliedes: Gott. Ihm kann man alles zumuten. Ihm mutet er alles zu. Ihn selbst klagt er an. Und doch: Gottes Ohren, sein Herz, dabei immer offen, immer freundlich zugewandt. So hat es der Beter empfunden. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.

Sich einem guten Herz anzuvertrauen, ist eine Sache, intim, persönlich. Sie hat ihren Raum im Gespräch unter vier Augen, im stillen Gebet. Es gibt auch die gemeinsame öffentliche Klage. Das hat man in Leipzig Anfang des Jahres in einem ökumenischen Gottesdienstprojekt ver- sucht. Ich habe Bilder davon im Netz gefunden: In der katholischen Propsteikirche stapeln sich vor dem Altar rote Hohlziegel. In deren Öffnungen stecken kleine Zettelchen. Menschen ha- ben darauf ihre Nöte geschrieben und sie in die "Klagewand" gesteckt. Ebenso in der evange- lischen Peterskirche wenige hundert Meter entfernt. Das Ritual lässt an die Klagemauer in Jerusalem, an die jüdische Tradition denken. Im wöchentlichen Wechsel fand in beiden Kir- chen über 10 Wochen immer freitags eine "Klagezeit" statt. Per Livestream und Chatfunktion konnte jeder daran teilnehmen und seine Worte mit einbringen. Hier wurde der Wert der Klage erkannt. Und sie hat ein eigenes Format bekommen. Wie in unserem kunstvoll kompo- nierten biblischen Klagelied. Auch das ist eine Möglichkeit: Die Klage in eine Form zu gießen, ihr einen Ort und eine Zeit zu geben. Sie ernst zu nehmen, gleichzeitig nicht ausufern zu lassen und ertragbar zu machen.

Für viele findet das persönliche Klagelied seinen Platz, seinen Ort und seine Zeit im Abendge- bet. Da kommen auch manchmal Tränen, und man mag sich gar nicht dem Schlaf hingeben. Gut kann ich mich erinnern, wie ich als Kind schließlich doch weinend und vor Erschöpfung eingeschlafen bin. Irgendwann schläft man immer ein. Und dann passiert mitunter über Nacht eine wunderbare Verwandlung. Der Morgen kommt, man erwacht, und irgendwie, ist alles leichter. Die Probleme sind nicht weggewischt, nein, das könnte keiner behaupten. Aber sie fühlen sich kleiner an, leichter. Ich selbst bin leichter geworden. Das Morgenlicht hat mich geweckt. Der Kaffee duftet, der Frühstückstisch ist gedeckt. Ich öffne die Fenster und spüre die kühle Morgenluft. Ich spüre eine neue Kraft in mir wachsen. Gottes frische Morgengnade hat mich ergriffen. Gottes Treue hat mich neu gefunden. In dieser Nacht, an diesem Morgen: Ich habe nichts gemacht und nichts geleistet. Und doch spüre ich diese neue Kraft, in die Welt zu gehen und mich der Welt zu stellen. Gottes Gnade: Sie reicht vom Morgen bis zum Abend, im Leben und über unser Leben hinaus.

All Morgen ist ganz frisch und neu
des Herren Gnad' und große Treu;
sie hat kein End' den langen Tag,
drauf jeder sich verlassen mag.

Zu wandeln als am lichten Tag,
damit, was immer sich zutrag,
wir steh'n im Glauben bis ans End'
und bleiben von dir ungetrennt.

Amen.

Wann beginnt eigentlich der neue Tag? Als Grundschulkind war für mich die Sache relativ klar. Meine Mutter weckte uns, in dem sie die Tür zu den Kinderzimmern öffnete und rief: Aufstehen, Schule! Das war das Signal. Als ich dann selbst Mutter wurde, patschte mir manchmal eine Kinderhand fröhlich ins Gesicht. Halb sechs. Das Baby ist munter! Der Tag beginnt. In der Winterzeit, so wie heute, beginnt der Arbeitstag nicht selten im Dunkel. Da fällt einem das Aufstehen schwer. Ein neuer Tag, da sollte es hell sein, finde ich! Licht macht mich munter. Wann beginnt eigentlich der neue Tag genau? Im Judentum gibt es eine ganz eigene Sicht auf die Frage: Der neue Tag beginnt immer am Vorabend. Schabat, der heilige Feiertag der Woche dauert von Sonnenuntergang am Freitag bis zum Eintritt der Dunkelheit am folgenden Samstag. Das ist ja erstaunlich, habe ich gedacht, als ich davon zum ersten Mal hörte. Meine Sicht auf die Zeiteinteilung hielt ich für unverrückbar, für gegeben, ich hielt sie für wahr. Sollte ein Tag vielleicht auch wann ganz anders beginnen können? Eine vergleichbare Tradition zur jüdischen Vorstellung finden sich bei uns Christen in der Heiligen Nacht, die wir am Vorabend von Weihnachten feiern.

Bleiben wir erst einmal beim frühen Morgen. Am schönsten beginnt man sein Tagwerk natürlich ausgeschlafen, nach traumlosem, ruhigem Schlaf. Aber nicht wenige unter uns kennen auch die anderen Nächte. Solche, die sich unendlich ziehen. Man liegt wach und lauscht in die Stille. Wann wird es endlich dämmern? Sorgen halten einen wach. Knochen schmerzen. Grübelnde Gedanken kreisen. Wieviel Uhr mag es sein? Eine Autotür klappt, eine Turmuhr schlägt. Erst 4 Uhr, oder schon 5? Ein Lichtstreif unter dem Rollo. Die Dämmerung wird herbei gesehnt. Das aufgehende Licht ist wie ein Kipppunkt, der ein neues Leben einleitet.

Jochen Klepper hat in seinem Gedicht „Die Nacht ist vorgedrungen“ genau diese Zeit, solch eine Zwischenzeit beschrieben. In der eine Wende fällt, ein Kipppunkt zwischen Nacht und Tag. Ein „In-der-Nacht-sein“ und gleichzeitig schon den Tag spüren. Sein Gedicht wurde von Johannes Petzold vertont und ist für diesen Sonntag als Lied des Tages vorgeschlagen. Im Gesangbuch die Nummer 16. Lassen Sie uns gemeinsam die ersten beiden Strophen singen, Strophe 1+2.

1) Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern!
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

2) Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.

Wann beginnt eigentlich der neue Tag? Es ist wohl so, dass man es nicht genau wissen kann. Schon gar nicht, bevor es tatsächlich passiert. Klepper nimmt uns in seinem Gedicht erst einmal ganz tief in diese Nacht mit hinein. Die Nacht ist vorgedrungen, das hört sich für mich nach tiefster Finsternis an. Es ist ein Bild für eine Lebenssituation, in der sich ein Mensch hilflos und ohnmächtig empfindet. Der Moment, in dem man nur noch schwarzsieht und keinen Ausweg mehr weiß. Für Klepper war es das Dunkel des nationalsozialistischen Unrechtsregimes, das ihn selbst, seine jüdische Frau und seine Stieftochter verfolgt hat. Aber schon im zweiten Halbsatz „der Tag ist nicht mehr fern“ öffnet Klepper einen Horizont, in einen neuen Tag hinein! Wie ist das möglich? Das Weihnachtsgeschehen, der Stern von Gottes Geburt, der helle Morgenstern, leuchtet in dieser Dunkelheit hinein. Die Engel, das Kind im Stall: Gott wird Mensch, ist bei uns auf Erden: Die Erinnerung an das Weihnachtsgeschehen gibt ihm Trost und Hoffnung. Ganz tief ins Dunkel hineinsteigen, und im Glaubenslicht in den neuen Tag zu treten: Das ist das Motiv des Liedes.

Ich denke an die menschliche Erfahrung, dass es mitunter ganz tief unten nach unten geht, vielleicht gehen muss, bevor es auch wieder aufwärts gehen kann. In dieser Zwischenzeit, dieser Zeit zwischen Depression und neuem Lebensmut passiert etwas. Es geht einem sozusagen ein Licht auf. So kann es nicht weitergehen. Vielleicht waren Sie selbst einmal in einer solchen Lage. Vielleicht während einer Beziehung. Oder im Beruf. Da ist ein Mensch chronisch überfordert. Aber er hat das Gefühl, den Erwartungen des Partners und der Gesellschaft entsprechen zu müssen. Er oder sie hat das Gefühl, es irgendwem schuldig zu sein. Macht weiter, hält durch und hofft, dass es irgendwie von selbst besser wird. Bis es dann nicht mehr weitergeht. Manchmal ist es eine Krankheit, ein einschneidendes Ereignis, was einen zur Besinnung bringt. Man besinnt sich darauf, was einem wirklich wichtig ist und gut tut. In der vorher ausweglosen Situation zeigen sich im neuen Licht plötzlich ganz neue Möglichkeiten. Jochen Klepper sieht die Weihnachtsbotschaft als Versprechen Gottes, dass unser Leben in aller Tiefe immer eine Chance hat, heil zu werden. Wir singen die Strophen 3+4.

3) Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

4) Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

Schwierige Lebenssituationen lösen sich nicht selten zum Guten auf. Gott sei Dank! Doch das Happy End ist kein Dauerzustand. Noch manche Nacht wird fallen. Das Leben zeigt sich als ein Auf und Ab von Traurigkeiten und freudigen Erlebnissen und. Nicht selten liegen sie kurz hintereinander, oder sogar übereinander und ineinander verwoben. Bangen und hoffen, weinen und lachen. Wie es auch kommt, eines ist sicher: Der Stern der Gotteshuld begleitet unsere Lebensreise. Eine Wende zum Guten ist jederzeit möglich.

Zeit zwischen Nacht und Tag. Eine solche Wendezeit ist im Kirchenjahr der Advent. Wir richten uns neu aus, hin zum Licht von Betlehem, zum Kind in der Krippe. Eine Wende hin zum guten Auskommen mit sich selbst und mit seinen Mitmenschen. Dafür ist der Advent die richtige Zeit. Viele Menschen spüren das. Sie schmücken ihre Wohnungen, sie hängen Lichterketten auf und stellen Leuchtbögen in die Fenster. Man mag es belächeln, aber ich habe beschlossen, mich schlicht daran zu freuen. Denn hinter der Dekoration steht auch der Wille, die Welt etwas schöner und besser zu machen. Nicht nur für sich, auch für die anderen. Wenn ich bedenke, dass immer wieder Menschen mich im Advent mit Keksen und Karten und kleinen Geschenken bedenken, oftmals steht noch nicht einmal der Name an den Päckchen. - Nicht umsonst ist der Advent die Zeit der Spenden. Im Pandemiejahr 2020 stiegen die Spendeneinnahmen besonders stark. Die Deutschen haben unglaubliche 5,4 Milliarden Euro gespendet. (Das ist das zweitbeste Ergebnis seit Beginn der Erhebung.) Am meisten gespendet wurde in den Monaten des Lockdowns und - im Dezember. Eine Lebenswende hin zum Guten. Das wünsche ich mir für Sie, für mich. Für unser Land. Gerade auch in diesem „Corona-Advent“. Ich wünsche mir, dass die neue Bundesregierung Kraft findet, die Jahrhunderthemen Klimaschutz und Soziale Gerechtigkeit anzupacken. Ich wünsche mir, dass es gelingt, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Ich wünsche mir mehr Impfstoff und mehr Impfwillige und Achtung für Andersdenkende. Und ich wünsche uns allen die Erkenntnis, dass es letztlich nicht unser eigenes Licht ist, das die Welt bescheint, sondern Gottes Licht. Lassen Sie uns die Letzte, die 5. Strophe singen:

5) Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute,
der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht.

Auch in der letzten Strophe lässt Klepper nicht ab von seinem zentralen Motiv: Hineinbegeben in das Dunkle und gleichzeitig dort ein Licht entzünden. Gott will im Dunkeln wohnen. Ein starker Satz! Gott will gerade bei denen sein, denen es schlecht geht und die verzweifelt sind. Wenn Gott dort wohnen will, dann müssen wir - im Advent! - auch da rein gehen und unsere Augen nicht verschließen! Gott wohnt bei den Ausgebrannten, bei den Obdachlosen unter der Brücke und er wohnt in den Flüchtlingslagern auf Lesbos und an der Grenze von Belarus und Polen. Gott als Mitbewohner ist kein tatenloser. Alle Menschlichkeit, die in diese Situationen hineingetragen wird, ist ein Licht Gottes, das das Leben erhellt. Jedes Stück Brot, jedes gute Wort ist ein Stück Brot aus Gottes Hand, ist ein Wort aus göttlichem Mund, ist ein Engel, der in die Tiefe der Nacht tritt und spricht: Fürchte dich nicht!

Wann beginnt er denn nun, der neue Tag? Für mich? Vielleicht jetzt? Vielleicht gerade jetzt! Ja, dann möchte ich es nicht verpassen. Dann muss ich jetzt unbedingt, ja, Schluss machen. Und hinabsteigen von der Kanzel. Singen. Eine Kerze anzünden. Den alten Onkel nicht vergessen! Mich selbst nicht vergessen. Ich wünsche Ihnen einen frohen, einen leuchtenden Advent! Amen.

Als Wissende wurden sie bezeichnet. Viel hatten sie sich angeeignet. Sie hatten gelernt und geforscht, gelesen und nachgedacht. Ihr Wissensdurst war unerschöpflich. Doch dann ein Rätsel. Konnte es möglich sein? Sie schauten in den Himmel, es war ganz deutlich. Gestern war er noch nicht da und heute überstrahlte er alles. Ein neuer Stern! - Sie mögen Freunde/Kollegen gehabt haben, ebenso wissbegierig, ebenso gelehrt. Doch diese blieben in ihrem Hamsterrad der alltäglichen Gewissheiten. Sie nicht! Sie, die drei Weisen aus dem Morgenland. Packten ihre Sachen und machten sich auf den Weg. Folgten dem Stern. Wussten nicht, wohin der Weg sie führen würde, wann sie ankommen würden oder ob überhaupt.  Es drängte sie, dem Geheimnis hoch am Himmel auf die Spur zu kommen. Nichts konnte sie auf ihrem Weg aufhalten.

Liebe Brüder und Schwestern! Die drei Weisen, die nichts weiter hatten als den Stern am Himmel und eine alte Prophezeiung, erreichten ihr Ziel. Ohne Sicherheitsnetz, ohne einen Beweis, dass ihr Vorhaben auch Erfolg haben würde, gingen sie dem Geheimnis nach. Sie erreichten ihr Ziel, sie fanden das Kind, doch war damit alles klar? Was für ein geheimnisvolles, unerklärliches Geschehen! Gott wird Mensch. Gott kommt zu uns - als Kind - in einem Stall, bedürftig und gleichzeitig mit aller Macht versehen. Alles das ist auch für uns noch ein Geheimnis. Wer könnte das mit seinem Verstand erfassen? Und wie können wir davon erzählen?

Paulus schreibt dazu an die Gemeinde in Korinth (Kapitel 2, die Verse 1-10):

1Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. 2Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten. 3Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; 4und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, 5auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. 6Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. 7Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, 8die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 9Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« 10Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.

Wissen oder Glauben, liebe Schwestern und Brüder? Neben dem Geheimnis, was verborgen und doch offenbart ist, bringt Paulus ein weiteres Thema zur Sprache: die Weisheit, Menschenweisheit. Andere Worte für diesen Begriff wären: Bildung, Wissen, Gelehrtheit, aber auch Erfahrung und Erkenntnis. Ich denke, die meisten unter uns sind stolz und froh, eine Schulbildung erhalten zu haben. Dazu meist eine Ausbildung, vielleicht konnten Sie auch studieren. Für mich jedenfalls ist Bildung ein wichtiges Thema. Ursprünglich bin ich Naturwissenschaftlerin, geübt in Logik, Zahlen, Struktur, Beweisen und Nachweisen. Dieses Denken prägt bis heute meine Wahrnehmung der Welt. 

Für Paulus hat im Glauben alles Wissen der Welt keine Bedeutung. Auch nicht das Super-Spezialwissen, das die Herrscher der Welt vorgeben zu haben. All diese Herrscher werden früher oder später verschwinden. Ob wir sie mögen oder nicht, gewählt oder verflucht haben: Die Obamas, die Trumps, sogar Helmut Kohl, der ewige Kanzler meiner Kindheit und eine Angela Merkel: Sie vergehen, und mit ihnen ihre Erfahrung. Herrscher vergehen, das Wissen der Welt vergeht. Was ist mein Wissen über Schule oder über die Berufswelt noch wert angesichts der rauschenden Veränderungen, in der unsere Kinder bestehen müssen. Paulus findet, man sollte sich nicht zu viel auf sein Wissen einbilden. Allein Jesus Christus ist es, woran er sich festhält. Jesus Christus, der Gekreuzigte. Treu bis in den Tod hinein und darüber hinaus. 

Wer kann das verstehen? Ein Gelehrter oder vielleicht eher - ein Kind? Mir kommt da Mattes in den Sinn. Mattes, ein Freund meines Sohnes, saß als Fünfjähriger bei uns am Frühstückstisch. Ostern stand kurz bevor und Mattes hatte eine Erkenntnis, die er uns Cornflakes kauend und so ganz im Nebenbei mitteilte: O-Ton Mattes: Wisst ihr was: Sie haben ihn umgebracht. Und jedes Jahr steht er wieder auf!  - Hmh. Okay?! Meine Einwände angesichts dieser Kindertheologie habe ich runtergeschluckt. Jedes Jahr, na ja, das kann man so nicht sagen. Das musst du so verstehen:… Nein, lieber nichts sagen. Und staunen. In einem Satz zusammengefasst: Passion und Auferstehung. Sie haben ihn umgebracht. Keine hohen Worte. Und jedes Jahr steht er wieder auf! Keine große Rhetorik. Diese Vorstellung erschien Mattes gewaltig und gleichzeitig war es für ihn beruhigend.

Schwach und unwissend wie ein Kind stellt sich Paulus da. Ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern. Dabei war er ein hochgebildeter, vielsprachiger, weitgereister Mann. Ebenso wie die Weisen hatte er sich aufgemacht, das Geheimnis zu ergründen und davon in aller Welt zu berichten. Bildung hat er nicht grundsätzlich verachtet. Es war wohl die Erkenntnis, klein zu sein angesichts der Größe seiner Aufgabe. Demütig fühlte er sich angesichts der Bedeutung und des Inhaltes der Botschaft. Nie würde er alles verstehen können. Nie würde er alles so rüberbringen können, dass ihn die Welt verstünde. Gutes Aussehen, kluge Worte und geschliffene Rhetorik: Das war es nicht, was er mitzubringen hatte. Er kam mit einen gewichtigen, starken Inhalt. 

In einer Welt, in der eine gelungene Selbstdarstellung so viel bedeutet, ist das auch heute eine Besonderheit. Klar, die Stars und Sternlein werden überwiegend für ihre Optik bezahlt. Für das perfekte Outfit und den flotten Spruch. Aber auch in anderen Bezügen ist eine gefällige Oberfläche und Rhetorik gefragt. Nicht zuletzt in der Ausbildung von Pastoren und Prädikantinnen. Liturgische Präsenz nennt man das. Ja, auch ich mag das. Ein sympathisches Äußere ist mir angenehm, die gesetzte Rede gut zu hören. Aber was ist mit dem Inhalt, dem Gehalt der Aussagen? Früher oder später werden wir doch am Inhalt unserer Aussagen gemessen. Ich finde, es ist ein gutes Zeichen für unsere Gesellschaft, wenn sich bei uns immer wieder leitende Politikerinnen oder prominente Wissenschaftler dem Druck der perfekten Selbstdarstellung entziehen. Sie erscheinen mit den ewig gleichen Klamotten oder einer unmöglichen Frisur vor der Kamera, und erklären in eintönigem, unaufgeregtem Tonfall ihre Position. Meist sind das die gleichen Personen, die auch erkennen, wo ihre Grenzen sind und die gehen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. 

Wer Inhalte vertritt, wer wirklich etwas weiß und Gewichtiges zu sagen hat, der kennt auch die Grenzen seines Wissens. Des Wissens überhaupt. Der erkennt auch, dass man irgendwann mehr braucht als Menschenweisheit. Nämlich: Vertrauen, Hoffnung, Glaube, Liebe, auch Vergebung. Denn das passiert auch immer wieder. Man stößt mit all seiner Weisheit und Lebenserfahrung an seine Grenzen. Ich bin mit meinem Latein am Ende. Da gibt es keine Daten und Fakten mehr, die mir weiterhelfen und keine Prognose, die verlässlich ist. Meine Jahresplanung und vielleicht sogar meine Lebensplanung sind hinfällig. An so einem Punkt im Leben kommen die meisten irgendwann. Es ist dann wunderbar zu erfahren, dass hier nicht Schluss ist. Sondern, dass das, was Gott uns zugesprochen hat, weiterhin gilt. 

Ich bin bei dir alle Tage bis ans Ende der Welt. 

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.

Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.

Sei getrost, deine Sünden sind vergeben.

Ich muss gar nicht alles wissen und auch gar nicht so tun, als ob ich etwas wüsste. Fehler unterlaufen mir immer wieder. Das gehört zu mir und darf so sein. Und trotz allem und gerade deswegen erfahre ich Liebe und Zuwendung. Und bin selbst in der Lage, Zuwendung zu geben. Ich erkenne, dass Gottes Liebe ein wunderbares Geheimnis ist, das mir nicht völlig verborgen ist, sondern sich zeigt. Ganz vorsichtig lüftet sich der Vorhang, hin und wieder. Paulus erklärt uns am Ende seines Briefes noch einmal dieses Geschehen:

12Jetzt sehen wir alles nur wie in einem Spiegel und wie in rätselhaften Bildern. Wenn ich jetzt etwas erkenne, erkenne ich immer nur Bruchstücke, einen Teil des Ganzen. Aber eines Tages werden wir ´Gott` von Angesicht zu Angesicht sehen; dann aber werden wir alles so erkennen, wie Gott uns jetzt schon kennt.

Bruchstücke kannten auch nur die drei Weisen aus dem Morgenland. Weise Männer waren sie, denn sie waren sich ihrer Unwissenheit bewusst. Sie hatten nichts weiter als einen Stern und eine alte Verheißung. Sie vertrauten den alten Worten und gingen voran. Tatsächlich wissen wir schon mehr als die Weisen damals. Wir wissen wie die Geschichte weitergeht mit Jesus. Vieles bleibt uns weiterhin verborgen. In vielem bleiben wir unwissend und schwach. Das muss uns nicht sorgen. Denn die allumfassende Erkenntnis ist da, wo sie hingehört. Geborgen bei Gott, im Geheimnis des Glaubens. Amen.